Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

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Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Montag, 14. Februar 2011

État de siège (L'amerikano / Der unsichtbare Aufstand) 1973 Costa-Gavras

Inhalt: Uruguay 1972 - im gesamten Land herrscht der Ausnahmezustand. Fieberhaft sucht die Polizei und die Armee nach dem entführten Amerikaner Philipp Michael Santore (Yves Montand). Doch während die Straßenkontrollen zu keinen Ergebnissen führen, ist es ein einsam abgestellter Wagen, der Gewissheit bringt - in seinem Fonds liegt die Leiche des Entwicklungshelfers, der von den "Tupamaros" umgebracht wurde, nachdem die Regierung nicht auf deren Forderung eingegangen war, inhaftierte Mitglieder der Untergrundbewegung im Austausch frei zu lassen.

Als ein paar Tage zuvor Santore gemeinsam mit dem brasilianischen Botschafter entführt wurde, erweckte das Erstaunen, denn man stellte sich allgemein die Frage, warum die "Tupamaros" für ihre Verhöre, deren Ergebnisse sie der Öffentlichkeit  später mitzuteilen pflegten, einen Entwicklungshelfer entführt hatten. Vor allem der Journalist Carlos Ducas (O.E.Hasse) beginnt bei verantwortlichen Stellen nachzuforschen, die sichtlich nervös reagieren, während der Polizeiapparat unter der Führung von Captain Lopez (Renato Salvatori) alles daran setzt, Santore möglichst schnell frei zu bekommen. Parallel verhören Mitglieder der "Tupamaros" den Amerikaner und konfrontieren ihn mit seiner tatsächlichen Aufgabe in dem südamerikanischen Land...


Betrachtet man Costa-Gavras Hauptwerke des zeitgenössischen Polit-Thrillers, ausgehend vom 1969 gedrehten "Z" über den ein Jahr später entstandenen "L'aveu" (La confessione / Das Geständnis) bis zu seinem ersten amerikanischen Film "Missing" (Vermisst) im Jahr 1981, dann spürt man sein Suchen nach einer Antwort auf die immer gleiche Frage - wie kann ein totalitärer Staat entstehen und bestehen bleiben, obwohl er die Freiheitsrechte seiner Bürger einschränkt und gegen jeden Widerstand mit Gewalt vorgeht.

Seine so klaren wie detaillierten Analysen können nicht darüber hinweg täuschen, dass Costa-Gavras mit seinen Filmen zwar die Motive, die Strategien und inneren Beziehungen der Täter demaskierte, nicht aber die Reaktion des Bürgertums. So genau man Verschwörungen und Propagandamethoden auch recherchieren vermag, so wenig lassen sich daraus kausale Konsequenzen folgern, da das Volk immer eine Unbekannte bleibt. Seine höchst unterschiedlichen Ansätze des prinzipiell gleichen Themas, sieht man von den zeitgenössischen und geographischen Bezügen einmal ab, lassen deshalb nur eine generelle Intention zu - dem Betrachter eine möglichst vielschichtige Beschreibung der Entwicklung eines demokratischen Staates zu einer Diktatur derart vor Augen zu führen, das ein solches Zustandekommen in Zukunft zumindest erschwert wird.

Die Entwicklung, die seine Polit-Thriller in ihrer jeweiligen Inszenierungsform, aber auch in der angestrebten Zielgruppe nahmen, sind entsprechend ein Abbild ihrer Zeit. "Z" war sein persönlichster Film, der trotz seiner generellen, private Details vermeidenden Analyse, nicht verbergen konnte, dass Costa-Gavras hier seine eigene Geschichte und damit die seines Heimatlandes Griechenland erzählte. Wie sehr er damit konfrontierte, lässt sich aus dem Zustandekommen des Films herauslesen, in dessen Folge auch die späteren Filme erst entstehen konnten. Um überhaupt Mittel für den Film zu bekommen, gründete Jacques Perrin eigens dafür eine Produktionsfirma und Yves Montand übernahm ohne Honorar eine der Hauptrollen (wie auch die meisten weiteren Darsteller).

In "L'aveu" vollzog Costa-Gavras eine vollständige Wendung in der Inszenierung, indem er sich auf eine politische Persönlichkeit (wieder von Yves Montand gespielt) als Opfer konzentrierte, an deren Beispiel er die Verhör- und Foltermethoden eines totalitären Regimes - hier die stalinistische UDSSR am Beispiel des Satellitenstaates CSSR - analysierte. Nachdem an der Produktion dieses Films erstmals italienische Firmen teilnahmen, erweiterte sich dieser Kreis bei "Der unsichtbare Aufstand" auch auf eine deutsche Produktionsgesellschaft. Darin werden auch die Parallelen zu den Polit-Filmen italienischer Regisseure deutlich, denn die italienische Produktionsgesellschaft EIA engagierte sich ebenso bei Damiano Damianis Filmen "Il giorno della civetta"(Der Tag der Eule, 1968) und "Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica" (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauerte, 1971), sowie bei Elio Petris "La classe operaia va in paradiso" (Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies, 1971). Wie beim ebenfalls italienisch-deutsch-französisch produzierten Polit-Thriller "La Smagliatura" (Der dritte Grad) von 1976, übernahmen drei Darsteller aus den jeweiligen Produktionsländern eine der Hauptrollen - Yves Montand als das entführte Opfer, der amerikanische Entwicklungshelfer Philip Michael Santore, Renato Salvatori als uruguayischer Polizeichef Lopez und O.E.Hasse als Journalist Carlos Dukas. Das Costa-Gavras nicht - wie heute üblich - auf authentische Landsleute zurück griff, sondern nur in französischer Sprache drehte, war dem Team geschuldet, dass die Herstellung der Filme erst ermöglichte.

Das änderte sich erst mit "Missing", der in den USA produziert wurde und ausschließlich mit authentischen Muttersprachlern besetzt wurde. In diesem Film schildert Costa-Gavras die Folgen einer Diktatur aus der Sicht eines Opfers, dazu noch eines Amerikaners, der eher zufällig in die Mühlen des (chilenischen) Polizeiapparats gerät. Das hat ihm den ungerechtfertigten Vorwurf der Verharmlosung eingebracht. Dabei versuchte der Regisseur mit "Missing", eine weitere Zielgruppe zu erreichen, indem er erstmals nicht nur direkt Beteiligte - egal ob auf politischer Seite oder im Widerstand - in den Mittelpunkt stellte, sondern ein privates, mehr emotional erfahrbares Schicksal schilderte.

"Der unsichtbare Aufstand" nimmt in dieser Politfilm-Reihe eine Sonderstellung ein, obwohl er sich in seiner Inszenierung vordergründig an "Z" orientierte und ein ähnliches Kaleidoskop entfaltete, bestehend aus dem Blick auf die unterschiedlichen Interessenvertreter und deren Vorgehensweisen - Politiker, Medienvertreter, Wirtschaftsbosse, Diplomaten, Militär und Polizei. Inmitten dieser ständig wechselnden, von wortgewaltigen Reden begleiteten Standorte, befindet sich ein Ruhepol - eine Zentrale der uruguayischen Stadtguerilla "Tupamaros", an der ein Verhör stattfindet, dass prinzipiell an "L'aveu" (Das Geständnis) erinnert, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Hier verhört nicht die Staatsmacht, sondern die Untergrundbewegung ihr entführtes Opfer, das sich zunehmend als der eigentliche Täter heraus stellt. Die späteren Folgen für den Amerikaner Santore (Yves Montand) verheimlicht Costa-Gavras nicht, denn der Film beginnt damit, dass seine Leiche gefunden wird, bevor er die Ereignisse, vom Beginn der Entführung an, langsam aufwickelt.


Für die Öffentlichkeit ist es überraschend, warum mit Santore ein harmloser Entwicklungshelfer entführt wurde, was auch den Journalisten Dukas (O.E.Hasse) auf den Plan ruft, der parallel zu dem Verhör der Widerstandsgruppe eigenen Ermittlungen nachgeht. Kombiniert mit weiteren Einblendungen, teilweise rigorosen Szenen, wenn etwa in einem Vorlesungssaal am lebenden Beispiel Foltermethoden geschult werden, entwickelt Costa-Gavras in einem spannenden Prozess ein schlüssiges, aus unterschiedlichen Blickwinkeln entstehendes Dokument über die tatsächliche Aufgabe des angeblichen Entwicklungshelfers Santore, dass die unverhohlene Unterstützung totalitärer Systeme zur Erhaltung eigener wirtschaftlicher Interessen durch die USA offen legt.

Das Costa-Gavras’ Sympathien den „Tupamaros“ gehören, lässt sich nicht übersehen. Es ist nicht nur das Verhör, das sich durch Fairness und überzeugende Argumentationen auszeichnet, die Santore letztlich dazu zwingen, seine tatsächliche Funktion einzugestehen, sondern auch deren sonstiges gewaltfreies Auftreten, von dem sie nur im Notfall Abstand nehmen. Selbst die Hinrichtung Santores (die anderen entführten Opfer werden frei gelassen) schildert Costa-Gavras als basisdemokratischen Akt, indem er die Mitglieder darüber abstimmen lässt. Bezeichnenderweise zeigt er den Mord nicht im Bild, im Gegensatz zu einer Vielzahl von Hinrichtungen durch die Polizei unter der Leitung des Captain Lopez (Renato Salvatori). Dahinter verbirgt sich zwar eine gewisse Legitimation der Ermordung als Gegenreaktion, aber Costa-Gavras benutzt diese nicht zur Heroisierung der Widerstandsbewegung, sondern zeigt sie mehr als verzweifelten, letztlich unsinnigen Akt, der nur verhindern soll, äußerliche Schwäche zu zeigen, während der Nachfolger Santores schon die Bühne betritt.

Im Grunde – und das macht die Besonderheit des Films aus – blieb Costa-Gavras damit nur bei der Realität – einer Realität, die ihn schließlich selbst einholte. Tatsächlich verstanden sich die „Tupamaros“ lange Zeit als friedliche Gegenbewegung, bevor sie anfangs der 70er Jahre zu radikalen Maßnahmen übergingen und entführte Opfer zu Geständnissen zwangen, die sie dann der Öffentlichkeit mitteilten – ohne Folgen für die Regierenden. 1971 verloren die Linken die Wahlen und als „Der unsichtbare Aufstand“ 1972 gedreht wurde, befanden sich die meisten Führungskräfte der „Tupamaros“ schon im Gefängnis. Die atmosphärische Dichte und realistische Anmutung eines südamerikanischen Staates an der Schwelle zur Diktatur erreichte Costa-Gavras nicht nur durch diese fatalistische Erkenntnis, sondern besonders durch den Drehort Chile, damals noch unter der kommunistischen Allende-Regierung.

Im Film wird viel über Brasilien und die Dominikanische Republik gesprochen, die sich schon vor Uruguay als gute Schüler us-amerikanischer Lehrmethoden erwiesen hatten, aber nur ein Jahr nach dem „Der unsichtbare Aufstand“ abgedreht worden war, folgte auch Chile unter Augusto Pinochet. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte sich „Der unsichtbare Aufstand“ – egal, welche Haltung man im Einzelnen zu gewissen Details einnimmt – in seiner generellen Intention legitimiert.

"État de siège" Frankreich, Italien, Deutschland 1973, Regie: Costa-Gavras, Drehbuch: Costa-Gavras, Franco Solinas, Darsteller : Yves Montand, Renato Salvatori, O.E.Hasse, Jacques Weber, Evangeline Peterson, Jacques Perrin, Laufzeit : 115 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Costa-Gavras: 

"Z" (1969)
"L'aveu" (1970)

1 Kommentar:

Thomas Jungbluth hat gesagt…

Lieber Blogger
heute gibts im tv LE SECRET und bei der suche nach mehr information ueber diesen film den ich noch nicht kenne, bin ich auf Ihre seite gestossen- sehr toll!! dass ich dann auch noch ihre komentare zu meinen lieblingsfilmen wie :il grande silencio, operación ogro. etat de siege lesen durfte, war noch ein extra"toll"
vielen dank ! so kommt Ihre seite natuerlich zu meinen favoriten! liebe gruese Thomas

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.