Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Mittwoch, 17. Februar 2010

L'ultima donna (Die letzte Frau) 1976 Marco Ferreri

Inhalt: Der Ingenieur Gerard (Gerard Depardieu) ist sauer, als er erfährt, dass seine Firma für einen Monat den Betrieb einstellt und um Kosten zu sparen, seine Angestellten in den Zwangsurlaub schickt. Doch seine Laune verbessert sich, als er im Kindergarten der Firma Valerie (Ornella Muti) kennenlernt, die gerade seinen kleinen Sohn tröstet, den er als alleinerziehender Vater abholen wollte. Spontan finden sie sich anziehend und er fragt die Kindergärtnerin, ob er sie nicht auf seinem Motorrad mitnehmen könnte. Als sie zusammen an Valeries Freund Michel (Michel Piccoli) vorbei fahren, der auf Valerie wartete, um mit ihr in Urlaub zu fahren, entscheidet sie spontan, bei Gerard zu bleiben. 

Nachdem sie sich zusammen in seiner Wohnung um den kleinen Sohn gekümmert haben, haben sie das erste Mal Sex miteinander. Doch die Phase des Kennenlernens hat gerade erst begonnen...


Marco Ferreris "Die letzte Frau" scheint einer weit entfernten Zeit entsprungen, so sehr ist dieser sogenannte "Skandalfilm" in Vergessenheit geraten. Anders als Ferreris drei Jahre zuvor enstandener Film "Das grosse Fressen" fehlt ihm nicht nur die abstrakte Erhöhung der Geschichte von den vier Männern, die sich freiwillig zu Tode fressen, sondern stellt in seiner Reduktion auf das Alltagsleben zweier Menschen in einer typischen Satellitenstadt am Rande von Paris, das formale Gegenteil zu dessen optischer Völlerei dar.

Die Story ist deshalb schnell erzählt - Gerard (Gerard Depardieu) bekommt einen Monat Zwangsurlaub verpasst, weil seine Firma für diesen Zeitraum stillsteht. Dieses Detail ist von Bedeutung, denn anders als bei einer Arbeitslosigkeit, die auch immer von der Suche nach einer neuen Aufgabe geprägt ist, fällt der Ingenieur, der sich zu Hause allein um seinen Sohn kümmert, in ein Vakuum des Abwartens. So gesehen ist es ein glücklicher Zufall, dass er Valerie (Ornella Muti) an dem Tag kennenlernt, als er das letzte Mal seinen Jungen vom firmeneigenen Kindergarten abholt. Unmittelbar spüren sie eine gegenseitige Anziehungkraft und anstatt mit ihrem Freund Michel (Michel Piccoli) in den Urlaub zu fahren, entschliesst sich die junge Kindergärtnerin, spontan mit Gerard mitzukommen.


Alles was in den folgenden 100 Minuten geschieht ist von völliger Normalität - der erste Sex, die langsame Annäherung, die Zweifel über die eigenen Gefühle, Auseinandersetzungen mit Ex- oder noch vorhandenen Partnern, Streit und unerfüllte Erwartungshaltungen, Unsicherheit über die eigene Zukunft und die vielen kleinen Komponenten, die 
Partnerschaften in ihrer Entstehungszeit auszuhalten haben. Durch die fehlende Ablenkung mit Arbeit durchlaufen Valerie und Gerard diesen Prozess mit atemberaubender Geschwindigkeit, stehen in einem Moment kurz vor ihrer Trennung, um im nächsten Augenblick Glück und Vertrauen zu empfinden. Durch die Anwesenheit des knapp einjährigen Kindes, die zwar moderne und saubere, aber wenig Ablenkung bietende Umgebung und den Handlungszeitraum im kühlen Oktober, erreicht Ferreri den generalistischen Ansatz einer Realität, der sich das Paar nicht durch Alltagsflucht entziehen kann.

Es ist vor allem Gerard Derpardieu, aber auch der in ihrer zurückhaltenden Art überzeugenden Ornella Muti zu verdanken, dass diese Abläufe jeden Moment ihre Faszination beibehalten, die auf exemplarische Weise den Versuch einer Frau und eines Mannes darstellen, miteinander zurecht kommen zu wollen. Um so mehr stellt sich die Frage, warum sich dieser Film genau den gegenteiligen Ruf zu seinem realistischen Ansatz erworben hat - radikal, tabubrechend und schockierend zu sein.


In diesem Zusammenhang wird oft auch Gerard Depardieus Darstellung eines egoistischen, nur auf seinen Penis bezogenen Mannes betont, dem die Sensibilität gegenüber seiner Partnerin fehlt - eine in jeder Hinsicht falsche Interpretation. Im Gegenteil spürt man, neben seinen männlich geprägten Verhaltensmustern, auch immer seinen Wunsch nach Liebe und Vertrauen und seine Verzweiflung darüber, sich selbst dabei im Wege zu stehen. Seine letztliche Konsequenz ist deshalb viel weniger schockierend, als aus seinem Empfinden heraus folgerichtig. Ebenso ist die sehr schöne Valerie in ihrer jugendlichen Art nicht nur etwas naiv und leichtfertig, sondern sich ihrer Freiheit auch sehr bewusst. Dazu lebt sie ihre Gefühle offen aus. Mal sehr sanftmütig, liebevoll und auch aus Mitleid handelnd, ein anderes Mal überraschend in ihrer Aggressivität - ihr plötzlicher Schlag mit dem Hammer auf seine Schulter ist weniger vorauszusehen, als seine oft sehr typischen Verhaltensmuster.

Dem Film Misogynie vorzuwerfen ist genauso gerechtfertigt, wie darin die Degradierung des männlichen Geschlechts auf seine primitivsten Verhaltensmuster zu erkennen. Ferreri beschreibt damit nur den Alltag zwischen Mann und Frau, ihre jeweilige Meinung über den Anderen und ihren gegenseitigen Versuch, Macht über den anderen zu erlangen. Trotz dieser Komplexität bleibt der männliche Standpunkt offensichtlich, aus dem der Film heraus gedreht wurde, weshalb Depardieus Darstellung eines äußerlich sich selbstbewusst gebenden, aber zutiefst verunsicherten Mannes, eindeutig im Mittelpunkt der Handlung steht. Ferreri reagiert damit unmittelbar auf die Emanzipationsbewegung, die die Rolle zwischen Mann und Frau in den 60er Jahren neu definierte, was Mitte der 70er Jahre immer mehr auch das Verhalten der bürgerlichen Schichten prägte.

Man könnte "L'ultima donna" als Kritik an diesen Veränderungen verstehen, aber darum geht es Ferreri nicht, denn er nimmt sie nur zum Anlass, zu zeigen, dass diese Äußerlichkeiten an der eigentlichen Problematik nichts ändern können. Sehr detailliert geht der Film auf das Empfinden der eigenen Vergangenheit, Zugehörigkeit zu anderen Menschen und der eigenen Familie, Wunsch nach Nähe und Sexualität ein, als das man diese unterschiedlichen Gefühle einfach mit gesellschaftlichen Veränderungen vereinbaren und die Probleme daraus lösen könnte. Gerard und Valerie sind zuerst einmal Individuen, die sowohl passiv als auch aktiv auf ihre Umgebung reagieren. Und Gerards Kampf gilt vor allem der Kontrolle über seine eigenen Empfindungen - ein hoffnungsloses Unterfangen.

Die eigentliche Radikalität des Films liegt in seiner bedingungslosen Reduktion auf die Realität, was leider den Blick auf die tatsächlichen Intentionen für viele Betrachter bis heute verstellt. Depardieus ständige Nacktheit entspringt einzig der Tatsache, dass der Film größtenteils in seiner Wohnung spielt. Der Unbefangenheit, mir der er entweder mit einem Handtuch umwickelt oder gleich nackt herumläuft, fehlt jede Obszönität, genauso wie den wenigen Sexszenen jegliche Stilisierung abgeht. Angesichts des normalen Körperbaus Depardieus und Mutis, niemals voyeuristische Blicke herausfordernde, natürlicher Nacktheit, fragt man sich, warum dem Film noch dieser provokative Ruf anhaftet. Selbst die Szenen mit Depardieus eregiertem Penis bleiben immer im Zusammenhang nachvollziehbar und vermitteln erst die Authentiziät seiner Gefühle, an denen er genauso Freude hat, wie er darunter leidet.

Angesichts moderner Filme, in denen jede Frau auch in Alltagsklamotten Erotik ausstrahlen muss, Männer immer einen wohltrainierten Körper zur Schau stellen und Geschlechtsakte - unter Vermeidung der noralgischen Stellen - als perfekt ausgeleuchtetes Spektakel inszeniert
werden, sei die Bemerkung erlaubt, worin die eigentliche Obszenität liegt, abgesehen davon, dass diese Stilisierung den Blick darauf verstellt, welche Nähe gerade in der Unterschiedlichkeit zwischen Mann und Frau entstehen kann. Ferreris Film einfach auf die Unvereinbarkeit der Geschlechter zu reduzieren, greift deshalb ebenso zu kurz, denn gleichzeitig betont er die gegenseitige Anziehungskraft und schildert Momente des Glücks. "Die letzte Frau" versteht sich deshalb vor allem als Zustandsbeschreibung, Antworten will sie nicht geben.

Der Schock des radikalen Endes liegt deshalb nicht in der überraschenden Konsequenz, die sich im Gegenteil schon angedeutet hatte, sondern in der Stille, aus der es heraus entsteht. Nicht die laute Katastrophe, sondern nur Verzweiflung und Sprachlosigkeit prägen den letzten Eindruck.




"L'ultima donna" Italien, Frankreich 1976, Regie: Marco Ferreri, Drehbuch: Marco Ferreri, Rafael Ascona, Darsteller: Gerard Depardieu, Ornella Muti, Michel Piccoli, Renato Salvatori, Giuliana Calandra, Laufzeit: 103 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Marco Ferreri:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.