In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Requiescant (Mögen sie in Frieden ruhen) 1967 Carlo Lizzani

Inhalt: Scheinbar kommt es zu einer friedlichen Co-Existenz zwischen der mexikanischen Bevölkerung und den US-Siedlern, aber der ehemalige Offizier Ferguson (Mark Damon) täuschte die Einigung nur vor, um die Mexikaner skrupellos zu ermorden. Nur ein etwa 10jähriger Junge überlebt trotz eines Streifschusses am Kopf. Er wird zufällig von einem Wanderprediger entdeckt, der mit einer Haushälterin und deren Tochter Princy (Barbara Frey) vorbei kommt, ihn mitnimmt und aufzieht.

Zehn Jahre später hat der inzwischen zu einem jungen Mann (Lou Castel) herangewachsene Ziehsohn immer noch keine Erinnerungen an seine Vergangenheit, kann aber geschickt mit einem Messer umgehen. Zum Unwillen seines Adoptivvaters. Als seine Pflegeschwester bei einem Zwischenhalt in einer Stadt den Verlockungen erliegt und einfach verschwindet, beschließt er, sie zu suchen. Zufällig gerät er bei einem Überfall an eine Waffe und erschießt zu seiner eigenen Überraschung alle Banditen. Dank dieser plötzlich entdeckten Begabung, gelingt es ihm unversehrt an den Ort zu gelangen, wo Princy inzwischen als Prostituierte arbeitet, wozu sie mit Drogen gefügig gemacht wird. Naiv will er sie dort wieder herausholen, gerät aber an einen überlegenen Gegner, ohne zu ahnen, dass er wieder an den Ort seiner Vergangenheit zurückgekehrt ist…


Carlo Lizzani, dessen Karriere als Regisseur noch während der Phase des Neoraelismus mit "Achtung Banditi!" (1951) begann -  zuvor hatte er an den Drehbüchern zu "Caccia tragica" (Tragische Jagd, 1947) und "Riso amaro" (Bitterer Reis, 1949) unter Giuseppe De Santis mitgewirkt - und der zu den sechs Regisseuren neben Michelangelo Antonioni, Federico Fellini, Alberto Lattuada, Dino Risi und Francesco Maselli gehörte, die mit "L'amore in città" (1953) die lang anhaltende Tradition des italienischen Episodenfilms begründeten, widmete sich auch dem Italo-Western, als sich das Genre 1966 - 1968 auf seinem Höhepunkt befand. "Requiescant" (Mögen sie in Frieden ruhen) wurde nach "Un fiume di dollari" (Eine Flut von Dollars, 1966) sein zweiter und letzter Western, bevor er 1968 "Banditi a Milano" drehte, der das Polizieschi-Genre der 70er Jahre vorweg nahm.

Bis zu seinem Suizid am 05.10.2013, der an den Freitod seines ebenfalls hoch betagten Kollegen Mario Monicelli erinnert, den dieser am 29.11.2010 beging, ließ Lizzani kaum ein Genre aus - dabei immer bestrebt, sein Publikum zu unterhalten, ohne seinen eigenen Anspruch und seine politisch links gerichteten und gesellschaftskritischen Überzeugungen zu verraten. Die Besetzung von "Requiescant" entsprach dieser Haltung, denn mit Lou Castel besetzte er einen Akteur in der Hauptrolle, der unter Marco Bellocchio als ein an der bürgerlichen Gesellschaft erkrankter Mörder in "I pugni in tasca" (Mit der Faust in der Tasche, 1965) reüssierte, bevor er in Damiano Damianis "Quien sabe?" (Töte, Amigo!, 1966) neben Gian Maria Volonté als skrupelloser Nutznießer der mexikanischen Revolution auftrat. "Requiescant" spielt zeitlich in der Vorphase des mexikanischen Aufstands gegen die US-amerikanische Besatzung und versteht sich als vorrevolutionärer Western, worin sich deutliche Parallelen zu den aktuellen politischen Ereignissen 1967 zeigen, als der Widerstand gegen das Engagement der USA in Vietnam wuchs.

Besonders die Mitwirkung von Pier Paolo Pasolini, der auch am Drehbuch beteiligt war, lässt keinen Zweifel an der politischen Dimension des Films. Nur unter Carlo Lizzani spielte Pasolini zweimal eine größere Rolle (zuvor noch in "Il gobbo" (Der Bucklige von Rom, 1960)) in einem nicht von ihm selbst gedrehten Kinofilm. Als Pater Juan konnte Pasolini seine Überzeugungen hier wenig verklausuliert wiedergeben - er verabscheut Gewalt, aber als Realist weiß er, dass ein starker Anführer wie "Requiescant" (Lou Castel) notwendig ist, um die Unterdrücker zu besiegen. Zwar ist dieser dank seiner Schießkünste in der Lage, die Feinde zu dezimieren, aber Pasolini gab den intellektuellen Gegenpol zu dem ehemaligen Offizier Ferguson (Mark Damon), der die ortsansässige mexikanische Bevölkerung zehn Jahre zuvor in einen Hinterhalt gelockt hatte, um sie zu töten und ihr Land an sich zu reißen.

Mark Damon, der normalerweise auf die Heldenrollen festgelegt war ("Johnny Yuma", 1966), brilliert hier als regionaler Usurpator, dessen rassistische, menschenverachtende und misogyne Haltung keine äußerliche Attitüde ist, sondern eine tief empfundene Emotion, die er auch angesichts seines möglichen Todes nicht aufgibt. Trotzdem ist der blass geschminkte, sein Altern nicht akzeptierende, gebildete Mann kein typischer Sadist, wie er in vielen Western auftrat, sondern ein aus seiner inneren Überzeugung handelnder Mensch, dessen abschließender Monolog nicht zufällig an die Argumente erinnert, die jedesmal von einer Besatzungsmacht hervorgebracht wurden, wenn sie gezwungen waren, einen Staat in dessen Unabhängigkeit zu entlassen. Ferguson steht hier symbolisch für die selbstgerechte Haltung westlicher Industriestaaten, die den Befreiten keine Selbstverwaltung zutrauen ind das Chaos voraussegen. Es überrascht nicht, dass in der stark gekürzten deutschen Kinoversion sowohl Pasolinis, als auch Mark Damons Reden fehlten, was dem Film viel von seiner politischen Dimension und damit seiner inneren Schlüssigkeit nahm.

Obwohl "Requiescant" über überzeugende Charaktere verfügt und sich die eigenständig gestaltete Story wenig vorhersehbar entwickelt, wird der Film kaum einmal in einer Liste der besten Italo-Western genannt. Dabei lag Carlo Lizzani sehr viel an einem spannend erzählten Western, weshalb er auch Adriano Bolzoni für das Drehbuch hinzuzog, der seit seiner Mitarbeit bei "Per un pugno di Dollari" (Für eine Handvoll Dollar, 1964) fest im Genre verankert war. Mit "L'uomo che viene da Canyon City" (Die Todesminen von Canyon City) hatte er 1965 schon einen rauen, politisch weniger motivierten Revolutionswestern entworfen. Entsprechend verfügt "Requiescant" über alle signifikanten Elemente des Genres, beginnend beim überragenden Revolverschützen, skrupellosen Banditen, schönen Frauen und stilsicher inszenierten Duellen inmitten einer klassischen Story über einen Rächer, der es mit einem weit überlegenen Gegner aufnimmt.

Doch die Kombination aus Gesellschaftskritik und Unterhaltung irritierte viele Betrachter, da Lizzani besonders die Figur des "Helden" gegen die Erwartungen entwickelte. "Requiescant" ist zwar der gewohnt schnelle Scharfschütze, wurde aber bei dem Massaker seines Dorfes am Kopf verletzt und verdankt sein Leben einem zufällig vorbei kommenden erzreligiösen Prediger, der den mexikanischen Jungen zu sich aufnahm und in seinem Geiste erzog. Coole Sprüche und lässige Umgangsformen sind nicht von ihm zu erwarten, weshalb die einfältig wirkende Figur nicht zur Identifikation einlädt. Eine hinsichtlich der politischen Ausrichtung des Films konsequente Vorgehensweise, denn ein klassischer Vigilant - wie gerecht seine Sache auch wäre - hätte einen zu individuellen, zudem konservativen Charakter.

Wie schwer sich gerade Anhänger des Western-Genre mit Lizzanis originellem Beitrag taten, wird daran deutlich, dass hier innere Zusammenhänge in Frage gestellt wurden, die in der Regel als gegeben akzeptiert werden. Lizzani nahm sich die selben Freiheiten wie ein Sergio Leone oder Sergio Corbucci. Warum ein Clint Eastwood oder "Django" überragend schießen können, wird nicht hinterfragt, Requiescants plötzlich entdeckte Begabung dagegen als unlogisch betrachtet. Auch das es den Protagonisten wieder an den Ort eines vor langer Zeit begangenen Verbrechens zurücktreibt, gehört zu den klassischen Mythen eines Genres, das von der Erfüllung schicksalshafter Verwicklungen lebt. Doch besonders die Nähe zum Horror-Film, die der Figur des Ferguson angedichtet wurde, verdeutlicht die Unfähigkeit, diese intelligent entworfene Figur in ihrer Tragweite anzunehmen. Denn der Horror ist in "Requiescant" nicht fantastisch, sondern sehr realistisch und der Zusammenhang zu den aktuellen politischen Ereignissen unverkennbar. Lizzani gelang damit eine überragende Genre-Umsetzung, die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren hat und gleichzeitig prächtig unterhält.

"Requiescant" Italien, Deutschland 1967, Regie: Carlo Lizzani, Drehbuch: Lucio Battistrada, Pier Paolo Pasolini, Adriano BolzoniDarsteller : Lou Castel, Mark Damon, Pier Paolo Pasolini, Barbara Frey, Franco Citti, Feruccio Viotti, Laufzeit : 108 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Carlo Lizzani:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.