Fumetti per adulti - Bruno Corbuccis semi-komischer Beitrag zur "Commedia sexy"

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Donnerstag, 5. Dezember 2013

Il mercenario (Mercenario - Der Gefürchtete) 1968 Sergio Corbucci

Inhalt: Paco (Tony Musante) erhält wie die anderen mexikanischen Minenarbeiter nur ein paar Bohnen zum Essen, während es sich die Gesellschaft des Großgrundbesitzers Alfonso Garcia (Eduardo Fajardo) nebenan gut gehen lässt. Ihm gelingt es, einem der Aufpasser die Waffe zu entwenden und sie können die Festivitäten stören, aber Garcia lässt sich diese Auflehnung nicht lange gefallen und kann ihn wieder überwältigen – in letzter Sekunde entkommt Paco mit Hilfe zweier Kameraden der tödlichen Folter.

Gleichzeitig erhält der Söldner Sergei Kowalski, genannt „Der Pole“ (Franco Nero), den Auftrag, Silber aus Garcias Mine abzuholen und in die USA zu transportieren, aber als er dort ankommt, muss er feststellen, dass Paco und seine Männer inzwischen den Besitz übernommen haben und das Silber nach einer Explosion verschüttet wurde. Auch Kowalski soll aufgehängt werden, aber plötzlich zerreißt Kanonendonner die Stille, denn Garcia ist mit der Unterstützung der Armee zurückgekommen und greift die schlecht bewaffneten Männer an. Für Paco sieht es schlecht aus, aber Kowalski weiß einen Ausweg – nur möchte er zuvor gut dafür bezahlt werden…


"Il mercenario" (Mercenario - Der Gefürchtete) kam knapp drei Monate vor Sergio Corbuccis "Il grande silenzio" (Leichen pflastern seinen Weg, 1968) in die italienischen Kinos, weshalb ein Vergleich zwischen beiden Filmen ebenso nahe liegend scheint, wie die Verbindung zu "Django" (1966), der für "Il mercenario"-Hauptdarsteller Franco Nero den Durchbruch unter Corbucci brachte. Parallelen lassen sich auch in der Reaktion auf das zunehmend eskalierende und weltweit Proteste hervorrufende us-amerikanische Militär-Engagement in Vietnam feststellen, auf das beide Filme in unterschiedlich verklausulierter Form reagierten. Tatsächlich könnten ihre Entwicklungslinien kaum unterschiedlicher sein - das beide Filme letztlich unter der Regie Sergio Corbuccis entstanden, ist ein weiteres Beispiel für die Genre-übergreifende Zusammenarbeit und kreative Kraft des italienischen Kinos.

„Il grande silenzio“ ist eine konsequente Weiterentwicklung von „Django“ – kompromissloser und politisch relevanter – während die Gene von „Il mercenario“ auf die politisch motivierten Filme von Gillo Pontecorvo ("Kapò" 1960) und Francesco Rosi ("Salvatore Giuliano" (Wer erschoss Salvatore G.?, 1961)) zurückgehen, zu denen der überzeugte Marxist Franco Solinas die Drehbücher schrieb.  Über „La battaglia di Algeri“ (Schlacht um Algier, 1966), Sergio Sollimas "La resa dei conti" (Der Gehetzte der Sierra Madre, 1966) und Damiano Damianis Revolutionswestern "Quien sabe?“ (Töte Amigo, 1966) führt die Linie direkt zu "Il mercenario". Neben der Konzentration auf den mexikanischen Hintergrund, ist die inhaltliche Verwandtschaft gut auch an der Charakterisierung des "Gringo" zu erkennen, der in Damianis Film von Lou Castel gespielt wurde und mehr Ähnlichkeit mit Franco Neros "Sergei Kowalski", genannt "Der Pole", aufweist, als mit dessen Verkörperung des "Django". Man sollte sich nicht von der Coolness beider Figuren täuschen lassen, die Nero unnachahmlich spielen konnte, denn im Vergleich zu dem egozentrischen, jederzeit seinen eigenen Vorteil im Blick behaltenden „Mercenario“ (Söldner) Kowalski ist der gutherzige, nur äußerlich den harten Burschen gebende "Django", ein echter Waisenknabe.

Neben dem Einfluss Franco Solinas lässt sich über dessen Mitstreiter Luciano Vincenzoni auch eine direkte Verbindung zu den Sergio Leone Western "Per qualche dollaro in più" (Für ein paar Dollar mehr, 1965) und "Il buono, il brutto, il cattivo" (Zwei glorreiche Halunken, 1966)  herstellen, an deren Drehbüchern er beteiligt war. Die Fortsetzung dieser Linie hin zu Leones Revolutionswestern "Giù la testa" (Todesmelodie, 1971) erscheint ebenso logisch, wie Solinas folgende Drehbücher zu "Tepepa" (1969) und "Queimada" (Queimada - Insel des Schreckens, 1969), dessen Regie Gillo Pontecorvo übernahm. Zu "Il mercenario" hatte er sie abgelehnt, weshalb Sergio Corbucci einsprang, der seine eigenen Schlüsse aus der für ihn bis dahin untypischen Western-Mischung aus ernsthaftem Drama und komischen Einlagen zog - er ließ mit "Vamos a matar, compañeros" (Lasst uns töten, Companeros, 1970), erneut mit Franco Nero und Jack Palance besetzt, und "Che c'entriamo noi con la rivoluzione?" (Bete, Amigo!, 1972) zwei weitere Revolutionswestern folgen, die den komödiantischen Charakter zunehmend betonten - eine Parallele zum gesamten Italo-Western-Genre, das seine Hochphase überschritten hatte und begann, sich selbst zu persiflieren.

„Il mercenario“ gelang es dagegen optimal, die häufig nur vordergründig komischen Elemente so eng mit der kritisch geschilderten Situation Mexikos zu kombinieren, dass der jederzeit unterhaltende Film nie seine Ernsthaftigkeit verliert. Die Handlung beginnt etwa 1910, als nach der langjährigen Diktatur unter Porfirio Diaz, die eine extreme Klassengesellschaft aus wenigen reichen Großgrundbesitzern und einer großen Zahl unter miserablen Bedingungen lebenden Landarbeitern manifestiert hatte, eine bis in die 20er Jahre andauernde gesellschaftliche Umbruchsphase anbrach, die als „mexikanische Revolution“ bezeichnet wird und die auf Grund der widerstreitenden Interessen der Revolutionsführer zu chaotischen Verhältnissen führte. Während Emilio Zapata Reformen anstrebte, die sozialistischen Idealen nahe standen und die Rechte der Arbeiter gestärkt hätten, war dessen zeitweise Verbündeter Venustiano Carranza vor allem an der Ablösung des Diaz-Regimes gelegen. Er überließ 1913 dem Oberbefehlshaber der Armee General Huerta den Präsidentenposten, nachdem er selbst zum obersten Heerführer ernannt worden war. Nachdem die Zapatisten erneut gegen dessen nicht weniger autoritären Führungsstil revoltierten und Huerta 1914 ins Exil nach Europa geflüchtet war, übernahm Carranza den Präsidentenposten bis 1920 und wurde darin von den USA unterstützt, die zweimal mit ihrem Heer nach Mexiko eindrangen.

Die Parallelen zum Vietnamkrieg Ende der 60er Jahre lagen nah, denn mit ihrem militärischen Eingreifen wollte die USA verhindern, dass der kommunistische Norden die Kontrolle über das gesamte Land erringt, um ihre eigenen Interessen an diesem strategisch wichtigen Ort zu wahren. Der von den unsozialen Verhältnissen in Mexiko profitierende US-Unternehmer oder mexikanische Großgrundbesitzer gehört zu den Standard-Figuren im Italo-Western, aber „Il mercenario“ vermied trotz dieser Ausgangssituation ein einfaches Gut/Böse-Schema, indem er zwei so charismatische wie zwiespältige Protagonisten in den Mittelpunkt stellte. Der von Tony Musante gespielte einfache mexikanische Landarbeiter Paco Roman lehnt sich zwar gegen die menschenunwürdigen Lebensverhältnisse auf, verfolgt damit aber keine politischen Ziele, sondern versucht raubend seinen Vorteil aus dem allgemeinen Chaos zu ziehen. Der „Gringo“ Sergei Kowalski (Franco Nero), Einzelgänger und nur an sich selbst interessiert, ist auf Grund seiner Fähigkeiten als Revolverschütze und Stratege ein Profiteur dieser Situation.

Nur Neros abgeklärtem Spiel ist es zu verdanken, dass Kowalski zu keiner unsympathischen Figur wird. Sein Einfordern einer Vorausbezahlung auch in lebensgefährlichen Momenten wird noch zu einer Art „Running Gag“, aber der Film schwächt seinen Charakter nicht, sondern lässt ihn weder umdenken, als Paco, beeinflusst von der schönen Columba (Giovanna Ralli), die Notwendigkeit von Veränderungen in seinem Heimatland zu begreifen beginnt, noch zu Gunsten Anderer auf den eigenen Vorteil verzichten. So absurd die Szene ist, in der er sich an einem heißen Tag in der Wüste mit dem Wasser aus den Trinkflaschen der mexikanischen Bandenmitglieder duschen lässt, so unmenschlich ist sein Handeln und letztlich schuld an weiteren Konflikten. Auch Paco, der sich als Richter aufspielt und seine Machtposition genießt, wird nicht zum Heilsbringer idealisiert, aber die kindliche Freude, die Musante seiner Rolle verleiht, lässt ihn zum eigentlichen Sympathieträger werden, während Kowalskis Beharren auf Professionalität und Bezahlung zunehmend tragische Züge annimmt.

Diesem Duo steht Ricciolo (Jack Palance) gegenüber, dessen hinterhältiger, einen ehrlichen Konflikt vermeidender Charakter die beiden Hauptrollen kontrastiert und damit ihre jeweiligen Schwächen relativiert. Da Ricciolo in einer Szene den Tod eines seiner Bandenmitglieder betrauert – ein sonst untypisches Verhalten für ihn – und mit seinem gelockten Haar und tadelloser Kleidung eine ungewöhnliche Erscheinung abgibt, wird in vielen Texten zum Film dessen Homosexualität betont, obwohl das im Film nicht thematisiert wird. Seine sexuellen Präferenzen spielen in „Il mercenario“ ebenso wenig eine Rolle wie bei Kowalski, der jede emotionale Bindung meidet. Viel mehr erstaunt es, wie es Jack Palance gelang, diesem sinistren Charakter Würde zu verleihen – etwa als Kowalski ihn dazu zwingt, sich nackt auszuziehen. Selbst in diesen Momenten bewahrte sich „Il mercenario“ seine Komplexität und suchte keine einfachen Antworten, sondern macht deutlich, wie schnell jeder Idealismus vom Pragmatismus wieder eingeholt wird. Dem Film deshalb Zynismus vorzuwerfen wäre trotzdem falsch, denn in seiner letzten Szene entlässt er den Betrachter noch mit einem klaren Statement: Es lebe die Revolution!

"Il mercenario" Italien / Spanien 1968, Regie: Sergio Corbucci, Drehbuch: Franco Solina, Luciano Vincenzoni, Sergio Corbucci, Adriano Bolzoni, Darsteller : Franco Nero, Tony Musante, Jack Palance, Giovanna Ralli, Eduardo Fajardo, Laufzeit : 102 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Corbucci:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.