Carlo Lizzanis ungewöhnlicher Beitrag zur "Commedia sexy all'italiana"

Dienstag, 6. Dezember 2016

Roma bene (Roma bene - Liebe und Sex in Rom) 1971 Carlo Lizzani


Silvia Santi (Virna Lisi) will ihren Ohrring von Baron De Vittis zurück
Inhalt: Ein Sommer-Abend in Rom. Langsam füllt sich der Palazzo der Familie Santi mit Gästen, die den Abend bei Musik, Alkohol, Drogen und angenehmen Gesprächen ausklingen lassen wollen. Auch für weitere Vergnügungen wie Glücksspiel und Sex ist gesorgt. Während Commissario Tartamella (Nino Manfredi) das Eintreffen der Schönen und Reichen von Rom beobachtet, trifft auch Baron Maurizio Di Vittis (Vittorio Caprioli) ein, der sich ein paar Lire von einem Gast geben lässt, um den Taxi-Fahrer zu bezahlen. Der Baron ist zwar notorisch klamm, aber die „gehobene“ Gesellschaft schmückt sich gerne mit einem Mitglied des alten Adels. 

Commissario Tartamella (Nino Manfredi) erträgt die Situation mit Humor
Wie zu erwarten war, muss sich der Commissario später noch um den als Kleptomanen bekannten Baron kümmern, denn dieser hatte ausgerechnet den wertvollen Ohrring der Hausherrin Silvia Santi (Virna Lisi) gestohlen und gleich herunter geschluckt. Zwar muss Di Vittis mit auf die Wache, bis der Ohrring wieder auftaucht, aber weitere Konsequenzen zieht sein Vergehen nicht nach sich. Bei der nächsten Party ist er wieder mit dabei. Ähnlich großzügig legen auch die übrigen Gäste die Gesetze für sich aus, die je nach Situation zu eigenen Gunsten ausgelegt werden. Prinzessin Dede Marecscalli (Senta Berger) nutzt ihre Attraktivität für die Beeinflussung von Politikern, Andere gehen weniger dezent vor… 


Der deutsche Verleih fügte Carlo Lizzanis Beitrag zur "Commedia sexy all'italiana" noch die Worte "Liebe und Sex in Rom" hinzu. An welcher Stelle im Film die Texter des deutschen Titels die "Liebe" vermuteten, wird ihr Geheimnis bleiben. Vielleicht wollte man damit Lizzanis Film mehr Richtung sexy Komödie und damit Publikumsaffinität rücken. Gemessen am prominenten Cast, der hier vor der Kamera agierte und den unzweifelhaft vorhandenen Schauwerten, dürfte das nicht gelungen sein, denn "Roma bene" ist heute nahezu unbekannt.

Carlo Lizzanis Film steht trotz seiner freizügigen Optik und seines authentischen Zeitkolorits Anfang der 70er Jahre noch für die Vergangenheit der "Commedia all'italiana". Ein nur wenig kaschierter Episodenfilm im Geist der 60er Jahre - provokativ, zynisch und gesellschaftskritisch, aber Anfang der 70er Jahr nicht mehr "up-to-date". Aus heutiger Sicht hat sich das geändert - eine empfehlenswerte Wiederentdeckung. 


Enthalt’ ich mich, dir Schlimmeres zu sagen:
Dass schlecht die Welt durch eure Habsucht ist,
Die Guten sinken, und die Schlechten ragen. 
(aus „Die göttliche Komödie“, 19. Gesang von Dante Alighieri)

Principessa und Prince Marescialli (Senta Berger und Umberto Orsini)
Nur die Flucht in literarische Höhen lässt Commissario Tartamella (Nino Manfredi) eine Umwelt ertragen, mit der er täglich konfrontiert wird – die Schönen und Reichen von Rom. Ein Haufen korrupter und eitler Selbstdarsteller, die nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben. Moral, Respekt vor Anderen oder den Gesetzen des Landes? - Fehlanzeige. Als Polizist bleibt ihm nur wenig Handlungsspielraum. Er darf zwar den verarmten Baron Maurizio Di Vittis (Vittorio Caprioli) verhaften, bis dieser den wertvollen Ohrring von Silvia Santi (Virna Lisi) auf der Wache wieder ausgeschieden hat – wegen seiner adligen Herkunft ist der notorische Kleptomane ein gern gesehener Gast auf den diversen Feierlichkeiten – , aber darüber hinaus kann er trotz klarer Beweislage Niemanden überführen. Weder bei einer vorgetäuschten Kindesentführung, noch bei Gatten-Mord. Die Beziehungen der Beschuldigten reichen bis in höchste politische Kreise. 

„Arme brauchen einen Grund zu feiern, Reiche haben immer Party“ 

Giorgio Santi (Phillippe Leroy) macht Geschäfte mit China
sind die ersten Worte des Commissario auf die Frage seines Adjutanten, aus welchem Anlass gerade zahlreiche Gäste mit ihren Luxus-Karossen vor einem römischen Palazzo vorfahren. Von oben betrachtet sieht Rom in der abendlichen Dunkelheit sehr friedlich aus. Die Silhouette des Kolosseum thront zwischen dem Lichtermeer, während ein von Luis Bacalov komponierter Song melancholisch erklingt. Alles „bene“ in Rom? – Zumindest für die fröhliche Gesellschaft im Hause Silvia Santi, deren Mann Giorgio (Philippe Leroy) gerade geschäftliche Kontakte mit China eingefädelt hat. Sexuelle Revolution und linke Ideologie lassen sich elegant mit Kapitalismus und Dekadenz kombinieren. Entsprechend ausgelassen wird gefeiert, während im intimen Rahmen politische und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen und die nächste Sex-Affäre eingeleitet werden.

Ein Hoch auf Mao - Baron De Vittis (Vittorio Caprioli)
Ähnlich illustre wie die hier versammelte Gesellschaft war auch die Schauspielergarde, mit der die italienisch-französisch-deutsche Co-Produktion unter der Leitung von Carlo Lizzani aufwarten konnte, der seine zynische Komödie zudem ganz zeitgemäß mit viel Erotik würzte. Leider ohne den gewünschten Erfolg. Trotz bester Voraussetzungen geriet „Roma bene“ schnell in Vergessenheit, denn wirklich neu war nichts an Lizzanis Werk. An kritischen Kommentaren über die sogenannte „bessere“ Gesellschaft hatte es im italienischen Film zuvor ebenso wenig gefehlt, wie an einer ironischen Aufarbeitung der sexuellen Liberalisierung und der Protestbewegung. Besonders der ab Mitte der 60er Jahre in Italien intensiv gepflegte Episodenfilm (siehe "L'amore in città und die Folgen") war früher Mittelpunkt respektloser und gesellschaftskritischer Statements einer Vielzahl italienischer Filmkünstler. Auch Carlo Lizzani hatte als Regisseur in den 60er Jahren an drei Episodenfilmen (zuletzt "Amore e rabbia" (Liebe und Zorn, 1969)) mitgewirkt.

Wilma Rappi (Michèle Mercier) mit ihrer Geliebten (Annabella Incontrera)
Der gesamte Cast liest sich wie ein „Who is who“ des Episodenfilms und der aufkommenden „Commedia sexy all’italiana“. Vittorio Caprioli führte früh Regie bei „I cuori infantri“ (1963) und wurde als Schauspieler quasi omnipräsent im erotischen Film ("L'insegnante" (Die Bumsköpfe, 1975)). Senta Berger hatte in „Quando le donne avevano la coda“ (Als die Frauen noch Schwänze hatten, 1970) ebenso unter Komödien-Spezialist Pasquale Festa Campanile gespielt wie Episodenfilm-Dauergast Nino Manfredi in "Adulterio all'italiana" (Seitensprung auf Italienisch, 1966). Auch Virna Lisi ("Le bambole" (Die Puppen, 1965)), Michèle Mercier („I nostri mariti“ (Unsere Ehemänner, 1966)), Gastone Moschin ("Le fate" (Die Gespielinnen, 1966)) und Philippe Leroy („L’idea fissa“ (Wenn das die Männer wüssten, 1964)) gehörten zur regelmäßigen Besetzung im Episodenfilm. Und mit Ely Galleani („La dottoressa sotto il lenzuolo“ (Der Kleine mit der großen Schnauze, 1976)), Margaret Rose Keil („Il decamerone proibito“, 1972) und Malisa Longo („La bella Antonia, prima Monica e poi Dimonia“ (Wehe, wenn die Lust uns packt, 1972)) zeigten sich in „Roma bene“ schon attraktive kommende Darstellerinnen der „Commedia sexy“.

Den Eindruck einer Art Bestandsaufnahme der 60er Jahre betonte noch die Anlage des Films, der seinen episodenhaften Charakter nur wenig verbarg. Zwischen der Eingangs- und Endsequenz, in der die Darsteller-Riege jeweils zusammen kommt, werden die wenig schmeichelhaften Worte des Commissario zu Beginn mit einzelnen Stories untermauert. Zuerst setzte Carlo Lizzani die Prinzessin Dede Marecscalli (Senta Berger) ins Bild bei ihrem sexuellen Einsatz für ein großes Immobilienprojekt. Nach mehreren Bettgeschichten, die die Planung voranbringen, läuft ein Abendessen mit einem einflussreichen Politiker nicht wie vorgesehen. Statt Dede erweist sich ihr Mann Rubio (Umberto Orsini) als größere Attraktion, der in diesem Fall den Job übernimmt. Abgesehen von der unlauteren Einflussnahme die sympathischste Episode – ein Gradmesser, der zunehmend abnimmt.

Nino Rappi (Franco Fabrizi) wird bei Santi das Frühstück serviert
Beginnt die Geschichte um das Ehepaar Wilma und Nino Rappi (Michèle Mercier und Franco Fabrizi) noch komisch, als sie ihn in einem Edel-Bordell erwischt und ihm die Hölle heißmacht, ohne dass er ahnt, dass sie eine lesbische Beziehung mit dessen bevorzugter Prostituierten (Annabella Incontrera) hat, gleiten die einzelnen Episoden zunehmend in bösartigere Gefilde. Bei dem Versuch des zuvor gescholtenen Ehemanns Rappi, in die China-Connection des Industriellen Giorgio Santi einzusteigen, stirbt er in der Sauna an Herzversagen. Den tagelangen Marathon aus sportlicher Betätigung und Gruppensex, bei dem er an der Seite des durchtrainierten Santi mitmachen musste, überlebte der korpulente Mann nicht. Seiner Witwe ringt das keine Träne ab. Im Gegensatz zu Irene Papas als griechische Millionärs-Gattin Elena Teopoulos, die aus Anlass des Todes ihres reichen Ehemanns eine klassische Tragödie aufführt.

Noch lebt ihr Gatte (Mario Feliciani und Irene Papas)
Womit sie Commissario Tartamella aber nicht täuschen kann, der den gemeinschaftlich mit ihrer Mutter ausgeführten Mord sofort durchschaut. Unternehmen kann er ebenso wenig, wie bei der durch die verwöhnten Santi-Kinder Vivi und Lando (Ely Galleani und Dado Crostarosa) mit Hilfe der Mutter inszenierten Selbst-Entführung, mit der sie ihren Vater um Kleingeld für ihre Spielsucht und Shopping-Gelüste erleichtern wollten. Der Commissario durchkreuzt ihren Plan, aber der reiche Papa verzichtet großzügig auf eine Bestrafung, auch um negative Schlagzeilen zu verhindern. Mit dem Knaben, der auf einem Jagdausflug statt auf Enten auf Menschen schießt, bekommt er gar nicht erst etwas zu tun. Weniger kriminell, mehr entlarvend ist die Episode um einen Kardinal (Gaston Moschin), der ein Doppelleben führt. Schwerreich im Ölgeschäft tätig und ebenfalls an der China-Connection interessiert, führt er ein angenehmes Dasein zwischen Privatyacht und Vatikan. Fließend gelingt ihm der Übergang zwischen dem Absetzen der Geliebten per Ferrari und dem Einstieg als „Il monsignore“ in den Chauffeur gesteuerten Dienst-Mercedes.

Il monsignore (Gastone Moschin) im Ferrari mit der Principessa
Provokativ war das 1971 allemal, gehörte aber zum guten Ton im italienischen Episodenfilm. Noch im späten "I nuovi mostri" (Viva Italia, 1977)) wurde die Verlogenheit der katholischen Kirche genüsslich zelebriert. Einzig mit der abschließenden, alle noch lebenden Protagonisten zusammenführenden Sequenz, betrat Carlo Lizzani Neuland. Er bestrafte sie. Versammelt, um sich nach erfolgreichen Wochen hemmungslos zu vergnügen, vergessen sie einen Moment, dass sie ohne Personal auf der Yacht des Monsignore im Mittelmeer kreisen, der als Einziger neben Giorgio Santi noch anderweitig beschäftigt ist. Als sie von der Sonne erhitzt alle gemeinsam von Bord springen, um ein kühles Bad zu nehmen, stellen sie zu spät fest, dass Niemand die Leiter herunter gelassen hatte. Im Gegensatz zu den vorherigen Episoden, die die Realität ironisch bis sarkastisch zuspitzten, wirkt die abschließende Szene wie reines Wunschdenken.

Verzweifelter Versuch zurück an Bord zu kommen
Tatsächlich symbolisierte sie die Verlorenheit des Einzelnen auch innerhalb dieser scheinbar glücklichen Gemeinschaft. Der Kardinal und der mit dem Privat-Jet herüberfliegende Santi hätten sie retten können, aber sie waren nur mit sich selbst beschäftigt, ohne Interesse an ihren Freunden und Verwandten. Minutenlang zeigt der Film die zunehmend Verzweifelten bei ihrem Versuch noch irgendwie auf das Schiff zu gelangen, während zwei leere Cocktail-Gläser über das hölzerne Deck kullern. Am Ende treibt Jeder im Wasser für sich allein. Auf den Punkt gebracht, als Baron De Vittis die einzelnen Namen ruft und sie jeweils mit „anwesend“ antworten. Ins Tragische will diese Situation nach den zuvor gezeigten Ereignissen nicht abkippen, Schadenfreude bereitet sie aber auch nicht. Ein zwiespältiges, zum Nachdenken anregendes Ende, das Lizzanis Film auch nicht mehr retten konnte, dessen launig böse Abrechnung mit den „Schönen und Reichen“ für das damalige Publikum offensichtlich zu spät kam. Für 1971 mag das gegolten haben, aus heutiger Sicht hat „Roma bene“ dagegen wieder an Aktualität gewonnen. 

"Roma bene" Italien, Frankreich, Deutschland 1971, Regie: Carlo Lizzani, Drehbuch: Carlo Lizzani, Nicola Badalucco, Edith Bieber, Luciano VincenzoniDarsteller : Nino Manfredi, Senta Berger, Vittorio Caprioli, Michèle Mercier, Franco Fabrizi, Virna Lisi, Philippe Leroy, Gastone Moschin, Umberto Orsini, Irene Papas, Annabella Incontrera, Malisa Longo, Ely GalleaniLaufzeit : 95 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Carlo Lizzani:

Dienstag, 29. November 2016

Le calde notti di Don Giovanni (Sein Schlachtfeld war das Bett) 1971 Alfonso Brescia


Don Giovanni (Robert Hoffmann) mit Esmeralda (Barbara Bouchet)
Inhalt: Während Paco die Tochter des Grafen mit zwar stotternd vorgetragenen, aber liebevollen Versen davon überzeugen will, dass es sich bei ihm um Don Giovanni handelt, befindet sich sein Herr, der echte Frauenheld (Robert Hoffmann), gerade im Bett der Hausherrin Esmeralda (Barbara Bouchet). Das Ablenkungsmanöver gelingt zwar, aber der Ärger bleibt Don Giovanni nicht erspart, da Esmeraldas Mann glaubt, er hätte es auf seine Tochter abgesehen. Nur dank seiner Fechtkünste kann er ihm und dessen aufgebrachten Soldaten entkommen. 

Fürstin Isabella (Ira von Fürstenberg) betrachtet den Frauenheld skeptisch
Trotzdem erscheint er am kommenden Tag in Sevilla auf dem Empfang der Fürstin Isabella Gonzales (Ira von Fürstenberg), da er weiß, dass sich der Graf vor der illustren Runde keine Blöße geben wird. Ungerührt fordert er vor dessen Augen dessen verliebte Tochter auf, während er gleichzeitig ein Auge auf die schöne Fürstin wirft, die ihn ganz offensichtlich missachtet. Ein Verhalten, dass Don Giovanni erst motiviert. 


Am liebsten beschäftigt sich Don Giovanni auf diese Weise...
Ausnahmsweise traf der deutsche Titel "Sein Schlachtfeld war das Bett" den Inhalt des Films genauer als der Originaltitel, denn "Le calde notti di Don Giovanni" (Die heißen Nächte des Don Giovanni) war eine Mogelpackung. Von "heißen Nächten" ist im Film nur wenig zu sehen, von "Schlachtfeldern" dagegen umso mehr, wenn auch nicht im Bett. Auch die sehr vorzeigbare Riege an weiblichen Stars - Barbara Bouchet, Edwige Fenech, Ira von Fürstenberg, Annabella Incontrera und Lucrezia Love - kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Schwergewicht der immerhin mehr als 100 Minuten andauernden Handlung auf Männern im Kampfeinsatz liegt. Don Giovanni Tenorio (Robert Hoffman) gibt sich zwar die größte Mühe, bei den Schönen im Bett zu landen, gemessen am zeitlichen Aufwand und dem nicht zu vernachlässigenden Risiko, wirkt seine Erfolgsquote aber wenig beeindruckend.

...aber gezwungenermaßen meistens so.
Entsprechend rar gesät sind auch die erotischen Einblicke, die der Film gewährt. Räkelt sich zu Beginn Barbara Bouchet als Esmeralda in den Armen Don Giovannis (in der deutschen Fassung zudem noch gekürzt), dauert es mehr als eine Stunde, bis sich Edwige Fenech entblättert. In den letzten Minuten darf auch Lucrezia Love als zyprische Prinzessin noch ein wenig nackte Haut zeigen. Gemessen am Standard deutscher Erotikfilme der frühen 70er Jahre eine dezente Inszenierung, aber typisch für diese Phase der „Commedia sexy all’italiana“ zwischen den gesellschaftspolitisch ambitionierten, optisch noch zurückhaltenden Episodenfilmen der 60er Jahre und der kurz bevorstehenden Welle der „Decamerotichi“ nach Pier Paolo Pasolinis Erfolg mit „Decameron“ (1971), die den Prozess in Richtung einer freizügigeren Erotik im italienischen Film beschleunigten.

Der genesene Don Giovanni umgarnt Maddalena (Annabella Incontrera)...
Regisseur Alfonso Brescia, seit Mitte der 60er Jahre (“La colt è la mia legge“ (Stirb aufrecht, Gringo!, 1965)) vor allem im Western-Genre tätig, hatte sich 1969 erstmals mit der Sexual-Thematik beschäftigt. „Nel labirinto del sesso (psichidion)“ (Im Labyrinth der Sexualität) war noch ein Vertreter der semi-dokumentarischen Auseinandersetzung mit der aufkommenden Sex-Welle, bevor er mit „Le calde notti di Don Giovanni“ ins komödiantische Fach wechselte. Sein Film gehört zur Reihe der „Commedia sexy“ in Folge von Pasquale Festa Campaniles "La cintura di castità" (Der Keuschheitsgürtel, 1967), deren meist ungenauer historischer Kontext Ende der 60er Jahre mehr inhaltliche Freizügigkeit als zeitgenössische Stoffe zuließ, nicht zuletzt im Hinblick auf die Konfrontation von Kirche und Sexualität.

...und stürzt sie ins Unglück - ein kurzer Abstecher ins Dramatische
Zu diesem Konflikt kam es in Brescias Film, als Don Giovanni, zuvor nur knapp dem Tod entronnen und im Kloster wieder zu Kräften gekommen, vergeblich versucht die junge Nonne Maddalena (Annabella Incontrera) zu verführen, die daraufhin sehr mit ihren inneren Gefühlen zu kämpfen hat. Innerhalb der italienisch-spanischen Co-Produktion eine ungewöhnlich ernsthafte Szene, die in der deutschen Fassung fast vollständig der Schere zum Opfer fiel, weil sie nicht ins sonst lustige Treiben passen wollte. Tatsächlich finden sich in dieser Sequenz noch Berührungspunkte zu der literarischen Vorlage: das in Spanien sehr populäre, 1844 uraufgeführte Theaterstück „Don Juan Tenorio“ des spanischen Dichters José Zorilla, wenn auch in einem verfälschenden Zusammenhang. Die unmögliche, erst nach ihrem Tod vollendete Liebe zwischen der Novizin Dona Ines und Don Juan ist zentraler Bestandteil in Zorillas Werk.

Danach ist wieder Amore (hier mit Edwige Fenech) angesagt...
Von der Kloster-Szene abgesehen, waren Brescia und sein Autorenteam um Aldo Crudo nur an den äußeren Rahmenbedingungen der Story um den berühmten Weiberhelden interessiert, der vom spanischen König wegen seiner zahlreichen Affären mit Ehefrauen einflussreicher Persönlichkeiten zu den Berbern nach Nordafrika verbannt wird. Mitten im islamischen Hoheitsgebiet scheinen Don Giovanni die Gelegenheiten für Liebesabenteuer abzugehen, aber mit der so emanzipierten wie schönen Tochter des Emirs Omar, Aiscia (Edwige Fenech), findet sich schnell wieder ein neues Objekt der Begierde. Religion, Sex, Emanzipation – von Bedeutung war das nicht in „Le calde notti di Don Giovanni“, der weder sich selbst, noch irgendein anderes Thema ernst nahm. Robert Hoffmann mit ondulierter 70er Jahre Matte zwinkerte sich reihenweise durch die Frauenherzen, die ihm nur scheinbar verfallen, ihren eigenen Vorteil aber nicht aus den Augen verlieren. In der Konsequenz daraus befindet sich Don Giovanni ständig auf der Flucht – entweder vor eifersüchtigen Ehemännern und aufgebrachten Vätern oder vor allzu heiratswütigen Geliebten.

...nicht immer mit befriedigendem Ergebnis
Mit dem auch im italienischen Original stotternden Paco, Don Giovannis stets getreuem Knappen, fand sich hier schon eine Figur, die auf Brescias folgende Historien-Komödien „Poppea... una prostituta al servizio dell'impero“ (Zwei Halunken im alten Rom, 1972) und „Elena si, ma... di Troia“ (Zwei Halunken stürmen Troja, 1973) hinwies. Von deren derbem Humor grenzte sich „Le calde notti di Don Giovanni“ aber noch wohltuend ab und behielt die Balance zwischen Belustigung und Respekt. Besonders gelungen sind trotz einer gewissen Abnutzung der sich wiederholenden Gags die Szenen im letzten Drittel des Films, in denen Don Giovanni mit vier Kumpanen im Stil eines Heist-Movies in die uneinnehmbare Festung von Aiscias Vater eindringt. Eine Persiflage, die den Eindruck noch bestärkt, dass hier Aufwand und Nutzen in einem Missverhältnis zueinander stehen. Wenn Don Giovanni - endlich am Ziel angelangt - zudem noch damit konfrontiert wird, dass sein wiederholter Verführer-Spruch „Ein flüchtiges Lächeln, ein zärtlicher Blick nur von dir und ich wäre bereit, zufrieden zu sterben“ wörtlich genommen wird, will trotz der schönen Frauen nicht wirklich Neid aufkommen. Aber Spaß macht es, ihm dabei zuzusehen. 

"Le calde notti di Don GiovanniItalien, Spanien 1971, Regie: Alfonso BresciaDrehbuch: Keith Luger, Aldo Crudo, Arpad DeRiso, Arturo MarcosDarsteller : Robert Hoffmann, Barbara Bouchet, Edwige Fenech, Ira von Fürstenberg, Lucretia Love, Annabella IncontreraLaufzeit : 101 Minuten

Dienstag, 8. November 2016

Servo suo (1973) Romano Scavolini


Inhalt: Martin (Chris Avram), ein gebürtiger Engländer Ende 30, lebt allein in einer kleinen Hütte in einem heruntergekommenen Stadtteil. Als Englisch-Nachhilfe-Lehrer des an einen Rollstuhl gefesselten Sohnes des örtlichen Mafia-Bosses verdient er ein wenig Geld und hat es sich trotz seiner Perspektivlosigkeit in seinem Leben eingerichtet. Auch wenn ihn seine Nachbarn belächeln, weil er seine kleine Wohnung immer ordentlich abschließt. Bei ihm gäbe es schließlich nichts zu holen. 

Sein Leben verändert sich schlagartig als ihm nach einer nachmittäglichen Unterrichtsstunde zu viel Geld zugesteckt wird. Als der Wachposten es nicht zurücknehmen will, verbringt er eine gemeinsame Nacht mit der jungen Prostituierten vom Straßenstrich nebenan. Am nächsten Tag kann er das Geld nicht mehr zurückzahlen. Martin ahnt den perfiden Plan dahinter noch nicht. Er wurde von dem Vater seines Schülers als Werkzeug eines Rachefeldzugs ausgewählt. Neben seiner körperlichen Konstitution sind es besonders seine fehlenden sozialen Bindungen, die ihn für die Rolle eines Profi-Killers prädestinieren… 

Die Story von "Servo suo" klingt vertraut und befand sich 1973 auf der Höhe einer Zeit, in der einige Mafia-Filme in die Kinos kamen und der "Poliziesco" in Italien an Fahrt aufnahm. Im Jahr zuvor hatte Regisseur Romano Scavolini mit dem Giallo "Un bianco vestite per Marialé" schon einmal ein populäres Genre bedient, blieb aber seinem avantgardistischen Stil treu. "Servo suo" erfüllt nicht die übliche Erwartungshaltung an einen Thriller oder Action-Film, sondern betrachtete das Genre aus einem eigenständigen Blickwinkel, geprägt von der Bildsprache Scavolinis, der neben Regie und Drehbuch auch als Kameramann fungierte. 

Seit Mitte der 60er Jahre bis heute arbeitet Scavolini, Jahrgang 1940, in unregelmäßigen Abständen außerhalb des populären Kinobetriebs auf vielen Feldern des Filmschaffens und ist nur wenig bekannt. Leider existiert von "Servo suo" nur eine Veröffentlichung in VHS-Qualität - entsprechend unzureichend sind die hier im Blog gezeigten Screenshots. Bei der Veranstaltung des Filmkollektivs Frankfurt "Avantgarde und Experiment in Italien" vom 3.-6.11.2016 gab es die einmalige Gelegenheit seinen Kurzfilm "Solitudine" aus dem Jahr 1966 zu betrachten - neben einer Vielzahl weiterer Werke avantgardistischer Filmkunst. 

Martin (Chris Avram), ein Mann ohne Zukunft und familiäre Bindungen, wird zum Objekt eines Mafia-Clans für einen internen Racheplan. Erst wird er zum Killer ausgebildet, dann muss er seine Fähigkeiten beweisen, bevor er auf das Zielobjekt angesetzt wird.

Romano Scavolini entwarf und drehte seinen Film in einer Phase, in der das aufkommende Poliziesco-Genre noch zwischen Mafia- und Polizeifilm wechselte. "Servo suo" kam im September 1973 in die italienischen Kinos, wenige Tage nach Duccio Tessaris "Tony Arzenta" (Tödlicher Hass, 1973), der den vergeblichen Versuch eines Mafia-Killers schilderte, auszusteigen. Gespielt wurde die Rolle von Alain Delon, dessen Darstellung eines Profis in "Le samourai" (Der eiskalte Engel, 1967) prototypisch für den einsamen, seine Emotionen kontrollierenden Auftragskiller wurde. Eine Referenz, die in "Servo suo" immer spürbar bleibt und auch direkt zitiert wird – allerdings ironisch gebrochen: 

„Alle denken, die Einsamkeit ist Teil des Geschäfts“

äußert Martin einmal gegenüber einem Verbindungsmann, der ihm den Kontakt zu einer schönen Tänzerin (Paola Senatore) ermöglicht. Doch bis Martin dieser Glücksmoment gewährt wird – der sich genregerecht als Illusion herausstellt – vergeht viel Zeit, denn Scavolini legte sein erzählerisches Gewicht auf die Vorgeschichte. Diese beginnt noch konventionell mit einem Attentat und lauten Sirenen, aber schon hier wird die eigenwillige Handschrift des Regisseurs deutlich. Keine Verfolgungsjagd oder Schusswechsel bestimmen den weiteren Verlauf, sondern die Kamera bleibt bei dem Schwerverletzten im Krankenwagen und fängt dessen Schmerzen ein. An ihrer Kritik an der Mafia, die Jeden gnadenlos opfert, der ihrer Sache im Weg steht, ließen weder "Tony Arzenta" noch die parallel erschienenen Mafia-Filme Fernando di Leos („Il Boss“ (Der Teufel führt Regie, 1973)) einen Zweifel, aber sie betonten mehr deren Gewaltpotential, Scavolini konzentrierte sich dagegen auf die sklavenhafte Abhängigkeit des Einzelnen innerhalb eines Systems völliger Kontrolle.

Mit den Worten „Servo suo“ (Dein Diener) erweist ein Mafia-Boss dem ranghöheren Paten seinen Respekt. Bei ihm eine Form der Höflichkeit, für Martin die erniedrigende Realität. Er gerät unfreiwillig in diese Position, weil er dem an einen Rollstuhl gefesselten Sohn des örtlichen Mafia-Potentaten Englischunterricht gibt und damit in den Focus seines Auftraggebers gerät. Obwohl ohne Freunde und Perspektive, hat sich der aus England stammende Enddreißiger mit seiner Situation abgefunden und sein Leben in einer einfachen Umgebung eingerichtet. Für die Mafia ist er ein idealer Kandidat – Niemand würde ihn vermissen. Als ihm nach einer Unterrichtsstunde zu viel Geld zugesteckt wird, will er es zurückgeben, aber der Wachposten am Tor verweigert die Annahme. Martin nutzt das Geld für eine Nacht mit seiner Lieblings-Prostituierten, weshalb er am nächsten Tag nicht mehr in der Lage ist, es zurückzuzahlen. Eine kleine Summe genügte, um ihn in die Abhängigkeit der Mafia geraten zu lassen.

Der rumänische Darsteller Chris Avram, selbstbewusst und markant auftretend, ist ideal besetzt als unfreiwilliger Handlanger des organisierten Verbrechens. Nie lässt er sich unterkriegen, bleibt sprachlich provokant und zynisch, aber an seiner Metamorphose zum Killer ändert das nichts. Im Gegenteil erweist sich die Einschätzung der Mafia als richtig, ihn als Profi-Killer auszubilden, denn Martin erledigt die ihm gestellten Aufgaben mit Bravour. Ausgesetzt ohne Geld in einer ihm unbekannten Gegend, findet er schnell seine Kontaktperson. Allein tötet er eine schwer bewaffnete Übermacht. Doch auch diese aktionistischen Sequenzen und Martins dominantes Auftreten ändern nichts an seinem Ausgeliefertsein. Freude, gar Befriedigung können diese Erfolge weder bei ihm, noch dem Betrachter auslösen.

Die erzählerische Anlage des Films ist sehr ruhig und blieb in der Verwendung bekannter Klischees des Mafia- und Kriminalfilms konventionell. Doch diese dienten Scavolini nur als Rahmen für eine Bildsprache, die dem Genre nicht nur zusätzliche Aspekte verlieh, sondern darüber hinausging. Die eingeblendeten TV-Bildschirme einer zentralen Überwachungsstelle, von der aus Martin bei jeder Regung beobachtet werden kann, überhöhten die Realität und sollten die marionettenhafte Abhängigkeit des Protagonisten symbolisieren. Mehr noch betonte Scavolini mit seinen Bildern eine inhaltliche Leere. Eine Leere, die Scavolini generell als Ausdruck der Gegenwart verstand. Wiederholt stellte er seinen Protagonisten in große, von betonierten Flächen bestimmte Räume, in denen er fast verschwindet. Oder er konfrontierte ihn mit gleichförmigen Mustern. Ein anderes Mal tritt er aus dem Hintergrund einer zentral im Bild stehenden unbekannten Person heraus. Das Individuum fällt hinter eine austauschbare, gesichtslose Umgebung zurück. Auch den wenigen Action-Szenen nahm Scavolini ihre Bedeutung. Von der wilden Schießerei in einer Industriebrache schwenkt die Kamera über zu seinem einsamen Sandstrand mit zwei Spaziergängern und Hund, die nichts davon bemerkt haben.

„Servo suo“ ist ein aufregender, überraschender Film, aber er zieht seine Spannung weniger aus der Story, als aus einer optischen Inszenierung, die mehr zuließ als die Genre--übliche Auseinandersetzung mit einem übermächtigen Feind. Den eigentlichen Kampf liefert Martin um seine Selbstbestimmtheit und der Ausgang bleibt bis zum Schluss offen. 

"Servo suoItalien 1973, Regie: Romano ScavoliniDrehbuch: Romano ScavoliniDarsteller : Chris Avram, Paola Senatore, Lea Leander, Alberto Bertoli, Francesca SebastianiLaufzeit : 90 Minuten

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.