In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Sonntag, 21. Oktober 2012

L'uomo che viene da Canyon City (Die Todesminen von Canyon City) 1965 Alfonso Balcázar


Inhalt: Nachdem Red (Luis Davila) und Carrancho (Fernando Sancho) gemeinsam aus der Gefangenschaft fliehen konnten, ziehen sie eine Zeit lang aneinender gefesselt durch die Lande, bis sie sich von einer Eisenbahn die Ketten sprengen lassen. Natürlich musste Red auf den Gleisen liegen, so wie sie die Grenze nach Mexiko in Richtung Carranchos Heimat überschritten, denn dieser gewann jedesmal, wenn sie einem Münzwurf die Entscheidung überließen - bis Red den faulen Trick seines alten Kumpels durchschaute.

In Canyon City angekommen, entscheidet sich Red für ein getrenntes Programm und schließt sich den Männern von Morton (Robert Woods) an, die die mexikanischen Arbeiter in dessen Silbermine ausbeuten und misshandeln. Carrancho erkennt das Leid seiner Landsleute, hat aber zuerst seinen eigenen Vorteil im Sinn, denn wie Red weiß er, das Morton siebzigtausend Dollar in seinem Safe liegen hat...


In der Folge von "Per un pugno di dollari" (Für eine Handvoll Dollar, 1964) von Sergio Leone - nicht zuletzt wegen dessen überraschenden wirtschaftlichen Erfolgs - begannen zunehmend Western aus dem Boden zu schießen, die sich dessen schmutziger Optik, den rauen Umgangsformen mit ihren oft nihilistischen Gewaltexzessen, aber auch dessen kritischen Blick auf die us-amerikanische Sozialisation anschlossen - und sich damit als Gegenentwurf zum klassischen US-Western hollywoodscher Prägung verstanden. In dieser Phase entstand auch der Genre-Begriff des "Europäischen Western" oder bekannter "Italo-Western", die meist in Spanien gedreht wurden, dessen südliche Regionen große Ähnlichkeit mit der staubigen Gegend im us-amerikanischen/mexikanischen Grenzbereich aufwiesen, wo auch "L'uomo che viene da Canyon City" (Die Todesminen von Canyon City) spielt.

Verantwortlich für dieses frühe Beispiel des Genres war der spanische Regisseur Alfonso Balcázar, der sich besonders dem Italo-Western verschrieb, dem er mit "I bandoleros della dodicesima ora" (Desperado, 1972) bis in dessen Phase des Niedergangs treu blieb. Vor "L'uomo che viene da Canyon City" (wörtlich "Der Mann, der aus Canyon City kommt") hatte er mit "Los Pistoleros de Arizona" (Die Gejagten der Sierra Nevada, 1965) schon einen Western gedreht, der sich - typisch für die europäischen Genre-Vertreter dieser Übergangsphase - noch deutlich am amerikanischen Vorbild orientierte. Davon hatte sich "L'uomo che viene da Canyon City" inzwischen emanzipiert, der nicht nur über ein gut aufgelegtes Darsteller-Trio verfügte, sondern seine Handlung vor dem Hintergrund der Ausbeutung mexikanischer Arbeiter durch den skrupellosen amerikanischen Geschäftsmann Morgan (Robert Woods) ansiedelte.

Sowohl für Woods, als auch Luis Dávila und Fernando Sancho als das ungleiche Paar "Red" und "Carrancho", bedeutete die Zusammenarbeit mit Alfonso Balcázar den Beginn (nicht nur) ihrer Western-Karriere, die besonders den spanischen Darsteller Fernando Sancho zum allgegenwärtigen mexikanischen Banditen werden ließ - wie beispielsweise in "Arizona Colt" (1966). Hier spielt er noch einen sympathischen Gauner, der gemeinsam mit Red der Gefangenschaft entkommt, bevor sie zufällig Zeuge eines Überfalls werden. Dieser misslingt, aber sie erfahren, dass mit der Kutsche 70000 Dollar nach Canyon City transportiert werden, die dort Morgan, dem Besitzer der Silbermine, übergeben werden sollen. Ein Grund für die Beiden, den selben Weg einzuschlagen.

Dass der Film erst 1967, zwei Jahre nach seiner Entstehung, in die deutschen Kinos kam, wird daran deutlich, das Red dort in "Django" umbenannt wurde, seit Sergio Corbuccis "Django" (1966) der zugkräftigste Name an der Kinokasse. Aus der heutigen Sicht wirkt das deplaziert, da Red die blasseste Figur innerhalb des Darsteller-Trios abgibt, auch wenn seine Fähigkeiten mit dem Revolver, Parallelen zu Corbuccis Held aufweisen. Carrancho wirkt dagegen viel gewitzter, so geschickt wie er Red immer genau in die von ihm beabsichtigte Richtung bringt, abgesehen davon, das er es ist, der letztlich den Aufstand gegen Morgan organisiert. Ganz im Geiste des Italo-Western sind allerdings die Beweggründe der beiden "Helden", denn sie sehen sich die sadistische Behandlung gegenüber den mexikanischen Einheimischen lange Zeit in Ruhe an, bevor sie erst gezwungenermaßen eingreifen. Ihr echtes Interesse gilt dem Inhalt von Morgans Safe, um den sie eine Art privaten Wettstreit veranstalten.

Ihr witziger Disput und das arrogant, selbstherrliche Auftreten des Besitzers der Silbermine, der seine Schergen mit rigoroser Gewalt auf die Arbeiter hetzt, sind die klaren Pluspunkte des Films, dessen Kritik an den ausbeuterischen Verhältnissen wenig generell ist. Letztlich trägt nur der Verbrecher Morgan, der den früheren Besitzer offenbar ermordet hatte und dessen Tochter Viviane (Loredana Nusciak) zur Ehe zwang, die Schuld daran. Dagegen will der Vertreter der USA, um weitere Bezahlungen garantieren zu können, überprüfen, ob die Mexikaner auch anständig behandelt werden - ein Ansinnen, das er nicht überlebt, das aber die tatsächlichen Hintergründe verharmlost. Ähnlich inkonsequent bleibt die gesamte Story des Films, die zwar eine Vielzahl von Ereignissen, Nebenfiguren und Intentionen vereint, über das hohe erzählerische Tempo aber manchmal die Nachvollziehbarkeit aus den Augen verliert. Viele interessante Aspekte wie die Vorgeschichte von Morgan und die Beziehung zu seiner Frau, werden nur angerissen, während den Wortgefechten von Red und Carrancho viel Zeit eingeräumt wird.

Trotz seiner im Tempo holprigen Erzählform, bleibt "L'uomo che viene da Canyon City" durchgehend unterhaltend. Sowohl die kompromisslose Darstellung von Gewalt, als auch die zwiespältige Vorgehensweise der beiden "Helden" weisen ihn schon als würdigen Vertreter des Italo-Western-Genres aus. Um so seltsamer erscheint heute die damalige Vorgehensweise des deutschen Verleihs - einerseits mit dem falschen "Django"-Titel für das Genre werbend, andererseits nicht nur die Gewaltszenen schneidend, sondern auch Carranchos anfänglichen Versuch, seine mexikanischen Landsleuten unter dem Vorwand eines geplanten Aufstands zu beklauen. Dass was aus heutiger Sicht die größte Qualität des Films darstellt - die uneindeutige Charakterisierung der Protagonisten - durfte damals nicht sein.

"L'uomo che viene da Canyon City" Italien, Spanien 1965, Regie: Alfonso Balcázar, Drehbuch: Adriano Bolzoni, Attilio Riccio, Darsteller : Robert Woods, Fernando Sancho, Luis Dávila, Loredana Nusciak, Renato Baldini, Laufzeit : 86 Minuten

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.