Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Samstag, 21. Dezember 2013

2019: Dopo la caduta di New York (Fireflash - Der Tag nach dem Ende) 1983 Sergio Martino

Inhalt: 2019 – der Atomkrieg liegt schon beinahe 10 Jahre zurück und hinterließ nur Ruinen und von der Radioaktivität verseuchte Menschen. Einzig die Euraker, die den Krieg damals ausgelöst hatten, profitieren von der Situation und halten auch New York, die frühere wirtschaftliche Zentrale der westlichen Welt, besetzt. Angesichts der verbrannten Erde, die sie überall hinterlassen haben, halten sich ihre Vorteile aber in Grenzen, weshalb sie mit Gen-Experimenten versuchen, wieder eine gesunde menschliche Rasse entstehen zu lassen, denn seit dem Atomangriff sind keine Kinder mehr geboren worden, da die Radioaktivität die Menschen sterilisierte.

Parsifal (Michael Sopkiw), einer der Wenigen, die den Angriff unbeschadet überstanden haben, verdient sich bei brutalen Autorennen in der Wüste Arizonas, bei denen nur der Gewinner überlebt, ein kleines Zubrot. Der Einzelgänger, der auch der Prostituierten ihre Freiheit wiedergibt, die er ebenfalls als Preis erhielt, reagiert wenig begeistert, als er von einer Flugzeugbesatzung der pan-amerikanischen Konföderation gefangen genommen wird. Der Präsident (Edmund Purdom) benötigt Parsifal für einen gefährlichen Auftrag, der ihn mitten ins verseuchte New York führen wird. Dort soll sich die letzte Frau befinden, die noch Kinder kriegen kann. Mit ihr als Keimzelle einer neuen Nation, ließen sich die Euraker wieder vertreiben, so die Hoffnung des Präsidenten, der Parsifal keine Wahl lässt. Gemeinsam mit den zwei Kämpfern Bronx (Paolo Maria Scalondro) und Ratchet (Romano Puppo) begibt er sich in die schwer bewachte Stadt…


Sergio Martinos Apokalypse-Film "2019 - Dopo la caduta di New York" (Fireflash - der Tag nach dem Ende) kam Ende 1983 in die italienischen Kinos, als die Phase der "Mad Max" - Epigonen ihren Höhepunkt überschritten hatte und schon die ersten Barbaren Filme ("Vindicator: La guerra del ferro - Ironmaster" (Er - stärker als Feuer und Eisen, 1983)) die Leinwand bevölkerten. Enzo G.Castellaris düstere Zukunftsvisionen "1990: I guerrieri del Bronx" (The Riffs - die Gewalt sind wir, 1982) und "Fuga dal bronx" (The Riffs 2 - Flucht aus der Bronx, 1983) hatten das Weltuntergangs-Terrain zuvor abgesteckt, dass wie gewohnt von einer Vielzahl günstig produzierter Nachfolger genutzt wurde (darunter "Rats - Notte di terrore" (vom deutschen Verleih zum direkten Nachfolger gekürt: The Riffs III - Die Ratten von Manhattan, 1984).

Während Regisseure wie Enzo G.Castellari, Umberto Lenzi oder Joe D'Amato nach dem Ende des Polizieschi und der kurzen Kannibalenfilm-Phase in den 80er Jahren dem Action-Genre treu blieben, konzentrierte sich Sergio Martino nach dem Urwald-Tierhorror-Film "Il fiume del grande caimano" (Fluss der Mörderkrokodile, 1979) ausschließlich auf das Komödien-Fach, von einem kurzen Ausflug ins Horror-Genre ( "Assassinio al cimitero etrusco" (1982)) einmal abgesehen. Die zwischen den Erotik-Komödien "Acapulco, prima spiaggia... a sinistra" (1983) und "Occhio, malocchio, prezzemolo e finocchio" (1983) gedrehte postatomare Vision vermittelt angesichts des heftigen Themensprungs den Eindruck, als wollte Martino gemeinsam mit seinem alten Drehbuch-Buddy Ernesto Gastaldi, der seit seinen frühen Gialli ( "Lo strano vizio della Signora Wardh" (Der Killer von Wien, 1971)) zu seinem ständigen Begleiter geworden war, noch einmal Fünfe gerade sein lassen - tatsächlich sollte "2019 - Dopo la caduta di New York" ihre letzte enge Zusammenarbeit werden.

Zum Zeitpunkt der Entwicklung der Story konnten sie auf einige Vorbilder zurückgreifen, aus denen sie kräftig zitierten. Neben dem Auslöser der Apokalypse-Welle "Mad Max" (1979) stand besonders "Escape from New York" (Die Klapperschlange, 1981) Pate, aber auch die menschenähnlichen Replycanten aus "Blade Runner" (1982), ein wenig Raumschiff-Optik á la "Star Wars" (1977) und selbst die Affenmenschen vom "Planet of the apes" (1968) wurden in die Handlung einbezogen. Trotzdem ist es falsch, Gastaldi und Martino ein zusammengeklautes Drehbuch vorzuwerfen, denn sie entwickelten aus diesen Bestandteilen eine eigenständige Story, die nicht nur über überraschende Wendungen, sondern eine im Vergleich zu den US-Vorbildern unerbittlichere Konsequenz verfügt.

Diesen Eindruck vermitteln schon die ersten Bilder, die eine Ruinenlandschaft nach einem atomaren Angriff zeigen, vor der ein einsamer Mann auf seiner Trompete spielt. Sein Gesicht und die der wenigen Überlebenden sind von der radioaktiven Verseuchung schwer gezeichnet - von den Maskenbildnern noch mit dem Mut zur Hässlichkeit betont. Doch die melancholischen Klänge, die die Trompete scheinbar hervorruft, sind nicht echt, sondern entstammen den Synthesizern der De Angelis-Brüder (die unter dem Band-Namen "Oliver Onions" ihre Singles herausbrachten), mit denen sie der gesamten Szenerie einen künstlichen, manchmal unmenschlichen Charakter verliehen.

In diesem Zusammenhang steht auch die Figur des Protagonisten, die im Original nicht zufällig "Parsifal" heißt. Der häufige Vorwurf, Darsteller Michael Sopkiw wäre als Besetzung zu hübsch und weich, ist falsch - sein fast makelloses, am Schönheitsideal der 80er Jahre orientiertes Aussehen, unterschied ihn im Film eklatant von seiner Umgebung und prädestinierte ihn damit zum naiven Helden. Die deutsche Synchronisation spielte mit dem Namen "Flash" auf Science-Fiction-Helden wie "Flash Gordon" an, womit sie dem Protagonisten eine martialische Haltung verlieh, die das Drehbuch nicht für ihn vorsah. Im Gegenteil bleibt Parsifal (Michael Sopkiw) trotz seiner Kampfkraft ein Held ohne besondere Motivation, der sich innerhalb der unterschiedlichen Machtinteressen seine moralische Integrität bewahrt - eine sich von den häufig zynischen und auf ihren eigenen Vorteil bedachten Helden des US-Kinos unterscheidende Charakterisierung, die von der deutschen Synchronisation unterlaufen wurde.

Dass Parsifal sich ins verseuchte und von den Eurakern kontrollierte New York begibt, um die einzige Frau zu finden, die noch Kinder gebären kann - eine Anlehnung an die Handlung in "Escape from New York" (Die Klapperschlange) - geschieht nur unter Zwang des Präsidenten der pan-amerikanischen Konföderation (Edmund Purdom). Dieser will damit die Euraker bekämpfen, die den Atomangriff auslösten, um das Land zu besetzen. Die in "2019 - Dopo la caduta di New York" beschriebene politische Konstellation orientierte sich an der Anfang der 80er Jahre im Zuge des "Kalten Krieges" betriebenen atomaren Aufrüstung  - die Euraker weisen alle Insignien einer Diktatur auf - aber allzu ernst nahmen Martino und Gastaldi diese Situation nicht, sondern nutzten sie vor allem als Hintergrund für ständige Gefechte und Action-Szenen, die - wie vom italienischen Film gewohnt - mit plakativer Gewalt und graphischen Zerstörungen aufwarten konnten.

Interessanter als die Action-Szenen und der Haupthandlungsstrang sind einige Nebenfiguren, die erst für Abwechslung sorgen. Zur Besatzungs-Truppe der Euraker gehört mit Ania (Anna Kanakis) auch eine dunkelhaarige attraktive Frau, die als Offizier eine leitende Position einnimmt. Dass die Szenen mit ihr in der geschnittenen deutschen Kino-Fassung größtenteils fehlten, ist aussagekräftiger als der Cut einiger Gewaltdarstellungen. Ihre Rolle ist erfrischend zwiespältig angelegt und wurde von Martino und Gastaldi gegen die übliche Erwartungshaltung entwickelt. Selbst die Rolle der schönen, nicht von den Zerstörungen gezeichneten jungen Giara (Valentine Monnier), die sich folgerichtig in Parsifal verliebt, erhält eine differenzierte Note, denn Schönheit bedeutet hier nicht gleichzeitig Gesundheit, wie es üblicherweise vorausgesetzt wird. Zudem kontrastierten George Eastman als „Big Ape“, dem Anführer der Affenmenschen, Romano Puppo als superstarker Kämpfer Ratchet und Paolo Maria Scalondro als desillusionierter, mit einer Metallhand versehener „Bronx“ den naiven Helden und verliehen den Gefechten damit eine gewisse egoistische und ironische Würze.

Weder die Ausstattung, noch die Inszenierung können über die billigen Produktionsbedingungen hinwegtäuschen, ganz abgesehen von den damals futuristischen, heute altmodisch wirkenden Details. Auch die Story verfügt dank ihrer erzählerischen Vielfalt über einige Holprigkeiten und entwickelt sich nicht immer schlüssig, aber die Atmosphäre einer zerstörten, vom Untergang bedrohten Welt bleibt jederzeit stimmig – noch betont durch die einfachen Locations und die oft improvisiert wirkende Kleidung und Maske. Mit den professionellen Science-Fiction-Filmen Marke Hollywood kann "2019 - Dopo la caduta di New York" optisch nicht mithalten, aber Sergio Martino und Ernesto Gastaldi nutzten ihren Freiraum für eine eigenständigere Handlung, die sich weder am üblichen Moral-Kodex orientierte, noch trotz des hohen Tempos martialische Emotionen schürte – für ein manchmal naives, aber unbelastetes Vergnügen.

"2019: Dopo la caduta di New York" Italien, Frankreich 1983, Regie: Sergio Martino, Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Sergio Martino, Darsteller : Michael Sopkiw, Valentine Monnier, Edmund Purdom, Anna Kanakis, George Eastman, Laufzeit : 93 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Martino:

Montag, 16. Dezember 2013

Delitto al ristorante cinese (Ein Schlitzohr außer Rand und Band) 1981 Bruno Corbucci

Inhalt: Bombolo muss seinen Chef (John Chan) zum Flughafen bringen, da dieser einen längeren Aufenthalt in China plant. Bis zu seiner Rückkehr hat er Vincenzo (Enzo Cannavale) als Leiter seines China-Restaurants eingesetzt, von dem er erwartet, dass es während seiner Abwesenheit keine Klagen gibt. Dafür soll auch der neue Koch Ciù Ci Ciao (Tomas Milian) sorgen, den Bombolo gleichzeitig am Flughafen abholt und dessen Spezialität gefüllte Reiskörner sind.

Zuerst scheint die Ankunft des neuen Kochs die Erwartungen zu erfüllen, aber als dieser und Bombolo einen Gast tot auffinden, geraten sie in Schwierigkeiten. Ciù Ci Ciao, der Angst hat, wieder nach China abgeschoben zu werden und um die Reputation des Restaurants fürchtet, schlägt Bombolo vor, den Toten in dessen Wohnung zu transportieren. Zwar gelingt es ihnen nach einigen Anstrengungen, aber Nico Giraldi (Tomas Milian), der trotz seines Gipsbeins als Ermittler auf den Fall angesetzt wurde, kommt Bombolo sofort auf die Spur, der der Versuchung nicht widerstehen konnte, eine exotische Briefmarke für seine Sammlung aus einem in der Wohnung liegenden Briefumschlag zu schneiden...


Die von elektronischen Rhythmen begleitete Disco-Musik während der Credits zu Beginn ließ keinen Zweifel aufkommen: die 70er Jahre waren vorbei und das Polizieschi-Genre hatte seinen Höhepunkt schon seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts überschritten, das vom Team Bruno Corbucci/Tomas Milian mit der Rolle des römischen "Superbullen" Nico Giraldi seit "Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze, 1976) persifliert worden war. Inzwischen waren sie bei der siebten Fortsetzung "Delitto al ristorante cinese" (Ein Schlitzohr außer Rand und Band) angekommen, weshalb sie dem "Franchise" offensichtlich eine Frischzellenkur verordnen wollten. Zwar spielte der italienische Originaltitel auf den Vorgängerfilm "Delitto a Porta Romana" (Elfmeter für den Superbullen, 1980) an, aber die deutschen Verleiher ließen angesichts der inhaltlichen Veränderungen den "Superbullen" verschwinden  - auch in den noch folgenden drei Fortsetzungen sollte er nicht mehr im Filmtitel auftauchen.

Natürlich trat Tomas Milian auch in "Delitto al ristorante cinese" im gewohnten Outfit als Nico Giraldi auf, aber der Anteil einer kriminalistisch geprägten Handlung nahm deutlich zugunsten humoristischer Szenen ab. Außer dem titelgebenden Mord im China-Restaurant geschieht im Film kein weiteres Verbrechen und bis auf eine kurze Szene zu Beginn greift Nico Giraldi erst nach einem Drittel der Laufzeit in die Handlung ein. Deshalb musste der Betrachter aber nicht auf Tomas Milian verzichten, der in einer zweiten Rolle als Ciù Ci Ciao die Stelle des neuen Kochs im besagten China-Restaurant antritt, in dem Bombolo schon als Chauffeur und Kellner arbeitet und der Neapolitaner Enzo Cannavale in Abwesenheit des Chefs (John Chan) die Leitung übernommen hat.

Allein diese Besetzung und Milian als Chinese, der jedes Klischee noch potenzierte, ließen keinen Zweifel daran, dass "Delitto al ristorante cinese" besonders die Liebhaber absurder italienischer Komödien ansprechen wollte, was vortrefflich gelang. Obwohl Milian in seiner Rolle als chinesischer Koch kaum einen bekannten Witz ausließ - darunter die ständigen Verwechslungen von "r" und "l", die in der italienischen Originalfassung teilweise sehr komisch sind - vermied er jede Herabwürdigung dieser Figur, da er auch in der skurrilen Verkleidung gewohnt selbstbewusst auftrat. Zudem schaffte es Bombolo mühelos, jeden noch so kleinen Anflug an Intelligenz zu unterbieten, wodurch das chinesisch-römische Gespann zu einem sympathischen Chaos-Duo mutierte, das in einer Parallel-Handlung zu den polizeilichen Ermittlungen auftrat, auch wenn sie den toten Gast im Restaurant entdeckten und äußerst ungeschickt in dessen Wohnung transportierten.

Tomas Milian ist in beiden Rollen nie gleichzeitig im Bild zu sehen, was er dazu nutzte, den Polizei-Inspektor Nico Giraldi wieder cooler und ohne die zuletzt gewohnten Albernheiten anzulegen - diese lebte er hier ausschließlich als Ciù Ci Ciao aus. Trotz seiner üblichen Wortgefechte mit Ehefrau Angela (Olimpia di Nardo) und der Tatsache, dass er mit Gipsbein und einer Krücke in Form einer riesigen Zuckerstange unterwegs ist, agierte Milian in der Tradition der frühen "Superbullen" - Filme, weshalb der Handlungsstrang um die Aufklärung des Mordes nachvollziehbar blieb und ihm genügend Gelegenheiten gab, seine Umgebung ironisch zu kommentieren, bis zu der Anspielung auf die Tradition von Schwarz-Bauten, die in Italien nicht mehr abgerissen werden dürfen, sobald das Dach fertig gestellt wurde - wie es Vittorio de Sica in "Il tetto" (Das Dach, 1956) einst ernsthaft thematisierte.

"Delitto al ristorante cinese" gehört zu den gelungensten Filmen um Nico Giraldi, weil er dank der Doppelrolle Tomas Milians die in den Vorgängerfilmen zunehmend absurder angelegte Figur des Polizisten in zwei Charaktere spaltete. Als unorthodoxer römischer Ermittler musste Milian nicht mehr allein den gesamten Film tragen und konnte sich auf die von den ersten Folgen der Reihe gewohnte Art der Verbrechensbekämpfung konzentrieren, während er als chinesischer Koch, gemeinsam mit Bombolo, einem absurden, zum Teil albernen, aber nie geschmacklosen Spiel frönte – zusammen führte das zu einem sehr unterhaltsamen Ergebnis, dass noch einmal die Stärken des Teams Bruno Corbucci/Tomas Milian demonstrierte.

"Delitto al ristorante cinese" Italien 1981, Regie: Bruno Corbucci, Drehbuch: Bruno Corbucci, Mario Amendola, Darsteller : Tomas Milian, Bombolo, Enzo Cannavale, Olimpia di Nardo, Giacomo Furia, Laufzeit : 97 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Bruno Corbucci:

"Isabella, duchessa dei diavoli" (1969)

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Il mercenario (Mercenario - Der Gefürchtete) 1968 Sergio Corbucci

Inhalt: Paco (Tony Musante) erhält wie die anderen mexikanischen Minenarbeiter nur ein paar Bohnen zum Essen, während es sich die Gesellschaft des Großgrundbesitzers Alfonso Garcia (Eduardo Fajardo) nebenan gut gehen lässt. Ihm gelingt es, einem der Aufpasser die Waffe zu entwenden und sie können die Festivitäten stören, aber Garcia lässt sich diese Auflehnung nicht lange gefallen und kann ihn wieder überwältigen – in letzter Sekunde entkommt Paco mit Hilfe zweier Kameraden der tödlichen Folter.

Gleichzeitig erhält der Söldner Sergei Kowalski, genannt „Der Pole“ (Franco Nero), den Auftrag, Silber aus Garcias Mine abzuholen und in die USA zu transportieren, aber als er dort ankommt, muss er feststellen, dass Paco und seine Männer inzwischen den Besitz übernommen haben und das Silber nach einer Explosion verschüttet wurde. Auch Kowalski soll aufgehängt werden, aber plötzlich zerreißt Kanonendonner die Stille, denn Garcia ist mit der Unterstützung der Armee zurückgekommen und greift die schlecht bewaffneten Männer an. Für Paco sieht es schlecht aus, aber Kowalski weiß einen Ausweg – nur möchte er zuvor gut dafür bezahlt werden…


"Il mercenario" (Mercenario - Der Gefürchtete) kam knapp drei Monate vor Sergio Corbuccis "Il grande silenzio" (Leichen pflastern seinen Weg, 1968) in die italienischen Kinos, weshalb ein Vergleich zwischen beiden Filmen ebenso nahe liegend scheint, wie die Verbindung zu "Django" (1966), der für "Il mercenario"-Hauptdarsteller Franco Nero den Durchbruch unter Corbucci brachte. Parallelen lassen sich auch in der Reaktion auf das zunehmend eskalierende und weltweit Proteste hervorrufende us-amerikanische Militär-Engagement in Vietnam feststellen, auf das beide Filme in unterschiedlich verklausulierter Form reagierten. Tatsächlich könnten ihre Entwicklungslinien kaum unterschiedlicher sein - das beide Filme letztlich unter der Regie Sergio Corbuccis entstanden, ist ein weiteres Beispiel für die Genre-übergreifende Zusammenarbeit und kreative Kraft des italienischen Kinos.

„Il grande silenzio“ ist eine konsequente Weiterentwicklung von „Django“ – kompromissloser und politisch relevanter – während die Gene von „Il mercenario“ auf die politisch motivierten Filme von Gillo Pontecorvo ("Kapò" 1960) und Francesco Rosi ("Salvatore Giuliano" (Wer erschoss Salvatore G.?, 1961)) zurückgehen, zu denen der überzeugte Marxist Franco Solinas die Drehbücher schrieb.  Über „La battaglia di Algeri“ (Schlacht um Algier, 1966), Sergio Sollimas "La resa dei conti" (Der Gehetzte der Sierra Madre, 1966) und Damiano Damianis Revolutionswestern "Quien sabe?“ (Töte Amigo, 1966) führt die Linie direkt zu "Il mercenario". Neben der Konzentration auf den mexikanischen Hintergrund, ist die inhaltliche Verwandtschaft gut auch an der Charakterisierung des "Gringo" zu erkennen, der in Damianis Film von Lou Castel gespielt wurde und mehr Ähnlichkeit mit Franco Neros "Sergei Kowalski", genannt "Der Pole", aufweist, als mit dessen Verkörperung des "Django". Man sollte sich nicht von der Coolness beider Figuren täuschen lassen, die Nero unnachahmlich spielen konnte, denn im Vergleich zu dem egozentrischen, jederzeit seinen eigenen Vorteil im Blick behaltenden „Mercenario“ (Söldner) Kowalski ist der gutherzige, nur äußerlich den harten Burschen gebende "Django", ein echter Waisenknabe.

Neben dem Einfluss Franco Solinas lässt sich über dessen Mitstreiter Luciano Vincenzoni auch eine direkte Verbindung zu den Sergio Leone Western "Per qualche dollaro in più" (Für ein paar Dollar mehr, 1965) und "Il buono, il brutto, il cattivo" (Zwei glorreiche Halunken, 1966)  herstellen, an deren Drehbüchern er beteiligt war. Die Fortsetzung dieser Linie hin zu Leones Revolutionswestern "Giù la testa" (Todesmelodie, 1971) erscheint ebenso logisch, wie Solinas folgende Drehbücher zu "Tepepa" (1969) und "Queimada" (Queimada - Insel des Schreckens, 1969), dessen Regie Gillo Pontecorvo übernahm. Zu "Il mercenario" hatte er sie abgelehnt, weshalb Sergio Corbucci einsprang, der seine eigenen Schlüsse aus der für ihn bis dahin untypischen Western-Mischung aus ernsthaftem Drama und komischen Einlagen zog - er ließ mit "Vamos a matar, compañeros" (Lasst uns töten, Companeros, 1970), erneut mit Franco Nero und Jack Palance besetzt, und "Che c'entriamo noi con la rivoluzione?" (Bete, Amigo!, 1972) zwei weitere Revolutionswestern folgen, die den komödiantischen Charakter zunehmend betonten - eine Parallele zum gesamten Italo-Western-Genre, das seine Hochphase überschritten hatte und begann, sich selbst zu persiflieren.

„Il mercenario“ gelang es dagegen optimal, die häufig nur vordergründig komischen Elemente so eng mit der kritisch geschilderten Situation Mexikos zu kombinieren, dass der jederzeit unterhaltende Film nie seine Ernsthaftigkeit verliert. Die Handlung beginnt etwa 1910, als nach der langjährigen Diktatur unter Porfirio Diaz, die eine extreme Klassengesellschaft aus wenigen reichen Großgrundbesitzern und einer großen Zahl unter miserablen Bedingungen lebenden Landarbeitern manifestiert hatte, eine bis in die 20er Jahre andauernde gesellschaftliche Umbruchsphase anbrach, die als „mexikanische Revolution“ bezeichnet wird und die auf Grund der widerstreitenden Interessen der Revolutionsführer zu chaotischen Verhältnissen führte. Während Emilio Zapata Reformen anstrebte, die sozialistischen Idealen nahe standen und die Rechte der Arbeiter gestärkt hätten, war dessen zeitweise Verbündeter Venustiano Carranza vor allem an der Ablösung des Diaz-Regimes gelegen. Er überließ 1913 dem Oberbefehlshaber der Armee General Huerta den Präsidentenposten, nachdem er selbst zum obersten Heerführer ernannt worden war. Nachdem die Zapatisten erneut gegen dessen nicht weniger autoritären Führungsstil revoltierten und Huerta 1914 ins Exil nach Europa geflüchtet war, übernahm Carranza den Präsidentenposten bis 1920 und wurde darin von den USA unterstützt, die zweimal mit ihrem Heer nach Mexiko eindrangen.

Die Parallelen zum Vietnamkrieg Ende der 60er Jahre lagen nah, denn mit ihrem militärischen Eingreifen wollte die USA verhindern, dass der kommunistische Norden die Kontrolle über das gesamte Land erringt, um ihre eigenen Interessen an diesem strategisch wichtigen Ort zu wahren. Der von den unsozialen Verhältnissen in Mexiko profitierende US-Unternehmer oder mexikanische Großgrundbesitzer gehört zu den Standard-Figuren im Italo-Western, aber „Il mercenario“ vermied trotz dieser Ausgangssituation ein einfaches Gut/Böse-Schema, indem er zwei so charismatische wie zwiespältige Protagonisten in den Mittelpunkt stellte. Der von Tony Musante gespielte einfache mexikanische Landarbeiter Paco Roman lehnt sich zwar gegen die menschenunwürdigen Lebensverhältnisse auf, verfolgt damit aber keine politischen Ziele, sondern versucht raubend seinen Vorteil aus dem allgemeinen Chaos zu ziehen. Der „Gringo“ Sergei Kowalski (Franco Nero), Einzelgänger und nur an sich selbst interessiert, ist auf Grund seiner Fähigkeiten als Revolverschütze und Stratege ein Profiteur dieser Situation.

Nur Neros abgeklärtem Spiel ist es zu verdanken, dass Kowalski zu keiner unsympathischen Figur wird. Sein Einfordern einer Vorausbezahlung auch in lebensgefährlichen Momenten wird noch zu einer Art „Running Gag“, aber der Film schwächt seinen Charakter nicht, sondern lässt ihn weder umdenken, als Paco, beeinflusst von der schönen Columba (Giovanna Ralli), die Notwendigkeit von Veränderungen in seinem Heimatland zu begreifen beginnt, noch zu Gunsten Anderer auf den eigenen Vorteil verzichten. So absurd die Szene ist, in der er sich an einem heißen Tag in der Wüste mit dem Wasser aus den Trinkflaschen der mexikanischen Bandenmitglieder duschen lässt, so unmenschlich ist sein Handeln und letztlich schuld an weiteren Konflikten. Auch Paco, der sich als Richter aufspielt und seine Machtposition genießt, wird nicht zum Heilsbringer idealisiert, aber die kindliche Freude, die Musante seiner Rolle verleiht, lässt ihn zum eigentlichen Sympathieträger werden, während Kowalskis Beharren auf Professionalität und Bezahlung zunehmend tragische Züge annimmt.

Diesem Duo steht Ricciolo (Jack Palance) gegenüber, dessen hinterhältiger, einen ehrlichen Konflikt vermeidender Charakter die beiden Hauptrollen kontrastiert und damit ihre jeweiligen Schwächen relativiert. Da Ricciolo in einer Szene den Tod eines seiner Bandenmitglieder betrauert – ein sonst untypisches Verhalten für ihn – und mit seinem gelockten Haar und tadelloser Kleidung eine ungewöhnliche Erscheinung abgibt, wird in vielen Texten zum Film dessen Homosexualität betont, obwohl das im Film nicht thematisiert wird. Seine sexuellen Präferenzen spielen in „Il mercenario“ ebenso wenig eine Rolle wie bei Kowalski, der jede emotionale Bindung meidet. Viel mehr erstaunt es, wie es Jack Palance gelang, diesem sinistren Charakter Würde zu verleihen – etwa als Kowalski ihn dazu zwingt, sich nackt auszuziehen. Selbst in diesen Momenten bewahrte sich „Il mercenario“ seine Komplexität und suchte keine einfachen Antworten, sondern macht deutlich, wie schnell jeder Idealismus vom Pragmatismus wieder eingeholt wird. Dem Film deshalb Zynismus vorzuwerfen wäre trotzdem falsch, denn in seiner letzten Szene entlässt er den Betrachter noch mit einem klaren Statement: Es lebe die Revolution!

"Il mercenario" Italien / Spanien 1968, Regie: Sergio Corbucci, Drehbuch: Franco Solina, Luciano Vincenzoni, Sergio Corbucci, Adriano Bolzoni, Darsteller : Franco Nero, Tony Musante, Jack Palance, Giovanna Ralli, Eduardo Fajardo, Laufzeit : 102 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Corbucci:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.