Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

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Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Dienstag, 4. Februar 2014

Il sole negli occhi (Die Sonne in den Augen) 1953 Antonio Pietrangeli

Inhalt: Celestina (Irene Galter) eilt die winkligen Treppen ihres Bergdorfs hinab, um den Bus nach Rom noch zu bekommen. Ihre Eltern waren gestorben und ihre Brüder sind gezwungen, sich andernorts nach Arbeit umzusehen, weshalb sie von befreundeten Nonnen in einem wohlhabenden Haushalt in Rom als Hausmädchen untergebracht wurde. Celestina weint beim Abschied, da sie nicht aus ihrer Heimat weg will. Ihre Ängste scheinen sich in Rom zu bestätigen. Die Herrin des Hauses lässt kein gutes Haar an ihr, behandelt sie wie eine Sklavin und bezahlt sie schlecht.

Auch die Nachbarschaft belustigt sich über das einfache Landmädchen, aber andere junge Frauen, die ebenfalls als Hausmädchen arbeiten, kümmern sich um sie. Als Celestina endlich einmal frei bekommt, nehmen sie sie mit zu einer Tanzveranstaltung und verschönern sie zuvor noch ein wenig. Fernando (Gabriele Ferzetti) gefällt die hübsche junge Frau, aber Celestina lässt den als Frauenschwarm bekannten Klempner abblitzen. Noch mehrfach versucht er es bei ihr, aber da er sich nicht an die ihr beigebrachten Verhaltensweisen hält, lehnt sie ihn gegen ihre Gefühle ab bis er aufgibt. Wenig später wird sie von ihrer Hausherrin fristlos entlassen, weil sie versuchte, das ständig schreiende Baby mit Gas zu beruhigen, aber der Pfarrer kann sie schnell bei einem netten alten Ehepaar unterbringen, das sie wie eine Tochter behandelt. Leider verfügen sie nur über geringe finanzielle Mittel, weshalb sie versuchen, Celestina durch die Heirat mit einem gottesfürchtigen, fleißigen Sizilianer abzusichern…


Antonio Pietrangelis erster Film "Il sole negli occhi" (Die Sonne in den Augen) beginnt im frühen neorealistischen Stil, als ob der Regisseur seine eigenen Wurzeln in Erinnerung rufen wollte. Er war als Assistent und Co-Autor an Luchino Viscontis "Ossessione" (Besessenheit, 1942) und "La terra trema" (Die Erde bebt, 1948) beteiligt und hatte während der Hochphase des Neorealismus unter anderen Drehbücher für Alberto Lattuada ("La nostra guerra", 1945), Pietro Germi ("Gioventù perduta" (Strandgut der Sünde, 1948)), Gianni Franciolini ("Ultimo incontro" (Erotik, 1951)) und Roberto Rossellini ("Europa 1951" (1952)) geschrieben, bevor er hier erstmals als Regisseur und Autor in Personalunion aktiv wurde. Beim Drehbuch unterstützt wurde er von Suso Cecchi D'Amico, deren Stil ebenfalls entscheidend vom Neorealismus geprägt wurde ("Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe, 1948)), und Ugo Pirro, der nach "Achtung! Banditi!" (1951) für Carlo Lizzani noch am Anfang seiner langen und erfolgreichen Karriere stand.

Die Kamera verfolgt die junge Celestina (Irene Galter) bei ihrem schnellen Abstieg durch die schmalen Gassen ihres in Umbrien gelegenen Bergdorfs. Sie beeilt sich, um den Bus nach Rom zu bekommen, wo sie eine Stelle als Hausmädchen antreten soll. Nachdem sie sich von ihren zwei Brüdern verabschiedet hatte, war ihr beim Einstieg in den Bus ihre Madonnenfigur zerbrochen - ein Unglück, das ihre inneren Gefühle exakt wiedergibt, denn um nichts in der Welt will sie ihre Heimat verlassen. Ganz dem Realismus verpflichtet zeigt der Film eine karge, ärmliche Umgebung, in der es zu wenig Arbeit für die hier lebenden Menschen gibt. Materielle Not und die daraus entstehenden Zwänge wurden in den meisten neorealistischen Filmen zum Auslöser der geschilderten Dramen, aber Pietrangeli verharrte nur einen Moment lang in dieser Situation, bevor er sie bei Celestinas Ankunft in Rom bricht. Die junge, einfach gekleidete Frau wird von den glänzenden Fassaden moderner Häuser empfangen, um sofort das weinende Baby ihrer zukünftigen Herrin in die Arme gedrückt zu bekommen, deren Sorge vor allem der Einrichtung ihrer großen neuen Wohnung gilt.

"Il sole negli occhi" vermittelt geradezu exemplarisch die Schnittstelle zwischen Nachkriegszeit und dem Wirtschaftswachstum der 50er Jahre, das die Sozialisation, besonders hinsichtlich der Rolle der Frau, entscheidend verändern sollte - Antonio Pietrangelis bevorzugtes Thema. In dieser Hinsicht lässt sich auch eine Brücke bis zu Pietrangelis letztem vollständig vor seinem frühen Tod fertig gestellten und bekanntesten Film "Io la conscevo bene" (Ich habe sie gut gekannt, 1965) schlagen, der eine ähnliche Geschichte erzählt. Doch während die junge Frau Mitte der 60er Jahre, angezogen von den Verheißungen eines Luxus-Lebens als Schauspielerin, freiwillig ihre ländliche Heimat verlässt und nach Rom geht, wird Celestina noch durch die äußeren Umstände dazu gezwungen.

Zwar schildert der Film auch die Abhängigkeit Celestinas, die als billige Arbeitskraft ausgebeutet wird und den ungerechtfertigten Tiraden ihrer Hausherrin ausgesetzt ist, aber Pietrangeli dramatisierte diese Situation nicht mehr wie es in den frühen neorealistischen Filmen üblich war, denn der Wohlstand nahm Anfang der 50er Jahre schon deutlich zu und Arbeit für Hausmädchen gab es genug. Als Celestina nach dem verzweifelten Versuch, dass ständig weinende Baby mit Gas zu beruhigen, fristlos entlassen wird, bekommt sie schnell eine neue Stelle. Auch in Vittorio De Sicas "Umberto D." (1952) lässt sich diese Entwicklung nachvollziehen, aber der alte Mann gehörte zu den Verlierern des wirtschaftlichen Aufschwungs, während die junge Frau davon profitierte. In einer späteren Szene des Films nimmt sie gezielt eine neue Anstellung an, nur um in die Nähe von Fernando (Gabriele Ferzetti) zu gelangen, in den sie sich verliebt hat - den selbstbewussten Umgang mit ihren häufig wechselnden Hausherren hat sie inzwischen gelernt.

"Il sole negli occhi" ist in seiner Porträtierung einer jungen Frau zwischen Tradition und Moderne schon ein reiner Pietrangeli - Spaß, Freizeit und Liebe gibt es nicht ohne Einsamkeit, Abhängigkeit und Enttäuschung. Ihn interessierten daran weniger die äußeren Umstände, als die inneren sozialen Verflechtungen. Celestina verliert nach ihren verstorbenen Eltern auch ihre Brüder, die nach Australien auswandern, und damit den familiären Zusammenhalt, der die Grundlage des traditionellen Italien bildete. Celestina, noch im konservativen Geist ihrer Heimat erzogen, wird in Rom mit einer liberaleren Gesellschaft konfrontiert, speziell in der Auseinandersetzung mit Männern, aber auch im langsamen entstehen einer Art Ersatzfamilie - gemeinsam mit anderen jungen Frauen, die sich in einer ähnlichen Situation wie sie befinden.

Auch Pietrangelis kritische Bewertung männlicher Verhaltensmuster nahm in "Il sole negli occhi" schon ihren Anfang. Mit der Figur des Fernando stellte er einen jungen Mann in den Mittelpunkt, der die neu entstehenden Freiheiten gerne für sich nutzt, nicht aber die Verantwortung zu übernehmen in der Lage ist. Celestina lernt den Frauenschwarm bei einer Tanzveranstaltung kennen und wehrt sich gegen dessen Avancen, die den ihr anerzogenen Verhaltensregeln zwischen Mann und Frau vehement widersprechen - obwohl er ihr gefällt. Wie zuvor an ihrem Arbeitsplatz, wird sie auch in ihrer Rolle als Frau dazu gezwungen, sich einer verändernden Gesellschaft anzupassen. Nachdem sie aus einer verabredeten Hochzeit mit einem Sizilianer ausgebrochen war - der letzte Versuch eines alten Professoren-Ehepaars, sie traditionell zu versorgen - muss sie lernen, sich selbstständig um ihre Zukunft zu kümmern. Und versucht, Fernando wieder zu treffen.

Von "Il sole negli occhi" bleiben nicht die enttäuschenden Erfahrungen in Erinnerung, die Celestina zwangsläufig erleben muss, sondern ihre Entwicklung zu einem eigenen Selbstbewusstsein. Pietrangelis Sympathien galten eindeutig ihr und den anderen jungen Frauen, denen der letzte Blick des Films gilt. In dieser Intention lässt sich der größte Unterschied zum Schicksal der jungen Frau in "Io la conoscevo bene" erkennen, denn "Il sole negli occhi" betrachtete deren Zukunft noch optimistisch.

"Il sole negli occhi" Italien 1953, Regie: Antonio Pietrangeli, Drehbuch: Antonio Pietrangeli, Suso Cecchi D'Amico, Ugo Pirro, Darsteller : Irene Galter, Gabriele Ferzetti, Pina Bottin, Aristide Baghetti, Paolo Stoppa, Laufzeit : 96 Minuten

"Porträt Antonio Pietrangeli" 


- weitere im Blog besprochene Filme von Antonio Pietrangeli :

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.