In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Donnerstag, 10. September 2009

Adua e le compagne (Adua und ihre Gefährtinnen) 1960 Antonio Pietrangeli

Inhalt: Adua (Simone Signoret) und ihre jüngeren Kolleginnen müssen sich nach einem neuen Job umsehen, denn die italienische Regierung hat die nach dem 2.Weltkrieg legalisierte Betreibung von Bordellen wieder verboten. Gemeinsam mit Marinila (Emanuelle Riva), Lolita (Sandra Milo) und Milly (Gina Rovere) beschließt sie, ihre Ersparnisse zusammen zu legen und ein Restaurant aufzumachen.

Das Gebäude, das sie dafür am Rande Roms erwerben, erweist sich als ziemliche Bruchbude, weshalb es zu ersten Streitigkeiten kommt - zumal die jungen Frauen es nicht gewohnt sind, körperlich anzupacken. Als ihnen zudem noch die Lizenz verweigert wird, weil die Polizei ihre Vergangenheit kennt,
droht ihr Plan zu scheitern...

Italien 1958 - das Betreiben von Bordellen, dass erst kurz nach dem zweiten Weltkrieg legalisiert wurde, wird von der italienischen Regierung wieder verboten. Kleine männliche Prozessionen streifen durch die Straßen, trauern und legen Kränze vor die Türen der Etablissements, aber auch für die Frauen heißt es Abschied zu nehmen. Adua (Simone Signoret), die viele Jahre als Prostituierte arbeitete, will mit ihren drei jüngeren Kolleginnen Marilina (Emanuelle Riva), Lolita (Sandra Milo) und Catarina, genannt Milly (Gina Rovere) ein Restaurant aufmachen, denn die einzige Alternative hieße sonst auf den Straßenstrich zu gehen, die bis heute legale Form des Anschaffens in Italien.

Antonio Pietrangeli hatte schon in den 40er Jahren bei Luchino Viscontis "Ossessione" und "La terra trema" mitgewirkt und wurde wie viele italienische Regisseure seiner Generation vom Neorealismus geprägt. Nach mehr als 10 Jahren als Drehbuchautor, begann er sich 1953 mit "Il sole negli occhi" (Die Sonne in den Augen) auch als Regisseur einen Namen zu machen. Mit den Autoren Ettore Scola und Ruggero Maccari bildete er ab "Lo scapolo" (1955) ein festes Drehbuch-Trio, das gemeinsam einen äußerlich leicht wirkenden Stil entwickelte, der die Tragik unterschwellig vermittelte. "Adua e le compagne" (Adua und ihre Gefährtinnen) wurde ein exemplarisches Werk, das ohne die tatsächlichen Zustände zu beschönigen jederzeit zu unterhalten vermag. 

Zu verdanken ist das besonders der Charakterisierung der vier Protagonistinnen, deren Status als Prostituierte nicht relativiert wurde - eine typische Sichtweise Pietrangelis, der sich den verlogenen Moralvorstellungen widersetzte. Den
 vier sehr unterschiedlichen Frauen ist ihre Rolle als Prostituierte und ihr damit verbundenes niedriges Ansehen ebenso gegenwärtig, wie sie auch Selbstbewusstsein daraus ziehen. Gewohnt, ihr Geld mit Sex zu verdienen, fällt es ihnen zunächst schwer, wieder körperlich zu arbeiten. Während die unscheinbare Milly ihre neue Rolle annimmt, sind vor allem die attraktiven Lolita und Marilina gewohnt, sich mehr um ihr Aussehen zu kümmern, als um die anstehenden Arbeiten im gemeinsamen Restaurant. Aus dieser Konstellation entwickelt der Film seinen unterhaltenden Charakter, ohne plakativ zu werden. Lolita wirkt zwar leicht naiv, ist aber keineswegs dumm, und Marilinas nervöse Zickigkeit nimmt ab, als sie ihren kleinen Sohn auf Grund ihren neuen Stellung wieder zu sich nehmen kann.

Als Älteste und Erfahrenste scheint Adua  als natürliche Anführerin des weiblichen Quartetts gesetzt zu sein, weshalb sie nicht nur den Namen für ihr Restaurant hergibt, sondern dieses auch offiziell leitet. Simone Signoret gelang eine großartige Charakterstudie, denn obwohl Adua sich optisch und sprachlich überzeugend in die bürgerliche Gesellschaft einzugliedern vermag, zeigen sich hinter ihrer beherrschten Fassade Unzulänglichkeiten im Umgang mit dem Alltag. Zunehmend erweist sie sich als das schwächste Glied der Gemeinschaft - besonders Marilina lässt es sie deutlich spüren - denn auf dem freien Markt ist sie ein Auslaufmodell, weshalb ihre weitere Zukunft vom Gelingen ihres gemeinsamen Unternehmens abhängt.

Trotz vieler dank der Unerfahrenheit der Protagonistinnen entstehender komischer Momente, ließ "Adua e le compagne" keinen Zweifel an der Chancenlosigkeit der Frauen, angesichts der vorherrschenden Doppelmoral. Die Zulassung für ihr Restaurant wird ihnen auf Grund ihrer Vergangenheit verweigert, weshalb Adua gezwungen ist, auf die finanziellen Bedingungen des Geschäftsmanns Ercoli (Claudio Gora) einzugehen, damit dieser nach außen als offizieller Besitzer auftritt. Obwohl ihr ihre Lage bewusst sein muss, verharmlost sie Adua gegenüber ihren Gefährtinnen - in diesem Moment wirken sie wie Kinder, die lachend auf den Abgrund zugehen.

Aduas ambivalenten Charakter unterstützt der Film zusätzlich durch Marcello Mastroiannis Rolle als Piero Salvagni. Anders als die meisten Männer, die nicht zuletzt wegen der attraktiven Bedienung das Restaurant besuchen, ist er ernsthaft von der älteren Frau begeistert. Adua entwickelt nach langer Zeit erstmals wieder Gefühle für einen Mann, aber Piero erweist sich als labil und wenig zuverlässig - ein weiteres signifikantes Stilelement Pietrangelis, der Männern zwar positive Eigenschaften zugesteht, sie aber unfähig darin zeigt, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. 

Seine Sympathien gelten den vier Frauen, denen es trotz ihrer unorthodoxen Arbeitsweise gelingt, dass Lokal zum Erfolg zu führen. Mit ihrem Scheitern an den wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten und moralischen Zwängen der bürgerlichen Gesellschaft spitzten Pietrangeli, Maccari und Scola ihre Beobachtung der sich nach dem Krieg verändernden Sozialisation bewusst zu - gegen die gesellschaftlich akzeptierten Machenschaften wirken die vier Prostituierten wie ein Muster an Tugend. Doch trotz der tragischen Konsequenz für Adua und ohne das Verhalten der Frauen zu idealisieren, bleibt deren Lebensfreude und ihr Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen, in Erinnerung.

"Adua e le compagne" Italien 1960, Regie: Antonio Pietrangeli, Drehbuch: Antonio Pietrangeli, Ettore Scola, Ruggero Maccari, Darsteller : Simone Signoret, Emanuelle Riva, Sandra Milo, Gina Rovere, Marcello Mastroianni, Laufzeit : 120 Minuten


"Porträt Antonio Pietrangeli" 


- weitere im Blog besprochene Filme von Antonio Pietrangeli :
"La visita" (1963)

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.