In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Samstag, 12. Januar 2013

La polizia ha le mani legate (Killer Cop) 1974 Luciano Ercoli


Inhalt: Gerade als der Drogenfahnder Commissario Rolandi (Claudio Cassinelli) das Zimmer eines Teilnehmers des internationalen Kongresses für naive Kunst in Mailand untersucht, geht in der Hotellobby eine Bombe hoch. Ein junger Mann (Bruno Zanin) hatte noch versucht, den Koffer mit der Bombe zu entfernen, wurde aber vom Portier daran gehindert, wobei er in dem Gerangel seine Brille verlor. Schreiend war er nach draußen gerannt, allgemeine Panik auslösend, konnte aber nicht verhindern, dass der Anschlag viele Tote und Verletzte forderte, darunter auch der von Rolandi verdächtigte Kongressteilnehmer.

Da die Toten aus verschiedenen Ländern stammen, wird der als unbestechlich geltende Generalstaatsanwalt Di Federico (Arthur Kennedy) mit der Untersuchung beauftragt, nicht ahnend, dass er innerhalb der Justizbehörde von einem dichten Netz umgeben ist, dass jeden seiner Schritte genau verfolgt. Derweil beobachtete Rolandis Freund und Kollege Luigi Balsamo (Franco Fabrizi) einen verwirrt wirkenden jungen Mann, der in einer Telefonzelle etwas auf eine Zeitung schrieb. Spontan verlässt er die Straßenbahn und liest den Schriftzug unter einem Foto des Bombenattentats "Es war ein Irrtum, Entschuldigung". Er folgt ihm, kann ihn auch einholen, aber der stark kurzsichtige Mann bedroht ihn mit einer Pistole und kann entkommen. Damit wird Balsamo zum wichtigen Zeugen...


Der für die deutsche Video-Veröffentlichung erdachte Titel "Killer Cop" ist grob verfälschend, nicht nur, weil es keinen mordenden Polizisten gibt, sondern weil Luciano Ercolis vorletzter Film und einziger Poliziesco weniger an die Action reichen Polizeifilme eines Umberto Lenzi als an die Polit-Thriller Damiano Damianis erinnert. Wie diesem in "Io ho paura" (Ich habe Angst, 1977) genügt Ercoli in "La polizia ha le mani legate" (sinngemäß "Der Polizei sind die Hände gebunden") ein einschneidendes Ereignis zu Beginn, um daraus eine Situation zu entwickeln, die einen sehr pessimistischen Blick auf das italienische Justizsystem wirft.

Dabei gilt der Generalstaatsanwalt Di Federico (Arthur Kennedy), der mit den Ermittlungen eines Bombenanschlags beauftragt wird, bei dem Menschen verschiedener Nationen getötet und verletzt wurden, die sich in einem Mailänder Hotel zu einem Kongress über naive Kunst getroffen hatten, als unbestechlich, um mögliche diplomatische Verstimmungen zu verhindern. Arthur Kennedy verkörpert den Staatsanwalt entsprechend zielstrebig und mit rauer Schale, aber seine Korrektheit wird von einem Justizapparat ausgenutzt, der ihn unter der Leitung seines Kollegen Bondi (Francesco D'Adda) überwacht, um jederzeit über den Stand der Ermittlungen informiert zu sein.

Ercolis Augenmerk liegt in der frühen Phase des Films weniger auf Aktionismen als auf einer genauen Charakterisierung seiner Protagonisten. Für die Vorstellung des von Claudio Cassinelli gespielten Commissario Matteo Rolandi, benötigt Ercoli nur die großartige Eingangssequenz, wenn Rolandi in letzter Sekunde seinen Wecker auffängt, einen Blick in Melvilles "Moby Dick" wirft und in seinen "neuen" Wagen steigt, ein mehr als 10 Jahre altes, schon leicht ramponiertes, großes Mercedes-Coupè - ein Gegenentwurf zu den üblichen kleinen italienischen Flitzern. Cassinelli, der sich nach "La Polizia chiede aiuto" (Der Tod trägt schwarzes Leder, 1974) zu einem führenden Vertreter des Genres entwickelte, spielt den Commissario in einer sympathischen Mischung aus einem Intellektuellen und einem engagierten Polizisten.

Innerhalb des Geschehens nimmt er zu Beginn allerdings nur eine Nebenrolle ein, auch wenn er sich zufällig in dem Hotel aufhielt, als die Bombe hochging. Er hatte als Drogenfahnder die Situation ausgenutzt, das Hotelzimmer eines Kongressteilnehmers zu durchsuchen, der aber bei dem Anschlag ums Leben kommt. Entscheidender für die weitere Entwicklung ist ein junger Mann, der versucht, die Kofferbombe noch zu beseitigen, daran aber von dem Portier gehindert wird. Franco Ludovisi (Bruno Zanin) verliert bei dem Gerangel nicht nur seine Brille, auch seine Warnschreie können das Desaster nicht mehr verhindern. Wie sich bald herausstellt, gehört er zu einem Trio, dass den Bombenanschlag ausgeführt hatte, doch im Gegensatz zu Rocco (Paolo Poiret) und dessen Freundin hält er diesen für einen Irrtum, wie er später verwirrt und aufgebracht mit großen Buchstaben unter die Schlagzeile einer Zeitung schreibt.

"La polizia ha le mani legate" spielte mit dieser Konstellation auf die Ereignisse in der damaligen Gegenwart Italiens an, als mehrere Bombenanschläge das Land erschütterten, deren Hintergründe jedesmal Anlass zu Spekulationen gaben. Doch während die Menschen in der Straßenbahn darüber diskutieren, ob die Linken oder die Faschisten dafür verantwortlich sind, legt der Film sich in dieser Hinsicht nicht fest, macht aber deutlich, dass die drei Studenten nur Ausführende waren, die jetzt als Schuldige herhalten sollen. Regelmäßig werden telefonisch Anweisungen von Männern gegeben, die nicht aktiv ins Geschehen eingreifen, deren genaue Rolle aber im Ungewissen bleibt. Anders als Francesco Rosi in "Cadaveri eccellenti" (Die Macht und ihr Preis, 1976) vermeidet Ercoli damit eine klare politische Aussage, lässt aber keinen Zweifel an einer Manipulation, die auch vor Mord nicht zurückschreckt.

Rolandis Freund, sein Kollege Luigi Balsamo (Franco Fabrizi), hatte das Pech, zufällig den sich seltsam verhaltenden Franco Ludovisi dabei zu beobachten, wie er seine Nachricht auf die Zeitung schrieb. Einer Eingebung folgend sprang er aus der Straßenbahn, las dessen Satz und versuchte den durch seine starke Kurzsichtigkeit behinderten jungen Mann aufzuhalten, was dieser dank seiner Bewaffnung verhindern konnte. Balsamo wird entsprechend zu einem wichtigen Zeugen der Staatsanwaltschaft, die ein Phantombild von Ludovisi erstellen lässt, gerät aber auch in den Fokus der Hintermänner des Bombenanschlags. Ercoli nimmt sich in dieser Phase noch die Zeit, mit sehr lässigen Szenen die Charaktere seiner Protagonisten weiter auszuloten, wenn etwa Rolandi mit seiner Freundin Papaya (Sara Sperati) einen ruhigen Nachmittag am Fluss verbringt, über "Moby Dick" parliert, bevor ihm unter Zeitdruck einfällt, dass sie noch Sex haben wollten. Oder Luigi mit der Dame des Hauses über die Qualität von Früchten spricht, ehe sich herausstellt, dass deren Hausmädchen, die gerade die Einkaufsliste erstellen muss, seine Freundin ist.

Erst als Luigi kaltblütig ermordet wird, beginnt Rolandi sich gegen die Anordnungen des Generalstaatsanwalts De Federico in die Ermittlungen einzuschalten. Begleitet von Stelvio Ciprianis treibender Musik, versucht er an den reuigen Attentäter Ludovisi heranzukommen, aber seine Gegner sind ihm immer einen Schritt voraus. Obwohl Ercoli nur selten zu Action-Szenen greift, steigert er systematisch die Spannung, erweisen sich Rolandis Vertraute zunehmend als Verräter und ist es ungewiss, ob auch Di Federico nicht seine Hände in dem schmutzigen Spiel hat. Ercoli gelingen dabei immer wieder regelrechte Kleinode an genau beobachteten Szenen, etwa wenn Rocco, bevor er den von den Hintermännern bereitgestellten Fluchtwagen startet, diesen nach Bomben absucht, oder Ludovisi allein in seinem Hotelzimmer aufwacht, und die Schatten eines Mannes unter der Tür erkennt.

"La polizia ha le mani legate" ist eine selten geglückte Kombination aus einer spannend erzählten, schlüssig entwickelten Story, überzeugenden Charakteren und einer gesellschaftskritischen Sichtweise, die ohne Plakativität auskommt. Selbst die zum Schluss eingeblendete Schrifttafel, die auf den Tod eines der wichtigsten Gegenspieler Rolandis hinweist, lässt offen, wie es dazu gekommen ist - entscheidend daran bleibt, dass die eigentlichen Drahtzieher verschont werden.

"La polizia ha le mani legate" Italien 1974, Regie: Luciano Ercoli, Drehbuch: Mario Bregni, Gianfranco Galligarich, Darsteller : Claudio Cassinelli, Arthur Kennedy, Franco Fabrizi, Sara Sperati, Bruno Zanin, Francesco D'Adda, Laufzeit : 93 Minuten

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.