Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

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Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Freitag, 19. April 2013

Milano trema : la polizia vuole giustizia 1973 Sergio Martino


Inhalt: Als Commissario Caneparo (Luc Merenda) endlich seinen Dienst beendet, begegnet er einem Polizisten, der gerade mit der Arbeit beginnt. Um etwas für seine Familie dazu zu verdienen, übernimmt er eine Zusatzschicht bei einem Gefangentransport. Nur wenige Stunden später wird Caneparo alarmiert, denn den Gangstern war der Ausbruch aus dem Zug gelungen, bei dem sie mehrere Polizisten erschossen hatten - auch den Mann, mit dem Caneparo früh am Morgen eine Zigarette geraucht hatte. Als die flüchtigen Verbrecher merken, dass sie der Polizei nicht entkommen können, wollen sie aufgeben, was Caneparo nicht davon abhält, sie zu erschießen.

Sein Chef, der ihn mag, kritisiert diese Vorgehensweise, aber der Commissario glaubt nicht daran, dass er suspendiert wird, denn er hätte viele Zeugen, die für ihn aussagen werden. Genau das beunruhigt den Polizeichef, der es für falsch hält, Verbrecher mit ihren eigenen Methoden zu bekämpfen. Doch als er auf offener Straße erschossen wird und die Ermittlungen keine Ergebnisse bringen, beginnt Caneparo rigoros auf eigene Faust vorzugehen…


Bis heute halten sich eine Vielzahl von Mythen zum "Poliziesco all'italiana", die die zeitlichen Abläufe und tatsächlichen Zusammenhänge häufig vernachlässigen. Das Don Siegels erstmals 1971 aufgetauchter "Dirty Harry" Vorbild für den harten, das Gesetz in die eigenen Hände nehmenden Polizeioffizier gewesen sein soll, lässt außer Acht, dass diese Figur vom "Italo-Western" beeinflusst wurde, an dem viele italienische Filmemacher, die später den "Poliziesco all'italiana" prägten, schon beteiligt waren. Nachdem das Western-Genre Ende der 60er Jahre seinen Zenit überschritten hatte, wandten sie sich unterschiedlichen Sujets zu, die Anfang der 70er Jahre auch zu einer Blüte des "Giallo" führte, dessen Grenzen zum Kriminalfilm zwar fließend blieben, dessen Konzentration aber nicht der Polizeiarbeit galt.

Ausgelöst wurde der spezifisch italienische Polizeifilm - als dessen erster prototypischer Vertreter "La polizia ringrazia" (Das Syndikat) von 1972 gilt - erst durch die gesellschaftspolitischen Ereignisse in Italien, die nicht nur zu einem starken Anstieg der Verbrechensrate führte, sondern die gesamte freiheitliche Demokratie in Italien in Frage stellte. Auch Regisseur Sergio Martino und sein Drehbuchautor Ernesto Gastaldi hatten ihre Wurzeln im "Italo-Western", bevor sie zu führenden Vertretern des "Giallo" wurden. Ihr Schritt hin zum "Poliziesco all'italiana", den sie erstmals 1973 mit "Milano trema : la polizia vuole giustizia" (wörtlich "Mailand zittert - die Polizei will Gerechtigkeit" - einen deutschen Verleihtitel gibt es nicht) gingen, ist ohne diese Voraussetzung nicht vorstellbar, denn Beide schufen damit einen der ersten harten Polizeifilme, der sich kompromisslos mit der Selbstjustiz der Exekutive auseinandersetzte.

Auch wenn Maurizio Merli als schnauzbärtiger Fahnder heute über einen höheren Bekanntheitsgrad verfügt, spielte er diese Rolle erstmals 1975 in "Roma violenta" (Verdammte, heilige Stadt). Und Franco Nero ermittelte im parallel 1973 entstandenen "La polizia incrimina la legge assolve" (Tote Zeugen singen nicht) noch im Rahmen der Gesetze. Es war der französische Darsteller Luc Merenda, der als Commissario Caneparo zuerst zwei Verbrecher erschoss, die ihre Waffen schon niedergelegt hatten. Doch anders als Don Siegel in "Dirty Harry" zeigte Martino die Selbstjustiz seines Protagonisten schon nach wenigen Minuten, ohne zuvor eine emotional nachvollziehbare Situation zu entwickeln, um diese Vorgehensweise zu rechtfertigen. Stattdessen beginnt er damit einen Exkurs über die Legitimation, Verbrecher mit ihren eigenen Mitteln zu bekämpfen, den er bis zum bitteren Ende des Films durchhält.

Ähnlich wie "La polizia ringrazia" und dessen Nachfolger "La polizia sta a guardare" (Der unerbittliche Vollstrecker, 1973) erzählt "Milano trema : la polizia vuole giustizia" von einer politisch motivierten Gruppe einflussreicher Persönlichkeiten, die versucht die Kontrolle über das Land zu erlangen, um damit auf ihre Weise das Chaos zu beseitigen - eine in den frühen "Polizieschi" häufig geschilderte Konstellation, die den politischen Thrillern eines Damiano Damiani noch nahe stand und die sich an der konkreten Gefahr einer erneuten Diktatur in Italien orientierte. Commissario Caneparo gerät in die Nähe dieser Gruppe, als er mit unorthodoxen Methoden versucht, das Attentat auf seinen Chef aufzuklären, der auf offener Straße hingerichtet wurde. Dieser hatte ihn einerseits freundschaftlich unterstützt, war gleichzeitig aber auch der größte Kritiker seiner Methoden, die Caneparo jetzt wieder anwendet, um seinen Mörder fassen zu können.

So plakativ diese Vorgehensweise klingt, die Martino zudem mit viel Action unterstützt, so komplex entwickelt sich letztlich seine Sichtweise. Caneparo muss erfahren, dass sein rigoroser Umgang Sympathien bei Personen erzeugt, die nicht zwischen Verbrechern und politisch missliebigen Personen unterscheiden. Sehr schön vermittelt das der Film an der Figur der "Maria Ex", wie Caneparo die junge Frau (Martine Brochard) nennt, die er dazu benutzt, sich in eine kriminelle Gruppe einzuschleusen. Sie ist der Prototyp einer gescheiterten Ex-Studentin, die sich das Bett mit unterschiedlichen Typen in einem heruntergekommenen Gebäude teilt und damit jedes Klischee zur Entstehungszeit des Films erfüllte. Doch Sergio Martino schildert sie als tragische Figur, die gewissen Herren bald als lästige Zeugin im Wege steht.

Es stellt sich die abschließende Frage, warum "Milano trema :la polizia vuole giustizia" heute wenig bekannt ist und noch keine adäquate Veröffentlichung in Deutschland erfuhr, obwohl der Film viele Stilelemente späterer "Polizieschi" vorweg nahm? Vielleicht wurde damals erwartet, dass die gesellschaftskritische Thematik ähnlich differenziert betrachtet werden sollte wie zuvor in "La polizia ringrazia" (Das Syndikat), weshalb die Vorgehensweise des Commissario, die auch von Maurizio Merli später nicht  mehr gesteigert werden konnte, noch als zu plakativ und unrealistisch galt. Zudem konnte Luc Merenda, häufig despektierlich als "Schönling" bezeichnet, nicht an dessen Sympathiewerte heranreichen.

Auch Sergio Martino war die Angelegenheit scheinbar zu ernsthaft, denn in seinem zweiten Poliziesco "Morte sospetta di una minorenne" (1975) brach er die Handlung ironisch. Die Szene, in der eine Verfolgungsjagd im Innenhof des Polizeigebäudes endet, wiederholte er dort exakt, nur mit einem wesentlich komischeren Ergebnis. Beiden unterschätzten Filmen ist gemeinsam, dass sie ungewöhnliche Genre-Beiträge ablieferten:  "Morte sospetta di una minorenne" verband einen harten Poliziesco mit komödiantischen Elemente, "Milano trema :la polizia vuole giustizia" eine gesellschaftskritische Thematik mit einer weniger an einer differenzierten Ausgestaltung als an einer guten Show interessierten Action, die auf die zukünftige Entwicklung des Genres hinwies.

"Milano trema : la polizia vuole giustizia" Italien 1973, Regie: Sergio Martino, Drehbuch: Ernesto GastaldiDarsteller : Luc Merenda, Silvano Tranquilli, Richard Conte, Lia Tanzi, Martine Brochard, Luciano Bartoli, Laufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Martino:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.