In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Mittwoch, 30. März 2016

Una donna libera (Eine freie Frau) 1954 Vittorio Cottafavi

Inhalt: Zwei Schüsse hallen durch die Nacht und eine junge Frau läuft über die Straßen Roms. Sie sieht ihr Spiegelbild in einem Schaufenster und fühlt sich plötzlich alt. In ihren Erinnerungen kommen die vergangenen Jahre wieder hoch, die zu ihrer Tat führten:







Fröhlich verbringt die studierte Architektin Liana (Françoise Christophe) ihre Freizeit unter ihren Freunden, zu denen auch der Maler Sergio Rollini (Galeazzo Benti) gehört, der ein Porträt von ihr gemalt hatte, das er bei seiner Vernissage ausstellt. Zu den Besuchern der Ausstellung zählt auch Gerardo Villabruna (Pierre Cressoy), ein bekannter Dirigent, dem besonders Lianas Bild, aber mehr noch sie selbst gefällt. Kühl lässt sie seine Avancen an aich abgleiten, denn die junge Frau steht kurz vor ihrer Hochzeit, aber Villabruna bleibt hartnäckig und findet den Zugang zu ihr…


Zwei Schüsse fallen und eine Frau läuft über die nächtlich verwaisten Straßen Roms. Sie ist jung und schön, aber sie fühlt sich alt und hässlich - Liana (Françoise Christophe), studierte Architektin, Tochter aus wohlbehütetem bürgerlichem Haus, beginnt ihre eigene Geschichte rückwirkend zu erzählen und vor dem geistigen Auge des Zuschauers entfaltet sich die übliche Erwartungshaltung: "Una donna libera" (Eine freie Frau) - allein der Filmtitel schon eine Provokation, ein Vorbote des Scheiterns. Die unaufhaltsame Tragödie einer Frau, die sich gegen ihre gesellschaftliche Rolle stellt. Mit den zu folgerichtigen Konsequenzen - Einsamkeit, Eifersucht, Tod.

Für Regisseur Vittorio Cottafavi das geeignete Terrain. Wiederholt hatte er seine Fähigkeit bewiesen, straff inszenierte Dramen um außergewöhnliche Frauenfiguren zu entwerfen. "Una donna ha ucciso" (Eine Frau hat getötet, 1952), "Il boia di Lilla - La vita avventurosa di Milady" (Anna und der Henker, 1953), "Traviata '53" (Die Geliebte, 1953) – klar strukturierte Geschichten, deren emotionalen Tiefe er mit wenigen Pinselstrichen auslotete, auch schwerwiegende Entscheidungen und tragische Brüche ohne lange Hinführung  glaubwürdig wiedergebend. So auch in „Una donna libera“. Nur wenige Minuten benötigte Cottafavi, um die junge Architektin als selbstbewusste, moderne Frau aus konservativem Elternhaus zu charakterisieren. Sie gehört zum Freundeskreis des Künstlers Sergio Rollini (Galeazzo Benti), der ein Porträt von ihr gemalt hatte, und weiß sich auch ihres Vaters zu erwehren, der streng über die Tugend seiner zwei Töchter wacht.

Das kann aber nicht verhindern, dass Gerardo Villabruna (Pierre Cressoy), ein Frauenheld par excellence, in ihr Leben tritt. Er wird bei einer Vernissage, auf der Lianas Porträt ausgestellt ist, auf sie aufmerksam, und erweist sich in der Lage, auch diese disziplinierte, intelligente junge Frau von sich zu überzeugen. Gut aussehend und als bekannter Dirigent mit der nötigen faszinierenden Aura versehen, packt er sie bei ihrer Individualität. Villabruna ist ganz Künstler, bürgerliche Gesetzmäßigkeiten stellt er in Frage und trifft damit Lianas wunden Punkt. Ihrer vorbestimmten Rolle als Gattin und Mutter, versorgt von einem geschätzten Ehemann, ist sie innerlich schon entwachsen, beugte sich bisher aber dem Wunsch der Eltern. In ihren aufkommenden Zweifeln spiegelten sich die soziokulturellen Veränderungen der Nachkriegszeit - in vielen zeitgenössischen Filmen nicht selten als Warnung vor den negativen Folgen besonders für die Frauen thematisiert.

Die schwermütige Musik, besonders die wiederholt angespielte Eingangssequenz von Tschaikowskys erstem Klavierkonzert, drückte dem Film früh seinen Stempel auf. Und ließ eine melodramatische Grundstimmung entstehen, die Cottafavi den Vergleich mit Douglas Sirk einbrachte. Wie Sirk entwickelte Cottafavi unter der populär emotionalen Oberfläche eine Liberalität, die ihrer Zeit voraus war. Auch die Ökonomie, mit der er tiefgreifende Veränderungen quasi im Zeitraffer abhandelte, erinnert an Sirks Stil. Von ihrer Begegnung mit dem charismatischen Dirigenten aufgewühlt, kommt es zu einem Gespräch mit ihrem Verlobten, den Liana in wenigen Tagen heiraten wollte. Sie redet mit ihm über Liebe, über die Bedeutung ihrer Beziehung jenseits rationaler Gesichtspunkte. Ein Dialog, der damit endet, dass er ihr im Weggehen rät, insgesamt weniger nachzudenken. In der nächsten Szene steht sie vor der Sommer-Residenz des Dirigenten. Dank des Verzichts auf die tränenreichen Umstände der Trennung, bewahrte der Film ein Gleichgewicht zwischen Melodrama und Pragmatismus, das auch Sirks Filme auszeichnete.

Damit enden die Gemeinsamkeiten, denn während Sirk in seinem parallel entstandenen „Magnificent obsession“ (Die wunderbare Macht, 1954) bewusst überzeichnete und im us-amerikanischen Kitsch schwelgte, ist „Una donna libera“ noch der Einfluss des Neorealismus anzumerken. Nicht nur Cottafavi wurde in den 40er Jahren filmisch sozialisiert, sein Drehbuchautor Oreste Biancoli, mit dem er zuvor schon gemeinsam das Kriegsdrama „Fiamma che non si spegne“ (1949) entwickelt hatte, hatte an Alberto Lattuadas „Il bandito“ (Der Bandit, 1946) und Vittorio De Sicas „Ladri di biciclette“ (Fahrraddiebe, 1949) mitgewirkt. „Una donna libera“, dessen Story auf einem Theaterstück der argentinischen Feministin Malena Sandor basiert, spielte zwar im wirtschaftlich gesicherten, bürgerlichen Milieu, blieb aber maßstäblich zur Realität. Lianas Angestellten-Dasein in Paris, wohin sie nach dem für sie schmerzlichen Ende der Beziehung mit Gerardo ging, fehlt jede schillernde Komponente, selbst der Luxus, den ihr der ältere Unternehmer Massimo Marchi (Gino Cervi) bietet, den sie später aus Vernunftgründen heiratet, wirkt nicht verschwenderisch.

Ähnlich angemessen, ohne künstlich forcierte Dramatisierung, beschrieb Cottafavi die gesellschaftliche Reaktion auf Lianas Verhalten. Obwohl sie ihre Verlobung löst, um mit einem anderen Mann eine Affäre zu beginnen, wird sie nicht offen angefeindet, selbst ihr strenger Vater verstößt sie nicht. Der spätere Bruch mit ihrem wohlhabenden Ehemann, nachdem sie erneut die Nähe zu dem Dirigenten gesucht hatte, verläuft nahezu lakonisch, ohne Streit. Damit vermied Cottafavi ein Klima der Konfrontation und betonte Lianas Verankerung im konservativen Bürgertum. Mitte der 50er Jahre eine wichtige Voraussetzung für die Identifikation mit einer Protagonistin, deren Wunsch nach einem „freien Leben“ nicht Auflehnung, sondern Selbstverständlichkeit signalisieren sollte.

Eine Selbstverständlichkeit, die in der Realität für eine Frau nicht existierte, wie der Film nadelstichartig deutlich werden ließ. Liana droht kein Abgrund, wie zu Beginn der Eindruck entstehen konnte, sondern Ignoranz und Vorurteile. Als sie sich bei einem bekannten Bauunternehmer um einen Job bemüht, ist dieser gerne bereit, sie mit Juwelen zu überhäufen, doch für eine Anstellung als Architektin hält er sie nicht geeignet. Auch der so eloquent die bürgerliche Moral in Frage stellende Dirigent postuliert die Freiheit der Liebe nur für sich selbst. Auf Kosten der Frauen. Lianas Schüsse auf ihn geschehen nicht aus Eifersucht - sie hatte ihn längst durchschaut - sie gelten seiner Verlogenheit und Rücksichtslosigkeit. Als sie ruhigen Schrittes zur nächstgelegenen Polizeidienststelle geht, um sich zu stellen, ist sie frei.

"Una donna libera" Italien, Frankreich 1954, Regie: Vittorio Cottafavi, Drehbuch: Oreste Biancoli, Fabrizio Sarazani, Malena Sandor (Drama), Darsteller : Francoise Christophe, Pierre Cressoy, Gino Cervi, Galeazzo Benti, Christine Carère, Elisa Cegani, Laufzeit : 94 Minuten

Samstag, 19. März 2016

La parmigiana (Das Mädchen aus Parma) 1963 Antonio Pietrangeli

Inhalt: Dora (Catherine Spaak) steigt in Parma mit einem Lächeln aus dem Zug und lässt sich auch von einem ungeduldigen Fahrgast nicht die Laune verderben. Ihr Weg führt sie zu Amneris (Didi Perego), einer alten Freundin ihrer früh verstorbenen Mutter, die sie sogleich freudig in die Arme schließt. Ihr Mann Scipio (Salvo Randone) reagiert verhaltener auf die überraschende Besucherin, aber er weiß, dass er gegen seine emotionale, raumgreifende Frau keine Chance hat.

Entsprechend nimmt sich Amneris, die als Krankenschwester in Privathaushalten arbeitet, der jungen Frau an, die für sie noch ein Mädchen ist. Als wären nicht viele Jahre seit ihrem letzten Zusammentreffen vergangen. Doch Dora genießt ihre Aufmerksamkeit und Obhut und lässt sich auf Amneris Versuche, sie in die Gesellschaft Parmas einzuführen, gerne ein. Sie hofft, von neuem anfangen zu können, da Niemand ihre Vergangenheit kennt und weiß was geschah, nachdem sie mit ihrer Jugendliebe Giacomo (Vanni De Maigret), einem angehenden Priester, von zu Hause weggelaufen war…



Vordergründig lief alles wie gewohnt bei Antonio Pietrangelis neuestem Filmprojekt "La Parmigiana" (Das Mädchen aus Parma), das zwei Jahre nach "Fantasmi a Roma" (Das Spukschloß in der Via Veneto, 1961)) in den Kinos startete. Ettore Scola und Ruggero Maccari schrieben gemeinsam mit dem Regisseur das Drehbuch und mit Catherine Spaak stand erneut eine junge, aufstrebende Schauspielerin im Mittelpunkt des Geschehens. Wie meist lag der Schwerpunkt des Trios auf einer weiblichen Hauptfigur, an deren Schicksal sie die soziokulturellen Veränderungen nach dem Krieg so signifikant, wie unterhaltsam festmachen konnten. Doch diesmal griffen sie auch auf eine von einer Frau geschriebenen literarischen Vorlage zurück – den gleichnamigen, 1962 erfolgreich publizierten Roman „La Parmigiana“ von Bruna Piatti, die zudem Einfluss auf das Drehbuch nahm. Der Untertitel ihres bis heute wiederholt aufgelegten Buches lautet im Italienischen:

„Una lolita parmigiana che brucia le tappe, i giorni, le notti“ 
„Ein junges Mädchen aus Parma, das ihrer Zeit immer voraus ist“ 

klingt so positiv wie Dora (Catherine Spaak) vor Freude strahlend am Bahnhof von Parma aus dem Zug steigt. Sie ist auf dem Weg zu Amneris (Didi Perego), einer Freundin ihrer früh verstorbenen Mutter, die die junge Frau, die sie zuletzt als kleines Kind gesehen hatte, ohne zu Zögern und mit Begeisterung bei sich aufnimmt. Amneris, die als Krankenschwester Pflegedienste bei betuchten Kranken leistet und mit dem Berufsmusiker Scipio (Salvo Randone) verheiratet ist, ist immer gut gelaunt und voller Tatendrang, geht damit ihrem wortkargen Mann aber gehörig auf die Nerven. Für Dora ist sie ein Glücksfall, denn sie nimmt sich der jungen Frau ohne Vorbehalte an.

Zurecht erhielt Didi Perego 1964 eine Nominierung als „beste Nebendarstellerin“ für das „Nastro d’argento“ (Goldene Band) durch die italienischen Filmjournalisten, denn ihre Figur und die ihres großartig von Randone gespielten Ehemanns stehen für die Übergangsphase der frühen 60er Jahre. Sie sind tief im konservativen Bürgertum verwurzelt, verhalten sich aber weder autoritär, noch vorurteilsbeladen gegenüber der attraktiven jungen Frau. Zu verdanken ist die neidlose Art der etwa 40jährigen Amnerís auch ihrer grenzenlosen Naivität, die in Dora immer noch ein Kind jenseits jeder Sexualität sieht. Gefördert wird dieser Eindruck noch durch Doras Unschuldsmiene, mit der sie in Parma auftritt, die aber Scipio nicht täuschen kann. Der bei abendlichen Tanzveranstaltungen als Trompeter auftretende Mann mittleren Alters ist mehr Zyniker als Macho, aber der Versuchung durch die junge Frau kann er kaum widerstehen. Als er die Tür zum Schlafzimmer Doras schließen will, sieht er sie nur leicht bekleidet schlafend auf ihrem Bett liegen. Seine Hand zittert, als er sie beinahe berührt, aber es gelingt ihm, sich zurückzuhalten. Schon in dieser frühen Szene wird deutlich, dass nichts ist wie es scheint.

Das gilt für Dora, aber mehr noch für das bürgerliche Leben in Parma. Es sind die begehrlichen Blicke der Männer, die unverhohlenen Anzüglichkeiten hinter der Anstandsfassade, die sie an ihre Vergangenheit erinnern und die Pietrangeli zu Überblendungen nutzte, um auf Doras Zeit vor ihrer Ankunft in Parma zurückzublicken. Gemeinsam mit Giacomo (Vanni De Maigret), einem jungen angehenden Priester, war sie von zu Hause abgehauen. Aus Angst vor den Konsequenzen, nachdem die beiden Verliebten in dem Dorf, in dem Dora als Waise bei dem Pfarrer untergekommen war, zusammen am Fluss gesehen worden waren. Doch Giacomo, unsicher nicht nur hinsichtlich seiner Zukunft, ließ sie allein in dem Hotelzimmer zurück, in das sie sich an einem Badeort eingemietet hatten – ohne Geld, um die schon angelaufenen Rechnungen bezahlen zu können. Kein Problem findet der Geschäftsführer, denn für eine hübsche junge Frau findet sich immer Verwendung.


Catherine Spaak trifft Nino Manfredi und Lando Buzzanca

Eine Haltung, die von Vielen geteilt wird und der sich Dora in ihrer Zwangslage nicht entziehen kann. Auch Nino (Nino Manfredi) nutzt sie für seinen Vorteil, als er sie zufällig am Strand sieht. Um einen Auftrag für eine Werbe-Kampagne von dem Ingenieur Masselli (Umberto D’Orsi) zu erhalten, behauptet er, die Blondine wäre sein Model. Ihm gelingt es, Dora zum Mitmachen zu bewegen, aber als Masselli ebenfalls sexuelle Gefälligkeiten erwartet, steigt sie aus – und Nino unfreiwillig gleich mit. Nino ist ein Betrüger und Selbstdarsteller, aber Manfredi spielte ihn mit so viel jungenhaftem Charme, dass er zur positivsten männlichen Figur des Films wird. Auch weil ihm die machohafte Attitüde und die üblichen Vorurteile fremd sind. Mit ihm erlebt Dora unbeschwerte Tage am Rand des Existenzminimums – bis Nino auf Grund einer früheren Gaunerei im Gefängnis landet.

Dora wird im Stich gelassen, erleidet Hunger und gerät in Abhängigkeit bis zur Prostitution, aber ihre Geschichte verfällt nicht in Tragik, obwohl Pietrangeli an der Ernsthaftigkeit des Geschehens keinen Zweifel ließ. Neben der kurzweiligen, wiederholt zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselnden Inszenierung, ist dieser Eindruck Catherine Spaaks Spiel zu verdanken, die ihre Dora nie in die Opferrolle geraten ließ. Spaak erwies sich in den 60er Jahren als Idealbesetzung für sexuell konnotierte Rollen, da sie sich trotz ihrer Attraktivität und Jugend auf Grund ihres selbstbestimmten Auftretens nicht als Lustobjekt vereinnahmen ließ. Und damit in der „Commedia all’italiana“ zu einer Ikone der Emanzipationsbewegung wurde, die mit ihren inhaltlich freizügigen Rollen den Weg in Richtung „Commedia sexy“ bereitete, ohne jemals konkret nackt aufzutreten. Nicht zufällig spielte sie bis 1970 viermal allein unter der Regie von Pasquale Festa Campanile, dem „Sexy“- Spezialisten schlechthin, der in „Adultero all’italiana“ (Seitensprung auf Italienisch, 1966) auch Spaak und Manfredi noch einmal gemeinsam auf die Leinwand brachte.

Bemerkenswert ist auch das erste Aufeinandertreffen von Spaak und Lando Buzzanca, das sich nach "Le monachine" (1963) im selben Jahr nur noch einmal 10 Jahre später wiederholen sollte, obwohl beide Schauspieler zu vielbeschäftigten Stars in der „Commedia all’italiana“ wurden. Der gebürtige Sizilianer Buzzanca spielte in „La parmigiana“ einen Kleinbürger, dessen traditionelle Vorstellungen von Ehe und Geschlechterrollen gehörig durcheinander gewirbelt werden – einen Typus, den er später noch mehrfach variierte. So steif und tugendhaft er einen Polizisten spielte, und so aussichtslos seine Bemühungen um Dora wirken, so hinterließ er neben dem quirligen Nino noch den sympathischsten Eindruck. Zumindest den hartnäckigsten, denn selbst nachdem Dora mit ihm geschlafen hatte, um ihm zu beweisen, dass sie keine Jungfrau mehr ist, will er sie noch heiraten. Für sie schmeißt er notfalls auch seine Traditionen über Bord.

Trotz dieser genre-prägenden Konstellationen steht der 1969 früh verstorbene Regisseur Pietrangeli in keiner „Commedia sexy“- Liste, aber die Selbstverständlichkeit, mit der er seit „Il sole negli occhi“ (Die Sonne in den Augen, 1953) Frauen und ihre Sexualität auf die Realitäten einer von Männern bestimmten Sozialisation stießen ließ, gehört zu den Wegbereitern für die Liberalisierung in den 60er und 70er Jahren. Eine Liberalität, von der die Gesellschaft in „La parmigiana“ noch weit entfernt ist. Doras Versuch, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und im bürgerlichen Parma neu anzufangen, hat keine Chance. Nicht weil sie Jemand durchschaut hätte, sondern weil die Mechanismen, denen sie als Frau ausgesetzt ist, überall gleich sind. Selbst die Rückkehr zum aus dem Gefängnis entlassenen Nino scheitert, da er sein so freies, wie unstetes Leben gegen eine feste Beziehung mit einer älteren Frau eingetauscht hat. Er kapitulierte vor der wirtschaftlichen Not.

Einen Moment scheint es, dass auch Dora aufgibt. Dass sie es nicht tut, verleiht dem Film am Ende eine optimistische Note - ohne zu verschweigen, dass es verdammt hart ist, seiner Zeit voraus zu sein.



"La parmigiana" Italien 1963, Regie: Antonio Pietrangeli, Drehbuch: Antonio Pietrangeli, Ettore Scola, Ruggero Maccari, Bruna Piatti (Roman), Darsteller : Catherine Spaak, Nino Manfredi, Lando Buzzanca, Didi Perego, Salvo Randone, Vanni De Maigret, Laufzeit : 98 Minuten

- weitere im Blog besprochene Filme von Antonio Pietrangeli :

"Porträt Antonio Pietrangeli" 

"Il sole negli occhi" (1953)
"Amori di mezzo secolo" (1954)
"Adua e le compagne" (1960)
"La visita" (1963)
"Io la conoscevo bene" (1965)
"Le fate" (1966)
"Come, quando, perché?" (1969)

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.