In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Samstag, 18. März 2017

Poveri ma belli (Ich lass' mich nicht verführen) 1957 Dino Risi

Salvatore (Renato Salvatori) und Romolo (Maurizio Arena) teilen...
Inhalt: Unsanft wird Salvatore (Renato Salvatori) aus dem Schlaf gerissen, denn der von der Nachtschicht heimgekehrte Busfahrer erhebt Anspruch auf sein Bett, das Salvatores Mutter tagsüber vermietet hat. Dumm nur, dass er selbst erst spät nach Hause kam, weil er mit seinem Freund Romolo (Maurizio Arena), der mit Vater und Schwester Anna Maria (Alessandra Panaro) in der kleinen Nachbarwohnung lebt, im nächtlichen Rom um die Häuser gezogen war. Aber auch der Busfahrer kommt noch nicht zu seinem Schlaf. Einerseits mokiert er sich über die benutzte Bettwäsche, in der eine Grille haust, andererseits macht sich Salvatore im Zimmer noch frisch. 

..normalerweise alles, aber bei Giovanna (Marisa Allesio) wird's schwer
Gemeinsam mit Romolo verlässt er das Mietshaus, um zur Arbeit zu gehen, aber das hält sie nicht davon ab, stehen zu bleiben, als sie in einem Schneiderladen eine hübsche junge Frau entdecken. Unter dem Vorwand, einen maßangefertigten Anzug bestellen zu wollen, betreten sie den Laden, worauf Giovanna (Marisa Allesio), die die beiden Männer sofort durchschaut, sie bittet, sich in einer Umkleidekabine ihrer Hosen zu entledigen. Erwartungsvoll machen sich Salvatore und Romolo ans Werk - bis sie merken, dass sie in keiner Kabine, sondern im Schaufenster stehen. Giovanna hatte das Rollo hochgezogen und der lachenden Menge die Männer in Unterhosen präsentiert. Ein wenig beleidigt setzen sie ihren Weg fort, aber Giovanna geht ihnen nicht mehr aus dem Kopf… 

Die unter der Regie Pasquale Festa Campaniles entstandenen erotischen Komödien "Als die Frauen noch Schwänze hatten" (Quando le donne avevano la coda, 1970) oder "Das nackte Cello" (Il merlo maschio, 1971), verfügen heute noch über einen gewissen Bekanntheitsgrad in Deutschland und kamen auch auf Video oder DVD heraus. "Poveri ma belli",  gehört dagegen zu den Filmen, die in Italien bis heute populär sind, hierzulande aber vergessen wurden, obwohl der Film unter dem Titel "Ich lass' mich nicht verführen" Ende der 50er Jahre auch in den deutschen Kinos gelaufen war.

Dass Pasquale Festa Campanile als Drehbuchautor an "Poveri ma belli" beteiligt war, ist entsprechend unbekannt, wie auch seine Partnerschaft mit Massimo Franciosa, mit dem er vor seiner ersten Regie-Arbeit fast 10 Jahre gemeinsam Drehbücher verfasste und damit den Weg für die "Commedia sexy all'italiana" bereitete. Ähnlich wie die "sexuelle Revolution" Ende der 60er Jahre das Ergebnis des sozialen Wandels nach dem Krieg war, ist die erotische Komödie keine Erfindung der frühen 70er Jahre. 


Blickfang für die versammelten Herren: auf der Straße...
"Poveri ma belli" (deutscher Titel „Ich lass' mich nicht verführen“, übersetzt „Arm, aber schön“) hat es auf die Liste der "100 film italiani di salvare" (100 zu bewahrende italienische Filme) gebracht, die eine italienische Experten-Kommission Ende der 90er Jahre aufstellte. Angesichts einer Komödie über Liebeslust und - leid junger Römer, die 1957 so gut in Italien ankam, dass sie mit "Belle ma povere" (Puppe mit Pfiff, 1957) und "Poveri millionari" (1959) zwei Fortsetzungen nach sich zog, eine auf den ersten Blick überraschende Ehre. Anders als die spezifischen Totò-Komödien ("Totò a colori" (1952)), die sich adäquat nur schwer aus dem Italienischen übersetzen lassen, kamen die jeweils unter der Regie von Dino Risi entstandenen, immer mit denselben Hauptdarstellern besetzten „Poveri“-Filme auch in die deutschen Kinos. Nur der dritte Teil - ohne Beteiligung des weiblichen Stars Marisa Allesio herausgekommen, die nach ihrer Hochzeit früh ihre Karriere beendete - brachte es nicht mehr auf eine deutsche Leinwand, aber auch dessen zwei Vorläufer gerieten als Lustspiele unter vielen schnell in Vergessenheit.

...oder in den eng stehenden Miethäusern
Zu unrecht. „Poveri ma belli“ wurde zu einer wichtigen Initialzündung für die italienische Komödie, besonders für die in den 60er Jahren aufkommende „Sexy“-Variante. Mit dem jungen Autoren-Duo Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa verfassten zwei Protagonisten der späteren „Commedia sexy all’italiana“ das Drehbuch. Und Regisseur Dino Risi, mit dem sie hier ihren ersten von fünf gemeinsamen Filmen schufen – neben den drei „Poveri“-Teilen noch „La nonna sabella“ (1957) und „Venezia, la luna e tu“ (Der Windhund von Venedig, 1958) – sollte zu einem führenden Vertreter der „Commedia all’italiana“ werden. Mit Filmen wie "Il sorpasso" (Verliebt in scharfe Kurven, 1962) oder "I mostri" (1963) warf Risi entlarvende Blicke hinter die Fassade der italienischen Sozialisation – nicht zuletzt auch auf das Sexualleben seiner Landsleute.

Romolos Schwester Marisa (Lorella De Luca) wird nicht ernst genommen
Ihr gemeinsames Frühwerk „Poveri ma belli“ erscheint dagegen noch leichtgewichtig und wenig sozialkritisch. Die beiden jungen Männer Salvatore (Renato Salvatori) und Romolo (Maurizio Arena), im Mietshaus Seite an Seite aufgewachsen und seit ihrer frühen Kindheit miteinander befreundet, genießen das Sommerleben in Rom. Ihre Jobs – Salvatore arbeitet als Bademeister in einem Tiber-Strandbad, Romolo als Aushilfe im Plattenladen seines Onkels (Mario Carotenuto) – nutzen die gutaussehenden Kerle, um bei den Frauen ihren Charme spielen zu lassen. Abends schmeißen sie sich in Schale und streifen durch die Stadt – immer auf der Suche nach dem nächsten hübschen Mädchen. Ihre jüngeren Schwestern, die jeweils in den Freund des Bruders verliebt sind, nehmen sie dagegen nicht als Frauen wahr und behandeln sie mit der entsprechenden Ignoranz.

Dagegen legen sich die Freunde bei Giovanna...
Die beiden männlichen Hauptdarsteller Maurizio Arena und Renato Salvatori verdankten diesen Paraderollen ihren Durchbruch, ihr weiblicher Widerpart Marisa Allesio war als „italienische Jayne Mansfield“ dagegen schon sehr populär in Italien. In der Rolle der Giovanna wird sie zum Love-Interest beider Männer, denen es gelingt, sich mit ihr am Abend zu verabreden, was sie gegenüber dem Anderen selbstverständlich verschweigen. Bis sie sich am Treffpunkt begegnen und feststellen müssen, dass sie auf dieselbe Frau warten. Für Salvatore kein Problem, der beim gemeinsamen Tanz als von Gefühlen übermannter Charmeur auf einen Kuss dringt. Und ihn auch bekommt. Er glaubt sich am Ziel, aber Romolo, der die Party zuvor missgelaunt verlassen hatte, gibt noch nicht auf. Mit seiner Masche, den uninteressiert scheinenden, abweisenden Coolen zu geben, gelingt es ihm ebenfalls Giovanna zu küssen.

...richtig ins Zeug, aber...
„Poveri ma belli“ benötigt nicht lange, um eine Handlung in Gang zu setzen, die weniger stringente Erzählung, mehr facettenreiche Momentaufnahme ist. Es ist das Abbild einer jungen Generation im sozialen Wandel der Nachkriegszeit, für die Spaß und Freizeitvergnügen an erster Stelle steht. Und die Sexualität, woran „Poveri ma belli“ in seiner für die Entstehungszeit ungemein frivolen Inszenierung keinen Zweifel ließ. Besonders Giovanna, die nicht nur mit beiden Männern offen turtelt, sondern mit Ugo (Ettore Manni), obwohl er kurz zuvor mit ihr Schluss gemacht hatte, noch einen weiteren Verehrer in der Hinterhand hat, widersprach in ihrem selbstbestimmten Verhalten den vorherrschenden Moralvorstellungen. Der deutsche Filmtitel „Ich lass' mich nicht verführen“ brachte es auf den Punkt, denn Giovanna behält jederzeit die Kontrolle über das Liebesspiel. Trotz ihrer freizügigen Bade-Kleidung und der sie umgebenden Männer, entsteht nie der Eindruck, dass sie leicht zu haben ist.

...auch Ugo (Ettore Manni) hat noch nicht mit ihr abgeschlossen
Damit hielten Risi und sein Autoren-Duo den Männern den Spiegel vor, die zwar nichts anbrennen ließen, gleichzeitig aber gerne den Moralapostel spielten. Gegenüber ihren jeweiligen Schwestern Marisa (Lorella De Luca) und Anna Maria (Alessandra Panaro) sind die beiden Freunde schnell mit Vorhaltungen, sobald diese sich auch nur dezent aufhübschen. Da setzt es auch mal eine Ohrfeige als Ausdruck einer Doppelmoral, die Männern wie Romolos Onkel – von Caretonuto mit gewohntem Hang zur Lächerlichkeit verkörpert - nächtliche Affären mit verheirateten Frauen in seinem Plattenladen erlaubte, von den jungen Frauen aber sittsames Auftreten verlangte. Allzu dramatisch nahm „Poveri ma belli“ die Sache nicht, sondern wahrte dank seiner beiden sympathischen Protagonisten, die sich selbst nicht zu ernst nahmen, das Gleichgewicht zwischen Komödie und Realität und schuf damit ein stimmiges Zeitbild.

Romolos Onkel (Mario Carotenuto) weiß seinen Plattenladen zu nutzen
Dazu trug auch ein Aspekt bei, auf den der originale Filmtitel und seine zwei Fortsetzungen anspielten – die Armut. Konkret wird sie im Film nicht thematisiert, aber sie bleibt trotz der Homogenität des sozialen Umfelds und der allgemein vorherrschenden Lebensfreude gegenwärtig. Auf wenig Raum leben die Familien in den einfachen Mietshäusern eng beisammen. Salvatore teilt sich sein Bett mit einem nachts arbeitenden Busfahrer, der es tagsüber als Schlafplatz gemietet hat. Die Jobs der beiden jungen Männer sind keine Nebenverdienste während der Ferien, sondern schmaler Haupterwerb, ohne Aussicht auf spätere Karrieresprünge. „Poveri ma belli“ betrachtete diese Situation mit Humor, romantisierte sie aber nicht. Verglichen mit Mario Monicellis "I soliti ignoti" (Diebe haben’s schwer, 1958), der im selben Umfeld angesiedelt war, hielt sich die Sozialkritik zwar zurück, ließ aber spüren, dass die libertären Freizeitaktivitäten immer auch Ablenkung vom Alltag sind. Und das die Protagonisten am Ende den Konventionen nicht entkommen können.

"Poveri ma belli" Italien, Frankreich 1957, Regie: Dino Risi, Drehbuch: Pasquale Festa Campanile, Massimo Franciosa, Dino Risi, Darsteller : Marisa Allesio, Renato Salvatori, Maurizio Arena, Lorella De Luca, Alessandra Panaro, Mario Carotenuto, Memmo Carotenuto, Ettore Manni, Laufzeit : 98 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Dino Risi: 

"L'amore in città" (1953) 
"Il sorpasso" (1962) 
"I mostri" (1963)
"Le bambole" (1965) 
"I nuovi mostri" (1977)

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.