Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

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Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Mittwoch, 23. Januar 2013

Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto (Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger) 1970 Elio Petri

Inhalt: Ein Mann wartet vor einem Haus, bis ihm eine Frau (Florinda Bolkan) durch ein Fenster ein Zeichen gibt, herein zu kommen. Sie begrüßt ihn mit der Frage, wie er sie heute denn umbringen möchte, aber dieser Scherz stellt sich kurz danach als bitterer Ernst heraus, als er sie beim Sex mit einem Schnitt durch die Kehle tötet. Anstatt seine Spuren zu verwischen, sorgt er noch zusätzlich für Indizien, benachrichtigt selbst die Polizei und redet ungeniert mit einem im Haus wohnenden Nachbarn, als er dieses verlässt.

Daraufhin fährt er direkt zum Polizeiquartier, wo er freudig erwartet wird, denn "Il Dottore" (Gian Maria Volonté), wie er genannt wird, wird an diesem Tag vom Chef der Mordkommission zu einem Bereichsleiter der Polizei befördert. Streng befiehlt er noch seinen bisherigen Untergebenen, den gerade gemeldeten Vorfall zu untersuchen, bevor er selbst zum Tatort schreitet...


In seinem ersten Film "L'assassino" (Trauen Sie Alfredo einen Mord zu?, 1961) hatte Elio Petri einen Kriminalfall als Basis gewählt, dessen kritischer Blick auf die Vorgehensweise der Polizei ein Nebenaspekt blieb, damit aber trotzdem schon Argwohn bei der Zensur erzeugte. Auch in seinen folgenden Filmen nutzte er populäre Genres oder signifikante Stile als Grundlage, um seine Sicht auf die menschliche Sozialisation unterschwellig zu entfalten. "I giorni contati" (1962) war purer Realismus, "Il maestro di Vigevano" (1963), den er im Tausch mit Dino Risi statt des auf seiner Idee basierenden "I mostri" (Die Monster, 1963) drehte, gehörte zur "Commedia all'italiana" und "La decima vittima" (Das zehnte Opfer, 1965) nahm Anleihen beim Science-Fiction-Film. "A ciascuna il suo" (Zwei Särge auf Bestellung, 1967) wählte die Mafia-Thematik und "Un tranquillo posto di campagna" (Das verfluchte Haus, 1968) verfügte über Horror-Elemente - eine Vorgehensweise, die Petris Intention, das Publikum immer auch unterhalten zu wollen, förderte, die von der zeitgenössischen Filmkritik aber als zu konventionell bewertet wurde.

"Kurz gesagt, wir waren auf der Schwelle zur Zeit der 68er und es war mein letzter Film vor "Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto" (Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger). Es war bevor ich versuchte, mit Filmen etwas zu bewegen" (Elio Petri)

Trotzdem blieb Petri seiner gestalterischen Linie treu und entwarf, gemeinsam mit Ugo Pirro, einen Film, der sein kritisches Potential unmissverständlich, aber indirekt entfaltete, ohne konkrete Anklagen oder Argumente vorbringen zu müssen. Der überzeugte Kommunist Elio Petri wandte sich damit gegen die Diskussionskultur seiner Zeit, die sich durch ihre sprachliche Vehemenz auszeichnete und damit die Unvereinbarkeit in der Haltung der verschiedenen Lager nur noch zementierte. Wegen dieser äußerlichen Zurückhaltung wurde sein Film nicht nur ein Publikumserfolg und dank des großen Zuspruchs in seiner generellen Kritik an autoritären Strukturen und Machtmissbrauch entsprechend unbequem, sondern bewahrte sich auch seine Zeitlosigkeit. Nach wie vor hat die Darstellung der Auswirkungen von Macht auf die menschliche Psyche nichts von ihrer Wirkung verloren, genauso wie das Verhalten einer von Karrieredenken und Obrigkeitshörigkeit bestimmten Sozialisation von Jedem - unabhängig von seiner politischen Haltung - nachvollzogen werden kann. Nur die Gefahr, der sich Petri und seine Mitstreiter damals mit diesem Film aussetzten, ist nur noch schwer nachzuempfinden. Nachdem sich Regie-Kollegen den Film vor seiner Premiere angesehen hatten, empfahlen sie die Flucht aus Rom, um dem Gefängnis zu entkommen.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht der von Gian Maria Volonté gespielte „Il dottore“ - bisher Leiter der Mordkommission, der an diesem Tag seine Beförderung in eine übergeordnete, der politischen Führung des Landes unmittelbar unterstellte Sicherheitsabteilung erlebt. Es kommt zu den üblichen Feierlichkeiten - erst gibt der „Dottore“ seinen Ausstand unter den Männern seiner Abteilung, später hält er eine Antrittsrede vor der Versammlung seiner zukünftigen Mitarbeiter. Beide Vorgänge laufen nach den gewohnten Mechanismen ab, getragen von freundlichen Floskeln und motivierenden Ausblicken. Dabei lässt Elio Petri den Dottore Zahlen und Statistiken vortragen, die nicht nur die aktuelle Situation Italiens belegen, sondern das Land für das nächste Jahrzehnt in Atem halten sollten. Es geht nicht mehr um die Aufklärung von Mordfällen, bei der sich die frühere Abteilung des Dottore durch sehr gute Quoten hervorgetan hatte, sondern um den Zustand des Landes allgemein – Studentenproteste, Streiks und Sachbeschädigungen durch auf Wände gemalte Parolen vermischen sich mit Terrorakten und Schwerverbrechen, von der Führung des Landes keineswegs getrennt betrachtet. Die heute häufig geäußerte Ansicht, es handelte sich bei dem Dottore um einen Mann mit stark rechts gerichteten Ansichten, ist falsch – Streiks und Studentenproteste wurden generell von bürgerlich konservativer Seite als Bedrohung verstanden und die von ihm angekündigten Maßnahmen lagen ganz auf der damaligen Linie des Staates.

Mit dieser unmittelbar auf die Ereignisse in Italien reagierenden Rede des Dottore, in der er eine rigorose Vorgehensweise zum Erhalt der Demokratie ankündigte, traf Petri den Nerv seiner Zeit – Marco Risi, selbst Regisseur und der Sohn Dino Risis, erzählte, mit welcher Wucht der Film ihn als damals 19jährigen traf - und bereitete damit die Grundlage nicht nur für den politischen Film, sondern auch für dessen populärere Variante, den Poliziesco, der sich zwar vordergründig als Unterhaltungsfilm verstand, letztlich aber nicht weniger kritisch die Mechanismen des Staates und des Polizeiapparates betrachtete. Selbst Francesco Rosi, dessen Filme „Salvatore Giuliano“ (1961) und „Le mani sulla città“ (Die Hände über der Stadt, 1963) Petri als vorbildhafte, große Filme benannte, hatte diese konkrete Kritik an den Machtstrukturen des Landes noch nicht gewagt, sondern bildete bewusst lokalere Situationen ab. Und Bernardo Bertoluccis im selben Jahr gedrehter Film „Il conformista“ (Der große Betrug, 1970) verklausulierte seine Kritik noch, indem er die Handlung während des Faschismus spielen ließ.

Doch allein die Beschreibung der sozialen Mechanismen innerhalb einer Behörde, der polizeilichen Verhörmethoden, der Abhörzentrale oder einer modernen computergestützten Datenspeicherung, hätte wenig bewirkt – Niemand wird deren Realität bezweifeln – entscheidend für die Wirkung des Films ist der Mord, den der Dottore zu Beginn an seiner Geliebten Augusta Terzi (Florinda Bolkan) begeht. Offensichtlich diente das Spiel mit tödlichen Absichten ihrem gemeinsamen Lustgewinn, wie eine Vielzahl entsprechend arrangierter Fotos beweisen, aber diesmal meint es der Dottore ernst, als er ihr auf ihre Frage nach der heutigen Tötungsmethode androht, ihr den Hals aufzuschneiden. Doch anstatt seine Spuren zu verwischen, erzeugt er noch zusätzliche Indizien und lässt sich von einem jungen Mann, Antonio Pace (Sergio Tramonti), sehen, der im selben Haus wohnt.

Dieses Verhalten schlüsselte Petri mit Rückblenden langsam auf, parallel zu den Ereignissen in der Polizeibehörde, und erzeugte damit den Charakter eines Mannes, der gleichzeitig von seinem Machtbewusstsein und seinem Minderwertigkeitsgefühl bestimmt wird. Einerseits versucht er seine Position dafür zu nutzen, für einen offensichtlich von ihm begangenen Mord nicht belangt zu werden, andererseits fühlt er sich dem Staat und seinen Gesetzen so verpflichtet, dass er es nicht ertragen kann, nicht dafür bestraft zu werden. Volonté gelingt es, diese Figur nicht als Karikatur entstehen zu lassen, sondern ihr menschliche Züge zu verleihen. Der Film erzählt auch die tragische Geschichte eines Mannes, der seiner schönen Geliebten nicht gewachsen ist. Sie ist es, die den Gedanken äußert, er könnte in seiner Position jedes Verbrechen begehen, ohne dafür bestraft zu werden, sie durchschaut seine Kleinmütigkeit und macht sich über sein wenig männliches Verhalten beim Sex lustig, weshalb sie ihn ungeniert betrügt. Mit Antonio Pace, dessen Attraktivität sie auch mit dessen revolutionärer, linker Attitüde begründet.

Erst durch diese vordergründigen Ereignisse erhält der Subtext seiner Beförderung und der damit zusammenhängenden Mechanismen die kritische Bewertung. Das beginnt im Kleinen, wenn er die zwei Flaschen Sekt, mit denen er seinen Ausstand gibt, noch aus dem Kühlschrank der gerade ermordeten Geliebten mitnimmt, nimmt unangenehme Züge an, wenn der Dottore einen unbeteiligten Klempner (Salvo Randone) – eine direkte Anspielung auf Petris Film „I giorni contati“ von 1963, in dem Randone ebenfalls einen Klempner spielte – in seine Spielchen mit einbezieht und damit seine Macht gegenüber einem einfachen Arbeiter ausspielt, und verdeutlicht die Verlogenheit, wenn Studenten nach einem Protest in Massen verhaftet werden, aber ein Mörder, selbst als er seine Tat gesteht, von seinen Kollegen in Schutz genommen. Es ist nicht sein Individuum, das sie schützen, sondern seine Funktion als Vertreter des Staates und seiner Gesetze. Petri gibt seinem Protagonisten deshalb keinen Namen, sondern nur die Bezeichnung „Il dottore“ – ein Prädikat für Anstand, Bürgerlichkeit und Gesetzestreue.

"Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto" Italien 1970, Regie: Elio Petri, Drehbuch: Elio Petri, Ugo Pirro, Darsteller : Gian Maria Volonté, Florinda Bolkan, Gianni Santuccio, Sergio Tramonti, Salvo Randone, Laufzeit : 110 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Elio Petri:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.