In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Freitag, 21. Februar 2014

Nove ospiti per un delitto (Neun Gäste für den Tod) 1977 Ferdinando Baldi

Inhalt: Mehrere bewaffnete Männer steigen aus einem Fahrzeug und nähern sich einem Paar, das sich am Strand liebt. Der Liebhaber der jungen Frau versucht zu fliehen, wird aber gnadenlos von Hinten angeschossen und bleibt blutend im Sand liegen. Die Männer heben eine Grube aus und schmeißen den Schwerverletzten hinein, um ihn lebend zu begraben.

Einige Jahre später befindet sich der reiche Geschäftsmann Ubaldo (Arthur Kennedy) auf dem Weg zu seiner Insel, um dort mit seiner Familie einen erholsamen Urlaub zu verbringen. Neben seiner erst kürzlich geheirateten deutlich jüngeren Frau Giulia (Caroline Laurence) begleiten ihn seine zwei Söhne Michele (Massimo Foschi) und Lorenzo (John Richardson) sowie seine Tochter Patrizia (Loretta Persichetti) mit ihren Ehepartnern. Schon auf der Yacht lassen sich die gegenseitigen Animositäten nicht übersehen, die besonders zwischen den Brüdern und ihrem Schwager Walter (Vanantino Vanantini) auftreten. Lorenzo gilt bei den anderen Männern als Schlappschwanz, da er sich nicht dagegen wehrt, dass ihn seine Frau Greta (Rita Silva) mit Walter betrügt. Und Patrizia, die dem Treiben ihres Mannes ebenfalls scheinbar wehrlos gegenüber steht, wird auch von den anderen Frauen als hysterisch und überspannt angesehen. Nur mit sich selbst beschäftigt, fallen ihnen die ersten Todesfälle zuerst nicht auf…


Der ältere, reiche Geschäftsmann Ubaldo (Arthur Kennedy) lädt seine nächsten Anverwandten zu einem sommerlichen Aufenthalt im gut ausgestatteten Ferienhaus auf der familieneigenen Insel ein. Mit an Bord des Segelschiffs befinden sich seine zwei Söhne Michele (Massimo Foschi) und Lorenzo (John Richardson) sowie seine Tochter Patrizia (Loretta Persichetti) nebst Anhang. Auch Ubaldos viel jüngere Ehefrau Giulia (Caroline Laurence) und die allein stehende Tante Elisabetta (Dana Ghia) begleiten sie. Doch wie der Filmtitel "Nove ospiti per un delitto" (Neun Gäste für den Tod) schon verrät, erwartet sie kein vergnüglicher Aufenthalt, sondern ein Verbrechen, zu dem sie als Gäste beitragen sollen. In einer zwei Jahrzehnte zurückliegenden Eingangssequenz wird der Anlass dafür geliefert - brutal erschießen mehrere Männer den Liebhaber einer jungen Frau und verscharren den noch Lebenden im Sand.

Als Regisseur Fernando Baldi den Film 1977 in die Kinos brachte, hatte der Giallo seinen Zenit schon überschritten, aber "Nove ospiti per un delitto" sollte kein klassischer Genre-Vertreter werden, sondern wirkt im Zusammenspiel aus Agatha Christies "Zehn kleine Negerlein"-Thematik, grafischen, aber nicht übertrieben brutal inszenierten Morden, erotischen Aufnahmen schöner Frauen und den ausschließlich egoistischen und selbstverliebten Protagonisten wie ein Kommentar auf zwei Jahrzehnte italienisches Genre-Kino, an dem Baldi und sein Drehbuchautor Fabio Pittorru intensiv mitgewirkt hatten. Während Fernando Baldi Sandalen-Filme ("Orazi e Curiazi" (Die verlorene Legion, 1961)) und später eine Vielzahl an Italo-Western ("Texas, addio" (Django, der Rächer, 1966)) drehte, war Pitturro mehr im Polizieschi ("La polizia accusa: il servizio segreto uccide" (Der lautlose Killer, 1975)), im Erotik - ("Una ondata di piacere", 1975) und politischen Film ("Mussolini: ultimo atto" (Mussolini - Die letzten Tage, 1974)) involviert  - eine Mischung, die sich in "Nove ospiti per un delitto" wiederentdecken lässt.

Die gnadenlose Hinrichtung zu Beginn erinnert an einen Lynch-Mord im Western – eine gemeinschaftliche, ohne Eile durchgeführte Aktion von Tätern, die sich im Recht glauben und vor der Justiz geschützt wissen. Die Kamera fängt deren Gesichter nicht ein, aber der Film lässt keinen Zweifel an der Identität der Mörder und der zurückgelassenen Geliebten, bei der es sich um die inzwischen als wunderlich geltende Tante Elisabetta handelt. Mit dem klassischen Szenario einer Jahrzehnte zurückliegenden, verschwiegenen Tat, deren Folgen eruptiv an die Oberfläche gelangen, hat diese Ausgangssituation nichts gemeinsam. Weder werden die Täter von schlechtem Gewissen, noch von unterdrückten Schuldgefühlen geplagt – im Gegenteil erweisen sie sich als genau die rücksichtslosen, egoistischen Zeitgenossen, denen ein solcher Mord zur Wahrung der Familieninteressen zuzutrauen ist. Autor Pitturro nutzte diese Konstellation zu der genüsslich ausgearbeiteten Charakterisierung einer dekadenten, nur mit sich selbst beschäftigten Ansammlung reicher Schnösel mittleren Alters, ohne deshalb - wie in seinen früheren Filmen - den gesellschaftskritischen Aspekt zu betonen. Viel mehr diente deren Verhalten im ersten Drittel des Films für Testosteron geschwängerte Auseinandersetzungen und sexuelle Wechselspielchen, die genügend Gelegenheiten boten, schöne Frauen erotisch ins Bild zu rücken und den Hass der Protagonisten untereinander anzufachen.

Michele treibt es mit der Frau seines Vaters, Lorenzos Frau Greta (Rita Silva) wiederum mit ihrem Schwager Walter (Vanantino Vanantini), wodurch sich mögliche Mordmotive leicht erahnen lassen, als die ersten Leichen auftauchen. Für die Protagonisten erscheint es zuerst, als ob es sich bei den Todesfällen um Unfälle handelt, aber der Betrachter weiß es besser, nachdem kurz nach der Ankunft auf der Insel die Crew des Segelschiffs von einem Taucher massakriert wird und damit ein leichtes Entkommen von der Insel unmöglich gemacht wurde. Baldi und Pittorro entwickelten aus dieser vertrauten Situation keine neuen Ideen, aber sie reduzierten die Anlage auf ihre wesentlichen Elemente und kamen schnell zur Sache. Nach der kurzen Eingangssequenz und der Einführung der Charaktere werden die klassischen Stufen durchlaufen: nachdem sich die Unfalltheorie als falsch herausstellte beginnt die Phase der Panik und gegenseitigen Verdächtigungen, zwischendurch werden okkulte Kräfte bedient im Glauben an die Wiederauferstehung des Ermordeten bis es zum Showdown der wenigen Übriggebliebenen kommt, unter denen sich der Täter befinden muss.

Die Stärken des Films sind gleichzeitig seine Schwächen. Das „Giallo“ – Genre erlebte seinen Höhepunkt in den frühen 70er Jahren und verstand sich in seiner Mischung aus Sex und Tod innerhalb einer zunehmend hedonistischeren Gesellschaft als Provokation auf die vorherrschende bürgerliche Moral. Anhänger und Kenner des Genres werden sich in „Nove ospiti per un delitto“ an den durchgehend sinistren Charakteren, den erotischen Aufnahmen und abwechslungsreichen Morden bis zum abschließenden Höhepunkt zwar erfreuen, aber das lässt nicht übersehen, dass es sich um eine Stilübung zweier erfahrener Filmemacher handelte, die zu oberflächlich blieb, um Ende der 70er Jahre noch Tabus zu brechen.

"Nove ospiti per un delitto" Italien 1977, Regie: Ferdinando Baldi, Drehbuch: Fabio PittorruDarsteller : Arthur Kennedy, Massimo Foschi, Caroline Laurence, John Richardson, Rita Silva, Laufzeit : 88 Minuten

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.