Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

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Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Mittwoch, 19. August 2009

Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert) 1971 Damiano Damiani

Inhalt : Ein Krimineller wird überraschend aus einer Nervenanstalt entlassen und richtet ein Blutbad an. Commissario Bonavia (Martin Balsam) hatte die Ärzte der Anstalt zwar dazu erpresst, den Mann frei zu lassen, allerdings war ihm die Situation außer Kontrolle geraten. Er hatte geplant, damit Lomunno (Luciano Catenacci) unter Druck setzen, einem nach außen hin seriös wirkenden Geschäftsmann, den er schon lange als Mafia-Verbrecher zu überführen versuchte.

Als mit Staatsanwalt Treni (Franco Nero) ein überaus korrekter Jurist auf diesen Fall angesetzt wird, fallen diesem schnell Ungereimtheiten auf. Doch obwohl ihn Treni in die Enge zu treibt, lässt sich Bonavia nicht von seiner Jagd auf Lipuma aufhalten...


Auch wenn hier - wie häufig - der deutsche Titel nicht das Geringste mit dem Originaltitel zu tun hat, so muss man konstatieren, dass der deutsche Verleiher dem Film von Damiano Damiani damit einen Gefallen getan hat. Der im Original lautende Titel "Das Geständnis eines Polizeikommissars vor dem Staatsanwalt der Republik" hinterlässt einen dermaßen staubtrockenen Eindruck, dass damit sicherlich deutlich weniger Aufmerksamkeit erzeugt worden wäre. Letztlich erfassen beide Titel den Charakter des Films, der sowohl die plakative Action, als auch die sprachintensive Aufarbeitung der politischen und mafiösen Verstrickungen bis in höchste Staatsämter miteinander verbindet.

Franco Nero spielte den jungen Staatsanwalt Treni, der in Palermo auf Sizilien seinen Dienst antritt, und moralisch integer seinen staatlichen Auftrag, den Bürger vor dem Verbrechen zu schützen, umsetzen will. Franco Nero, der schon zuvor mit Damiani "Il giorno della civetta" (Der Tag der Eule,1968) drehte und durch "Django" (1966) berühmt wurde, strahlt hier eine glatte, asketische Perfektion aus, gepaart mit einer intellektuellen Attitüde, ein für ihn zum damaligen Zeitpunkt eher untypischer Charakter. Damiani ließ ihm die Wahl zwischen den beiden Hauptrollen und es erstaunt vordergründig, dass er nicht den Part des harten, kompromisslosen Polizeikommissars übernommen hatte, der seinem Image mehr entsprochen hätte. Doch gerade deshalb ist er die ideale Besetzung für die Figur des korrekten Staatsanwaltes, denn durch seine Präsenz und der unter der äußerlichen Fassade zu spürenden Energie, gelingt es Nero dieser eher unpopulären Figur Sympathien einzuhauchen.

Martin Balsam gab mit seinen weicheren, von Erfahrung gezeichneten Zügen den desillusionierten Widerpart. Schon in den ersten Szenen des Films ist zu erkennen, dass er die korrekten Wege der polizeilichen Vorgehensweise schon lange verlassen hat. Er sorgt mit erpresserischen Argumenten dafür,
dass ein gefährlicher Straftäter innerhalb von zwei Tagen frei gelassen wird. Folgerichtig erwartet er die Meldung über einen Mordanschlag, aber das Ergebnis entspricht nicht seinen Vorstellungen, denn er hatte es auf den Mafioso Lomunno (Luciano Catenacci) abgesehen, den er mit korrekten Polizeimethoden nicht überführen konnte. Stattdessen entwickelte sich ein unkontrolliertes Blutbad, dass dazu führte, dass Staatsanwalt Treni den Vorfall untersuchen soll. Nachdem Damiani in den ersten Minuten auf Action setzte, wird die Begegnung der beiden Protagonisten und deren sprachlicher Diskurs, der von der unterschiedlichen Auffassung bei der Verbrechenskämpfung lebt, zum inhaltlichen Schwerpunkt.

Treni kommt dem Kommissar zwar schnell auf die Schliche, kann ihm aber anfänglich nichts nachweisen. Zwischen ihren Treffen streut der Film immer wieder kleinere Szenen ein, um die Charaktere zu vertiefen. Es wird deutlich, dass Bonavia trotz seiner äußerlich schroffen Art, bei der Qualität der Straftaten zu unterscheiden in der Lage ist und nicht automatisch hart durchgreift. Einmal schützt er einen jugendlichen Attentäter und ordnet dessen Vergehen maßvoll ein. Auch sieht man ihn nach dem Sex mit einer Frau in seiner Wohnung, ohne dass der Film verdeutlicht, in welcher Beziehung er zu ihr steht. Treni dagegen telefoniert nur mit seiner kranken Mutter und scheint über kein Privatleben zu verfügen - der Gedanke, er könnte homosexuell sein, wird offen von Bonavia ausgesprochen. Dieser von ihm diffamierend gemeinten Äußerung widerspricht der Film weder, noch bestätigt er sie. Damiani vermied mit diesen differenzierten Charakterzügen jede Eindeutigkeit, um beide Protagonisten in ihrer Bedeutung im Gleichgewicht zu halten.

Auch für die Figur des Bauunternehmers Lomunno gilt diese Komplexität. Auch wenn Damiani den mafiösen politischen Verstrickungen nur wenig Zeit widmet, betonte er die Selbstverständlichkeit, mit der Lomunno und seine Kumpane als angesehene Mitglieder der Gesellschaft aus dem Hintergrund ihren Einfluss geltend machen und verdeutlichte damit, wie weit die Korruption die Gesellschaft schon unterwandert hat. Ähnlich alltäglich sind die geplanten Straftaten. Ein Unternehmer kauft Ackerland für wenig Geld, dass an Hand eines Bebauungsplans zu wertvollem Bauland umgewidmet wird. Dafür werden beste Beziehungen zu verantwortlichen Politikern und Beamten benötigt und wer will behaupten, dass diese Vorgehensweise nicht überall und jederzeit möglich ist. Lomunno selbst ist ein intelligenter, souveräner Geschäftsmann, dessen Gefährlichkeit nur selten aufblitzt, der sich aber nicht scheut, für die Durchsetzung seiner Ziele die Leichen von störenden Zeitgenossen in Bauteilen seiner Neubauten verschwinden zu lassen.

Damiano Damiani gelang an Hand der sehr differenzierten Ausgestaltung seiner zwei Hauptdarsteller, die sich argumentativ auf einer Ebene befinden, ein klassischer gesellschaftspolitischer Diskurs, der seine Aktualität bis heute nicht eingebüßt hat. Wie weit darf das Gesetz gehen, wenn es merkt, dass es die Täter auf normalem Weg nicht überführen kann ? - Welche moralischen Gesichtspunkte sind für ihr Handeln verantwortlich ? - Ist es moralischer, Verbrecher auch mit unlauteren Methoden unschädlich zu machen, als sich an die Statuten des Gesetzes zu halten, damit aber die Täter laufen zu lassen ?

"Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert" bleibt in der Behandlung dieser Themen ernsthaft und gleichzeitig entlarvend hinsichtlich der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Macht einzelner Gruppen, der von der Polizei keine Grenzen gesetzt werden können. Antworten konnte und wollte Damiani nicht geben, was den Realitätsbezug noch unterstreicht. Trotz der scheinbaren Hoffnungslosigkeit der Lage, forderte er ein, sich nicht auf die selbe Ebene wie die Verbrecher zu begeben.

"Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica" Italien 1971, Regie: Damiano Damiani, Drehbuch: Damiano Damiani, Darsteller : Franco Nero, Martin Balsam, Marilù Tolo, Claudio Gora, Luciano Catenacci, Laufzeit : 101 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Damiano Damiani:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.