In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Montag, 1. Oktober 2012

Vivo per la tua morte (Ich bin ein entflohener Kettensträfling) 1968 Camillo Bazzoni


Inhalt: Als sein Vater schwer verletzt die Ranch erreicht und vom Diebstahl der Pferde berichtet, die er und seine Männer zum Verkauf in die Stadt treiben wollten, macht sich Mike Sturges (Steve Reeves) gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Roy (Sergio De Vecchi) sofort auf den Weg, die Pferde wieder zurück zu holen. Der Erhalt ihrer Ranch hängt davon ab.

Doch die beiden Brüder geraten in eine Falle, als sie sich nächtlich in der Nähe eines stattfindenden Zugüberfalls aufhalten. Tatsächlich steckt Max Freeman (Mimmo Palmara), der das Verbrechen offiziell aufklären soll, selbst dahinter, weshalb ihm Mike und Roy als Verdächtige gerade recht kommen und er dafür sorgt, das sie im Gefängnis von Yuma landen. Dort herrschen unmenschliche Bedingungen und sadistische Wärter, denen der jüngere Bruder bald zum Opfer fällt. Nur der Wunsch nach Rache gibt Mike die Kraft zum Überleben...


Der Italowestern "Vivo per la tua morte" (wörtlich "Ich lebe für deinen Tod", deutscher Titel "Ich bin ein entflohener Kettensträfling" - mal mit, mal ohne vorgesetztes "Django") entstand 1968, als das Genre seinen Zenit schon zu überschreiten begann. Die im selben Jahre erschienenen "C'era una volta il West" (Spiel mir das Lied vom Tod, Sergio Leone) und "Il grande silenzio" (Leichen pflastern seinen Weg, Sergio Corbucci) gelten heute als Referenzwerke des Italowestern, variierten aber den schmutzig - zynischen Gegenentwurf zum US-Edelwestern, für den Leone 1964 mit "Per un pugno di dollari" (Für eine Handvoll Dollar) den Maßstab gesetzt hatte, für individuelle, künstlerisch ambitionierte Interpretationen.

Im Vergleich zu diesen Filmen wirkt "Vivo per la tua morte" konventioneller, noch dem Geist früher Italowestern verpflichtet, was sich auch auf die äußeren Umstände seiner Entstehung zurückführen lässt. Der dem Drehbuch als Vorlage dienende Roman "Judas Gun" von Gordon D.Shirreffs war 1964 erschienen, demselben Jahr in dem Hauptdarsteller Steve Reeves seinen bisher letzten Film gedreht hatte ("I pirati della Malesia" (Meute der Verdammten)). Der ehemalige "Mister Universum", der vor allem durch seine Rollen als "Herkules" bekannt geworden war, hatte sich einige Jahre zuvor eine Schulterverletzung zugezogen, die seine kraftraubenden Rollen erschwerte. Dass er selbst am Drehbuch mitarbeitete, weist darauf hin, dass er sich die Rolle auf den Leib schrieb, die den Versuch darstellte, noch einmal in einem anderen Genre Fuß zu fassen. Es wurde sein letzter Film und auch für Regisseur Camillo Bazzoni, der bisher vor allem als Kameramann und an Kurzfilmen gewirkt hatte, blieb es der einzige Ausflug ins Western-Sujet.

In dieser Konstellation lassen sich gleichzeitig Stärken und Schwächen des Films erkennen. Während Bazzonis atmosphärisch dichte Bildsprache, die immer wieder mit der Tiefe des Raums spielt und aus der Unschärfe heraus überraschende Eindrücke gewinnt, überzeugen kann, basiert die Rolle des Mike Sturges zu sehr auf Steve Reeves damaligem Bekanntheitsgrad und bleibt für einen Italowestern zu eindimensional, mehr an die klassischen Helden des US-Edelwestern erinnernd. Auch die Sympathieträger durften sich im Italowestern bekanntlich menschlichen Lastern hingeben und nahmen die Gesetze nicht immer genau - erst im Vergleich zu ihren korrupten und sadistischen Gegenspielern entstand ihre moralische Instanz. Dagegen bleibt Reeves trotz Cowboy-Kleidung seinem anständigen Herkules-Image treu, erträgt stoisch jedes Leid, um dann körperlich überlegen, aber fair, seine Feinde zu besiegen.

Wer Steve Reeves kennt und schätzt wird sich daran nicht stören, auch nicht an den wenig überzeugenden Charakterisierungen. Mike Sturges soll zwar ein Farmer sein, aber in dieser Funktion sieht man ihn nur in einer kurzen Szene zu Beginn, bevor er sich auf den Weg macht, seinem Vater die gestohlenen Pferde wieder zurückzuholen. Als Revolverheld wird er nie bezeichnet, aber an seinen überlegenen Fähigkeiten im Schießen und Faustkampf gibt es keinen Zweifel, ohne das der Film das näher begründet - da genügt schon Reeves Vergangenheit. Das gilt letztlich aber für das Verhalten aller Protagonisten, ob es sich um den Verräter Mayner (Wayde Preston), den korrupten Gesetzeshüter Freeman (Mimmo Palmara) oder den sadistischen Gefängniswärter (Nello Pazzafini) handelt.

Diese verbreiten allerdings gewohntes Italowestern-Feeling und sind für die Gewalttaten zuständig, die Mike Sturges zum Rächer werden lassen. Besonders im Gefängnis von Yuma geht es Genre gerecht zu, wenn Mikes kleiner Bruder Roy, der ebenfalls unschuldig verurteilt wurde, zu Tode gequält wird. Mike vergießt deshalb zwar keine Träne und lässt sich auch nicht zu unüberlegtem Handeln verleiten, aber sein harter Gesichtsausdruck vermittelt die Entschlossenheit, mit der er noch zurückschlagen wird. In der italienischen Originalfassung kommt Reeves in seiner sparsamen Ausdrucksweise allerdings sympathischer rüber als in der deutschen Synchronisation. Dort wird ihm eine Schnoddrigkeit in den Mund gelegt, die damals cool wirken sollte, aber nicht zu seinem Charakter passt.

Als er in einem Saloon dem mexikanischen Barkeeper das Wechselgeld gibt, sagt er nur "Behalte den Rest !" Auf deutsch wird daraus "Schmier dir den Rest in die Haare!", worauf sich der Barkeeper mit "Muchas gracias" bedankt, was in diesem Zusammenhang unterwürfig klingt und von Reeves noch mit einem verächtlich nachgeäfften "Ja, ja, muchas" bekräftigt wird. Im Original erwähnt er nichts weiter, wie auch bei der anschließenden Prügelei im Saloon kein Wort fällt, während die Szene auf Deutsch mit schwachsinnigen Bemerkungen unnötig ins Lächerliche gezogen wird. An diesem Beispiel wird nachvollziebar, was Ende der 60er Jahre in Deutschland als Humor galt und das ein Held noch überlegener auftreten durfte, als er sowieso schon war.

"Vivo per la tua morte" sollte man sich nicht objektiv nähern, sondern bedarf des Genre-Liebhabers, denn außer den schönen Bildern bietet er eine vorhersehbare Story, einen zwar sympathischen, aber hölzern agierenden Hauptdarsteller und die beliebten Klischee-Bösewichter. 

"Vivo per la tua morte" Italien 1968, Regie: Camillo Bazzoni, Drehbuch: Roberto Natale, Gordon D. Shireffs (Roman)Darsteller : Steve Reeves, Wayde Preston, Mimmo Plamara, Guido Lollobrigida, Nello Pazzafini, Rosalba Neri, Laufzeit : 86 Minuten

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.