Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy
Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Dienstag, 30. Juli 2013

40 gradi all'ombra del lenzuolo (Müssen Männer schön sein?) 1976 Sergio Martino



Inhalt: Episodenfilm mit fünf erotisch-komödiantischen Geschichten: 

1. "La cavallone" (Das Pferdchen) 

Emilia Chiapponi (Edwige Fenech) macht die gesamte Männerwelt des toskanischen Ortes verrückt, wenn sie in ihrem engen roten Kleid, egal ob mit oder ohne ihren stolzen Ehemann an der Seite, über den Plaza schreitet. Sie verrenken sich den Hals und rufen ihr Komplimente zu - nicht immer ganz jugendfrei. Nur der noch bei seiner Mutter lebende Cavaliere Marelli (Tomas Milian), der noch nie eine Freundin hatte, reagiert scheinbar uninteressiert. Doch tatsächlich werden seine wildesten Fantasien von Emilia bestimmt, die er am Telefon auszuleben versucht...



2. "L'attimo fuggente" (Ein flüchtiger Moment) 

Esmeralda (Giovanna Ralli) wird von ihrem neuen Chauffeur Filippo (Alberto Lionello) in ihrem Roll's Royce aufs Land gefahren, wo sie ein Picknick in schöner Lage geplant hat. Doch Filippo kann seine Augen kaum auf der Straße halten, da er nur Augen für Esmaralda hat, obwohl sie sich ständig darüber beschwert und ihm mit Kündigung droht. Trotz einiger Zwischenfälle gelangen sie an den Zielort, aber Fillipos Drängen nimmt immer mehr zu...



3. "La guardia del corpo" (Der Leibwächter) 

Alex (Marty Feldman) nimmt seinen Job so wörtlich, dass er sich immer in unmittelbarer Nähe der schönen Mariana (Dayle Hadden) aufhält, egal, ob sie gerade duscht, sich ankleidet oder im Bett liegt. Mariana, die in Abwesenheit ihres reichen Vaters eine große Party zu Ehren eines modernen Künstlers geplant hat, um abschließend mit dem attraktiven Mann im Bett zu landen, reagiert verärgert, aber ihr Vater besteht auf den Diensten von Alex. Doch als er auch die Gäste der Party einer genauen Leibesvisitation unterzieht, scheint das Maß voll...



4. "I soldi in bocca" (Geld im Mund) 

Als ein junger Mann (Enrico Montenaso) an ihrer Haustür klingelt, glaubt die junge Ehefrau (Barbara Bouchet) an einen Vertreter, aber der höfliche Gast bietet ihr stattdessen 20 Millionen Lire für ein gemeinsames Schäferstündchen. Er würde am nächsten Tag von der Schweiz nach Australien auswandern und das wäre sein letzter großer Wunsch. Sie reagiert empört, aber dann erliegt sie dem verlockenden Angebot, von dem sie sich in Gedanken viele schöne Dinge kaufen kann, ohne ihren reichen Ehemann zu fragen. Am nächsten Tag steht der junge Mann erneut vor ihrer Tür, wieder mit 20 Millionen Lire in seinem Koffer...



5. "Un posto tranquillo" (Ein ruhiger Ort) 

Adriano Serpetti (Aldo Maccione) hat eine ruhige Wohnung angemietet, um ungestört von Frau und Kindern seinen eigenen Bedüfnissen nachgehen zu können. Doch als er sich gerade entspannen will, sieht er eine knapp bekleidete, schöne junge Frau (Sydne Rome) auf dem Sims stehen, die sich offensichtlich in die Tiefe stürzen will. Mit einem Trick gelingt es ihm, sie nach innen in die Wohnung zu ziehen, und überzeugt sie davon, dass das Leben doch viel zu schön ist, um sterben zu wollen. Sie dankt ihm überschwenglich und kommt ihm körperlich sehr nah, was ihm sehr recht ist. Bereitwiilig schwört er jeden von ihr verlangten Liebesschwur, um in ihrem Bett zu landen, doch er hat die Rechnung ohne ihren eifersüchtigen Bewacher gemacht, einem großen Schäferhund... 


Regisseur Sergio Martino genießt bis heute den Ruf als einer der wichtigsten Vertreter des Giallo, dem er sich beginnend mit "Lo strano vizio della Signora Wardh" (Der Killer von Wien, 1971) intensiv widmete. Dass er auch den Poliziesco all'italiana mit prägte, ist zumindest bekannt, unterschlagen wird dagegen häufig seine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der italienischen Spielart des mit der sexuellen Revolution aufkommenden Erotik-Films - die erotische Komödie, die in ihren besten Momenten die Tradition der "Commedia all'italiana" fortführte, die unter dem Deckmantel einer humorvollen Handlung beißende Gesellschaftskritik übte.

Auf Grund einer geradezu sintflutartigen Produktion billiger Sex-Komödien ab Mitte der 70er Jahre, die ihre austauschbare Handlung nur nutzten, um nackte Tatsachen auf die Leinwand zu bringen, nahm die einzelnen Filme kaum noch ein Verleiher ernst, weshalb sie unabhängig von ihrer individuellen Ausrichtung geschnitten, ummontiert und mit einer dem Charakter  widersprechenden Synchronisation versehen wurden. "40 gradi all'ombra del lenzuolo" (übersetzt etwa "40 Grad im Schatten zwischen den Bettlaken") ist in dieser Hinsicht ein besonders prototypisches Beispiel. In Deutschland kam der Film um etwa dreizehn Minuten gekürzt auf die Leinwand, was angesichts der fünf durchschnittlich 20minütigen Episoden beinahe dem Wegfall eines Teils entspräche. Den wenigen Nacktaufnahmen, die 1976 Niemanden mehr aus der Reserve locken konnten und die nur in drei Episoden vorkommen, kann dieser rigorose Wegfall nicht angelastet werden, sondern nur mit einer generellen Respektlosigkeit gegenüber dem Erotik-Genre begründet werden. Das gilt auch für die etwas weniger gekürzte englischsprachige Version, die die Episoden in der falschen Reihenfolge anordnete und damit die innere Entwicklung verfälschte.

Schon 1973 hatte Sergio Martino mit "Giovannona Coscialunga disonorata con onore" (1973) eine Erotik-Komödie gedreht, in der die damalige Lebensgefährtin seines älteren Bruders und Produzenten seiner Filme Luciano Martino, Edwige Fenech, ebenso die Hauptrolle übernommen hatte wie zuvor in den meisten seiner Gialli. Martinos stilistische Entwicklung bis zu "40 gradi all'ombra del lenzuolo" lässt sich entsprechend nachvollziehen. Nach einer weiteren Komödie "Cugini carnali" (1974) nahm auch Martinos letzter Poliziesco "Morte sospetta di una minorenne" (1975) einen zunehmend absurderen Gestus an, so dass sein komödiantischer Episoden-Film wie eine vorläufige Zusammenfassung wirkt, zu der er prominentes Personal versammeln konnte, das den Film qualitativ über die üblichen Sex-Komödien stellte. Dass Martino mit "Spogliamoci così senza pudor" (Lollipops und heißen Höschen) noch im selben Jahr einen weiteren Episodenfilm folgen ließ, der diesen Standard nicht mehr erreichte, war den geschäftlichen Gepflogenheiten geschuldet. Die Besetzung von Ursula Andress in zwei der Episoden des Nachfolgefilms wies schon auf Martinos kommende Kannibalismus/Urwald-Phase hin ("La montagna del dio cannibale" (Die weiße Göttin der Kannibalen, 1978)), an der Andress maßgebend mitwirkte.

Neben Giorgio Salvioni ("La decima vittima" (Das zehnte Opfer, 1965)) und Sergio Martino, war mit Tonino Gierra einer der profiliertesten Autoren des italienischen Kinos an "40 gradi all'ombra del lenzuolo" beteiligt, für den das Sujet eine Abwechslung zu seinen Drehbüchern für Federico Fellini ("Amacord" (1973)), Francesco Rosi ("Cadaveri eccellenti" (Die Macht und ihr Preis, 1976)) oder Michelangelo Antonio ("Il mistero di Oberwald" (Das Geheimnis von Oberwald, 1979)) bedeutete, gleichzeitig aber erneut die enge, Genre übergreifende Verzahnung im italienischen Kino bewies. Der deutsche Titel "Müssen Männer schön sein?" bezog sich wenig schmeichelhaft auf das Äußere der fünf männlichen Protagonisten, die sich in den einzelnen Episoden an besonders attraktiven weiblichen Antipoden versuchen, lenkte aber von der tatsächlichen Intention des Films ab, denn lächerlich machen sich nur die beiden Männer in der ersten und letzten Episode, was auch der inneren Ordnung des Films entspricht.

Tomas Milian spielte gegen sein sonstiges Image in der ersten Episode "La cavallone" (Das Pferdchen) ein verklemmtes, mit dicken Gläsern bebrilltes Muttersöhnchen, das als einziger Mann des Ortes nicht in die allgemeine Begeisterung für die schöne Emilia Chiapponi (Edwige Fenech) einstimmt. Sobald sie über den Platz des toskanischen Ortes in ihrem eng anliegenden roten Kleid schreitet - meist in Begleitung ihres stolzen Ehemanns – kennen die Männer keine Zurückhaltung mehr, sondern stehen geifernd, glotzend und sprachlich hemmungslos ihre Gefühle ausdrückend Spalier. Eine Überzeichnung des männlichen Machismo, an dem sich nur der Cavaliere Marelli (Tomas Milian) nicht beteiligt. Doch dessen äußerlich gewahrte Zurückhaltung basiert nicht auf Anstand, sondern ist nur Zeichen seiner sexuellen Verklemmtheit, denn in seiner Fantasie treibt er es mit Emilia an den verwegensten Orten. Was wie eine leicht alberne Satire auf männliches Geprotze beginnt, vertiefte der Film geschickt, denn Emilia geht ernsthaft auf die Anrufe des Cavaliere ein, in denen er ihr seine Fantasien schildert, und ist bereit sich mit ihm zu treffen.

Eine Überforderung für den nur von seinem sicheren Ort heraus mutig agierenden Cavaliere, der sich zuerst davor drückt, die Verabredung einzuhalten, um dann seine Empörung darüber auszudrücken, dass sie realen Sex ausüben wollte. Zu diesem kommt es tatsächlich, da sich zufällig der rustikale Typ mit der größten Klappe dort aufhielt und von der Situation profitiert – eine zusätzliche Erniedrigung für den verklemmten Cavaliere, als er von dessen lauthals verbreiteten Erlebnissen erfährt. Die erste Episode wirkt oberflächlich wie eine alberne Farce mit Tomas Milians Brettfrisur und seinen Flaschenboden-Brillengläsern, ist aber ein ironisches Spiel mit dem typischen männlichen Imponiergehabe, dass auch einen schadenfrohen Betrachter nicht befriedigen kann, da ausgerechnet der unangenehmste Angeber zum Ziel kommt. Die Voyeur-Perspektive kehrt sich letztlich um, auch wenn Edwige Fenech wie gewohnt optisch überzeugen kann, denn am Ende stehen die Männer im Visier und hinterlassen keine gute Figur.

Die zweite Episode "L'attimo fuggente" (Ein flüchtiger Moment), die fast ausschließlich zwischen Esmeralda (Giovanna Ralli), einer Dame aus guter Gesellschaft, und ihrem Chauffeur Filippo (Alberto Lionello) spielt, wirkt im Gesamtkontext am schwächsten, auch weil das ständige Drängen des Chauffeurs und die halbherzigen Zurückweisungen der Dame zunehmend nerven. Die Auflösung klärt zwar dieses Verhalten, kann aber nur im Zeitkontext überzeugen, als dem Ausleben von sexuellen Fantasien, kombiniert mit männlicher Impotenz, noch etwas Aufregendes anhaftete (siehe auch Woody Allens „Was sie schon immer über Sex wissen wollten…(1972), der hier Pate stand). Auffällig ist hier das Gleichgewicht zwischen Mann und Frau, das sich auch in der dritten Episode fortsetzt, auch wenn zuerst ein anderer Eindruck entsteht. Die Episode mit Marty Feldman ließe sich leicht aus dem Episoden-Kontext herauslösen, da sie weniger das generelle sexuelle Verhalten beleuchtet, als dem englischen Komiker die Möglichkeit bot, seinen ureigenen Humor auszuleben. Für seine Anhänger ist "La guardia del corpo" (Der Leibwächter) entsprechend ein Fest, die Szenen um die verwöhnte Tochter Mariana (Dayle Hadden) und ihre Party gaben Sergio Martino zwar die Gelegenheit für einige Nacktszenen, sind darüber hinaus aber nicht besonders originell.

Es sind die beiden abschließenden Kurzfilme, die dem Film neben der Eingangsepisode Gestalt geben, weshalb sie zu recht am Ende stehen. Die vierte Episode "I soldi in bocca" (Geld im Mund), die im Gegensatz zu den sonstigen Geschichten in der Schweiz angesiedelt ist, worauf der Film mit witzig klingenden deutsch gesprochenen Dialogen anspielt (nur in der Originalfassung), ist intelligent und überraschend erzählt, und bereichert das nach wie vor aktuelle Thema um die Schweizer Bankkonten um eine erotische Variante. Hier kommt keines der beiden Geschlechter gut weg, sieht man vom männlichen Protagonisten (Enrico Montenaso) einmal ab, von dessen leicht linkischen Auftreten man sich nicht täuschen lassen sollte, auch wenn sein Äußeres im starken Kontrast zur schönen Barbara Bouchet steht. Die deutsche Fragestellung „Müssen Männer schön sein?“ erweist sich trotzdem in keiner Episode als passend, da es nie um die traditionelle Eroberung einer Frau geht. Bekam in der ersten Episode die Angebetete ihren Kavalier gar nicht erst zu Gesicht, war der zweite Film ein Spiel unter Partnern und wird Marty Feldman im dritten Teil zum unerwarteten Helden, so sind es in der vierten Episode nur die 20 Millionen Lire, die die Frau weich werden lassen.

Das bleibt signifikant für einen Film, in dem Sex nur egoistisch motiviert ist, was die fünfte Episode geschickt an einer scheinbar emotionalen Situation verdeutlicht. Denn Adriano Serpetti (Aldo Maccione), der gerade in seiner frisch angemieteten Wohnung angekommen ist, wo er sich eine Auszeit von Ehefrau und Kindern verschaffen will, rettet der schönen jungen Nachbarin (Sydne Rome) das Leben, als sie sich vom Sims aus in den Tod stürzen will. Doch der Versuch des Familienvaters, diese Situation auszunutzen, um in ihrem Bett zu landen, ist genauso unangemessen, wie ihre Forderung nach ewiger Liebe. Das Einzige, was in "Un posto tranquillo" (Ein ruhiger Ort) authentisch ist – genauer betrachtet sogar im gesamten Film – ist der Schäferhund, der eifersüchtig über sein Frauchen wacht. Da bleibt Mann nur die Flucht. "40 gradi all'ombra del lenzuolo" ist kein Film über ein paar lächerliche Idioten, die sich an schöne Frauen heranmachen  - wie es der deutsche Titel suggeriert - sondern eine intelligente Sezierung von Männern und Frauen, denen es weniger um Sex geht, als um ihren eigenen Vorteil. Ein wenig Selbstreflexion ist schon notwendig, um Sergio Martinos gelungene Erotik-Komödie zu mögen.

"40 gradi all'ombra del lenzuolo" Italien 1976, Regie: Sergio Martino, Drehbuch: Tonino Guerra, Giorgio Salvioni, Sergio Martino, Darsteller : Edwige Fenech, Tomas Milian, Giovanna Ralli, Alberto Lionello, Dayle Hadden, Marty Feldman, Barbara Bouchet, Enrico Montenaso, Sydne Rome, Aldo Maccione, Laufzeit : 102 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Martino:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.