In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Dienstag, 27. November 2012

Una pistola per Ringo (Eine Pistole für Ringo) 1965 Duccio Tessari


Inhalt: Während sich der Sheriff (George Martin) mit seiner Verlobten Ruby (Lorella De Luca) und deren Vater Major Clyde (Antonio Casas) für das bevorstehende Weihnachtsfest verabredet und alle im Ort sich gegenseitig ein frohes Fest wünschen, überquert der mexikanische Bandenboss Sancho (Fernando Sancho) mit seinen Männern und einer Frau in einer offenen Kutsche die US-Grenze, wobei er die zwei Grenzsoldaten, die ihn aufhalten wollen, erschießt.

Derweil sitzt Ringo (Giuliano Gemma) im Gefängnis des Ortes, weil er in einem Duell vier Brüder erschossen hatte. Aus seiner Sicht ist er unschuldig, da er in Notwehr gehandelt hatte. Er sieht zu, wie die hübsche Dolores (Nieves Navarro) ins Büro des Sheriffs kommt und ihn um Hilfe bittet. Sie war von Sancho vorgeschickt worden, um den Sheriff abzulenken, denn inzwischen raubt seine Bande in aller Ruhe die Bank aus. Doch als sie fliehen, gelingt es dem Sheriff noch, Sancho anzuschießen und sofort die Verfolgung aufzunehmen, weshalb dieser gezwungen ist, mit seiner Bande auf der Ranch von Major Clyde Zuflucht zu suchen…


"Una pistola per Ringo" (Eine Pistole für Ringo) kam nur wenige Monate nach "Per un pugno di Dollari" (Für eine Handvoll Dollar, 1964) in die italienischen Kinos, steht aber heute, trotz seines damaligen Erfolgs und dem damit verbundenen Aufstieg Giuliano Gemmas zu einem der bekanntesten Darsteller des Genres, im Schatten von Leones stilbildendem Werk. Das begründet sich nicht allein durch dessen Qualität, sondern durch die unzähligen Nachahmer, die vor allem auf die Karte des schweigsamen Pistolero setzten, der sich mit einer Horde sadistischer Banditen auseinandersetzen musste, von Sergio Corbucci in "Django"(1966) noch weiter zugespitzt. Dadurch wurde die Darstellung einer dreckigen, unbarmherzigen Sozialisation, in der nur das Recht des Stärkeren etwas galt, ein Menschenleben dagegen nichts, zum Abbild des Italo-Western schlechthin und damit der Antwort auf den klassischen Hollywood-Western, obwohl nur wenige Filme die inhaltliche Qualität der Leone-Filme oder von Corbuccis "Il grande Silenzio" (Leichen pflastern seinen Weg, 1968) aufwiesen.

"Una pistola per Ringo" wirkt in diesem Kontext noch nah am us-amerikanischen Vorbild. Fast sauber mit einer im Umfeld der Ranch des Großgrundbesitzers Major Clyde (Antonio Casas) angesiedelten Handlung, dessen Tochter Ruby (Lorella de Luca) mit dem adretten Sheriff (George Martin) der Stadt verlobt ist. Und einem in Ennio Morricones Titelsong als "Angel Face" besungenen Protagonisten Ringo (Giuliano Gemma, noch unter dem Pseudonym Montgomery Wood)), der äußerlich wenig von einem coolen, in sich ruhenden Helden ausstrahlt, auch wenn der Film gleich zu Beginn jeden Zweifel an seinen Schießkünsten ausräumt. Doch dieser Eindruck täuscht, denn Duccio Tessari, der als Drehbuchautor jahrelang mit Sergio Leone zusammen gearbeitet hatte - auch bei dessem ersten eigenständigen Film "Il colosso di Rodi" (Der Koloß von Rhodos, 1959) und bei "Per un pugno di dollari" - gelang mit "Una pistola per Ringo" ein nicht weniger innovatives Werk, das sich schon deutlich von den amerikanischen Western unterschied und dank seiner Originalität den Italo-Western beeinflusste.

Gewisse Parallelen zu Leones Referenzwerk sind offensichtlich - ein nur an Geld interessierter Held ohne Vergangenheit, ein auf wenige Orte beschränkter Handlungsspielraum, ein brutaler, aber nicht dummer Gegner (auch für Fernando Sancho der Start in die Italo-Western-Karriere als Gangsterboss) bis hin zu Morricones Musik - aber Duccio Tessari und seinem Co-Autor Alfonso Balcázar, der als Regisseur parallel eigene Western drehte (unter anderen "L'uomo che viene da Canyon City" (Die Todesminen von Canyon City, 1965)), gelang es, nicht nur der Hauptfigur ganz neue Seiten abzugewinnen. Giuliano Gemma gab den „Ringo“ passend zu seinem glatten, hübschen Gesicht als äußerlichen Gegenentwurf zu Clint Eastwoods „Fremden ohne Namen“, agiert im Film schnell und beweglich – für den ehemaligen Stuntman Gemma eine einfache Übung – und hat für jede Situation einen Spruch parat. Seine Figur stand eindeutig Pate für die späteren Western-Parodien von Terence Hill („Mio nome e nessuno“ (Mein Name ist Nobody, 1973)), aber Gemma gelingt es, trotz seiner provokativen Umgangsformen, jederzeit die Ernsthaftigkeit der Situation zu wahren.

Nach einem Banküberfall wird Sancho und seine mexikanische Bande dazu gezwungen, vor den Verfolgern in der nahe gelegenen Ranch von Major Clyde Zuflucht zu suchen. Sie nehmen den Major, seine Tochter Ruby und deren Arbeiter als Geiseln, um den Sheriff und seine Männer, die die Ranch umzingelt haben, dazu zu zwingen, sie über die nahe gelegene mexikanische Grenze entkommen zu lassen. Um ihrer Forderung Gewicht zu geben, erschießt Sancho jeden Morgen und Abend eine der Geiseln. In dieser konsequent umgesetzten Drohung, besonders dank der sadistisch anmutenden Spielchen, mit denen die Delinquenten nach dem Zufallsprinzip bestimmt werden, weist der Film eine für seine frühe Entstehungszeit ungewöhnliche Härte auf. Angesichts der versuchten Vergewaltigung von Ruby und einiger weiterer rücksichtsloser Morde, überrascht es, dass „Una pistola per Ringo“ heute als weniger brutaler Italo-Western gilt, was der lässig agierenden Figur des „Ringo“ zu verdanken ist, die sich nicht provozieren lässt und deren Handeln nicht von Rachegedanken bestimmt wird.

Einzig seine Verdienstmöglichkeiten bleiben für ihn die Motivation zu Handeln. Erst als ihm 30% des gestohlenen Geldes als Belohnung offeriert werden und er offiziell von einer Anklage wegen vierfachen Mordes freigesprochen wurde – es war natürlich Notwehr, wie immer bei Ringo - ist er bereit, sich zu den Gangstern zu begeben, um diese quasi von Innen heraus zu überwältigen. Was ihn aber nicht daran hindert, mit Sancho über einen höheren Anteil zu verhandeln, um ihm stattdessen die Flucht zu ermöglichen. In dieser Mentalität, jederzeit den eigenen Vorteil im Auge zu behalten und zwei Seiten gegeneinander auszuspielen, zeigen sich eindeutige Parallelen zwischen ihm und Leones „Fremden ohne Namen“ in „Per un pugno di dollari“, ebenso wie in dem Mindestmaß an Moral, dass sie von den sonstigen Gangstern unterscheidet. Doch während Eastwoods cooler Charakter ein solches Verhalten noch erwarten ließ, war Gemmas plaudernder „Milchbubi“ in dieser konsequent zwiespältigen Gestaltung überraschend neuartig.

Das gilt entsprechend für die gesamte Story, denn der Titel „Una pistola per Ringo“ ist hier Programm. Einzig in Ringos erster Szene kommt es zu einem klassischen Duell, während ihm danach ständig die Schusswaffen abhanden kommen. Selbst beim Showdown bleibt Tessari seiner Linie treu und verzichtet gegen jede Erwartung auf typische Revolver-Duelle. Ähnlich ungewöhnlich agiert auch der Großgrundbesitzer Major Clyde, der zwar souverän und standesgemäß auftritt, sich aber in das weibliche Mitglied der mexikanischen Bande, Dolores (Nieves Navarra), verliebt, und ihr erfolgreich den Hof macht. Damals ein klarer Verstoß gegen konservative Regeln, zudem Dolores im Alter seiner Tochter Ruby ist, die sich wenig begeistert von den Amouren ihres Vaters zeigt. Auch ihr Charakter entwickelt sich ungewöhnlich, denn ihre Liebe zum Sheriff spielt für den weiteren Verlauf der Handlung genauso wenig eine Rolle, wie der Sheriff selbst. Stattdessen wird eine Annäherung zu Ringo spürbar, welcher diese aber wieder großzügig an den Sheriff zurück leitet – er selbst verfolgt andere Prioritäten.

Die Nähe zu Leones „Per un pugno di Dollari“, an dem Duccio Tessari mitgearbeitet hatte, bleibt in „Una pistola per Ringo“ spürbar, aber der Film entwickelt darüber hinaus einen ganz eigenen, ungewöhnlichen Charakter. Nicht nur die Hauptfigur des Milch trinkenden Pistolero oder das Handeln der weiteren Protagonisten, sondern allein schon die Ansiedlung der Story vor dem Hintergrund des Weihnachtsfestes und dem daraus entstehenden Gegensatz von Gewalt und traditionellen Feierlichkeiten – ab der ersten Szene offenkundig, als zwei Männer statt sich zu duellieren, Weihnachtsgrüße ausrichten – machten aus „Una pistola per Ringo“ einen Film, der bis heute seine Eigenständigkeit bewahrt hat. Zwar drehte das nahezu identisch besetzte Team noch im selben Jahr mit „Il ritorno di Ringo“ (Ringo kehrt zurück) einen Nachfolger, aber dieser hatte inhaltlich eine ganz andere Gewichtung und verfügte nicht mehr über den stimmigen und lässigen Charakter des Originals.

"Una pistola per Ringo" Italien, Spanien 1965, Regie: Duccio Tessari, Drehbuch: Duccio Tessari, Alfonso Balcázar, Darsteller : Giuliano Gemma, Fernando Sancho, Lorella De Luca, Nieves Navarro, George Martin, Laufzeit : 95 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Duccio Tessari:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.