Fumetti per adulti - Bruno Corbuccis semi-komischer Beitrag zur "Commedia sexy"

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Mittwoch, 25. April 2012

La polizia ringrazia (Das Syndikat) 1972 Steno

Inhalt: Commissario Bertone (Enrico Maria Salerno) sieht sich und seine Polizeibehörde ständiger Kritik ausgesetzt. Die Journalisten beklagen einerseits die mangelnde Aufklärungsquote, andererseits prangern sie jeden polizeilichen Übergriff an. Selbst die überführten Verbrecher nutzen jeden Fehltritt der Polizei, um diese anzuklagen, ganz abgesehen davon, das Bertone mit ansehen muss, wie sie dank eines gewieften Anwalts vor Gericht frei gesprochen werden. Zudem achtet Staatsanwalt Ricciuti (Mario Adorf) besonders auf das korrekte Verhalten der Polizei und droht bei dem geringsten Verdacht mit Dienstverfahren.

In dieser Situation geschieht ein erneutes Kapitalverbrechen, als bei einem Raubüberfall zwei Menschen erschossen werden. Der Täter (Jürgen Drews) und sein Komplize können entkommen, auch weil die Polizei nicht auf sie schießt, um sich nicht erneut der Kritik, übertrieben gehandelt zu haben, auszusetzen. Als eine junge Friseuse vermisst wird, erkennt Bertone, das der Mörder eine Geisel genommen hat, aber die Polizei befindet sich schon auf dessen Spur und ist seinem Komplizen ganz nah. Doch als sie ihn verhaften wollen, erfahren sie von dessen Mutter, das ihnen Jemand zuvor gekommen war...


Auch wenn der deutsche Titel "Das Syndikat" inhaltlich gerechtfertigt ist, entgeht diesem doch die Ironie des Originaltitels "La polizia ringrazia" - "Die Polizei dankt". Es stellt sich nur die Frage, wofür sie dankt, denn Commissario Bertone (Enrico Maria Salerno) und seine Behörde stehen allgemein in der Kritik? - Von ihnen überführte Verbrecher kommen dank gewiefter Anwälte wieder frei, jeder Fehler wird von den Journalisten angeprangert und die Bevölkerung scheint den Glauben daran verloren zu haben, dass die Polizei noch für Sicherheit sorgen kann. Auch Staatsanwalt Ricciuti (Mario Adorf) ist keine Hilfe, denn sein Augenmerk gilt den polizeilichen Methoden, weshalb jede Übertretung sofort eine Dienstaufsichtsbeschwerde nach sich zieht.

Inmitten dieser Situation werden bei einem Überfall zwei Menschen getötet und der Mörder (Jürgen Drews) nimmt bei der Flucht eine junge Frau (Laura Belli) als Geisel. Auch sein Kompagnon, der das Motorrad fuhr, kann entkommen, aber die Polizei kommt ihm schnell auf die Spur. Als sie ihn verhaften wollen, erfahren sie von dessen Mutter und Schwester, dass die Polizei ihn schon mitgenommen hätte. Das es sich dabei nicht um echte Polizisten gehandelt hatte, wird am nächsten Morgen deutlich, als man den Gesuchten hingerichtet am Ufer des Tiber auffindet. Unbekannte hatten das Gesetz in die eigenen Hände genommen, aber ist das ein Grund für die Polizei, dankbar zu sein?
 

Der provokant formulierte Titel führt direkt in die politisch - gesellschaftliche Situation Italiens, Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre. Streiks, Studentenunruhen und Bombenattentate hatten das Land erschüttert. Das gleichzeitige Erstarken der Kommunistischen Partei Italiens unter Enrico Berlinguer führte dazu, das konservative Kräfte zunehmend daran arbeiteten, wieder die Kontrolle zu übernehmen - die steigende Verbrechensrate, die terroristischen Akte und die scheinbar machtlose Polizei halfen ihnen dabei, strengere Gesetze einzuführen und die Linken als Verursacher zu verunglimpfen - später unter dem Begriff "Strategie der Spannung" bekannt geworden (siehe auch "Documenti su Giuseppe Pinelli" 1970, Elio Petri).

Regisseur Steno entwickelte mit dem Gespür für diese Situation ein äußerst spannendes Drehbuch, bettete diese in eine schnelle, aktionsreiche Kriminalstory, aber seinen Film als ersten Poliziesco zu bezeichnen, wie es gerne kolportiert wird, ist trotzdem falsch. Carlo Lizzani entwarf mit "Banditi a Milano" schon 1968 ein frühes Werk des Genres, indem der Verbrechertypus, der in "La polizia ringrazia" noch sehr realistisch ist, schon den maßlosen Gewalttäter der späteren 70er Jahre vorweg nimmt. Viel mehr werden Parallelen zu den Polizeifilmen Damiano Damianis deutlich, wie etwa zu "Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica" (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauerte) von 1971, indem es auch um die Methoden bei der Verbrechensbekämpfung geht, oder zu Bologninis Justizfilm "Imputazione di omicidio per uno studente" (Mordanklage gegen einen Studenten) von 1972, der den Tod eines Polizisten während eines Studentenprotestes behandelt - ein Thema, das auch "La polizia ringrazia" streift. Grundsätzlich ist der Versuch, ein Genre zeitlich abzugrenzen, zum Scheitern verurteilt, da jeder Stil einer Vielzahl von Einflüssen unterlag und ständig variiert wurde.
 

Stenos Film zeichnet sich durch eine hohe Seriosität in der Beschreibung der Kriminalität aus und versteht sich als klares Plädoyer gegen die Selbstjustiz. Wie sehr der fast dokumentarische Abschnitt, als Commissario Bertone die versammelten Journalisten per Bus durchs nächtliche Rom führt, nicht in das angebliche Klischee eines Poliziesco passte, wird daran deutlich, das dieser in der deutschen Fassung herausgeschnitten wurde, obwohl diese Darstellung ein wichtiges Gegenstück zu den sonstigen Verbrechensschilderungen bildete. Auch Jürgen Drews Gestaltung des zweifachen Mörders verfällt nicht in Einseitigkeit, da er auch die Labilität und Ziellosigkeit in seinem Charakter deutlich werden lässt. Ähnlich wie der Commissario, der sich zunehmend einer unbekannten Gruppierung ausgesetzt sieht, die ohne Skrupel missliebige Personen ermordet und sich dabei im Recht wähnt, wird auch der Betrachter dazu motiviert, eine eigene Haltung zu deren Methoden einzunehmen. 

Das die Selbstjustiz sich als Motiv durch das Genre der Polizieschi der 70er Jahre zu ziehen scheint, ist eine vereinfachende Interpretation. Konkret kommt eine ähnlich politisch motivierte Gruppierung in Umberto Lenzis „L'uomo della strada fa giustizia“ (Manhunt in the city) von 1975 vor, oder Franco Nero nimmt als Bürger in „Il cittadino si ribella“ (Ein Mann schlägt zurück) von Enzo G.Castellari 1974 das Recht in seine Hände, aber der Typus des knallharten Commissario, der auf eigene Faust die Verbrecher jagt, wie ihn Maurizio Merli unter anderem in „Roma a mano armata (Die Viper, 1976) oder in „Il commissario ferro“ (Kommissar Mariani – Zum Tode verurteilt, 1978) spielte, ist eine Hochstilisierung dieser Figur, parallel zu einer immer brutaleren Verbrechergilde. Niemals würde einer dieser selbstständig handelnden Polizisten auf den Gedanken kommen, einen politischen Aktivisten oder einen homosexuellen Freier zu töten. Stattdessen erweiterte sich der Verbrechertypus um Menschen, vorzugsweise junge Männer aus gutem Hause, die aus reiner Langeweile vergewaltigten und mordeten, wie im oben erwähnten „Roma a mano armata“ oder in „Fango bollente“ 1976, in dem Enrico Maria Salerno als älterer, sprachlich versierter Commissario auftrat. 

In „La polizia ringrazia“ ist seine Rolle sehr nah an der Realität der damaligen italienischen Gegenwart, weshalb der Film sich zunehmend zum Polit -Thriller entwickelt, der spüren lässt, das ein übermächtiger Gegner nichts weniger beabsichtigt, als die gesellschaftliche Ordnung in Italien in seinem Sinne zu verändern. Wie präsent dieser Verdacht damals war, der sich später als richtig erweisen sollte, wird nicht nur in den Filmen der bekannten Polit - Film Regisseure Damiano Damiani oder Francesco Rosi deutlich, auch Roberto Infascelli, hier noch ausschließlich als Produzent tätig, fügte ein Jahr später mit „La polizia sta a guardare“ (Der unerbittliche Vollstrecker, 1973) als Regisseur und Drehbuchautor einen ähnlich konsequenten und spannend erzählten Film hinzu, der viele Elemente von „La polizia ringrazia“ wieder verwendete, erneut mit Enrico Maria Solerno in der Hauptrolle als Polizeichef.

"La polizia ringrazia" Italien, Deutschland, Frankreich 1972, Regie: Steno, Drehbuch: Steno, Lucio de Caro, Darsteller : Enrico Maria Salerno, Mario Adorf, Cyril Cusack, Mariangelo Melato, Jürgen Drews, Laura Belli, Laufzeit : 94 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Steno:

Kommentare:

Intergalactic Ape-Man hat gesagt…

Gute Wahl und ein schöner Text. Nur ein Detail: Könnte man von Castellari nicht "Il grande racket", freilich nur eine Weiterführung des Selbstjustizthemas, inhaltlich eher vergleichen als den einzelnen Märtyrer in "Il cittadino si ribella"?
"La polizia ringrazia" jedenfalls fand ich toll, weil er vielleicht noch etwas ironischer als zynisch im Vergleich zu Damiani ein ähnliches Feld beackert.
Kann man „La polizia sta a guardare“ von der Stimmung gleichsetzen oder geht das dann wieder mehr in die plumpe Lenzi-Action-Richtung? Die gibt mir im Polizeifilm nämlich bisher nicht sehr viel.

Bretzelburger hat gesagt…

Danke für deinen Kommentar - dieser gibt mir die Möglichkeit, ein paar Dinge anzumerken, die nicht in ein Review passen.

Zum ersten Punkt gebe ich dir recht - Castellaris "Il grande racket" betrachtet das Selbstjustiz-Thema von der Polizei-Seite aus und liegt inhaltlich mehr auf der Linie. Mir ging es aber um die grundsätzliche Thematik - auch in Lenzis "L'uomo della strada fa giustizia" ist es ein Bürger, der Selbstjustiz ausführt - Lenzi bricht die Thematik, indem am Ende deutlich wird, das dieser die Falschen erschossen hat, während die Polizei durch kluge Ermittlungen den Fall löst.

Hinweise auf andere Filme vorzunehmen, birgt immer die Gefahr in sich, entweder zu viele aufzuführen oder passendere nicht zu erwähnen. Insgesamt habe ich mir vorgenommen, das Genre des Poliziesco stärker miteinander zu verzahnen, um die Entwicklung (auch für mich) besser nachvollziehen zu können. Die Frage nach "La polizia sta a guardare" ist in diesem Zusammenhang sehr gut, denn tatsächlich bewegt sich der Film in eine plakativere, weniger hintergründige Richtung, allerdings noch entfernt von der Lenzi-Richtung, die ich allerdings nicht plump finde - die Review zu "La polizia sta a guardare" habe ich schon geschrieben und kommt bald, da der Vergleich zu "La polizia ringrazia" nahe liegt.

Der Grund, warum ich "La polizia ringrazia" vorgezogen hatte (ich wollte mich zuerst mit der Zusammenarbeit Lenzi/Milian beschäftigen), lag in der Aufschrift auf der DVD, es handele sich hier um den ersten Poliziesco, als wäre ein solche Genre-Abgrenzung genau festzulegen. Das ist typischer Marketing-Quatsch, der aber in diversen Reviews schon weiter gegeben wurde.

Intergalactic Ape-Man hat gesagt…

"L'uomo della strada fa giustizia" fehlt mir leider noch, aber das Prinzip klingt anregend. Vielleicht habe ich bisher einfach die falschen Lenzi-Filme mit den falschen Erwartungen angesehen, denn die werden ja oft hoch gepriesen, obwohl er sich bewußt am amerikanischen Actionfilm orientiert und z.B. im Vergleich "Il giustiziere sfida la città" mit einem auch um einen Entführungsfall gestrickten "La città sconvolta: caccia spietata ai rapitori" deutlich weniger feinsinnig scheint. Und dabei habe ich ein grundsätzliches Herz für Umberto Lenzi, allein schon aus alter Schundfilmverpflichtung.

Es freut mich, daß du dich dieser Sparte annehmen willst, zumal ja auch gerade zum Thema Lenzi/Milian in absehbarer Zeit weitere deutsche DVDs erscheinen werden. Gerade wenn man Umberto Lenzi oder Enzo Castellari (dessen "La polizia incrimina la legge assolve" ich endlich sehen möchte) so lauscht, dann kann man den Poliziotteschi nicht nur eng verknüpft mit der Stimmung in Politik und Bevölkerung sehen, sondern muß tatsächlich das amerikanische Actionkino, den urbanen Western und Selbstjustizthriller als solchen in Bezug nehmen. Nicht zuletzt scheint es den Regisseuren auch selbst eine Freude gewesen zu sein, sich in dem Sujet mit Blick auf ihre US-Vorbilder austoben zu können.

Interessant wäre für mich im Hinblick auf die Henne oder das Ei, ob man einen Startpunkt, sofern fixierbar, überhaupt vom Filmischen und/oder eben auch dem Zeitgeschehen her definieren müßte. "Il giorno della civetta" z.B., der ja deutlich vor "La polizia ringrazia" gedreht wurde, würde ich durchaus zur Thematik zählen.

Bretzelburger hat gesagt…

Ich bin ganz deiner Meinung - "Il giorno della civetta" ist auch ein Poliziesco. Die Übergänge sind fließend, denn die Thematik lag in der Luft.

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.