Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Mittwoch, 12. März 2014

La mala ordina (Der Mafiaboss - Sie töten wie Schakale) 1972 Fernando Di Leo

Inhalt: In der New Yorker Mafia-Zentrale erteilt Corso (Cyril Cusack) geschäftsmäßig den Befehl an die zwei Profi-Killer Catania (Henry Silva) und Webster (Woody Strode), nach Mailand zu fliegen, um dort Luca Canali (Mario Adorf) zu töten – ganz offiziell und mit Unterstützung der Mailänder Mafia. Deren Boss Tressoldi (Adolfo Celi) reagiert keineswegs erfreut auf die Ankunft der US-Killer, die ihn dazu auffordern, ihnen Canali auszuliefern, denn er versteht nicht, warum seine eigenen Leute den Job nicht erledigen sollen.

Tressoldi befürchtet, dass ihm die New Yorker auf die Schliche gekommen sind, dass er selbst die Drogengelder gestohlen hat und nicht der Zuhälter Canali, dem er diese Tat untergeschoben hat. Canali, der sich wie gewohnt um seine Prostituierten kümmert und zwischendurch seine kleine Tochter trifft, die er nach der Scheidung von seiner Frau (Silvia Koscina) nur noch selten sieht, ahnt nicht, was auf ihn zukommt. Nicht nur die beiden Killer, auch Tressoldi hat es auf ihn abgesehen, um den New Yorkern zuvor zu kommen…


Neben dem schrillen deutschen Filmtitel "Der Mafia Boss - sie töten wie Schakale" existieren noch eine Vielzahl weiterer Varianten in unterschiedlichen Sprachen, darunter "Manhunt in the city" oder "L'empire du crime". Nur die schlichte Übersetzung des Originaltitels "La mala ordina" fehlt, obwohl damit der Inhalt des Films ideal beschrieben wurde. "Ordina" bedeutet Reihenfolge, Ordnung, Auftrag oder Befehl und fasst in einem Begriff die Grundlagen des organisierten Verbrechens zusammen, die auf strengen hierarchischen Regeln beruhen, die keine Abweichung dulden. Das Attribut "mala" (schlecht) scheint entsprechend überflüssig, aber es vermittelt erst die Komplexität einer inneren Abhängigkeit, der sich Niemand entziehen kann.

Der Befehl der New Yorker Mafia-Zentrale an die zwei Profi-Killer Catania (Henry Silva) und Webster (Woody Strode), den Mailänder Zuhälter Luca Canali (Mario Adorf) zu töten, erscheint vordergründig "schlecht", ist aber nur die Folge eines Verstoßes gegen die innere Ordnung. Der ortsansässige Boss Tressoldi (Adolfo Celi) hatte sich persönlich an Drogengeldern bedient und den Kleinkriminellen Canali als Bauernopfer vorgeschoben. Fernando Di Leo lässt offen, ob die ungewöhnliche Maßnahme, zwei Profis aus den USA für einen Job zu schicken, den jeder gedungene Mörder in Mailand auch hätte ausführen können, darauf beruht, dass New York die Mailänder Abteilung durchschaut hat, aber er offenbart damit die Fragilität eines Systems, dass keine Abweichung verträgt und jeden Beteiligten zum Opfer werden lässt.

Auch in Di Leos zuvor gedrehtem Film "Milano calibro 9" (Milano Kaliber 9, 1972) ging es um die inneren Mechanismen des organisierten Verbrechens und geriet der Protagonist in eine unausweichlich scheinende tödliche Situation, aber die Auseinandersetzungen fanden noch persönlich statt und wurden entsprechend emotional geführt. Dass Luca Canali getötet werden soll, ist dagegen nur noch die Folge strategischer Überlegungen ohne persönliche Ressentiments. Mario Adorf agiert hier zwar sympathischer als in seiner Rolle als Mann fürs Grobe in "Milano calibro 9", aber sein Wechsel vom Täter zum Opfer bedarf nur einer minimalen Verschiebung innerhalb des Mafia-Kosmos. Mit dem Verzicht auf staatliche Ermittler betonte Di Leo zudem die Gefährlichkeit dieser kriminellen Institution nicht nur für die Allgemeinheit, sondern auch für jedes seiner Mitglieder. Dass sich Luca Canali gegen seine Opferrolle wehrt und dem Film nach dem brutalen Mord an seiner Ex-Frau und seiner kleinen Tochter mit seinem Furor Emotionen verleiht, erzeugt zwar Schwung und lässt einige Mafia-Granden alt aussehen, ändert wie das äußerlich coole Verhalten der nur auf Befehl handelnden beiden Killer aber nichts daran, dass sie reagierende und innerhalb des Systems schwache Figuren bleiben – dem Ende, dem keine kathartische Wirkung mehr anhaftete, lässt sich entsprechend wenig Optimistisches abgewinnen. 

Viel mehr nutzte Fernando Di Leo die Charaktere der drei Protagonisten und ihr Umfeld zu einer kritischen Betrachtung des damaligen moralischen Wandels in der Gesellschaft, womit er sich endgültig vom Italo-Western verabschiedete, dessen Einfluss auf „Milano calibro 9“ noch deutlich spürbar war. Sex findet nur noch am Straßenstrich, auf Hotelzimmern oder nach Partys statt und die Anzahl nackt agierender Frauen hätte jedem Erotik-Film gut zu Gesicht gestanden. Luca Canali schläft zwar mit Nana (Femi Benussi), eine seiner Prostituierten, aber mit Liebe hat das nichts mehr zu tun, wie sie in „Milano calibro 9“ noch eine - wenn auch tragische - Rolle spielte. Di Leos fatalistische Sichtweise sollte sich im nachfolgenden „Il boss“ (Der Teufel führt Regie, 1973) weiter fortsetzen. Die Beziehung zwischen dem Profi-Killer und der entführten Mafiaboss-Tochter ist ein Paradebeispiel an selbstsüchtiger Egozentrik, während die attraktive weibliche Darstellerriege hier – neben Femi Benussi, noch Luciana Paluzzi, Silvana Koscina und Francesca Romana Caluzzi – selbstbewusst agierte. Francesca Romana Caluzzi als der freien Liebe frönende Linke mit Che Guevara-Poster an der Wand ist zwar ein Klischee, aber als eine von Wenigen entzieht sie sich der Erwartungshaltung ihrer Umgebung und gewinnt durch ihre Unabhängigkeit Sympathien.

„La mala ordina“ scheint angesichts der Abwesenheit jeder Staatsgewalt weniger als Fernando Di Leos frühere Filme „I ragazzi del massacro“ (Note 7 – die Jungen der Gewalt, 1969) und „Milano calibro 9“ dem „Polizieschi“ – Genre anzugehören, entwickelte den Kriminalfilm aber entscheidend weiter. Neben der zunehmenden Verzahnung mit den moralischen und gesellschaftspolitischen Veränderungen, wie sie typisch für das Genre werden sollte, blieb es in „La mala ordina“ zwar noch einem Mitglied des Milieus vorbehalten, Selbstjustiz zu üben, aber schon in dem wenig später gedrehten "Milano trema - la polizia vuole giustizia" (1973) von Sergio Martino übernahm der Commissario diese Aufgabe selbst. Gespielt von Luc Merenda, dem Fernando Di Leo in „Il poliziotto é marcio“ (1974), der „Il boss“ folgte, die Rolle des gnadenlosen Rächers zuweisen sollte.

"La mala ordina" Italien, Deutschland 1972, Regie: Fernando Di Leo, Drehbuch: Fernando Di Leo, Augusto Finocchi, Giorgio Scerbanenco (Kurzgeschichte), Darsteller : Mario Adorf, Henry Silva, Woody Strode, Luciana Paluzzi, Adolfo Celi, Femi Benussi, Cyril Cusack, Laufzeit : 102 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Fernando Di Leo:

"Milano calibro 9" (1972)

Keine Kommentare:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.