In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Freitag, 27. Februar 2015

Come, quando, perché? (Wo, wann, mit wem?) 1969 Antonio Pietrangeli, Valerio Zurlini

Inhalt: Als Ehefrau von Marco (Philippe Leroy), Spross einer alteingesessenen Adelsfamilie, hat Paola (Danièle Gaubert) eine Vielzahl repräsentativer Aufgaben, besonders wenn zu großen Feiern unter den Augen ihrer strengen Schwiegermutter (Elsa Albani) Familienangehörige und Würdeträger zusammenkommen. Für die schöne junge Frau eine selbstverständliche Rolle, die sie sehr zur Zufriedenheit ihres Ehemanns ausfüllt - einzig der Nachwuchs steht noch aus.

Auch Alberto (Horst Buchholz), ein langjähriger Freund ihres Mannes, der aus geschäftlichen Gründen für kurze Zeit in Italien weilt, nimmt sie sich auf einer solchen Feier an, da er sonst Niemanden kennt. Als Paola ihm eine junge Frau zur Seite stellen will, lässt Alberto sie charmant wissen, dass sie ihm die liebste Begleitung wäre. In den folgenden Tagen trifft sie sich mehrfach mit ihm in der Stadt, da ihr Mann nur wenig Zeit für ihn hat - sehr zu Albertos Gefallen, der aus seinen entstehenden Gefühlen für die Frau seines Freundes immer weniger ein Geheimnis macht...


"Wie, wann, warum?"

Scheinbar handelt es sich nur um eine Marginalie, dass Antonio Pietrangelis Filmtitel "Come, quando, perché" nicht nur für den deutschen Verleih in "Wo, wann, mit wem?" verändert wurde. Doch damit bestätigten die Verfasser die Vorurteile und Erwartungshaltung des Publikums an einen Film, der sich dem damals so aktuellen, wie anrüchigen Thema des Ehebetrugs widmete. Besonders die Frage nach dem "mit wem?" unterstellte der Protagonistin, nach Belieben zwischen ihren Sexualpartnern wählen zu wollen – und das „wo“ und „wann“ sollte nur die Umstände für den geplanten Seitensprung klären. Eine verfälschende Aussage, die die vorherrschende Meinung über untreue Ehefrauen aber bestätigte. Und Pietrangelis Intention, sich den wiederstreitenden Emotionen zwischen Erziehung, Konvention und zunehmender Liberalisierung differenziert und vorurteilslos zu nähern, von vornherein unterlief.

Der Roman "Amour terre inconnue" (Liebe, unbekanntes Terrain) von Martin Maurice diente als Vorlage für das von Pietrangeli und Tullio Pinelli verfasste Drehbuch und führte tief in die Ursachensuche des Regisseurs. Obwohl bereits 1928 erschienen, baute Pietrangeli seine aktuelle, Ende der 60er Jahre spielende Story auf dessen Basis einer sozial noch stark reglementierten Gesellschaft auf. Die Handlung des Films beginnt entsprechend mit einer etwa drei Jahrzehnte zurückliegenden Vorgeschichte, die von den ersten amourösen Erlebnissen des heranwachsenden Marco erzählt. Nachdem ihn seine liebevoll autoritäre Mutter (Elsa Albani), mit der er bei Verwandten weilt, zu Bett schickte, kommt das dort lebende, etwas ältere schöne Mädchen heimlich zu ihm aufs Zimmer – eine klassische Konstellation, die viel über die inneren moralischen Regeln nicht nur der Oberschicht in Italien aussagt. Wie dem von Burt Lancaster gespielten Fürsten in Viscontis „Il gattopardo“ (Der Leopard, 1962) stand es den Männern zu, heimliche Liebschaften zu pflegen, solange nach außen die moralische Integrität gewahrt blieb. Entscheidend dafür war die Rolle der Ehefrau, die als Mutter und Hüterin der Familie vorbildlich auftrat – die jeweiligen Geliebten wären dafür nicht in Frage gekommen.

Von diesen archaischen Mustern ist in „Come, quando, perchè?“ nur noch wenig zu spüren. Alles atmet die Moderne der späten 60er Jahre. Zwar wohnt Marco (Philippe Leroy) mit seiner Frau Paola (Danièle Gaubert) in einem schlossartigen Gebäude, aber er lebt das Leben eines modernen Geschäftsmanns in der Großstadt. Paola wirkt gleichberechtigt in der Ehe. Sie nimmt die repräsentativen Pflichten an der Seite ihres Mannes selbstverständlich wahr und geht auch keiner regelmäßigen Arbeit nach, aber darüber hinaus bestimmt sie selbst über ihre Tage, geht zu Vernissagen oder trifft sich mit Freundinnen. Doch dieser äußerliche Eindruck täuscht, denn an den inneren Regeln hat sich nur wenig verändert. Während sich Marco eine Geliebte hält, der er nicht nur die Wohnung finanziert, steht Paolas Rolle als zukünftige Mutter schon fest.

Wie bei Antonio Pietrangeli gewohnt, ist es die Frau, die im Mittelpunkt seines Films steht. Und doch betrat er Neuland in „Come, quando, perchè?“. Erstmals arbeitete er nicht mit Ruggero Maccari und Ettore Scola zusammen, die bis zu seinem letzten Langfilm „Io la conoscevo bene“ (Ich habe sie gut gekannt, 1965) gemeinsam mit ihm jeweils die Drehbücher zu seinen Filmen verfasst hatten, sondern mit Tullio Pinelli, Federico Fellinis bevorzugtem Autor (zuletzt „Giulia degli spiriti“ (Julia und die Geister, 1965)). Schon Pietrangelis Kurzfilm „Fata Marta“, der als vierte Episode in „Le fate“ (Die Gespielinnen) 1966 erschienen war, entstand ohne ihre Mitarbeit, aber Ruggero Maccari war als Drehbuchautor noch an einer der anderen Episoden beteiligt. Trotzdem wies „Fata Marta“ schon auf den entscheidenden Unterschied zu Pietrangelis bisherigem Werk hin. Stammten die jungen Frauen, denen sein besonderes Interesse galt, zuvor aus den unteren Gesellschaftsschichten, war er mit seiner Episode zu „Le fate“ in die High Society gewechselt. Materielle Sorgen oder soziale Ausgrenzung – Themen, die in Pietrangelis Filmen trotz ihres hohen Unterhaltungswerts immer mitschwangen – spielten in „Come, quando, perchè?“ scheinbar keine Rolle mehr.

Darin erinnert sein Film an Michelangelo Antonio, der seine Trilogie „L’avventura“ (Die mit der Liebe spielen, 1960), „La notte“ (Die Nacht, 1961) und „L’eclisse“ (Liebe 1962, 1962) über die sich nach dem Krieg verändernde Sozialisation in Italien von alltäglichen Einflüssen entschlackte, um seine Intentionen klarer herausarbeiten zu können. Auch Pietrangelis Protagonistin Paola verfügt immer über genügend Geld, hat ein eigenes Auto und kann ihre Zeit selbst gestalten. Ob sie länger am mondänen Badeort auf Sardinien bleibt oder früher ein Flugzeug zurücknimmt, obliegt allein ihrer Entscheidung. Die gleichen Voraussetzungen gelten auch für Alberto, der sich alle Freiheiten nehmen kann, um um die begehrte Frau zu werben, auch wenn er dafür seine geschäftlichen Planungen vollständig ändern muss. Anstatt wieder kurzfristig in die USA zurückzukehren, mietet er in Italien eine Wohnung an.

Diese idealisierte Situation war notwendig, um die verborgenen Emotionen Paolas langsam nach außen kehren zu können, wie die nur vordergründig absurde Schlüssel-Szene des Films offenbart: Paola begibt sich allein in ein Kino, wo sie von einem gepflegt gekleideten jungen Mann sexuell belästigt wird. Er lässt sich von ihrer heftigen Gegenwehr nicht abbringen und folgt ihr noch, als sie den Kinosaal fluchtartig verlässt. In dieser Szene ist auf der Kinoleinwand ein kurzer Ausschnitt aus „Fata Elena“, dem dritten unter der Regie Mauro Bologninis entstandenen Teil des Episodenfilms „Le Fate“, zu sehen, der den ehelichen Seitensprung überspitzt als selbstverständlichen Bestandteil einer zeitgemäßen Lebensführung wohlhabender Kreise beschreibt. Ein ironischer Kommentar zu Paolas unterdrückten Gefühlen, die der junge Mann ebenso spürt wie die Urlaubsbekanntschaft (Colette Descombes) auf Sardinien, deren Begeisterung für Paola eindeutige sexuelle Züge annimmt – nur dass es die Angebetete selbst nicht wahrhaben will.

Einzig Alberto gelingt es, zu ihr vorzudringen, aber dafür muss er sich vollständig auf ihre Ebene einlassen. Während der junge Mann im Kino und die junge Frau auf Sardinien wie Boten einer neuen Zeit wirken, verkörperte Horst Buchholz eine adäquate Alternative zu dem nicht weniger souverän als Ehemann auftretenden Philippe Leroy – gutaussehend, weltgewandt, gemäßigt konservativ und wohlhabend. Allein die Zeit, die sich Pietrangeli nahm, um Albertos Annäherung an Paola zu schildern, ihr dabei zuzusehen, wie sie trotz ihrer entstehenden Gefühle nur langsam ihre anerzogenen Konventionen aufgibt, lässt das „mit wem?“ im deutschen Filmtitel nur als Fehlgriff begreifen.

„Come, quando, perchè?“ ist kein Plädoyer für den Seitensprung, wie es auch der katholische Filmdienst damals missverstand, sondern Pietrangeli versuchte wie in allen seinen Filmen, die Komplexität unter einer Eindeutigkeit vorgebenden Oberfläche offenzulegen. Die sozialen Veränderungen nach dem Krieg brachen zwar mit alten Mustern, aber lösten damit nicht automatisch deren Probleme. Paola gerät unmittelbar in den Konflikt zwischen Moderne und Konvention, ohne sich entscheiden zu können. Alberto hat trotz der Liebes-Affäre nie wirklich eine Chance, denn er ist ihrem Mann zu ähnlich. Doch auch ihrem bisherigen Leben treu zu bleiben, kann nicht über ihre unterdrückten Gefühle hinwegtäuschen.

Regisseur Valerio Zurlini vollendete Pietrangelis letzten Film, der zuvor bei einem Unfall verstarb, änderte aber nichts an dessen letztlicher Aussage – die Fragen nach dem „wie“, „wann“ und „warum?“ blieben offen. Leider hatte Antonio Pietrangeli keine Gelegenheit mehr, weiter nach Antworten zu suchen.

"Come, quando, perché?" Italien, Frankreich 1969, Regie: Antonio Pietrangeli, Valerio Zurlini, Drehbuch: Antonio Pietrangeli, Tullio Pinelli, Martin Maurice (Roman), Darsteller : Danièle Gaubert, Philippe Leroy, Horst Buchholz, Lilli Lembo, Elsa Albani, Colette Descombes, Laufzeit : 102 Minuten

- weitere im Blog besprochene Filme von Antonio Pietrangeli :

"Porträt Antonio Pietrangeli" 

"Il sole negli occhi" (1953)
"Amori di mezzo secolo" (1954)
"Adua e le compagne" (1960) 
"La parmigiana" (1963) 
"La visita" (1963)
"Io la conoscevo bene" (1965)
"Le fate" (1966)

Lief in der deutschen Kinofassung am dritten Tag des 14. Hofbauer-Kongress' vom 02. bis 06.01.2015 in Nürnberg - eine äußerst seltene Gelegenheit.

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.