In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Sonntag, 30. August 2009

Il grande silenzio (Leichen pflastern seinen Weg) 1968 Sergio Corbucci

Inhalt: Ein nur als "Silenzio" bekannter Revolverheld (Jean-Louis Trintignant) kommt in das verschneite Utah und erlebt, wie eine Truppe von Kopfgeldjägern unter der Leitung von Tigrero (Klaus Kinski), genannt "Loco", Menschen jagt und tötet. Angeblich handelt es sich dabei um Rechtlose, die vom Gesetz verfolgt werden. Ein Gesetz, dass es den Großgrundbesitzern ermöglicht, rigoros Land von den Farmern zu erwerben. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er noch nicht, dass er von der Schwester eines Opfers beauftragt wurde, um dessen Tod zu rächen.



1968 war ein früher Höhepunkt des politischen Films erreicht, selbst in Hollywood bekamen junge Regisseure die Möglichkeit ,sozialkritische, "linke" Filme zu drehen. Während der Vietnam-Krieg zu weltweiten Protesten führte und die Hippie- und Studentenbewegung auf dem Höhepunkt war, bekam auch die kommunistische Partei in Italien starken Zulauf. Die Arbeiter streikten, die "Roten Brigaden" - ein Äquivalent zur deutschen RAF - wurden gegründet und es häuften sich offensichtliche Zeichen von Missständen, wie etwa einstürzende Wohnbauten (Von Francesco Rosi schon 1963 in "Le mani sulla città" (Hände über der Stadt) thematisiert). Engagierte Staatsanwälte, die versuchten den behördlichen Filz aufzudecken, begaben sich damit in Lebensgefahr. Allgemein war der Glaube an den Rechtsstaat nachhaltig erschüttert.

Engagierte Künstler versuchten die Bevölkerung mit ihren Filmen aufzurütteln - Damiano Damiani etwa, der mit "Quien Sabe?"  1967 ebenfalls einen Western gedreht hatte, der sich der mexikanischen Revolution annahm, wandte sich  zunehmend dem politisch engagierten Film zu. Jean-Luis Trintignant, der die Hauptrolle in "Il grande silenzio" übernahm und damit an seinem einzigen Western mitwirkte, wurde einer der wichtigsten Darsteller des politischen Films dieser Epoche. Direkt nach Corbuccis Film entstand zusammen mit Yves Montand und Regisseur Costa-Gavras, die sich zeitlebens mit dem Kampf gegen die Diktatur auseinandersetzten, "Z", ein Film über die Entstehung eines totalitären Systems.



Das "Il grande silenzio" einen singulären Charakter behielt, liegt nicht nur an dessen unterschwelliger politischer Haltung, sondern auch an seinen äußerlichen Stilmitteln. Wie schon beim zwei Jahre zuvor entstandenen "Django" hob er sich mit seiner klaren Stilisierung deutlich aus der Masse der Italo-Western heraus. Corbucci siedelte seine Geschichte im winterlich verschneiten Utah an, ließ seinen "Helden" kein Wort sprechen (wodurch sich der Originaltitel "Il grande Silencio" begründet) und nicht zuletzt trieb er den nihilistischen Charakter seiner Western mit einem Ende auf die Spitze, dass in dieser Konsequenz selten erreicht wurde. Selbst wenn dem Betrachter die Schlusssequenzen schon bekannt sein sollten, verfehlen diese Bilder - begleitet von Morricones eindringlicher Musik - nie ihre Wirkung. Dass "Loco" (Klaus Kinski) zuletzt noch wenige Worte spricht, war beinahe unnötig, auch wenn Corbuccis Intentionen damit noch bestärkt werden. Alleine der letzte Blick der Kamera auf Kinskis Gesicht war aussagekräftig genug.

Betrachtet man das Gesamtwerk Corbuccis, wird deutlich, dass "Il grande silenzio" einen Wendepunkt markierte. Orientierten sich seine frühen Western wie "Minnesota Clay" (1964) noch am us-amerikanischen Vorbild, hatte er 1966 mit "Django" eine stilisierte Ikone erschaffen, die das Genre stark beeinflusste. Doch die darin comichaft stilisierte Coolness des Helden, die übertrieben sadistischen Banditen und das bewusst schmutzig gehaltene Umfeld, basierte noch auf der Vergangenheit der Corbucci-Brüder als Verfasser satirisch angehauchter Komödien (unter anderen "Totò, Peppino...e la dolce vita",1961) und übertrieb bewusst die Western-Klischees. Schon in dem unmittelbar nach "Django" entstandenen "Navajo Joe" wurden Corbuccis politische Intentionen deutlich und nahmen die Gewalt und die Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Gesellschaft einen ernsthafteren Charakter an. Nicht nur der Weg zu "Il grande silenzio" war vorgezeichnet, auch sein im selben Jahr entstandener Revolutions-Western "Il mercenario" (Mercenario, der Gefürchetete) zeigte diese Konsequenz, setzte aber mehr auf einen unterhaltenden, weniger pessimistischen Gestus.

Außer bei wenigen Gimmicks - wie die Darstellung der Schießkünste - fehlt in "Il grande silenzio" die Hochstilisierung des Protagonisten zu einer Art Superheld. Trintignant wirkt trotz seiner Fähigkeiten mit dem Revolver verletzlich und bleibt durch seine Intention, immer nur in Notwehr zu schießen, berechenbar. Zumindest für einen intelligenten Charakter wie ihn Kinski hier fast zurückhaltend darstellt. Locos Aggressionen bleiben hinter seiner fast freundlich beherrschten Fassade verborgen. Weder lässt er sich provozieren noch geht er ein unnötiges Risiko ein. Corbucci gelingt damit eine individuelle Variante zum üblichen vordergründig agierenden, eindimensionalen Bösewicht. Wie dieser zu seinem Spitznamen "Loco" (der Verrückte) gekommen ist, bleibt fraglich, denn außer dem Fakt, dass er massenhaft Leichen produziert, wirkt er in seinem Verhalten wesentlich professioneller als die anderen Beteiligten, auch des die Stadt beherrschenden Bankiers. Viel mehr als dieser, der seiner Machtbesessenheit erliegt, ist er in einer bürgerlich zu nennenden Haltung am geschäftlichen Erfolg interessiert.

Konsequenterweise verzichtet Corbucci auf sämtliche Sprüche - unabhängig davon, ob sie satirisch, cool oder sarkastisch gemeint wären. Allein Locos Aussagen, die er in völlig ernstem Ton von sich gibt, wirken durch die Diskrepanz zu seiner Tätigkeit ironisch, allerdings nicht im humorigen Sinne. Auf Grund der Verwendung typischer Charakteristika bleibt "Il grande silenzio" äußerlich ein "Western", nähert sich aber mit einem Szenario, in dem die Bürger dem Staat hoffnungslos ausgeliefert sind, dem politisch motivierten Film. Wenn Corbucci Loco zum Schluss sagen lässt, er hätte im Sinne des Rechtsstaates gehandelt, dann erinnert das an Costa-Gavras Intention in "Z".

1974 entstand mit "Le secret" (Das Netz der tausend Augen) 1974 ein in Frankreich spielender Polit-Film, der aus Corbuccis Film zitierte. Auch hier spielte Trintignant einen nahezu stummen Einzelgänger, der im gesamten Film keinerlei Auskunft über seine Vergangenheit oder Gründe für seine Intentionen abgibt. Ähnlich wie Silenzio ist er ein zwiespältiger Charakter, dessen Haltung zum Gesetz nicht eindeutig ist und der aus eigenen Absichten heraus tötet. Und a
uch hier verlassen die "Staatsdiener" , begleitet von der Musik Morricones, zum Schluss den Ort des Geschehens - wie Loco haben sie nur ihren Job getan. Die meisten Filme des politischen Realismus dieser Zeit endeten tragisch, um keine Illusionen zuzulassen. Wenige dieser engagierten Werke sind noch bekannt - ihre politische Botschaft ist zu offensiv, die ruhige Erzählform und das wenig plakative Geschehen (die Anzahl der Opfer in "Le secret" ist im Vergleich zu "Il grande silenzio" verschwindend gering) besitzen heute nur noch wenig Attraktivität.


Corbuccis Film ist dagegen eine seltene Kombination aus Unterhaltung und politischer Thematik. Dabei verwendet der Regisseur ebenfalls eine ruhige Erzählweise, lässt sich viel Zeit für Details und längere Sequenzen, die nur von Morricones Musik untermalt sind. Aus heutiger Sicht ist diese unterschwellige Form der politischen Botschaft ein Vorteil, denn so bleibt "Il grande silenzio" ein zeitloses Werk über die Unterdrückung der Schwachen im Namen des Rechtsstaates, dass dazu noch mit der Auseinandersetzung zweier charismatischer Charaktere über ein hohes Spannungspotential verfügt und mit einer bis zum Schluss konsequenten Story überzeugen kann.


"Il grande silenzio" Italien / Frankreich 1968, Regie: Sergio Corbucci, Drehbuch: Sergio Corbucci, Bruno Corbucci, Darsteller : Jean Louis Trintignant, Klaus Kinski, Frank Wolff, Marisi Merlini, Carlo D'Angelo, Laufzeit : 105 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Corbucci:

"Django" (1966)

"Navajo Joe" (1966)
"Il mercenario" (1968)

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

yeah! Einer der absolut geilsten Italowestern - und ich hab sie ALLE gesehen... Prost aus Kölle!

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.