Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Montag, 15. September 2014

1990: I guerrieri del Bronx (The Riffs - Die Gewalt sind wir) 1982 Enzo G.Castellari

Inhalt: New York 1990, in einer nahen Zukunft – der verwahrloste Stadtteil Bronx wurde sich selbst überlassen und von außen abgeriegelt, da die Behörden vor der ständig steigenden Kriminalität kapitulierten. Innerhalb ist inzwischen eine neue Gesellschaftsordnung entstanden, die von unterschiedlichen Gruppierungen beherrscht wird, darunter „The Riders“, eine Motorrad-Rocker-Gang, die unter der Führung von Trash (Mark Gregory) einen Teil des Gebiets kontrolliert. Dorthin gerät auch die 17jährige Ann (Stefania Girolami), die freiwillig über eine Brücke in die Bronx läuft, weil sie die kalte, nur an marktwirtschaftlichen Erfolgen orientierte Welt satt hat. Als sie angegriffen wird, kommen ihr „The Riders“ zu Hilfe – Trash persönlich nimmt sich der reichen Erbin eines Rüstungskonzerns an und verliebt sich in sie.

Doch die Manager des Konzerns haben kein Verständnis für ihre Entscheidung und wollen sie aus dem Moloch wieder zurückholen. Eine Aufgabe für den Profi-Killer Hammer (Vic Morrow), ein ehemaliger Polizist, der sich sehr gut in der Bronx auskennt und für die dort lebenden Menschen nur Verachtung übrig hat. Für eine offene Konfrontation ist es noch zu früh, weshalb er sich in das Gebiet einschleicht und skrupellos seine Intrige beginnt…


Dass Enzo G.Castellari bei "1990: I guerrieri del Bronx" (The Riffs - die Gewalt sind wir, 1982) neben der Regie auch neben Dardano Sacchetti das Drehbuch schrieb und selbst mitspielte, erscheint angesichts der üblichen übergreifenden Zusammenarbeit der Familie Girolami normal - seine Tochter Stefania spielte die weibliche Hauptrolle und assistierte ihm bei der Regie, Bruder Ennio gehörte ebenfalls zum Cast - doch bei einer genaueren Betrachtung wird deutlich, wie wichtig dieses Projekt für Castellari gewesen sein muss, dessen Erfolg erst seine zwei 1983 folgenden Filme "I nouvi barbari" (Metropolis 2000) und "Fuga dal Bronx" (The Riffs 2 - Flucht aus der Bronx) ermöglichte. Die Veröffentlichung von Castellaris letztem Film "L'ultimo squalo" (The last jaws - der weiße Killer, 1981) - einer der letzten Italo-Streifen dieser Phase, die noch auf Tier-Horror setzten (siehe "Das italienische Kino frisst sich selbst") - lag mehr als ein Jahr zurück. Offensichtlich wurde John Carpenters düstere Zukunftsvision "Escape from New York" (Die Klapperschlange, 1981) zur Initialzündung für Castellari, denn zuletzt hatte er Mitte der 70er Jahre bei "Keoma" (1976) am Drehbuch mitgewirkt.

Trotz diverser Parallelen zu Carpenters Film wäre es falsch, "1990: I guerrieri del Bronx" als billiges Imitat anzusehen, wie es italienischen Produktionen dieser Entstehungszeit, speziell auch Castellaris „L’ultimo squalo“, häufig unterstellt wurde. Die in „Escape from New York“ zugespitzte Zukunftsvision eines sich selbst überlassenen Manhattan, nahm, angesichts einer damals grassierenden Verbrechenswelle, über die die Justiz scheinbar die Kontrolle verloren hatte, reale Ängste auf. Die zwischen dem Hudson River und der Bucht vor Long Island gelegene Insel bot sich auch auf Grund ihrer Lage dazu an, sie als von außen schwer bewachte Festung auszubauen, aus der Niemand mehr herausgelassen wird, um die restliche Bevölkerung zu schützen. Eine Welt, in der nur das Gesetz des Stärkeren gilt, und aus der es kein Entrinnen gibt.

Diese Idee nahm Castellari zwar auf, versetzte die Handlung aber in eine nahe Zukunft, die ohne besondere futuristische Elemente auskam und in der damaligen Gegenwart verankert blieb. Die in New York gedrehten Außenaufnahmen mit Straßenzügen heruntergekommener Häuser und verfallener Plätze spiegelten die Realität wider, wie auch die optischen Details der einzelnen Gangs ganz dem beginnenden Hedonismus der frühen 80er Jahre und dem damaligen Hang zur Postmoderne verpflichtet waren. Die zu Beginn des Films in langen Detailaufnahmen gezeigten Ausstattungsstücke aus Stahl und Leder, die der Selbstverteidigung im Nahkampf dienen sollen, sind gleichzeitig Schmuck und Zugehörigkeitsmerkmal der einzelnen Gruppen, denn nur Wenige sind hier auf sich allein gestellt. Das jeweilige Outfit entscheidet zudem über die hierarchische Position. Die in gleichförmigen Uniformen steckenden Roll-Hockey-Spieler werden trotz ihrer Schläger nicht ernst genommen, während die im Untergrund lebenden, in Lumpen gekleideten Wesen gefährlichen Ratten ähneln. Dagegen hinterlassen die stolz auf ihren Choppern thronenden „Riders“ (in der deutschen Synchronisation die titelgebenden „Riffs“) den Eindruck freiheitsliebender Männer, die hart, aber fair agieren.

Damit kehrte Castellari Carpenters Ausgangssituation um – nicht die Welt im Inneren ist hier schlecht, sondern eine gefühlskalte, rein marktwirtschaftlichen Interessen verpflichtete Außenwelt, aus der die 17jährige Ann (Stefania Girolami), reiche Erbin eines Rüstungskonzerns, freiwillig in die Bronx flieht. Dort gerät sie zwar kurz in Gefahr, wird aber von Trash (Mark Gregory), dem Anführer der „Riders“ gerettet, der sich in die junge Frau verliebt und ihr erstmals das Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Die hier gegenüber gestellten Positionen sind zwar von einfachstem Zuschnitt, gestehen aber den von der Gesellschaft Ausgestoßenen moralische Gefühle zu. Innerhalb der Bronx haben sie sich trotz der anarchischen Situation eigene, funktionierende Regeln geschaffen, die erst in Gefahr geraten, als der von außen geschickte Ex-Cop Hammer (Vic Morrow) - ein zynischer Killer, der Ann zurückholen soll - Intrigen zu spinnen beginnt und den Zusammenhalt unter den „Riders“ zerstört. Dass er sich dafür Ice (Joshua Sinclar) aussucht, der statt Trash die Gruppe führen will, lässt sich auch an dessen Wehrmacht-Uniform und Himmler-Nickelbrille ablesen.

Alles in Castellaris Film ist Formalismen untergeordnet, die einer Sozialisation ohne Ordnung Halt geben sollten - eine unmittelbare Reaktion auf die soziokulturellen Strömungen Anfang der 80er Jahre, die auch in Carpenters "Escape from New York" eingeflossen waren. Allerdings hätte die Wahl des damals gerade 17jährigen, extra für den Film gecasteten Hauptdarstellers kaum gegensätzlicher zu dem von Kurt Russel gespielten „Snake Plissken“ ausfallen können. Mark Gregory ist kein talentierter Schauspieler, eignete sich aber in seiner Body-gestählten, langhaarigen jugendlichen Schönheit ideal als unschuldig wirkende Identifikationsfigur innerhalb einer als verdorben dargestellten Welt, obwohl sein Name „Trash“ das Gegenteil ausdrückt. Doch dieser bezieht sich auf seine Herkunft, der er entkommen ist, denn er gilt in "1990: I guerrieri del Bronx" ebenso als Erfolgstyp, wie der von Fred Williamson gespielte „Ogre“, der als selbst ernannter König der Bronx immer so aussieht, als käme er gerade von der Disco-Tanzfläche.

Die Grenze zum Lächerlichen blieb entsprechend schmal, auch wegen des geringen Budgets, doch dank der Original-Schauplätze und einiger ausgefallener Ideen entstand der atmosphärisch stimmige Eindruck eines begrenzten, sich selbst definierenden Handlungsraums. Allein die Szene am Hudson-River, in der ein Schlagzeuger das Treffen der „Riders“ mit dem exzentrischen Gefolge des „Ogre“ musikalisch begleitet, reicht dafür schon aus. Castellari bettete seine dezente Zukunftsvision in einen, gewohnte Härten aufweisenden Italo-Actionfilm - dabei kurzweilig von einem Scharmützel zum nächsten wechselnd - der sich dank seiner Sympathien für die Außenseiter der bürgerlichen Gesellschaft und seines konsequenten, damalige Ängste und soziopolitische Entwicklungen ausdrückenden 80er Jahre Stils von ähnlich konzipierten Storys positiv absetzte.

"1990: I guerrieri del Bronx" Italien 1982, Regie: Enzo G. Castellari, Drehbuch: Enzo G. Castellari, Elisa Briganti, Dardano Sacchetti, Darsteller : Fred Williamson, Mark Gregory, Vic Morrow, Joshua Sinclair, Stefania Girolami, Laufzeit : 93 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Enzo G. Castellari:


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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.