In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Freitag, 1. November 2013

Le notti della violenza (Der Killer der sündigen Mädchen) 1965 Roberto Mauri

Inhalt: Carla Pratesi (Hélène Chanel), schönes und erfolgreiches Call-Girl, verabschiedet ihren reichen Kunden, weil sie noch einen wichtigen Abend-Termin hat - die Geburtstagsfeier ihres Vaters (Nerio Bernardi), einem gesellschaftlich hoch angesehenen Diplomaten. Doch ein Anruf der Maitresse (Dada Gallotti) stoppt ihre Pläne, denn sie will, dass Carla noch einen wichtigen Klienten trifft. Sie weigert sich zuerst, aber die Maitresse erpresst sie damit, ihrem Vater von Carlas Job zu erzählen, weshalb sie diesem mit einer Lüge absagt.

Als sie ihre Wohnung verlässt, ahnt sie nicht, dass sie beobachtet wird. Doch ein Mann ist ihr gefolgt, denn als sie mit einem geplatzten Vorderrad in einer verlassenen Gegend liegen bleibt, taucht er nur wenig später auf und bietet ihr an, das Rad zu wechseln. Carla erschrickt bei dessen Anblick und läuft davon, aber der Mann folgt ihr - am nächsten Morgen wird sie tot aufgefunden. Commissario Ferretti (Alberto Lupo) sieht sich offensichtlich mit einem gefährlichen Psychopathen konfrontiert...


"Le notti della violenza" (wörtlich: Nächte der Gewalt) gehört zu den vielen Werken der Filmengeschichte, die versuchten, sich an gerade populäre Strömungen im Kino anzuhängen. Doch auch der reißerische Filmtitel "Der Killer der sündigen Mädchen", mit dem sich der deutsche Verleih noch um zusätzliche Aufmerksamkeit bemühte, konnte nicht verhindern, das der im Fahrwasser der "Edgar-Wallace-Filme" schwimmende und Motive aus Mario Bavas "Sei donne per l'assassino" (Blutige Seide, 1964) kopierende Film, inzwischen in Vergessenheit geraten ist. "Zurecht" ließe sich anmerken, aber "Le notti della violenza" ist in seiner Symbiose aus moralischem Zeigefinger, voyeuristischer Effekthascherei, klassischem Kriminalfilm und kritischer Rührseligkeit so absurd und inkonsequent, dass er - neben seinem überraschenden Unterhaltungswert - als Paradebeispiel für die Unsicherheit der Filmschaffenden, angesichts der gesellschaftspolitische Umbruchphase Mitte der 60er Jahre, dienen kann.

Regisseur und Drehbuchautor Roberto Mauri, der mit "La strage die vampiri" (1962) zuvor schon im Gothic-Horror-Bereich tätig war, orientierte sich zu Beginn des Films konkret an Bavas "Sei donne per l'assassino", indem er ebenfalls eine Vielzahl junger schöner Frauen in den Mittelpunkt des Films stellte, die mit Lisa Gastoni, Marilù Tolo, Hélène Chanel und Christina Gaioni adäquat besetzt waren. Doch anders als Bavas als erster "Giallo" geltender Film, arbeiten sie bei Mauri nicht als Models, sondern gehören einem Call-Girl-Ring an, der von der Maitresse (Dada Galotti) geleitet wird. In dieser Hinsicht bediente Mauri die bestehenden Vorurteile gegenüber sexuell offensiv auftretenden Frauen konkreter, womit er die bis heute gültige Regel im Horror-Film, nach der sexuell aktive oder sich promiskuitiv gebende Frauen zu den ersten Opfern gehören, noch betonte. Wie schon der deutsche Titel vermuten lässt, kommt es gleich zu Beginn zu einem Mord an einem Call-Girl. Als Carla Pratesi (Hélèn Chanel) auf dem Weg zu ihrem nächsten Kunden wegen eines geplatzten Reifen im nächtlichen Park anhalten muss, kommt ihr ein seltsamer Mann mit einer Gesichtsmaske zu Hilfe, vor dem sie entsetzt flieht. Er folgt ihr und am nächsten Morgen wird sie tot aufgefunden.

So konsequent "Le notti della violenza" beginnt, so unschlüssig fährt er fort. Dass Mauri die Gewalttat nicht zeigt, ließe sich verkraften, aber obwohl der maskierte Täter schon in der folgenden Nacht wieder aktiv wird und eine Kollegin (Cristina Gaioni) des Call-Girls überfällt, kommt es zu keinen weiteren Morden, denn zufällig befindet sich immer Jemand in Hörweite, der rechtzeitig zu Hilfe eilen kann. Auch die Auswahl der Opfer lässt die anfängliche Prämisse des Unbekannten vermissen, es nur auf „sündige Mädchen“ abgesehen zu haben, denn nach einer Party von Jugendlichen, schlägt dieser ausgerechnet eines der zwei Mädchen nieder, die pünktlich, so wie sie es ihren Eltern versprochen hatten, nach Hause gehen, obwohl ihre Freunde zuvor versuchten, sie davon abzuhalten. Auch in diesem Fall kommt es zu keiner schwereren Straftat - stattdessen nimmt der Film zunehmend einen pädagogischen Gestus an.

Die Schwester der Ermordeten (Marilù Tolo) beharrt wider besseren Wissens darauf, dass ihre Schwester keine Prostituierte gewesen sein kann, was sie mit dem immer gleichen Mantra begründet: sie wäre schön, intelligent und aus einer wohlhabenden Familie gewesen – weshalb hätte sie als Prostituierte arbeiten sollen? - Eine Antwort auf diese Frage bleibt Mauris Film schuldig. Zwar zeigt er in der ersten Szene Carla Pratesi noch bei ihrer Profession, aber schon ihren nächsten Auftrag nimmt sie nur an, weil die Maitresse (Dada Gallotti) sie damit erpresst, ihrem Vater zu verraten, womit sie ihr Geld verdient – als ob sie sich nicht selbst in diese Situation gebracht hätte. Der Film kann sich nicht entscheiden, ob seine Protagonistinnen nun „sündig“ sind oder nicht, und wirkt, als ob er sich eher als Warnung davor versteht.

Ähnlich inkonsequent wird der maskierte Täter charakterisiert. Zwar wird Commissario Ferretti (Alberto Lupo) ausführlich auf der Jagd nach dem angeblichen Serienmörder gezeigt – zeitweise wirkt der Film wie ein früher Poliziesco - aber weder kann er das Versprechen „gewalttätiger Nächte“ („Le notti della violenza“) erfüllen, noch stellt er einen echten Killer in den Mittelpunkt. Im Gegenteil nimmt das Ende geradezu groteske Züge an, indem mit einer überraschenden Wendung versucht wird, Mitleid und Verständnis für den Täter zu erzeugen, wofür sogar die über Hiroshima abgeworfene Atombombe herhalten muss. Überzeugend gelingt dieser Anflug von Tragik nicht, denn selbst wenn der Tod von Carla Pratesi ein Unglück gewesen sein sollte, lässt sich damit nicht begründen, warum er an den folgenden Abenden ihre Kollegin und die beiden Teenager überfallen hatte, auch wenn es keine weiteren Toten gab.

Als "Le notti della violenza" 1965 herauskam, hatte sich der Genre-Begriff „Giallo“ noch nicht manifestiert – die Hochphase sollte erst Anfang 1970 beginnen. Mauris Film orientierte sich zwar an Bavas erfolgreichem „Sei donne per l’assassino“, wagte aber nicht dessen Konsequenz. Baute der Film in seinem ersten Drittel noch eine klassische Thriller-Situation auf, die mit dem Call-Girl-Ring und dem maskierten Täter über ausreichend Potential für eine moralisch anrüchige, gewalttätige Story verfügt hätte, trat der Film in seiner zweiten Hälfte heftig auf die Bremse, als ob der Regisseur Angst vor der eigenen Courage bekommen hätte - vielleicht gab es auch Zwänge seitens der Produktion. Objektiv betrachtet ist das Drehbuch eine Katastrophe, im Zeitkontext gesehen wird daran aber deutlich, wie diffizil das Spiel mit den moralischen Standards in der Entstehungszeit war. Dank der guten Darsteller und eines agilen Commissario, gepaart mit ordentlich Action, kann "Le notti della violenza", wenn auch teilweise unfreiwillig komisch, unterhalten – als „Giallo“, der sich nicht traut.

"Le notti della violenza" Italien, USA 1965, Regie: Roberto Mauri, Drehbuch: Roberto Mauri, Edoardo MulargiaDarsteller : Alberto Lupo, Marilù Tolo, Lisa Gastoni, Hélène Chanel, Christina Gaioni, Laufzeit : 78 Minuten

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.