Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Donnerstag, 12. Juli 2012

Le samouraï (Der eiskalte Engel) 1967 Jean-Pierre Melville


Inhalt: Jef Costello (Alain Delon) verlässt seine karge Wohnung, die er nur mit einem kleinen Vogel in einem Käfig teilt, und begibt sich auf die Straßen von Paris. Dort öffnet er einen Citroen und probiert in Ruhe seine Zündschlüssel aus, bis er den passenden findet. Mit dem gestohlenen Wagen fährt er in die Garage eines Spezialisten, der ihn mit einer Waffe versorgt und neue Nummernschilder anschraubt.

Danach besucht er Jane Lagrange (Nathalie Delon) in ihrer Wohnung, um mit ihr sein Alibi abzustimmen. Er erfährt von ihr, dass ihr wohlhabender Geliebter um zwei Uhr nachts vorbei kommt, um sich später für denselben Zeitpunkt bei einer Pokerrunde anzumelden. In den Hinterräumen eines Pariser Nachtclubs erschießt er die Zielperson, wird aber beim Betreten und Verlassen des Gebäudes von mehreren Zeugen gesehen, genauer von der Pianistin Valerie (Cathy Rosier), die ihm unmittelbar nach der Tat gegenüber steht. Ruhig verfolgt Costello weiter seinen Plan, fährt zu der Wohnung von Jane Lagrange, um den Hausflur in dem Moment zu verlassen als ihr Geliebter diesen betritt. Wenig später wird er von der Pariser Polizei als einer von vielen Verdächtigen bei der Pokerrunde verhaftet…


Als "Le samouraï" (Der eiskalte Engel) 1967 in die Kinos kam, bedeutete dieser Film nichts weniger als eine Zäsur  - sowohl in Jean-Pierre Melvilles Filmschaffen, als auch für das Genre des Kriminalfilms schlechthin. So einflussreich der Film für viele Filmschaffende wurde, so missverständlich wurde der Umgang mit diesem Werk, dessen tatsächliche Qualitäten von einer Vielzahl an Fehlinterpretationen überdeckt wurden, die schon mit dem deutschen Titel begannen. Auch der Filmtitel des italienischen Co-Produzenten "Frank Costello, faccia d'angelo" bezieht sich auf das schöne Gesicht Alain Delons, verzichtet aber immerhin auf den unzutreffenden Zusatz "eiskalt" ("In Japan hat der Film seinen Namen behalten, wohingegen man ihn in Italien als "Frank Costello, faccia d'angelo" herausbrachte - weil es der Name eines amerikanischen Gangsters ist. Diese Hunde!" J.P. Melville in "Kino der Nacht").

Dabei weist Melville mit dem Originaltitel auf das ehrenhafte, einem strengen Kodex folgende Verhalten hin, dem sich jeder Samurai bedingungslos unterwirft. In der japanischen Legende der "47 Samurai" bilden das Tötungsdelikt und die Konsequenz daraus für den Täter eine untrennbare Einheit, aber Melvilles Interpretation eines solchen Individuums innerhalb der westlichen Sozialisation, musste auf den Versuch treffen, dessen Verhalten mit bekannten psychologischen Mustern zu erklären. Begriffe wie Einsamkeit, Todessehnsucht, Bindungsunfähigkeit oder Gefühlskälte wurden in die regungslos scheinenden Gesichtszüge Alain Delons hinein interpretiert, dabei verkennend, das sie sich nur in ihm spiegeln, letztlich Ausdruck der ihn umgebenden Gesellschaft sind.


Die äußere Form:

Als besonders bemerkenswert gelten die ersten zehn Minuten des Films, in denen kein Wort gesprochen wird. Abgesehen davon, das sich Jef Costello (Alain Delon) zu Beginn den Vorbereitungen seines Attentats widmet, wobei er nur einem Mann begegnet, der ihm gefälschte Nummernschilder an den gestohlenen Wagen schraubt, zeigt sich darin der typische Stil Jean-Pierre Melvilles. Bei ihm liegt die Konzentration auf der Handlung, während die Dialoge auf ein notwendiges Minimum beschränkt werden. Auch im zuvor gedrehten „Le deuxième souffle" (Der zweite Atem, 1966) fällt in den ersten sieben Minuten kein Wort, obwohl dort drei Männer gemeinsam aus dem Gefängnis ausbrechen, aber wenn es einmal zu längeren Dialogen kommt - in der Regel eher in der Form von Monologen - dann verfolgen die Ausführenden damit immer einen perfiden Plan.

In diesem Stilmittel wird zudem der Einfluss auf Quentin Tarantino deutlich, der in seinen Filmen allerdings wesentlich mehr davon Gebrauch machte, denn man sollte sich in den eloquenten, äußerlich freundlichen Worten, für die in „Le samouraï"  der Kommissar (François Périer) zuständig ist, nicht täuschen. Er schleicht sich von hinten an und will seinen Gegner einlullen, verfolgt dabei aber immer egoistische Ziele ("Der von Périer gespielte Kommissar ist eine sehr subtile, sehr abgebrühte Figur" J.P. Melville in "Kino der Nacht"). Costellos sparsame Sätze sind dagegen von klarer Aufrichtigkeit. Mit diesen Gegensätzen arbeitete Melville auch schon in „Le deuxième souffle", wurde in seinen späteren Filmen aber immer reduzierter. In seinem letzten Film „Un flic" (Der Chef, 1972) verzichtete er auf jeden ausführlichen Dialog - Straftäter und Strafverfolger agierten auf einer Ebene, persönliche Befindlichkeiten wurden nicht mehr ausgetauscht. Auch in der Strenge der äußeren Form und den Anspielungen auf den amerikanischen „Film noir" reiht sich „Le samouraï" in Melvilles Schaffen ein, nicht aber in der Anlage seiner Hauptfigur.


Jef Costello, der Profi-Killer:

Coole, kontrolliert handelnde Protagonisten waren seit „Le silence de la mer“ (Das Schweigen des Meeres, 1949) ein fester Bestandteil in Melvilles Werk, Emotionen zeigten sich nur in Nuancen, blieben dafür aber umso prägnanter. Auch der Vorgänger Jef Costellos, der von Lino Ventura verkörperte Gustave in „Le deuxième souffle", zeichnete sich durch Zurückhaltung aus, war aber in seinem Charakter noch nachvollziehbar. Werte wie Freundschaft und Zuverlässigkeit hatten für ihn höchste Priorität, blieben immer Grundlage seines Handelns, auch wenn er dafür Töten musste.

Betrachtet man Melvilles spätere Kriminaldramen wird der zunehmende Hang zum Fatalismus deutlich, der sich in dem sinnlosen Ende von „Le deuxième souffle" schon andeutete. In „Le cercle rouge“ (Vier im roten Kreis, 1971) kommen keine alten Kameraden mehr zusammen, um ein Ding zu drehen, sondern begegnen sich demoralisierte Männer ohne Zukunftsaussichten. Sie agieren nur noch um der Aktion willen, was Melville in seinem leider letzten Film „Un flic“ (Der Chef, 1972) weiter zuspitzt. Die Hintergründe einer Story und die Intentionen der Handelnden entwickelte Melville in seinen Filmen grundsätzlich erst aus dem Geschehen heraus, aber in „Un flic“ lässt er auch bei fortschreitender Handlung keine emotionalen Motive mehr erkennen. Weder auf der Seite der Unterwelt, noch der Polizei – nicht einmal in den Liebesbeziehungen.

Frauen spielten in Melvilles späten Filmen keine Hauptrolle mehr, ihre Interaktionen mit den männlichen Protagonisten blieben aber wesentlich für den Charakter seiner Filme. In „Le deuxième souffle" hatte Gustave noch eine echte Partnerin an seiner Seite, die nach seinem Gefängnisausbruch weiter zu ihm hielt, einen Vorzug, über den Alain Delon als Corey in „Le cercle rouge“ nach seiner Entlassung nicht mehr verfügte. Dass seine Freundin inzwischen ein Verhältnis mit seinem ehemaligen Partner begonnen hatte, erzeugte schon keine emotionale Reaktion mehr bei ihm. In „Un Flic“ teilte Delon - diesmal in der Rolle des Polizisten - seine Geliebte mit dem von ihm verfolgten Nachtclub-Chef, aber diesem fast beiläufigen Dreiecksverhältnis fehlte die emotionale Tiefe.

Innerhalb dieser Entwicklung nimmt „Le samouraï" eine Sonderrolle ein, die wie ein Einschnitt wirkt, in seiner Ästhetik und im Storyaufbau, Melvilles Intentionen aber in Reinform zusammen fasst. Es ist weniger die Rolle des Profi-Killers, die eine Ausnahme zu seinen sonstigen Gangstertypen bildet, als der damit verbundene völlige Verzicht auf die Beschreibung eines Umfelds und einer Vergangenheit. Interpretationen in der Hinsicht, dass Costello zum ersten Mal einen Fehler macht bei der Umsetzung eines Auftrags, oder das die Anwesenheit des Kanarienvogels in seiner nur mit den notwendigsten Dingen eingerichteten Wohnung, auf seine Unfähigkeit zu menschlichen Kontakte hinweist, unterliegen rein der Fantasie des Betrachters, der versucht, die Figur des Jef Costello mit vertrauten Maßstäben zu erfassen. Im Film selbst gibt es dafür keine Hinweise. ("Jef Costello ist weder ein Gauner noch ein Gangster. Er ist "rein" in dem Sinne, das ein Schizophrener nicht weiß, dass er ein Krimineller ist..." "Ich habe bewusst davon Abstand genommen, ihn zu einem traumatisierten Fallschirmjäger mit Kampferfahrung in Indochina oder Algerien zu machen, der gelernt hat, im Auftrag der Regierung zu töten." J.P. Melville in "Kino der Nacht").

Im Gegenteil stellt sich die Frage, ob Jef Costello tatsächlich einen Fehler begeht, als er seinen Auftragsmord in einem Pariser Nachtclub ausführt. An der Genauigkeit, mit der er sein Alibi vorbereitet, wird deutlich, dass er schon zuvor von eventuellen Zeugen ausging. Damit, das eine Person – in diesem Fall die Pianistin Valerie (Cathy Rosier) – ihn in dem stark frequentierten Club genauer ansieht, musste er rechnen, doch keinen Moment beabsichtigt er deshalb, die Zeugin zu ermorden. Duccio Tessari lässt Alain Delon in „Tony Arzenta“ (Tödlicher Hass, 1973) in einer vergleichbaren Interpretation des Profi-Killers anders handeln – fast bedauernd erschießt er einen zufällig hinzu gekommenen Zeugen. Melville zieht diese Möglichkeit nicht in Erwägung, da sie Costellos moralischer Instanz nicht entspricht. In der Einschätzung ihrer Person liegt er zudem richtig, denn Valerie verrät ihn nicht bei der späteren Gegenüberstellung. Auch der Kommissar zweifelt nicht an ihren Worten, sondern an denen von Jane Lagrange (Nathalie Delon), der Costello sein Alibi verdankt.

Die Interpretation, Costello hätte einen Fehler gemacht, lässt sich bei genauer Analyse nicht halten, denn nicht sein Verhalten, sondern das seiner Auftraggeber setzt ihn zunehmend unter Druck. Verunsichert von der polizeilichen Untersuchung, versuchen diese ihn bei der Geldübergabe erschießen zu lassen, was zwar misslingt, aber den weiteren Verlauf bestimmt. Costello reagiert damit auf deren unehrenhaftes Verhalten, aber nicht mehr im Stil von Gustave, der sich in „Le deuxième souffle" für die Unterstellung, er wäre ein Verräter, rächt, sondern aus seiner inneren Konsequenz heraus, die der am Moralkodex der Samurai orientierten stilisierten Figur entspricht. Deutlich wird das auch darin, dass Costello nie unnötig Gewalt ausübt. Der Handlanger, der ihn bei der Geldübergabe töten sollte und ihn am Arm verletzte, wird von ihm nicht getötet, nachdem er von ihm erfahren hatte, wer tatsächlich hinter dem Auftrag steckt. Wie wenig das Attribut „eiskalt“ im deutschen Filmtitel gerechtfertigt ist, verdeutlicht sich auch an seinem Umgang mit den Frauen, der jederzeit respektvoll bleibt. Das Jane Lagrange selbst unter größtem psychischem Druck ihre Loyalität zu Costello bewahrt, lässt sich nicht mit Abhängigkeiten erklären ("Nun ist aber das einzige Alibi, auf das du im Leben zählen kannst, das der Frau, die dich liebt" J.P. Melville in "Kino der Nacht") so wie ihn mit Valerie auch keine unglückliche Liebesbeziehung verbindet ("Allein der Tod kann ihn zum Verlierer machen, aber das ist ein unweigerlicher Schritt, und Jef verliebt sich in seinen Tod" J.P. Melville in "Kino der Nacht"). Im Gegenteil sind seine Beziehungen zu ihnen von der gleichen stringenten Klarheit wie seine sonstigen Handlungen. Sein Alleinsein und spartanischer Lebensstil ist selbst gewählt und kein Ausdruck von unerfüllten Wünschen.

„Le samouraï" wurde ein zutiefst moralischer Film, mit einem Profi-Killer als maßgebender Instanz. Während seine Umgebung keine hinterhältige Methode auslässt - unabhängig davon, ob es sich um die Unterwelt handelt oder die ihn verfolgende Polizei - bleibt Costello immer seinem Kodex treu. Bis zu einem Ende, das nicht aus dem Gefühl der Ausweglosigkeit geschieht, sondern in der Verantwortung gegenüber dem eigenen Handeln. So wie die „47 Samurai“, die viele Jahre benötigten, ihren Herrn zu rächen, um nach der Tat ihren Tod als Konsequenz daraus zu akzeptieren.

Entsprechend falsch ist auch die Annahme, Alain Delon hätte seine zwei weiteren Rollen in Zusammenarbeit mit Jean-Pierre Melville ähnlich interpretiert, denn diesem gelang mit „Le samouraï" ein in Stil und Inhalt nahezu perfekter Film, mit einem Hauptdarsteller, dessen klare, ebenmäßige Gesichtszüge noch einen Rest an Anstand ausdrückten. Der von Delon gespielte Kommissar in „Un flic“ hatte dagegen jede moralische Relevanz verloren.

"Le samourai" Frankreich / Italien 1967, Regie: Jean-Pierre Melville, Drehbuch: Jean-Pierre Melville, Georges Pellegrin, Darsteller : Alain Delon, Nathalie Delon, Francois Périer, Cathy Rosier, Jacques Leroy, Laufzeit : 101 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Jean-Pierre Melville:

"Un flic" (1972)

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

danke für diesen beitrag

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.