In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Frenesia dell'estate (Verrückter Sommer) 1964 Luigi Zampa

Inhalt: Selene (Graziella Galvani) kommt mit dem Zug von der Arbeit aus Lucca und wird von ihrem Vater am Bahnhof des Badeorts Viareggio mit der Kutsche abgeholt. Von Ferienstimmung ist nichts zu merken, denn es regnet in Strömen, aber Selenes Bruder Manolo (Philippe Leroy) nutzt die Zeit für Reparaturen an seinem Eselskarren, mit dem er sonst am Strand Kinder herumfährt. Ihre Schwester Foschina (Gabriella Giorgelli) sollte eigentlich das Essen vorbereiten, aber sie streitet sich stattdessen eifersüchtig mit ihrem Freund Paolo (Giampiero Littera), der als Fotograf arbeitet – seine Kamera überlebt ihren Krach nur knapp.

Seine Filme entwickelt Paolo in einem Nachbarhaus, wo er sich eine Wohnung mit der allein stehenden, knapp 40jährigen Yvonne (Sandra Milo) teilt, die in den Vorbereitungen für ihre Backwaren steckt, die sie am Strand verkauft. Währenddessen erreicht Marcello (Amadeo Nazzari) Viareggio, um im zentralen Hotel der Stadt einzuchecken. Überall wird der elegante, souverän auftretende 50jährige als „Graf“ begrüßt“, als der er sich ausgibt. Tatsächlich arbeitet er als männliches Mannequin in der Show seiner Freundin, die täglich für die Touristen Mode vorführen lässt…


"Viareggio" - groß fängt die Kamera das Schild am Bahnhof ein, das von der Ankunft an einem der bekanntesten Badeorte Italiens an der Riviera kündet. Doch "Viareggio" ist auch ein Symbol für den soziologischen Wandel nach dem Krieg. Aus dem exklusiven Seebad der Vorkriegszeit wurde ein beliebter Ferienort für die italienische Bevölkerung. Im Sommer herrscht hier und in der nahe gelegenen toscanischen Stadt Lucca Hochbetrieb. Hotels, Restaurants, Vergnügungslokale und Attraktionen jeder Art sind wie Pilze aus dem Boden geschossen, um die Menschenmassen unterzubringen und zu unterhalten. Überfüllte Strände und nächtliche Touristenkolonnen sind die Folge, gepaart mit extremen Verhaltensweisen, wie sie wiederholt im italienischen Film thematisiert wurden - beispielhaft in Alberto Lattuadas "La spiaggia" (Der Skandal, 1954), aktueller in Dino Risis "Il sorpasso" (Verliebt in scharfe Kurven, 1962). Gemein ist diesen Filmen die Sezierung einer bürgerlichen Doppelmoral, die im Alltag die Einhaltung von Anstands-Regeln predigt, die am Urlaubsort außer Kraft gesetzt werden.

Kein ungewöhnliches Verhalten, dass aber auf Grund der stetig wachsenden Zahl an Feriengästen nach dem Krieg die gesellschaftlichen Prozesse hinsichtlich der Geschlechterrollen und der Sexualität beschleunigte. Entsprechend viele erotische Komödien spielen vor dem Hintergrund eines Urlaubszenarios („Peccato veniale“ (Der Filou, 1974)), da erst der dort vorhandene Freiraum die Möglichkeit von Tabubrüchen schuf, deren Alltagstauglichkeit nicht nachgewiesen werden musste. Auch umgingen die Macher so den Fallstricken der Zensur, da sie sich auf die Ausnahmesituation am Urlaubsort berufen konnten. Regisseur Luigi Zampa ging in „Frenesia dell’estate“ (Verrückter Sommer) den entgegengesetzten Weg. Ihn interessierten weniger die Gäste, die in seinem Film bis auf geringe Ausnahmen nur als gesichtslose Masse vorkommen, sondern die Menschen, die hier leben und/oder in den Ferienmonaten hier arbeiten. Für sie ist „Frenesia“ - übersetzt “Raserei“ oder „rasende Begierde“ – ihr Alltag.

„Eine sozialkritische Komödie des berühmten Italieners Luigi Zampa, die mit den großen Werken des Regisseurs nicht zu vergleichen ist, jedoch unverkennbar seine Handschrift aufweist. Leider siedelte er aber die kleinen Schicksale jener kuriosen Typen in Lucca bzw. Viareggio in zwei der Begegnungen zu einseitig lediglich bei deren sexuellen Beziehungen an. Deshalb nur etwas für verständige Erwachsene.“

Yvonne (Sandra Milo) kümmert sich um den spanischen Radfahrer
Diese keineswegs negative Aussage des „Evangelischen Filmbeobachters“ lässt zwei Haltungen dieser Zeit deutlich werden – die Geringerschätzung komödiantischer Stoffe gegenüber den ernsthaften „großen Werken“ und die Ablehnung einer scheinbar zu sehr in den Vordergrund gerückten Sexualität, die als reißerisch und spekulativ angesehen wurde.

Manolo (Philippe Leroy) will groß ins Geschäft einsteigen
Das ließ außer Acht, dass Luigi Zampa schon in seinen frühen Filmen Sozialkritik und unterhaltende Elemente eng miteinander verband - ein Grund dafür, warum etwa „L’onerevole Angelina“ (Abgeordnete Angelina, 1947) heute nur selten zum Kanon des Neorealismus gezählt wird. Zampa wechselte zwar regelmäßig ins dramatische Fach („La romana“ (Die freudlose Gasse, 1954)), blieb aber auch seiner komödiantischen Linie treu und gehörte neben Steno und Mario Monicelli zu den prägenden Köpfen der „Commedia all’italiana“ in den 50er Jahren. Ende des Jahrzehnts schrieb er die Drehbücher zu seinen Filmen gemeinsam mit Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa („Ladri lui, ladri lei“ (Dieb hin, Dieb her (1958)) sowie Rodolfo Sonego („Il vigile“ (Der Schutzmann, 1960)), die wenige Jahre später zu wichtigen Wegbereitern der „Commedia sexy all’italiana“ werden sollten.

Nardoni (Vittorio Gassman) belügt seine Verlobte (Graziella Galvani)...
Zuvor legte Zampa mit „Frenesia dell’estate“ selbst schon einen frühen Meilenstein des erotischen Genres vor - gleichzeitig seine einzige direkte Zusammenarbeit mit Mario Monicelli und gewissermaßen auch mit Steno, hier vertreten durch dessen Leib- und Magen-Autoren Agenore Incrocci (Age) und Furio Scarpelli. Auch die Darstellerliste wies schon in Richtung „Commedia sexy“: Vittorio Gassman („L’amore difficile“ (Erotica),1962)), Sandra Milo ("Come imparai ad amare le donne" (Das gewisse Etwas der Frauen, 1966)) und Gabriella Gorgiella ("L'isola di Arturo" (Die Insel der verbotenen Liebe, 1962)) sowie „Angelique“-Darstellerin Michèle Mercier und Philippe Leroy („Les filles sèment le vent“ (Die Ernte der sündigen Mädchen, 1961)) gehörten zu prägenden Vertretern der sexuellen Liberalisierung im Kino der 60er Jahre.

...um mit seinen Kameraden nach Viareggio in die Travestie-Show zu gehen.
Wie in der Frühphase des erotischen Films üblich - gleichzeitig die Hochphase des Episodenfilms Mitte der 60er Jahre - war auch „Frenesia dell’estate“ episodenhaft angelegt. Um die zentralen Figuren – die Strandverkäuferin von Backwaren Yvonne (Sandra Milo), den Capitano einer in Lucca stationierten Armeeeinheit (Vittorio Gassman), Manolo (Philippe Leroy), der mit seinen Eseln Kinder herumkutschiert, aber von besseren Geschäften träumt, sowie dem männlichen Mannequin Marcello (Amadeo Nazzari) – entwickeln sich eigenständige Geschichten, die ineinander verwoben erzählt wurden und über Berührungspunkte verfügen, die Zampas Film einen einheitlichen Gesamteindruck verleihen. Nicht ohne Grund beginnt und schließt er mit einer Szene im Regen – sinnbildlich für den Anfang und das Ende eines Sommers, der Spuren hinterließ, obwohl äußerlich alles beim Alten blieb.

Dort lernt er Gigi (Michèle Mercier) kennen, die er für einen Mann hält
Capitano Mario Nardoni hat inzwischen seine langjährige Verlobte Selene (Graziella Galvani) geheiratet, deren Schwester Foschina (Gabriella Giorgelli) ist wieder mit dem Fotografen Paolo (Giampiero Littera) zusammen, mit dem sie sich in der ersten Szene des Films zerstritten hatte, und ihr gemeinsamer Bruder Manolo backt immer noch kleine Brötchen. Ein Eindruck, der täuscht. Die Prozesse sind nicht mehr aufzuhalten, auch wenn die Beteiligten versuchen, wieder zur Tagesordnung zurückzukehren. Während die amüsante Story um Yvonne, der ein spanischer Hinterbänkler des Giro d’Italia in den Verkaufswagen stürzt, worauf sie ihn mit zu sich nach Hause und ins Bett nimmt, eher harmlos der Frivolität frönt, greifen die Ereignisse um die Schwestern Foschina und Ninette tiefer in die sich verändernde Sozialisation.

Marcello (Amadeo Nazzari) macht sich an Foschina(Gabrielle Giorgelli) heran
Nach der Trennung von Paolo bändelt die junge Foschina mit dem viel älteren, gut aussehenden Marcello an, den sie als Freund ihres Bruders Manolo kennenlernte. Sie ahnt nicht, dass sich der so distinguiert auftretende Charmeur selbst zum Abendessen einlud, weil er komplett abgebrannt ist. Er hatte seinen Job bei der Modenschau geschmissen, weil seine Chefin und gleichzeitige Geliebte ihn nicht mehr in Bademoden auftreten ließ. Daraufhin hatte sie ihre Zahlungen an den in der Öffentlichkeit als Graf auftretenden Lebemann eingestellt. In der Begegnung von Foschina und Marcello treffen zwei sich gegensätzlich entwickelnde Geschlechterrollen aufeinander - hier die junge Frau, die beginnt, sich der Kontrolle ihres Vaters zu entziehen, dort der alternde Mann, der bis zur Lächerlichkeit an einem Status festhält, der längst nicht mehr existiert.

Der Veranstalter(Renzo Palmer) durchschaut, dass Gigi eine Frau ist
Neuland betraten Zampa und seine Autoren mit der Story um den Armee-Hauptmann Mario Nardoni, der schon lange mit Ninette verlobt ist, aber wenig Lust verspürt sie zu heiraten. Mit fadenscheinigen Argumenten bricht er eine Verabredung ab, um sich mit seinen Kameraden ins Touristen-Getümmel von Viareggio zu werfen. Sie besuchen eine Travestie-Show französischer Künstler, die sehr überzeugend als Frauen auftreten. Für Nardoni ein Spaß, der ihn zu ängstigen beginnt, als sich Gigi während der Show auf seinen Schoß setzt. Irritiert reagiert er auf dessen spielerische Annäherungen, da er sich angezogen fühlt. Nicht ahnend, dass es sich bei Gigi (Michèle Mercier) tatsächlich um eine Frau handelt, die spontan in Frankreich als Ersatz einsprang und zähneknirschend vom Veranstalter (Renzo Palmer) akzeptiert wurde – unter der Auflage, dass nichts davon an die Öffentlichkeit dringen darf.

Gassman ist großartig als Mann, der an seinen sexuellen Präferenzen zu zweifeln beginnt und damit innerhalb der stark patriarchalisch geprägten italienischen Gesellschaft an seine Grenzen stößt. Seine Empörung gegenüber Gigi, der er mehrfach in der Öffentlichkeit wieder begegnet, steigert sich so sehr, dass er nicht mehr in der Lage ist, ihr nächtliches Geständnis, dass sie eine Frau ist, noch wahrzunehmen. Stattdessen verbringt er eine Nacht mit Ninette, um sich zu beweisen, dass er ein „richtiger“ Mann ist. Das Vorhaben gelingt erwartungsgemäß – mit dem Ergebnis, dass er die zudem noch geschwängerte Ninette heiratet. Ende gut, alles gut? – Kaum, wie sein abschließender Gesichtsausdruck vermittelt, nachdem ihm sein Schwager Manolo vom Geheimnis um Gigi erzählt hat. Äußerlich scheint alles beim Alten, aber die Geschlechter-Grenzen beginnen aufzuweichen, die Beziehungs-Strukturen verändern sich – die Lunte ist gelegt.

"Frenesia dell'estate" Italien, Frankreich 1964, Regie: Luigi Zampa, Drehbuch: Mario Monicelli, Agenore Incrocci, Furio Scarpelli, Piero De Benardi, Renzo Tarabusi, Raffaello Pacini, Leonardo Benvenuti, Folco Provenzale, Darsteller : Vittorio Gassman, Sandra Milo, Philippe Leroy, Michèle Mercier, Gabriella Giorgelli, Graziella Galvani, Amadeo Nazzari, Renzo Palmer, Umberto D'Orsi, Laufzeit : 105 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Luigi Zampa:

Sonntag, 18. Oktober 2015

Le avventure di Giacomo Casanova (Casanova - seine Liebe und Abenteuer) 1955 Steno

Casanova (Gabriele Ferzetti) und Dolores (Irene Galter)
Inhalt: Spanien 1760 – der Polizeichef von Madrid formuliert schriftlich den Befehl, dass Jeder im Namen der Inquisition an der Ergreifung Giacomo Casanovas (Gabriele Ferzetti) mitwirken soll, während der Abenteurer und Frauenheld gerade im Nebenzimmer dessen Frau liebkost. Langsam wird aber auch ihm der Boden in Spanien zu heiß, weshalb er mit seinem Diener Le Duc (Carlo Campanini) in Richtung Frankreich aufbricht. Bis die Kutsche in einem kleinen Ort kurz anhält und Casanova die Beine der jungen Dolores (Irene Galter) erblickt. Zum Entsetzen seines Dieners entscheidet er spontan, doch den Abend hier zu verbringen.

Le Duc (Carlo Campanini) hofft noch auf die Vernunft seines Herrn
Ein Fehler, wie sich bald herausstellt, denn Dolores ist nicht nur sehr selbstbewusst, sondern wird eifersüchtig von José (Aroldo Tieri) bewacht, dem Anführer der Ortspolizei. Ihm und seinen Männern gelingt es, Casanova festzunehmen und in einer Zelle einzuschließen. Dabei entdecken sie sein Buch, indem er seine Abenteuer und Liebschaften seit seiner Jugend  festhält, und beginnen laut daraus vorzulesen…



"Le avventure di Giacomo Casanova" sollte Teil meiner Aufarbeitung der Frühphase der "Commedia all'italiana" werden - mit dem zusätzlichen Blick auf Lucio Fulcis Filmkarriere vor seiner ersten Regie-Arbeit, die eng mit Steno und der italienischen Komödie verbunden ist. Hier übernahm er zudem eine Rolle als Mitglied der Wachmannschaft, die sich die Memoiren des Lebenskünstlers zu Gemüte führt.

Zu meiner Überraschung erwies sich der Film auch als Baustein zu meiner Reihe über die Entstehung der "Commedia sexy all'italiana" - mit so einem frühen Beispiel eines erotischen Films hatte ich nicht gerechnet. Tatsächlich galt der Film auf Grund starker Zensurschnitte lange als verschollen, konnte aber mit Hilfe einer französischen Kopie wieder rekonstruiert werden, auch wenn einige Szenen, darunter die im Harem, nur noch in schwarz/weiß vorliegen. Zu verdanken ist das Ergebnis den Machern der sehr empfehlenswerten italienischen DVD, zu der es auch englische Untertitel gibt.



Der junge Casanova gibt noch Anlass zu den schönsten Hoffnungen
Äußerlich deutete einiges darauf hin, dass Stenos Film "Le avventure di Giacomo Casanova" (Casanova - Seine Liebe und Abenteuer) aus dem üblichen Komödien-Rahmen fiel. Zwar stand wie seit Jahren gewohnt Lucio Fulci als Regie-Assistent an seiner Seite und war auch am Drehbuch beteiligt, aber darüber hinaus betrat der Regisseur Neuland. Statt der Komiker Alberto Sordi ("Un Americano a Roma" (Ein Amerikaner in Rom, 1954)), Peppino de Filippo ("Un giorno in pretoria" (Drei Sünderinnen, 1954)) oder Totò ("L'uomo, la bestia e la virtù" 1953), die seine zuvor gedrehten Filme prägten, verpflichtete er den schönen Gabriele Ferzetti als Hauptdarsteller, geschuldet der historischen Figur des Giacomo Casanova - eine Abkehr von den zeitgenössischen Stoffen, mit denen Steno sonst satirisch demaskierend seine Landsleute im italienischen Alltag beobachtete.

Doch sein erster Arbeitsplatz an der Villa D'Este führt zu der Begegnung mit:
Die für ihn ungewöhnliche internationale Ausrichtung des mit französischen Produktionsgeldern entstandenen Farbfilms lässt sich auch an der breit aufgestellten Darsteller-Riege erkennen, die mit einer Vielzahl an weiblichen Schönheiten aus Frankreich, der Schweiz, Österreich, Rumänien und Italien aufwarten konnte. Zur adäquaten Umsetzung zog der Regisseur Mario Bava als Kameramann hinzu, mit dem er zuletzt bei „Guardi e ladri“ (Räuber und Gendarm, 1951) zusammengearbeitet hatte. Dieser tauchte die historischen Landschaften und Bauten in schönste Farben und betonte noch die Attraktivität der Damen in ihren prächtigen Kostümen. Deren sehr freizügige Inszenierung verbunden mit der offen sexuellen Thematik stieß auf unterschiedliche Reaktionen in den Produktionsländern. Während „Le avventure di Giacomo Casanova" in Frankreich ab 16 Jahren freigegeben wurde, galt er für die katholische Kirche in Italien als Pornografie.

Barbara (Mara Lane)
Das hatte zur Folge, dass der im März 1955 in die Kinos gekommene Film schnell wieder aus den Sälen verschwand und erst Ende des Jahres in einer stark geschnittenen Version zurückkehren durfte. Der Auseinandersetzung mit den italienischen Zensurbehörden war nicht nur der Torso zu verdanken, sondern auch die Umbenennung des Titels – ursprünglich hieß Stenos Film „Le avventure e gli amori di Giacomo Casanova“. Die „Liebschaften“ mussten entfallen - angesichts der Handlung geradezu absurd. Denn obwohl diese im Jahr 1760 einsetzt und rückblickend Casanovas Leben betrachtet, legte Steno keinen Wert auf historische Authentizität, sondern reduzierte die Figur des Intellektuellen und Schriftstellers allein auf dessen Ruf als Verführer, der jedes Risiko für ein Liebesabenteuer mit einer schönen Frau eingeht.

Angelica (Florence Arnaud)
Ihm zur Seite steht mit Le Duc (Carlo Campanini) eine Art „Sancho Pansa“, dessen bedingungslose Treue nicht näher begründet wird. Vorteile seiner Diener-Position lassen sich nicht erkennen. Stattdessen muss er jedes Schlamassel, in das sein Herr bei seinen amourösen Abenteuern hineingerät, mit ausbaden. Allein an dieser Konstellation wird deutlich, dass es Steno und seinen Co-Autoren, darunter auch sein alter Vertrauter Sandro Continenza, nicht um ein realitätsnahes Historienbild ging, sondern um ein provokantes Spiel mit der Moral, das unmittelbar in die damalige Gegenwart führte. Die ablehnende Reaktion konservativer Kreise und der katholischen Kirche war auch ohne Nacktbilder vorhersehbar.

und Lucrezia (Lia di Leo)
Obwohl von sich und seiner Wirkung auf Frauen überzeugt, ist Ferzetti als Casanova im Film der eindeutige Sympathieträger, denn im Gegensatz zur restlichen Männerwelt nimmt er sich selbst nicht zu ernst, die Frauen dafür umso mehr. Sein galantes Auftreten, sein Wortwitz und sein gutes Aussehen sind sicherlich von Vorteil, aber entscheidend für seinen Erfolg ist, dass er die Frauen als gleichwertig respektiert. Die gemeinsamen Liebesnächte beruhen auf einem gegenseitigen Einverständnis - nie ist Casanova nur Verführer, sondern immer auch Verführter. Ob Hausmädchen, höhere Tochter oder adelige Ehefrau, alle Frauen treten selbstbewusst und sexuell aktiv auf, Einige begeben sich in Wettstreit mit dem Frauenhelden, Andere wissen ihn geschickt zu händeln.

Ob im Harem...
Sehr schön wird das im Rückblick auf seine Anfänge als Hauslehrer auf dem herrschaftlichen Landsitz des Barons Costanzi deutlich, wo er versucht, dem Hausmädchen Bettina (Fulvia Franco) näher zu kommen. Bei den Cousinen der Baronesse Lucrezia (Lia di Leo), der standesbewussten Barbara (Mara Lane) und der einzig an ihren Büchern interessierten Angelica (Florence Arnaud), rechnet er sich dagegen keine Chancen aus. Ohne zu wissen, dass Bettina kurzfristig nach Rom geschickt wurde, um den maladen Baron dort zu betreuen, begibt er sich wie verabredet des Nachts auf ihr Zimmer. Er erlebt die erhofften Wonnen, ahnt aber nicht, dass Barbara ihre Verabredung mitgehört hatte und statt des Hausmädchens auf ihn gewartet hatte. Dass es eine Andere war, wird ihm am nächsten Morgen klar, als er Bettina aus der von Rom kommenden Kutsche aussteigen sieht. Er beginnt, nach der wahren Geliebten zu forschen. Zuerst bei Lucrezia, dann bei Angelica, schließlich erkennt er Barbara wieder, aber auch Bettina fordert die geplatzte Verabredung ein. Mit der Folge, dass sich der überforderte und übernächtigte Liebhaber heimlich davon stiehlt.

...oder als Kommissar für moralische Angelegenheiten...
Das Potpourri an sexuellen Abenteuern, das Steno hier entfaltete, war eine Überzeichnung der sich nach dem Krieg verändernden Geschlechterrollen. Auf der einen Seite standen emanzipierte Frauen, auf der anderen ihre an ihrer patriarchalischen Überlegenheit festhaltenden Männer – dazwischen nutzte Casanova den sich bietenden Freiraum. Zum eigenen Vergnügen, meist auch dem der Frauen, aber immer zum Ärger der Männer, die ihn jagen, einkerkern und hinrichten lassen wollen. Zwar zitierte der Film in diesem Zusammenhang Casanovas historisch verbürgte Flucht aus dem Bleigefängnis von Venedig, aber langsam kristallisierte sich auch die Parallele zu Stenos zeitgenössischen Filmen wie „Totò a colori“ (Totò in Farbe, 1952) oder „Un Americano a Roma“ heraus. Erneut stand eine Außenseiter-Figur im Mittelpunkt des Geschehens, deren Unangepasstheit die bürgerlichen und in diesem Fall auch adeligen Gesellschaftsschichten zur Weißglut brachte. Dass es sich hier um einen überlegenen Charakter handelte, machte keinen Unterschied – die Konsequenz war dieselbe.

...die Frauen beherrschen jeden seiner Schritte: Marina Vlady
Auch äußerlich blieb Steno seiner bevorzugten episodenhaften Inszenierungsform treu. Ausgehend von einer Rahmenhandlung, die Casanova 1760 in ein spanisches Gefängnis bringt, erzählte er rückblickend in aneinander gereihten Episoden von dessen vergnüglichen Abenteuern. Einzig die tragische Tiefe fehlte dieser Figur, denn dafür agierte Ferzetti in seiner Rolle im Gegensatz zu den von Totò und Alberto Sordi gespielten Verlierer-Typen zu souverän, gab es keinen Zweifel daran, dass er auch der misslichsten Lage entkommen würde. Offensichtlich bedurfte es keines kritischen Subtexts wie in der „Commedia all’italiana“ üblich, denn allein der ungezwungene Umgang mit der Sexualität, kombiniert mit Nacktaufnahmen, die erst Ende der 60er Jahre wieder in dieser Direktheit und Häufigkeit im italienischen Film zu sehen waren, genügte schon als Provokation.

Nadia Gray
Abschließend bleibt die Frage, wieso "Le avventure di Giacomo Casanova" trotz seiner Ausnahmestellung in Vergessenheit geriet? – Im Gegensatz zu Alberto Lattuadas „La spiaggia“ (Der Skandal, 1954), der heute zu den 100 wichtigsten italienischen Filmen gezählt wird, fehlte Stenos frivolem Lustspiel die unterschwellige Kritik an der damals vorherrschenden Doppelmoral. Und als Tabubruch, der schon eine Vielzahl typischer Merkmale der späteren „Commedia sexy all’italiana“ vorweg nahm, kam der Film Mitte der 50er Jahre schlicht zu früh, zusätzlich noch dank der Zensur stark gekürzt. Ob es an diesen negativen Erfahrungen lag, bleibt Spekulation, aber es dauerte ein Jahrzehnt bis sich Steno in „Letti sbagliati“ (Die richtige Frau im falschen Bett, 1965) wieder dem erotischen Komödien-Genre zuwandte. Gemessen an den moralischen Standards im Land verständlich, angesichts des äußerst unterhaltsamen Films und seiner optischen Opulenz sehr schade.

"Le avventure di Giacomo Casanova" Italien, Frankreich 1955, Regie: Steno, Drehbuch: Steno, Lucio Fulci, Erno Bistolfi, Gian Bistolfi, Sandro Continenza, Mario Guerra, Carlo Romano, Darsteller : Gabriele Ferzetti, Carlo Campanini, Irene Galter, Marina Vlady, Nadia Gray, Mara Lane, Corinne Calvet, Lia Di Leo, Anna Amendola, Ursula Andress, Laufzeit : 100 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Steno:

Dienstag, 6. Oktober 2015

Ad ogni costo (Top Job) 1967 Giuliano Montaldo

Inhalt: Der letzte Blick gilt noch seinen Schülern, die ihn am Flughafen verabschieden, bevor sich der pensionierte Professor James Anders (Edward G. Robinson) in das Flugzeug Richtung New York begibt. Ein Hubschrauber bringt ihn nach Manhattan, von wo er mit dem Taxi zu einem großen Landhaus gebracht wird, in dem sein alter Jugendfreund Mark Milford (Adolfo Celi) residiert, den er seit mehr als 40 Jahren nicht mehr gesehen hat. Der Anlass seines Besuchs ist rein professionell, denn Milford, ein landesweit bekannter Gangster-Boss, soll ihm helfen, ein Team für einen raffinierten Diamanten-Raub zusammenzustellen – eine Bitte, der dieser gerne nachkommt.

Mit den Kontaktdaten ausgerüstet trifft sich der Professor erst mit dem Soldaten Erich Weiss (Klaus Kinski), der die Aktion leiten soll, bevor er den Tresorknacker Gregg, den Techniker und Bastler Agostino Rossi (Riccardo Cucciolla) sowie den Playboy Jean-Paul (Robert Hoffmann) aufsucht. Sie Alle sollen gemeinsam nach seinen Plänen während des Karnevals in Rio de Janeiro einen Tresor in einem streng bewachten Gebäude knacken und einen Koffer mit Diamanten stehlen. Und zwar vollständig unbemerkt, da der Diebstahl erst nach dem Wochenende entdeckt werden darf, um den Beteiligten die Flucht aus dem Land zu ermöglichen – ein schweres Unterfangen…


Es gibt Filme, die lassen schon in den ersten, scheinbar harmlosen Momenten spüren, dass es unter ihrer Oberfläche brodelt - und dass sich Abgründe unter der sorgfältig gepflegten bürgerlichen Fassade verbergen. Dem ließe sich entgegnen, dass es sich bei den sogenannten "Heist-Movies“, die aus dem Blickwinkel der Täter einen groß angelegten Diebstahl schildern, grundsätzlich um eine zwiespältige Angelegenheit handelt. Das Publikum wird emotional auf die Seite von Räubern gezogen, deren Aufgabe es ist, unbemerkt von der Öffentlichkeit ihren Coup durchzuziehen. Im Idealfall ist nicht nur das Objekt der Begierde verschwunden, sondern fehlt jede Information über die Täter. Während das Verbrechen geschah, blieb die äußerliche Normalität gewahrt.

Seitdem Jules Dassin 1955 in „Du rififi chez les hommes“ (Rififi) einen solchen Raub in minutiöser Perfektion auf die Leinwand brachte, erfreut sich das Genre gleichbleibender Beliebtheit, wurde er für Mario Monicelli in „I soliti ignoti“ (Diebe haben’s schwer, 1958) zum Vorbild seiner prägenden Gauner-Komödie, sorgte für Amüsement im futuristisch angehauchten „Sette uomini d'oro“ (Sieben goldenen Männer, 1965) und diente Jean-Pierre Melville als Kulminationspunkt seiner Gangster-Ballade „Le cercle rouge“ (Vier im roten Kreis, 1970). Bis zur jüngeren „Ocean“-Trilogie mit George Clooney als Impresario einer Gruppe von Spezialisten oder der „Mission impossible“ Reihe, erfuhr die Idee eines besonders raffinierten Einbruchs unter schwierigsten Bedingungen wiederholte Variationen. Auch „Ad ogni costo“ (Top Job), der 1967 erfolgreich in den deutschen Kinos lief, reiht sich darin ein und gilt im Gesamtwerk des dank seiner gesellschaftskritischen Filme („Sacco e Vanzetti“ (Sacco und Vanzetti, 1971)) bekannten Regisseurs Giuliano Montaldo als Ausnahme.

Eine oberflächliche Betrachtungsweise, der Montaldo von Beginn an in seiner Inszenierung widersprach. Leider wurden in der deutschen Kinofassung die ersten 90 Sekunden gekürzt, in dem ein Schülerchor, angeleitet von weiß gekleideten Nonnen, ihrem in Pension gehenden Lehrer Professor James Anders (Edward G. Robinson) ein Abschiedsständchen gibt und ein großes „Danke“-Plakat ausrollt. Ennio Morricone griff in seiner Titelmusik auf diese Kinderstimmen zurück, verband sie mit lateinamerikanischen Rhythmen, Big-Band-Sound und einer ins Melancholische abdriftenden Trompetenmelodie, die genau den Kontrast zwischen seriösem Anschein und über Leichen gehender Egozentrik widerspiegelte, den Montaldo in seinem Film bis zur letzten Konsequenz auslebte. Eine Intention, an der schon der Originaltitel „Ad ogni costo“ (Auf eigene Kosten) keinen Zweifel ließ, den die internationalen Filmtitel „Grand Slam“ oder „Top Job“ aber leider zugunsten der reinen „Heist“-Thematik verwässerten.

Dabei könnte der Weg des Professors, der ihn zu seinem Jugendfreund Mark Milford (Adolfo Celi) in die USA führt, widersprüchlicher kaum sein. Erst die heile Welt der Schulkinder, dann das atemberaubende Panorama von New York, bevor er an der Pforte einer mondänen Villa klingelt. Dort wird er in die prächtig eingerichteten Räume eingelassen, gelangt in einen Konzertsaal, in der eine Festgesellschaft klassischer Musik lauscht, zu der sich eine junge Frau auf einer Bühne entkleidet. Von dort wird er in die hinteren, schwer bewachten Räume eingelassen, in denen der Hausherr und bekannte Gangster-Boss Mark Milford residiert. Der so seriös wirkende Professor bittet ihn um Hilfe bei der Auswahl des geeigneten Personals für seinen geplanten Coup. Jahrzehntelang hatte er aus dem gegenüber gelegenen Schulgebäude in Rio de Janeiro beobachtet, wie unter immer gleichen Voraussetzungen eine Lieferung Diamanten gebracht und in einem Tresor gesichert wurde. Entsprechend viel Zeit hatte er, um einen sicheren Plan auszutüfteln, für den er nur noch die notwendigen Spezialisten braucht.

Nach seiner Pensionierung will der Professor eine Ladung Diamanten für sich, bereit jedem Banden-Mitglied eine Million Dollar bei Erfolg auszuzahlen. Mehr erfährt der Betrachter nicht über seine Intention. Weder beklagt er sein bisheriges Dasein, noch kritisiert er den Reichtum Anderer. Auch über die Gesellschaft, die die Diamanten in Empfang nimmt, gibt es keine weiteren Informationen. Damit unterscheidet sich „Ad ogni costo“ entscheidend von ähnlichen Heist-Movies, auch von seinem Vorbild „Rififi“. Üblicherweise soll ein emotionaler Hintergrund Sympathien für die Diebe erzeugen oder bei dem zu bestehlenden Opfer handelt es sich selbst um eine kriminell agierende Persönlichkeit/Gesellschaft. Häufig auch beides, ebenso oft verbunden mit einem humorvollen Unterton. Nichts davon existiert in „Ad ogni costa“, der einzig die persönliche Bereicherung als Anlass gelten lässt.

Darin besteht auch die Intention für die vier Männer, die zwar zusammen arbeiten, unter denen es aber über den Job hinaus keine Verbindung gibt. Die im „Heist-Movie“ sonst fast zwangsläufige Buddy-Thematik wurde hier vollständig ausgehebelt, weil der Ideengeber gar nicht an der eigentlichen Aktion teilnimmt. Der Professor setzt als Stellvertreter den Soldaten Erich Weiss (Klaus Kinski) ein, der für die Koordination der beiden Spezialisten Gregg (George Rigaud) und Agostino Rossi (Riccardo Cucciolla) zuständig ist, die gemeinsam den Tresor knacken sollen. Den vermeintlich leichtesten Job hat der Playboy Jean-Paul (Robert Hofmann), der von der Sekretärin Mary Ann (Janet Leigh) für eine Stunde den Schlüssel zum Tresorraum organisieren soll – eine Aufgabe, die sich aber als die unberechenbarste herausstellt, da sich die wenig zugängliche Frau als immun gegen den sonst so unwiderstehlichen Verführer erweist. Ernst wird er von seinen Mitstreitern trotzdem nicht genommen. Im Gegenteil bestraft ihn Anführer Weiss nur mit Verachtung – Solidarität innerhalb der Truppe gibt es nicht.

Diese Konstellation nahm der Story die Berechenbarkeit, die neben den typischen unerwartet auftretenden Schwierigkeiten für eine stetig steigende Spannungskurve sorgte. Dass der Betrachter trotz der auf jede emotionale Schürung verzichtenden Story mit den Dieben mitfiebert, ist den vier Hauptakteuren zu verdanken, die ihre bewusst eindimensional angelegten Rollen mit Leben erfüllten. Kinskis Testosteron gesteuerter Aktionismus, Rigauds Coolness auch in schwierigsten Situationen, Cucciollas heimliche Sehnsüchte (dem die Begegnung mit der hübschen Brasilianerin in der deutschen Fassung vollständig genommen wurde) und Hoffmanns wachsende Verzweiflung in der Konfrontation mit der eiskalt wirkenden Janet Leigh, ergeben einen heißen Tanz inmitten der vom Karneval aufgeputschten Stadt, der vergessen lässt, dass hier alles nach einem perfiden Plan abläuft. So wie sich die seriöse Fassade des Professors als brüchig erweist, verbarg „Ad ogni costo“ die Abgründe des menschlichen Egoismus unter dem Deckmantel eines Unterhaltungsfilms.

"Ad ogni costo" Italien, Deutschland, Spanien 1967, Regie: Giuliano Montaldo, Drehbuch: Mino Roli, Paolo Bianchini, Augusto Caminito, Marcello Fondato, Marcello, Coscia, José Antonio de la Loma, Darsteller : Klaus Kinski, Robert Hoffmann, George Rigaud, Riccardo Cucciolla, Edward G. Robinson, Janet Leigh, Adolfo Celi, Laufzeit : 120 Minuten

Der Film lief in der deutschen Kinofassung beim 6. Forumtreffen "Deliria Italiano" in Wien vom 03. bis 04.10.2015

weitere im Blog besprochene Filme von Giuliano Montaldo:

Dienstag, 29. September 2015

Letti sbagliati (Die richtige Frau im falschen Bett) 1965 Steno

Ingeborg Schöner
Inhalt: Episode 1: „Il complicato“ (Der Komplizierte)  Burolli (Lando Buzzanca) begegnet im Zug nach Mailand dem Geschäftsmann De Rossi (Aldo Giuffrè), mit dem er sich ein Schlafwagenabteil teilt. Er will nur seine Ruhe haben, aber er wird von De Rossi ständig damit konfrontiert, dass die Nacht im Zug doch ideal für ein sexuelles Abenteuer wäre. Burolli ist skeptisch, muss sich aber auch den angeblichen Erfahrungen von Professor Vittorio Foconi (Pietro Tordi) erwehren, den sie im Speisewagen kennenlernen. Zuerst sieht er sich in seiner Haltung bestätigt, als eine schöne Frau (Ingeborg Schöner) De Rossi einen Korb gibt, aber als diese bei ihm ihr Taschentuch fallen lässt, wird er von den anderen Männern zum Handeln gedrängt…

Margaret Lee
Episode 2:  "00-Sexy, missione bionda platino" (00-Sexy – Mission Platinblond)  Ingenieur Filippo (Raimondo Vianello) träumt davon, seine schöne blonde Nachbarin (Margaret Lee) im Aufzug zu verführen. Da seine Chancen eher gering sind, ersinnt er einen perfiden Plan…



Beba Loncar
Episode 3: "Quel porco di Maurizio" (Maurizio, was für ein Schwein) Die gemeinsame Fahrt in einem Zugwagenabteil wird für Maurizio (Aldo Puglisi) zu einer Herausforderung. Angesichts der schönen Mitfahrerin (Beba Loncar), die sich lasziv auf ihrem Sitz bewegt, stehen ihm die Schweißperlen auf der Stirn. Als sich ihre Gesichter nähern, küsst er sie spontan und wird durch ihr lautes Schreien aus allen Träumen gerissen. Ihm droht eine Verurteilung wegen versuchter Vergewaltigung, vor der ihn nur sein Anwalt (Carlo Giuffrè) bewahren kann…

Ciccio Ingrassi und Olimpia Cavalli
Episode 4: „La seconda moglie“ (Die zweite Ehefrau) Ciccio Ingrassi lebt zusammen mit seiner zweiten Ehefrau (Olimpia Cavalli) und seinem behinderten Bruder Franco (Franchi) in einer Wohnung, die vollgestellt ist mit Bildern seiner ersten, aber leider früh verstorbenen Ehefrau. Ingrassi verehrt sie als Heilige, die ihm immer treu gewesen ist. Als er einen Brief erhält, der ihm anonym mitteilt, dass ihn seine Frau betrügt, kapiert er nicht, dass dieser mit zwölf Jahren Verspätung zugestellt wurde…


Die Herren fachsimpeln (Aldo Giuffrè, Pietro Tordi, Lando Buzzanca)...
Mitte der 60er Jahre mit gerade 50 Jahren konnte Steno schon auf ein umfangreiches Werk zurücksehen. Nach fast 25 Jahre Drehbucharbeit und knapp 40 Filmen unter seiner Regie seit 1950 im von ihm bevorzugten Komödien-Fach, hatte er nicht nur die Bandbreite des Genres ausgelotet, sondern auch die Entwicklung der "Commedia all'italiana" ausgehend vom Neorealismus maßgeblich mit beeinflusst. Zuletzt waren noch zwei Western-Komödien hinzu gekommen ("Gli eroi del West" und "I gemelli del Texas", 1964), machte er das Dutzend an Filmen mit Totò voll ("Totò contro i quattro", 1963) und legte kurz darauf in einer Art Wachablösung seinen ersten Film mit dem inzwischen populär gewordenen Komiker-Duo Franco Franchi/Ciccio Ingrassio vor ("Un mostro e mezzo", 1964). Nur die aufkommende Sex-Welle war an ihm scheinbar vorüber gegangen, während sein langjähriger Regie-Assistent und Co-Autor Lucio Fulci schon die zwei Erotik-Komödien „Gli imbroglioni“ (1963) und „I maniaci“ (1964) abgeliefert hatte, jeweils unter Mitwirkung von Franco Castellano und Giuseppe Moccia am Drehbuch. 


...und beobachten,ob...
Tatsächlich hatte Steno schon 1955 mit "Le avventure di Giacomo Casanova" (Casanova - seine Liebe und Abenteuer) eine erotische Komödie vorgelegt, die als erste "Commedia sexy all'italiana" gelten kann, aber die offensiven Nacktdarstellungen waren ihrer Zeit weit voraus, weshalb der Film der Zensurschere zum Opfer fiel. "Letti sbagliati“ (Die richtige Frau im falschen Bett) wurde so zu Stenos erneutem Einstieg ins Erotik-Genre, blieb aber noch halbherzig, da er nur Regie führte. Er beteiligte sich nicht am Drehbuch, sondern überließ es seinem langjährigen Vertrauten Sandro Continenza, der zuvor schon an mehreren Episodenfilmen („L‘amore difficile“ (Erotika, 1962)) mitgewirkt hatte, hier die vier Kurzgeschichten alleine zu verfassen. Diese im italienischen Episodenfilm seltene Konstellation eines Kreativen-Duos hätte zu einem Prozess innerhalb der vier Episoden genutzt werden können oder wenigstens für eine erzählerische Klammer – stattdessen wirken die vier Filme inhaltlich und von der Reihenfolge her beliebig zusammengestellt. Dem deutschen Verleihtitel „Die richtige Frau im falschen Bett“ ist entsprechend die Hilflosigkeit anzumerken, einen thematischen Überbau zu finden, aber auch „verwechselte (falsche) Betten“, wie der Film im Original heißt, passt nicht zum Inhalt.

...Burolli seine Chancen bei der Schönen (Ingeborg Schöner) nutzt
Denn die vier Kurzfilme besitzen nur eine Gemeinsamkeit - einen männlichen Verlierer-Typus. Doch die Gründe dafür könnten kaum unterschiedlicher sein. Lando Buzzanca spielte in der ersten Episode „Il complicato“ (Der Komplizierte) einen jungen Mann, der im Schlafwagen von Rom nach Mailand reist und dabei auf einen Kabinengenossen trifft, der mit allen Machismo-Wassern gewaschen ist. De Rossi (Aldo Giuffrè) schwadroniert zusammen mit Professor Vittorio Foconi (Pietro Tordi), den sie im Speisewagen kennenlernen, von den erotischen Abenteuern, die im Schlafwagenabteil auf einen Mann warten – offensichtlich eine damals beliebte Sex-Fantasie, die beispielsweise auch im späteren Buzzanca-Film „Warum hab‘ ich bloß 2x ja gesagt“ (1969) eine wichtige Rolle spielte. Der etwas schüchterne Burolli (Lando Buzzanca) zweifelt daran und fühlt sich auch bestätigt, als De Rossi bei einer hübschen Dame (Ingeborg Schöner) abblitzt. Als diese aber ausgerechnet bei ihm ihr Taschentuch fallen lässt, gerät Burolli in den Blickpunkt seiner männlichen Genossen, die von ihm fordern, eine solche Gelegenheit nicht auszulassen.

Filippo (Raimondo Vianello) auf  der Jagd nach...
Weil Burolli aber immer noch nicht an seine Chancen glaubt, bietet ihm De Rossi eine hohe Wette an: wenn es nicht klappt, zahlt er, sollte er aber eine Nacht mit der jungen Frau verbringen, muss Burolli die Wettschuld begleichen. Für den jungen Mann scheinbar eine faire Angelegenheit. Continenza spielte in der ersten Episode mit dem klassischen männlichen Rollenverhalten innerhalb einer Gruppe. Burolli kann sich dem Druck nicht entziehen, will er nicht als Feigling dastehen, aber Lando Buzzanca wäre nicht Lando Buzzanca, wenn er sich im Abteil der Schönen nicht ungeschickt anstellte. Was diese auch zu fördern weiß, weshalb es natürlich nicht zum Sex kommt, er aber trotzdem zahlt, um nicht als Versager zu gelten. Die letzte Szene spielt in der Wohnung von De Rossi und lässt deutlich werden, dass es sich bei ihm und der jungen Frau um ein Gauner-Paar handelt, das die männlichen Fantasien im Schlafwagenabteil für ihre Zwecke nutzt. Ein Abschluss-Gag, der dem vorherigen Treiben etwas die sezierende Komponente nimmt, da die Absicht dahinter deutlich wird. Aus De Rossis Worten ist allerdings herauszuhören, dass ihr Trick sonst leichter klappt – Burolli war kein typischer Macho, sondern „il complicato“.

...der platinblonden Versuchung (Margaret Lee)
Die zweite Episode "00-Sexy, missione bionda platino" (00-Sexy – Mission Platinblond) ist gänzlich anders konzipiert mit einem zutiefst unsympathischen Protagonisten im Mittelpunkt. Der etwa 50jährige Ingenieur Filippo (Raimondo Vianello) sieht sich selbst als coolen Agenten á la James Bond, der sich mit einem Trick die platinblonde Nachbarin (Margaret Lee) im Aufzug gefügig machen will. Zuerst nur im Traum, aber dann beginnt er seine Wünsche in die Tat umzusetzen und plant erst den Aufzug außer Betrieb zu setzen, um dann die junge Frau mit einem Gas zu betäuben. Nichts weniger als eine versuchte Vergewaltigung, die sich glücklicherweise gegen den Verursacher wendet. Und gegen den Autor, der die Story offensichtlich so komisch fand, dass er stattdessen einen jungen Handwerker auf seine Kosten kommen ließ, der versehentlich mit der Ehefrau des Ingenieurs im Aufzug eingesperrt wurde.

Maurizio (Aldo Puglisi) bekommt den Mund nicht mehr zu...
Die dritte Episode "Quel porco di Maurizio" (Maurizio, was für ein Schwein) kehrte diesen Ansatz wieder um, indem sie aus einem harmlosen Vorfall eine Straftat werden ließ. Aldo Puglisi spielte hier – wie zuvor schon in "Sedotta e abbandonata" (Verführung auf italienisch, 1964) – einen wenig souveränen jungen Mann, den ein Moment der Schwäche in große Schwierigkeiten bringt. Allein mit der schönen Blondine Enrichetta Cordelli (Beba Loncar) in einem Zugabteil, missversteht Maurizio (Aldo Puglisi) ihr laszives Verhalten als Aufforderung und küsst sie spontan, als sie sich Beide beim Aufheben ihrer aus der Handtasche gefallenen Gegenstände nähern. Was ihm eine Anzeige wegen versuchter Vergewaltigung einbringt und das Missfallen seiner Umgebung, für die er nur noch als „Schwein“ gilt. Einzig sein Anwalt (Carlo Giuffrè) setzt sich für ihn ein, verfolgt aber ganz eigene Ziele, als er selbst die junge Frau schätzen lernt, die bei ihrem sehr kurzsichtigen Onkel wohnt.

...angesichts der jungen Frau (Beba Loncar) in seinem Zugabteil
Der dritte Teil zeigte am deutlichsten die Diskrepanz zwischen damaliger konservativer Realität und den hier zugrundeliegenden männlichen Fantasien. Die weibliche Figur wechselt ständig in für Männer nicht nachvollziehbarer Weise zwischen Heilige und Hure, womit die Episode ein beliebtes Vorurteil über Frauen bediente. Continenza und Regisseur Steno verfolgten damit keinen gesellschaftskritischen Gestus, sondern nutzten die Stories von verführerischen Frauen und geilen Männern für eine eher handfeste Komik und die erotisch ins Bild gerückten Darstellerinnen Ingeborg Schöner, Margaret Lee und Beba Loncar. Sieht man von den noch fehlenden Nacktaufnahmen ab, wies „Letti sbagliati“ damit schon ganz auf den Geist der „Commedia sexy all’italiana“ der 70er Jahre hin.

Die späte Erkenntnis, dass ihn Franco (Franchi) seit Jahren hintergeht, lässt...
Bei der vierten Episode „La seconda moglie“ (Die zweite Ehefrau) handelt sich um einen Sketch des Duos Franco Franchi/Ciccio Ingrassi, gegen den selbst der bisherige Humor noch feinsinnig wirkt. Sexuelle Fantasien spielen hier keine Rolle, sondern nur Extreme. Ingrassi gibt einen verbohrten sizilianischen Ehemann, der trotz neuer Ehefrau (Olimpia Cavalli) die gemeinsame Wohnung mit Bildern seiner verstorbenen ersten Frau zugepflastert hat, da es sich bei dieser um eine Heilige gehandelt haben soll – die treueste und beste Ehefrau, wie er seiner zweiten Frau ständig vorhält. Wie gewohnt unterhöhlte Franco Franchi grimassierend und mit unverhohlener Freude diese Illusion. Im Rollstuhl sitzend lebt er seit Jahren als sein Bruder in dessen Haushalt und lässt es sich gutgehen. Dass er weder sein Bruder, noch behindert ist, weiß Ingrassi nicht, aber auch als er einen Brief erhält, der ihn als betrogenen Ehemann ausweist, kapiert er lange nicht, dass das Lügengebäude um ihn herum zusammenfällt.

...Ciccio Ingrassi so enden.
Verfügten die ersten drei Stories über ein realistisches Szenario, arbeiteten Franchi/Ingrassi in ihrer Persiflage auf archaische Vorstellungen von Ehre und Moral wie üblich mit exzessiver Übertreibung. Auch die bis auf kurze Aufnahmen bei einer Modenschau fehlenden erotischen Einblicke lassen „La seconda moglie“ als Abschluss des Episodenfilms zuerst unpassend wirken. Ihr Sketch lässt sich aber auch als ironischer Kommentar auf die den Voyeurismus unverhohlen bedienenden ersten Kurzgeschichten verstehen - hier wird der männliche Protagonist am Ende zu einem willenlosen Hampelmann.

"Letti sbagliati" Italien 1965, Regie: Steno, Drehbuch: Sandro Continenza, Darsteller : Ingeborg Schöner, Lando Buzzanca, Aldo Giuffrè, Margaret Lee, Bebar Loncar, Carlo Giuffrè, Aldo Puglisi, Franco Franchi, Ciccio Ingrassia, Laufzeit : 85 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Steno:

Mittwoch, 23. September 2015

Come imparai ad amare le donne (Das gewisse Etwas der Frauen) 1966 Luciano Salce

Roberto (Robert Hoffmann) und Irene (Romina Power)
Inhalt: Roberto (Robert Hoffmann) lebt nur geduldet in einem herrschaftlichen Gebäude, das der Direktor (Gianrico Tedeschi) einer Knabenpension von seinem hoch verschuldeten und inzwischen verstorbenen Vater erwarb. Unter der Auflage, dass Roberto bis zu seiner Volljährigkeit hier Wohnrecht genießt. Trotz der Strenge seines Vormunds genießt er das Leben an diesem Ort, denn sowohl die Frau des Direktors (Sandra Milo), als auch das Hausmädchen Agnese (Orchidea De Santis) sind ihm sehr wohlgesonnen.

Die Frau des Direktors (Sandra Milo) und Agnese (Orchidea De Santis)
Gestärkt von den ersten Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht verdingt Roberto sich bei einer kleinen Autowerkstatt, wodurch er die Rallye-Fahrerin Monica (Elsa Martinelli) kennenlernt, die Gefallen an dem jungen Mann findet. Sehr zum Ärger ihres Liebhabers Renzino (Vittorio Caprioli), der sich noch steigert, als Monica Roberto zu ihrem neuen Beifahrer macht. Auch für ihn kein reines Vergnügen, denn Monica kennt keine Grenzen, um ein Rennen zu gewinnen…


Die Liste deutsch-italienischer Co-Produktionen in den 60er und 70er Jahren ist lang, sagte aber in der Regel nur etwas über die Geldgeber aus, denn das jeweilige Kreativ-Team ließ sich meist einem Land zuordnen, von einzelnen Darstellern einmal abgesehen. Aus diesem Grund komme ich selten in die Situation, zwischen meinen Blogs wählen zu müssen, zudem ich eventuelle Verbindungen oder Einflussnahmen untereinander verlinken kann. Nur sehr wenige Filme wurden von mir - meist aus persönlichen Gründen - in beiden Blogs berücksichtigt.

"Come imparai ad amare le donne" oder auf deutsch "Das gewisse Etwas der Frauen" sollte Teil meiner Filmreihe zur "Commedia sexy all'italiana" werden, entstanden unter der Regie von Luciano Salce, einem wichtigen Wegbereiter der italienischen Erotik-Komödie. Die Einordnung des Films in "L'amore in città" stand nicht zur Disposition. Bis ich ihn mir ansah - in beiden Sprachfassungen, die glücklicherweise auf DVD vorliegen - und feststellte, dass sich hier die deutschen und italienischen Vorstellungen von erotischen Komödien begegneten. Mit dem erwartbar uneinheitlichen Ergebnis, dass mir die Gelegenheit gab, die Unterschiede genauer zu analysieren. 


Erotik im deutschen und italienischen Film nach dem Krieg

Traditioneller Beginn: Roberto als Schüler im Knabenpensionat...
Die Entwicklung des erotischen Films verlief in Deutschland und Italien ab den 50er Jahren parallel, spiegelte in ihrer Unterschiedlichkeit aber die jeweiligen Eigenarten beider Länder wider. Blieb in Westdeutschland das konservative Bürgertum bis weit in die 60er Jahre politisch bestimmend, entstand im Nachkriegs-Italien neben der christlichen Regierungspartei eine starke Linke, die nicht zuletzt das künstlerische Leben beeinflusste. Ein Großteil der prägenden Regisseure der 50er und 60er Jahre sympathisierte mit dem linksgerichteten Spektrum, viele von ihnen waren zumindest phasenweise Mitglied der kommunistischen Partei. Sexualität verstanden sie als antibürgerlich, als Protest gegen die von der katholischen Kirche bestimmten rigiden moralischen Gesetze im Land. Erotische Filme wie „I dolci inganni“ (Süße Begierde, 1960) mussten sich zwar optisch einschränken, propagierten aber eine aufgeklärte Moral mit gleichberechtigten Geschlechterrollen.

...mit hübschem Hausmädchen
Dank des geringeren Einflusses der Kirche setzte in der BRD trotz des konservativen Klimas eine langsame Aufweichung der moralischen Normen ein. Zudem besaß die Freikörperkultur seit Beginn des Jahrhunderts in Deutschland Tradition und erhielt in den 50er Jahren vermehrt Zulauf, wie in Nossecks „Das verbotene Paradies“ (1958) thematisiert wurde, der eingebettet in eine moralisch einwandfreie Handlung junge Frauen nackt bei Sport und Gymnastik zeigen konnte. Hatte Hildegard Knef mit der Momentaufnahme ihres entblößten Oberkörpers in "Die Sünderin" 1951 noch für einen veritablen Skandal gesorgt – auch wenn dieser mehr dem als unmoralisch geltenden Inhalt zu verdanken war - dienten Nacktaufnahmen in Filmen wie "Anders als du und ich (§175)" (1957) oder "Alle Sünden dieser Erde" (1958) der Warnung vor dem allgemeinen moralischen Verfall. Unterschwellig bedienten sie die voyeuristischen Bedürfnisse des Publikums, wollten aber den sozialen Status Quo stärken und standen damit entgegen der Intention der italienischen Filmemacher.

Zarah Leander singt: "Eine Frau wird erst durch die Liebe schön"
Diese unterschiedlichen Voraussetzungen führten zu einer gegensätzlichen Entwicklung des erotischen Films beider Länder in den folgenden Jahren (siehe auch „Bis die Schulmädchen kamen“, Essay Blog "Grün ist die Heide"). Der deutschsprachige Erotikfilm wurde ab Mitte der 60er Jahre optisch immer freizügiger, nahm aber Themen wie Ehebruch oder frei gelebte Sexualität in der Regel die Tragweite mit Komödienhandlungen („Die Liebesquelle“, 1965) oder einem kriminell anrüchigen Hintergrund („Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn“, 1967) – der bürgerliche Kosmos sollte gewahrt bleiben. Dagegen richteten sich die Macher im italienischen Erotik-Film radikal gegen die vorherrschende Moral. Besonders in den zahlreichen Episodenfilmen von 1962 bis 1967 wurde mit Vergnügen durchgespielt, was offiziell nicht sein durfte – entweder zum Vorteil der aus der Norm ausbrechenden Protagonisten oder als bissige Satire auf die verklemmte Realität. Nur optisch bewahrten sie weiterhin Zurückhaltung.

Vittorio Caprioli als selbstverliebter Playboy durfte nicht fehlen
An drei prägnanten deutsch-italienischen Co-Produktionen der 60er Jahre lassen sich diese unterschiedlichen Gewichtungen anschaulich demonstrieren. Entstand der Episoden-Film „L’amore difficile“ (Erotica) 1962 noch ganz unter italienischer Hoheit - mit Beteiligung von Nadja Tiller, Lilli Palmer und Bernhard Wicki - führte Ende der 60er Jahre bei „Warum habe ich bloß 2x ja gesagt“ (Professione bigamo, 1969) Franz Antel Regie. Zwar teilte sich die deutsche und italienische Seite Handlungsort, Drehbuch und Darsteller, aber vom gesellschaftskritischen Geist ließ sich bei der turbulenten Verwechslungskomödie nur in der italienischsprachigen Fassung noch etwas erahnen. 1966 kam es mit „Das gewisse Etwas der Frauen“ (Come imparai ad amare le donne) zu einer deutsch-italienisch-französischen Zusammenarbeit, deren zwitterartiger Charakter sowohl die kommende „Commedia sexy all’italiana“ spüren ließ, als auch die Erwartungshaltung an eine deutsche Komödie mit frivolem Einschlag erfüllte.


Episodenform trifft auf Lustspiel


Lasziv baggert Irene Roberto an...
Luciano Salce, dessen „La voglia matta“ (Lockende Unschuld, 1962) das erotische Komödien-Genre entscheidend beeinflusste, übernahm hier die Regie, überließ das Drehbuch aber Franco Castellano und Giuseppe Moccia (Castellano/Pipolo), mit denen er zuvor im Episodenfilm „Oggi, domani, doppodomani“ (1965) zusammengearbeitet hatte. Sowohl Salce („Le fate“ (Die Gespielinnen, 1966)), als auch seine Drehbuchpartner („Extraconiugale“ (Seitensprünge, 1964)) schätzten die damals populäre episodische Form, was sich auch in „Come imparai ad amare le donne“ (schöner als der deutsche Titel: Wie man lernt, Frauen zu lieben) nicht übersehen ließ. Zwar existiert ein grober Handlungsrahmen und stehen die Frauen, die Robertos (Robert Hoffmann) Weg zuvor begleitet hatten, am Ende bei seiner Hochzeit mit Irene (Romina Power) Spalier, aber ihre vorherigen Erlebnisse wurden in linear aneinander gereihten unabhängigen Einzelgeschichten erzählt.

...der auch langsam anbeißt...
Dass die Episodenform nicht konsequenter angewendet wurde, ist wahrscheinlich auf Willibald Eser zurückzuführen, der für den deutschen Einfluss am Drehbuch sorgte. Esers Verdienste als Autor lagen zwar ein paar Jahre zurück, aber bei Käutners „Der Traum von Lieschen Müller“ (1961) oder „Ingeborg“ (1960), eine Leinwand-Adaption des gleichnamigen Curt-Goetz-Bühnenstücks, hatte er sein Einfühlungsvermögen für unkonformistische Komödienstoffe schon bewiesen. Dem deutschen Kinobesucher traute er die italienische Kurzfilm-Variante aber offensichtlich nicht zu, denn er ließ die fünf Episoden von Robert Hoffmann ausführlich aus dem Off begleiten, um einen inhaltlichen Prozess zu vermitteln, der hier nicht existiert. Eine in der italienischen Version fehlende Geschwätzigkeit, die Überleitungen fabulierte und damit Zusammenhänge herstellte.

...bis am Ende alles seine Ordnung hat
Das gilt auch für die Rahmenhandlung, der ihre nachträgliche Konstruktion deutlich anzumerken ist. Die damals erst 15jährige US-Amerikanerin Romina Power wurde in ihren frühen Filmen („Femminine insaziabili“ (Mord im schwarzen Cadillac, 1969)) fast ausschließlich als verführerische Nymphe besetzt. Eine Rolle, die sie hier in der vierten Episode verkörperte, in der sie sich als minderjährige Nichte der Großindustriellen Olga (Zarah Leander) erst an Robertos Hals schmeißt, um ihn dann weinend der sexuellen Belästigung zu beschuldigen. Ein ernsthafter Vorfall, auf den im Film nicht weiter eingegangen wird. Stattdessen wurde diese Figur dazu auserkoren, um eine unglaubwürdige Liebesgeschichte um die einzelnen Episoden zu ranken. Obwohl in der Eingangssequenz und zwei hinein geschnittenen Szenen lasziv und selbstbewusst auftretend, mündet alles in Irenes kirchlicher Trauung mit Roberto, der zudem einen lukrativen Job in der Firma ihrer Tante erhält – eine Konzession an das deutschsprachige Publikum, denn eine ähnliche Legitimierung der zuvor gezeigten Frivolitäten lässt sich im italienischen Erotik-Film dieser Phase nicht finden.


Die Episoden

Für den Sieg gibt Monica (Elsa Martinelli) alles
Die einzelnen Episoden, in denen jeweils eine schöne, erfahrene Frau im Mittelpunkt steht, die Roberto in die Kunst der Liebe einweist, sind von sehr unterschiedlichem Zuschnitt und Qualität. Der Beginn im Knabenpensionat mit hübschem Hausmädchen (Orchidea de Santis in einer ihrer ersten Rollen) und der attraktiven Direktoren-Gattin (Sandra Milo) ist noch ganz traditionell. Das Motiv des Schülers, der von einer reifen Frau in die Liebe eingeführt wird, gehört zum Repertoire im italienischen Erotik-Film und wurde hier amüsant und atmosphärisch dicht umgesetzt. Sehr viel aktionistischer dagegen Episode zwei, die sich als Parodie auf die Emanzipation verstand, zeitweise aber in Albernheiten abrutschte. Die Rallye-Fahrerin Monica (Elsa Martinelli) nahm hier konsequent die männliche Position ein. Nachdem sie Roberto in einer Werkstatt kennenlernte, holte sie ihn zu sich nach Hause, wo sie aber noch einen Zweikampf gegen ihre Mitbewohnerin gewinnen muss, um sich das Recht auf ihn zu sichern. Der junge Mann selbst wird nicht gefragt, auch nicht, als er neben ihr auf dem Beifahrersitz bei einer Rallye Platz nehmen soll.

"La dolce vita" nur für die Journalisten
Als Kritik an männlichen Verhaltensmustern war das nicht zu verstehen, wie spätestens in der Endphase des Rennens deutlich wird. Dank eines Striptease hinter dem Steuer und der damit verbundenen Gewichtseinsparung fährt Monica als Erste über die Ziellinie. Für die Einführung in die Liebeskunst blieb da wenig Zeit, aber immer noch mehr als im dritten Teil, in dem Anita Ekberg ihre Rolle als Sex-Symbol persiflierte. Assistiert von Heinz Erhardt vertreibt sich Margaret Joyce (Anita Ekberg) die Zeit in Alltags-Klamotten beim Pokern. Bis sich plötzlich Roberto ankündigt, um seinen Job als Chauffeur anzutreten. Er wird stattdessen für den Gewinner eines Preisausschreibens gehalten, bei dem es eine Nacht mit dem bekannten Erotik-Star zu gewinnen gab, weshalb sie sich in einen Sexy-Fummel schmeißt und auf Verführerin macht. Allerdings nur für die Horde an Journalisten, denen sie eine Badeszene á la „La dolce vita“ (Das süße Leben, 1960) vorführt – die einzigen konkreten Nacktaufnahmen des Films. Doch die Erotik ist nur Fassade. Sobald die Nacht hereinbricht wendet sich Margaret Joyce wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung zu – dem Pokerspiel.

Heinz Erhardt und Anita Ekberg gefällt der echte Gewinner nicht
Abgesehen von den Witzchen über den stotternden Gewinner, der eine halbe Stunde zu spät kommt, eine Episode im ironischen Geist der „Commedia all’italiana“. Und damit konträr zum folgenden längsten Abschnitt, dem der Charakter einer „deutschen Episode“ anhaftet. Nadia Tiller als Mode-Designerin Baronessa Laura, die die Rolle der reifen Verführerin übernahm, war stimmig besetzt, aber darüber hinaus fehlt es der Story an Stringenz. Auch weil Zarah Leander als Großindustrielle Olga jeden anderen an Präsenz übertraf und es sich nicht nehmen ließ, am Klavier eines ihrer Lieder zum Besten zu geben, dass sie zuvor 1938 in „Heimat“ gesungen hatte. Ob Roberto als Autoverkäufer arbeitet, er seinen Bentley-Vorführwagen einer Horde Teenager überlässt, die Modenschau der Baronessa auf Marquis De Sade anspielt oder Irene ihn der sexuellen Belästigung bezichtigt – vieles geschieht hier, aber ohne schlüssige Intention.

Baronessa Laura (Nadja Tiller) und Olga (Zarah Leander)
Bemerkenswert ist auch ein kurzer Dialog zwischen den zwei Unternehmerinnen, indem die Baronessa gegenüber Olga anmerkt, dass diese Art von Verantwortung für sie als Frauen doch zu groß wäre. Eine angesichts ihres selbstbewussten Auftretens unglaubwürdige Kleinmachung, die nur als weitere Konzession an ein Publikum zu verstehen ist, das in „Come imparai ad amare le donne“ ausschließlich mit sexuell selbstbestimmt auftretenden Frauen konfrontiert wurde. Zuletzt noch mit „Angelique“ – Darstellerin Michéle Mercier als Wissenschaftlerin, die in einer Art atomarer Zeitreise ihr eigenes „Angelique“-Image veralberte und den armen Roberto zum sexuellen Leistungssport antrieb.

Michèle Mercier parodiert ihre "Angelique"-Rolle
Trotz der manchmal despektierlichen männlichen Sicht auf die Geschehnisse und einiger relativierender Details, eint alle Episoden die Rolle einer starken Frau, die sich der üblichen Geschlechterrolle entzog – Mitte der 60er Jahre noch eine echte Provokation. Roberto ist hübsch und kommt gut bei den Frauen an, bestimmt aber nie selbst über sein Leben. Darüber kann auch seine angebliche Karriere, sein abschließendes Lob an die ihn in der Liebeskunst unterrichtenden Frauen und die traditionelle Hochzeit mit einer 15jährigen Jungfrau nicht hinwegtäuschen – ganz abgesehen davon, dass diese zuvor sehr fordernd und wenig brav auftrat. Diese Qualitäten lassen leider nicht die stilistische Uneinheitlichkeit und inhaltliche Inkonsequenz einer Inszenierung übersehen, die die deutsche und italienische Komödien-Auffassung zu kombinieren versuchte. Als abwechslungsreiches Stimmungsbild seiner Zeit, dass den Weg einer sich verändernden Sozialisation weiter vorzeichnete, kann „Das gewisse Etwas der Frauen“ (Come imparai ad amare le donne) aber auch heute noch bestens unterhalten.

"Come imparai ad amare le donne" Italien, Deutschland, Frankreich 1966, Regie: Luciano Salce, Drehbuch: Franco Castellano, Giuseppe Moccia, Willibald Eser, Darsteller : Robert Hoffmann, Romina Power, Elsa Martinelli, Sandra Milo, Vittorio Caprioli, Orchidea De Santis, Nadja Tiller, Anita Ekberg, Zarah Leander, Michèle Mercier, Laufzeit : 105 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Luciano Salce:

"La voglia matta" (1962)
"Le fate" (1966)
"Fantozzi" (1975)

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.