Fumetti per adulti - Bruno Corbuccis semi-komischer Beitrag zur "Commedia sexy"

Fumetti per adulti - Bruno Corbuccis semi-komischer Beitrag zur "Commedia sexy"
Die erste Version der degenfechtenden Amazone

Freitag, 26. April 2013

A cavallo della tigre (Vergewaltigt in Ketten) 1961 Luigi Comencini


Inhalt: Nachdem Giacinto (Nino Manfredi) bei dem Versuch, einen Überfall auf sich vorzutäuschen, um seine Familie zu ernähren, erwischt wurde, landet er für drei Jahre im Gefängnis. Dort arbeitet er als „Schwester“ auf der Krankenstation und bemüht sich, von den Schwerverbrechern nicht allzu sehr herumgeschubst zu werden. Als Mario Tagliabue (Mario Adorf), ein für seine Brutalität bekannter Mörder, ihn um einen Gefallen bittet, traut er sich nicht, diesen abzulehnen. Auch als er dessen Zellenkumpanen weitere Dinge, darunter eine Feile, besorgen soll, verweigert er sich nicht.

Offensichtlich haben die Männer vor, auszubrechen, was er dem alten Mithäftling „Il commandante“ anvertraut, der ihm daraufhin den Tipp gibt, den Plan an den Gefängnisdirektor zu verraten, um seine Haftzeit ein halbes Jahr verkürzen zu können. Als Gegenleistung für diesen Vorschlag erwartet der „Commandante“, dass ihm Giacinto seine Wäsche säubert. Aber er bekommt keine Chance, diesen Vorschlag umzusetzen. Bevor er am nächsten Tag beim Direktor vorsprechen kann, sorgen die Häftlinge dafür, dass er in eine andere Zelle umgelegt wird – zu Tagliabue, Papaleo (Gian Maria Volonté) und der „Maus“ (Raymond Bussières), die schon auf ihn warten…


"A cavallo della tigre" (Vergewaltigt in Ketten) brachte 1961 vier führende Vertreter der „Commedia all’italiana“ zusammen. Mario Monicelli, Agenor Incrocci (genannt "Age") und Furio Scarpelli hatten seit "Totò cerca casa" (1950) das tief im Neorealismus verwurzelte komödiantische Genre maßgeblich beeinflusst und einige stilbildende Filme - darunter "I soliti ignoti" (Diebe haben's schwer, 1958) und "Le grande guerra" (Man nannte es den großen Krieg, 1959) - herausgebracht. Auch Regisseur und Mit-Autor Luigi Comencini wurde vom Neorealismus geprägt und war seit "Pane, amore e fantasia" (Liebe,Brot und Fantasie, 1953) für seine leichten Komödien in einem realistischen Umfeld bekannt geworden. Ein Jahr zuvor hatte er gemeinsam mit Scarpelli und Age das Drehbuch zu dem Kriegs-Drama "Tutti a casa" (Zwischen den Fronten, 1960) entwickelt, die Hinzuziehung von Mario Monicelli versprach eine weitere Steigerung der Qualität. Auch die männlichen Hauptrollen waren mit Nino Manfredi, Mario Adorf und Gian Maria Volonté in seiner ersten größeren Rolle ausgezeichnet besetzt, aber „A cavallo della tigre“ taucht nicht nur in keiner repräsentativen Liste der „Commedia all’italiana“ auf, sondern erntete bei seinem Erscheinen heftige Kritik.

Dabei beginnt der Film urkomisch, wenn Giacinto (Nino Manfredi) versucht einen Überfall auf sich selbst vorzutäuschen. Erst vergräbt er seine Tasche mit Habseligkeiten, dann fährt er sein schrottreifes Auto gegen eine herbei gerollte Baumwurzel, um sich mit einem Stein noch selbst zu schlagen, damit seine Verletzung überzeugender ist, bevor er sich selbst fesselt, in dem er sich in ein Seil hineindreht, dass er zuvor am Fahrzeug befestigte. Es ist kaum anzunehmen, dass sich die Polizei davon hätte täuschen lassen, aber dazu kommt es erst gar nicht. Als er einem vorbeigehenden Fischer zuruft, er wäre überfallen worden und er möge bitte Hilfe holen, erzählt dieser der Polizei, wie es sich tatsächlich zugetragen hatte – darauf, dass der Fischer ihn die gesamte Zeit beobachtet hatte, war Giacinto nicht gekommen. Der Versuch eines Versicherungsbetrugs war eine Verzweiflungstat, um seine Familie zu ernähren, bringt ihm stattdessen aber drei Jahre Gefängnis ein.

Nach dieser kurzen Vorgeschichte wird Giacinto auf der Krankenstation des Gefängnisses gezeigt, wo er im weißen Kittel als „Krankenschwester“ arbeitet – einen Job, den er schon während des Krieges in der Armee innehatte. Manfredi spielt die Figur des Giacinto als sympathischen und gutmütigen Naivling, der alles richtig machen will und sich ohne Egoismus für eine Sache einsetzt. Das er immer mehr in Schwierigkeiten gerät, verdankt er seinem fehlenden Durchsetzungsvermögen und der Unfähigkeit, Situationen richtig einzuschätzen. Von dem brutalen Mörder Mario Tagliabue (Mario Adorf), dessen Zellengenossen Papaleo (Gian Maria Volonté) - trotz seines intellektuellen Gehabes ein gefährlicher Gewalttäter - und einem kleinen, älteren Mann (Raymond Bussières), genannt „Il sorcio“ (Die Maus), wird er dazu gezwungen, Dinge zu organisieren, die sie für einen Ausbruch benötigen. Als er das dem „Commandante“ erzählt, einem älteren von Tagliabue misshandelten Häftling, rät dieser Giacinto, damit zum Gefängnisdirektor zu gehen, da er dann ein halbes Jahr früher frei käme.

Allein die Vorstellung, in einem Gefängnis um einen Termin beim Gefängnisdirektor zu bitten, nachdem man unmittelbar in eine geheime Aktion involviert war, ist absurd, aber Giacinto denkt sich nichts dabei. Es kommt zu den erwartenden Konsequenzen – seine Zellengenossen sorgen dafür, dass er zu Tagliabue und seinen Kameraden verlegt wird, die ihm seine Idee schnell austreiben. Im Gegenteil planen sie ihn mitzunehmen, damit er sie nicht verraten kann, aber Giacinto fleht sie an, ihn zurückzulassen, da er in wenigen Monaten seine Strafe abgesessen hätte. Tagliabue fragt ihn, ob er einem harten Verhör standhalten würde, was Giacinto vehement bejaht, aber als er schon bei einem Ohrdreher damit herausrückt, dass der „Commandante“ ihm den Tipp mit dem Direktor gegeben hatte, entscheidet Tagliabue endgültig, ihn mitzunehmen. Allein diese Szene ist in ihrer Direktheit sehr komisch, aber das täuscht darüber hinweg, dass nur Nino Manfredis hingebungsvolles, jede Konsequenz annehmendes Spiel eine Realität kontrastiert, die nicht härter und demoralisierender sein könnte, ohne das „A cavallo della tigre“ bei seiner Darstellung des Gefängnisalltags und der Armut der Bevölkerung übertreibt.

Der deutsche Titel „Vergewaltigt in Ketten“ ist nicht nur inhaltlich falsch, sondern vermittelt eine extreme, außergewöhnliche Situation. „Der Ritt auf dem Tiger“ - wie der Film nach einem chinesischen Sprichwort wörtlich übersetzt heißt – bezeichnet dagegen die generelle Schwierigkeit, aus einer Sache auszusteigen (vom Tiger abzusteigen) und bezieht sich auf die vordergründigen Ereignisse um den geplanten Ausbruch, mehr noch aber auf Giacintos armseliges Leben, das ihm von Beginn an keine Chance ließ. Auch in Monicellis „I soliti ignoti“ wechselten sich unmittelbar komische und tragische Momente ab, aber die Story hatte ein Herz für die Armen und betrachtete sie mit Sympathie. In „A cavallo della tigre“ gibt es dagegen keine Solidarität mehr unter den Benachteiligten, wird Giacinto mehrfach von Tagliabue und den anderen Männern brutal verprügelt und entkommt nur knapp dem Tod. Auch nach dem Ausbruch, der sich als gerissenes Meisterstück herausstellt, versucht jeder nur seinen eigenen Vorteil aus der Sache herauszuschlagen.

Trotz mancher gelungener Aktion entsteht in Comencinis Film nie der Eindruck von Entspannung oder Zufriedenheit, wie er den Protagonisten in anderen Komödien zumindest zeitweise gegönnt wird. In der Darstellung der Realität einer durch Armut korrumpierten Bevölkerung ähnelt der Film dagegen Antonionis „Il grido“ (Der Schrei, 1957), der diesem Zustand jede Sentimentalität ausgetrieben hatte. Denn trotz der Widrigkeiten, die Giacinto im Knast und auf der Flucht widerfahren waren, hinterlässt die Wiederbegegnung mit seiner Frau und seinen zwei Kindern den tristesten Eindruck. Anstatt ihn zu begrüßen, beschimpft ihn seine Frau (Valeria Moriconi) und verteidigt ihr Zusammenleben mit einem anderen Mann damit, das dieser sie und ihre Kinder wenigstens ernährt hätte. Schnell nutzen die die Gelegenheit, die Belohnung für den ausgebrochenen Ehemann einzufordern. Und fordern von Giacinto, auch seinen Kameraden Tagliebue auszuliefern, da die für sein Ergreifen ausgesetzte Summe allein zu niedrig wäre – solidarische Gefühle sind längst egoistischen Interessen gewichen.

Einzig der sympathische und alles stoisch ertragene Giacinto vermittelt in „A cavallo della tigre“ eine gewisse Komik, aber der Kontrast zu einer Realität, die weder Hoffnung bietet, noch dem Protagonisten irgendeine Befriedigung erlaubt, war zu groß, um den Film noch als Komödie zu empfinden – wahlweise galt das Spiel Manfredis als zu übertrieben oder der reale Hintergrund als zu ernst. Doch dieses Urteil, das später revidiert wurde, wird einem Film nicht gerecht, der die Ansichten seiner vier Macher perfekt widerspiegelte und zu einer radikalen bitterbösen „Commedia all’italiana“ wurde, allen sonstigen Einordnungen zum Trotz.

"A cavallo della tigre" Italien 1961, Regie: Luigi Comencini, Drehbuch: Luigi Comencini, Agenore Incrocci, Mario Monicelli, Furio Scarpelli, Darsteller : Nino Manfredi, Mario Adorf, Gian Maria Volonté, Valeria Moriconi, Raymond Bussières, Laufzeit : 105 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Luigi Comencini:

Freitag, 19. April 2013

Milano trema : la polizia vuole giustizia 1973 Sergio Martino


Inhalt: Als Commissario Caneparo (Luc Merenda) endlich seinen Dienst beendet, begegnet er einem Polizisten, der gerade mit der Arbeit beginnt. Um etwas für seine Familie dazu zu verdienen, übernimmt er eine Zusatzschicht bei einem Gefangentransport. Nur wenige Stunden später wird Caneparo alarmiert, denn den Gangstern war der Ausbruch aus dem Zug gelungen, bei dem sie mehrere Polizisten erschossen hatten - auch den Mann, mit dem Caneparo früh am Morgen eine Zigarette geraucht hatte. Als die flüchtigen Verbrecher merken, dass sie der Polizei nicht entkommen können, wollen sie aufgeben, was Caneparo nicht davon abhält, sie zu erschießen.

Sein Chef, der ihn mag, kritisiert diese Vorgehensweise, aber der Commissario glaubt nicht daran, dass er suspendiert wird, denn er hätte viele Zeugen, die für ihn aussagen werden. Genau das beunruhigt den Polizeichef, der es für falsch hält, Verbrecher mit ihren eigenen Methoden zu bekämpfen. Doch als er auf offener Straße erschossen wird und die Ermittlungen keine Ergebnisse bringen, beginnt Caneparo rigoros auf eigene Faust vorzugehen…


Bis heute halten sich eine Vielzahl von Mythen zum "Poliziesco all'italiana", die die zeitlichen Abläufe und tatsächlichen Zusammenhänge häufig vernachlässigen. Das Don Siegels erstmals 1971 aufgetauchter "Dirty Harry" Vorbild für den harten, das Gesetz in die eigenen Hände nehmenden Polizeioffizier gewesen sein soll, lässt außer Acht, dass diese Figur vom "Italo-Western" beeinflusst wurde, an dem viele italienische Filmemacher, die später den "Poliziesco all'italiana" prägten, schon beteiligt waren. Nachdem das Western-Genre Ende der 60er Jahre seinen Zenit überschritten hatte, wandten sie sich unterschiedlichen Sujets zu, die Anfang der 70er Jahre auch zu einer Blüte des "Giallo" führte, dessen Grenzen zum Kriminalfilm zwar fließend blieben, dessen Konzentration aber nicht der Polizeiarbeit galt.

Ausgelöst wurde der spezifisch italienische Polizeifilm - als dessen erster prototypischer Vertreter "La polizia ringrazia" (Das Syndikat) von 1972 gilt - erst durch die gesellschaftspolitischen Ereignisse in Italien, die nicht nur zu einem starken Anstieg der Verbrechensrate führte, sondern die gesamte freiheitliche Demokratie in Italien in Frage stellte. Auch Regisseur Sergio Martino und sein Drehbuchautor Ernesto Gastaldi hatten ihre Wurzeln im "Italo-Western", bevor sie zu führenden Vertretern des "Giallo" wurden. Ihr Schritt hin zum "Poliziesco all'italiana", den sie erstmals 1973 mit "Milano trema : la polizia vuole giustizia" (wörtlich "Mailand zittert - die Polizei will Gerechtigkeit" - einen deutschen Verleihtitel gibt es nicht) gingen, ist ohne diese Voraussetzung nicht vorstellbar, denn Beide schufen damit einen der ersten harten Polizeifilme, der sich kompromisslos mit der Selbstjustiz der Exekutive auseinandersetzte.

Auch wenn Maurizio Merli als schnauzbärtiger Fahnder heute über einen höheren Bekanntheitsgrad verfügt, spielte er diese Rolle erstmals 1975 in "Roma violenta" (Verdammte, heilige Stadt). Und Franco Nero ermittelte im parallel 1973 entstandenen "La polizia incrimina la legge assolve" (Tote Zeugen singen nicht) noch im Rahmen der Gesetze. Es war der französische Darsteller Luc Merenda, der als Commissario Caneparo zuerst zwei Verbrecher erschoss, die ihre Waffen schon niedergelegt hatten. Doch anders als Don Siegel in "Dirty Harry" zeigte Martino die Selbstjustiz seines Protagonisten schon nach wenigen Minuten, ohne zuvor eine emotional nachvollziehbare Situation zu entwickeln, um diese Vorgehensweise zu rechtfertigen. Stattdessen beginnt er damit einen Exkurs über die Legitimation, Verbrecher mit ihren eigenen Mitteln zu bekämpfen, den er bis zum bitteren Ende des Films durchhält.

Ähnlich wie "La polizia ringrazia" und dessen Nachfolger "La polizia sta a guardare" (Der unerbittliche Vollstrecker, 1973) erzählt "Milano trema : la polizia vuole giustizia" von einer politisch motivierten Gruppe einflussreicher Persönlichkeiten, die versucht die Kontrolle über das Land zu erlangen, um damit auf ihre Weise das Chaos zu beseitigen - eine in den frühen "Polizieschi" häufig geschilderte Konstellation, die den politischen Thrillern eines Damiano Damiani noch nahe stand und die sich an der konkreten Gefahr einer erneuten Diktatur in Italien orientierte. Commissario Caneparo gerät in die Nähe dieser Gruppe, als er mit unorthodoxen Methoden versucht, das Attentat auf seinen Chef aufzuklären, der auf offener Straße hingerichtet wurde. Dieser hatte ihn einerseits freundschaftlich unterstützt, war gleichzeitig aber auch der größte Kritiker seiner Methoden, die Caneparo jetzt wieder anwendet, um seinen Mörder fassen zu können.

So plakativ diese Vorgehensweise klingt, die Martino zudem mit viel Action unterstützt, so komplex entwickelt sich letztlich seine Sichtweise. Caneparo muss erfahren, dass sein rigoroser Umgang Sympathien bei Personen erzeugt, die nicht zwischen Verbrechern und politisch missliebigen Personen unterscheiden. Sehr schön vermittelt das der Film an der Figur der "Maria Ex", wie Caneparo die junge Frau (Martine Brochard) nennt, die er dazu benutzt, sich in eine kriminelle Gruppe einzuschleusen. Sie ist der Prototyp einer gescheiterten Ex-Studentin, die sich das Bett mit unterschiedlichen Typen in einem heruntergekommenen Gebäude teilt und damit jedes Klischee zur Entstehungszeit des Films erfüllte. Doch Sergio Martino schildert sie als tragische Figur, die gewissen Herren bald als lästige Zeugin im Wege steht.

Es stellt sich die abschließende Frage, warum "Milano trema :la polizia vuole giustizia" heute wenig bekannt ist und noch keine adäquate Veröffentlichung in Deutschland erfuhr, obwohl der Film viele Stilelemente späterer "Polizieschi" vorweg nahm? Vielleicht wurde damals erwartet, dass die gesellschaftskritische Thematik ähnlich differenziert betrachtet werden sollte wie zuvor in "La polizia ringrazia" (Das Syndikat), weshalb die Vorgehensweise des Commissario, die auch von Maurizio Merli später nicht  mehr gesteigert werden konnte, noch als zu plakativ und unrealistisch galt. Zudem konnte Luc Merenda, häufig despektierlich als "Schönling" bezeichnet, nicht an dessen Sympathiewerte heranreichen.

Auch Sergio Martino war die Angelegenheit scheinbar zu ernsthaft, denn in seinem zweiten Poliziesco "Morte sospetta di una minorenne" (1975) brach er die Handlung ironisch. Die Szene, in der eine Verfolgungsjagd im Innenhof des Polizeigebäudes endet, wiederholte er dort exakt, nur mit einem wesentlich komischeren Ergebnis. Beiden unterschätzten Filmen ist gemeinsam, dass sie ungewöhnliche Genre-Beiträge ablieferten:  "Morte sospetta di una minorenne" verband einen harten Poliziesco mit komödiantischen Elemente, "Milano trema :la polizia vuole giustizia" eine gesellschaftskritische Thematik mit einer weniger an einer differenzierten Ausgestaltung als an einer guten Show interessierten Action, die auf die zukünftige Entwicklung des Genres hinwies.

"Milano trema : la polizia vuole giustizia" Italien 1973, Regie: Sergio Martino, Drehbuch: Ernesto GastaldiDarsteller : Luc Merenda, Silvano Tranquilli, Richard Conte, Lia Tanzi, Martine Brochard, Luciano Bartoli, Laufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Martino:

Freitag, 12. April 2013

Il merlo maschio (Das nackte Cello) 1971 Pasquale Festa Campanile

Inhalt: Niccolo Vivaldi (Lando Buzzanca) ist seit Jahren Cellist im Opern-Orchester von Verona, doch weder sein Dirigent kennt ihn, noch sonst nimmt ihn Jemand wahr. Der Bus fährt vor seiner Nase weg und sein Orchesternachbar zündet ihm keine Zigarette an, obwohl er ihm kurz zuvor eine gegeben hatte. Er hätte ihn übersehen, entschuldigt er sich, und so geht es allen Anderen auch. Einzig seine etwas einfach gestrickte, hoch geschlossen gekleidete Ehefrau Costanza (Laura Antonelli) liebt ihn, aber er nimmt sie nicht ernst, sondern ärgert sich über ihre geschmacklose Polenta, die sie ihm fast täglich kocht.

Das ändert sich überraschend, als er sie zu einer Kur begleitet. Bei der ärztlichen Untersuchung sieht er erstmals ihre Brüste und als er die positive Reaktion anderer Männer auf ihr Aussehen mit bekommt, erfährt er erstmals als ihr Ehemann Anerkennung, denn einer der Männer gibt ihm Feuer. Das facht seinen Ehrgeiz an, aber Costanza reagiert abweisend auf seine plötzlichen sexuellen Bedürfnisse…


Als "Il merlo maschio" (Das nackte Cello) Anfang der 70er Jahre herauskam, besaß die "Commedia all'italiana" nicht nur schon eine zwei Jahrzehnte lang anhaltende Tradition, sondern waren in den 60er Jahren vermehrt sexuell orientierte Komödien entstanden, die sich unter dem Begriff "Commedia sexy all'italiana" Ende der 60er Jahre zu einem eigenen Genre-Zweig entwickelten. Die gesellschaftlichen Veränderungen hatten mit dieser medialen Entwicklung nicht Schritt gehalten - im italienischen Alltag ging es nach wie vor sehr konservativ zu. Besonders auf Regisseur und Drehbuchautor Pasquale Festa Campanile, prägend für das Genre, gehen eine Vielzahl dieser zunehmend erotisch provokanten Filmen zurück - eine Konfrontation von Tradition und Sexualität, die er in "Il merlo maschio" ironisch auf die Spitze trieb.

Laura Antonelli - seit dem Drama "Le melizie di venere" (Venus im Pelz, 1969) das Objekt der Begierde im italienischen Erotik-Film - besetzte er als hochgeschlossene brave Hausfrau, deren körperliche Vorzüge erst nach einigen Jahren von ihrem Ehemann entdeckt werden. Um gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen, beginnt er, sie nackt den voyeuristischen Blicken Fremder auszusetzen, womit Campanile die Betrachter des Films gleich mit einbezog und deren Erwartungshaltung an einen erotischen Film - zumal mit Laura Antonelli in der weiblichen Hauptrolle - erfüllte. Dass das Streben des Ehemanns, immer wildere erotische Fantasien zu befriedigen, ihn direkt in den Wahnsinn treiben sollte, durfte durchaus im übertragenen Sinne verstanden werden.

Doch zurück zu "Il merlo maschio", womit die Figur des Ehemanns in schöner Doppeldeutigkeit benannt wird. Niccolo Vivaldi (Lando Buzzanca) hatte früher an Vogelstimmen-Wettbewerben erfolglos teil genommen, dabei aber als Amsel ("maschio") das Herz der hübschen, aber etwas naiven Costanza (Laura Antonelli) gewonnen, die ihn bald darauf heiratete. Das der Chauffeur ihres Hochzeits-Autos ohne den frisch gebackenen Ehemann abfuhr, war allerdings signifikant für das Leben des Cellisten, dessen Namen sein Dirigent auch nach zehn Jahren Orchesterzugehörigkeit noch nicht kannte. Überall wird er übersehen oder gar nicht erst wahrgenommen, was Niccolo Vivaldi zunehmend in Depressionen verfallen lässt. Nur seine Frau hat Gefühle für ihn, die er aber nicht ernst nimmt, bis er sie zu einer Kur begleitet, wo er zum ersten Mal bewusst ihre körperlichen Vorzüge wahrnimmt. Als er hört, wie andere Männer bewundernd über ihren Po und ihre Brüste sprechen, stört es ihn nicht, dass sie ihn als hässlich bezeichnen, denn erstmals spürt er so etwas wie Anerkennung. Diese Erfahrung lässt in ihm einen Plan reifen, der der zweiten Bedeutung von "Il merlo maschio" alle Ehre macht - "der männliche Einfaltspinsel".

Der heute kaum noch bekannte Lando Buzzanco, der in den 60er Jahren zu einem der führenden Komödiendarsteller wurde und in der "Commedia sexy all'italiana" dieser Zeit fast omnipräsent war, glänzt hier als Verkörperung eines sympathischen Typen, der als Musiker des Orchesters von Verona und geliebter Ehemann einer hübschen Frau glücklich sein müsste, der stattdessen aber nur um die Anerkennung von unsympathischen Männern ringt - sein arroganter herrschsüchtiger Dirigent, sein heimtückischer Sitznachbar im Orchester und die Vielzahl an Männern, die nur an den körperlichen Vorzüge von Frauen interessiert sind. Genau damit will er punkten, nachdem ihm aufgefallen war, dass seine Frau höchste Bewunderung für ihren runden Po und ihre wohlgeformten Brüste erhielt.

Um Nacktfotos mit der Polaroid-Kamera zu machen, flösst er ihr Schlaftabletten ein und drapiert sie in Posen, wie er sie aus den Sex-Heften vom Kiosk kennt. Als sie am nächsten Tag die Fotos entdeckt, verlässt sie ihn erbost, kehrt aber wieder zu ihm zurück, nachdem selbst ihre Eltern es ganz natürlich fanden, dass ihr Mann sie nackt fotografieren wollte. Diese ahnten zwar nicht, was Niccolo damit bezweckte, aber nachdem er es Costanza gebeichtet hatte, beginnt sie ihn aus Liebe zu unterstützen und macht seine Spielchen mit, die sich ständig steigern müssen, damit ihr Mann nicht in erneute Depressionen verfällt.

Pasquale Festa Campanile treibt hier ein irrwitziges Spiel um den Voyeurismus, den er einerseits mit wunderschönen erotischen Aufnahmen von Laura Antonelli befriedigt, gleichzeitig aber auch den Wahnsinn hinter einer sich ständig steigernden Sex-Spirale nicht verschweigt. Obwohl die Missachtung durch seine ignoranten Zeitgenossen und sein verzweifelter Kampf um Anerkennung durchaus Mitgefühl für den männlichen Protagonisten erzeugen kann, lässt Campanile den Betrachter zum Profiteur seiner Situation werden, genauso wie die Männer, denen Niccolo seine nackte Frau vorführt. Bis zum Schluss, wenn er einen anderen Insassen der Heilanstalt die Qualität der Brüste seiner Frau prüfen lässt, was ihm so viel Hochgefühl bereitet, das er zwitschernd wie eine Amsel auf einen Baum steigt – das ist doch ein versöhnliches Ende für einen Mann, der über die gesamte Filmdauer gut zu unterhalten vermochte, oder?

"Il merlo maschio" Italien 1971, Regie: Pasquale Festa Campanile, Drehbuch: Pasquale Festa Campanile, Luciano BianciardiDarsteller : Lando Buzzanca, Laura Antonelli, Ferruccio De Ceresa, Luciano Bianciardi, Gino Cavalieri, Laufzeit : 105 Minutenweitere im 

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Freitag, 5. April 2013

La banda del trucido (Die Gangster-Akademie) 1977 Stelvio Massi


Inhalt: Commissario Ghini (Luc Merenda) wird zu einem Überfall mit Geiselnahme gerufen. Er lässt sich von den drängenden Banditen nicht ablenken, sondern bereitet in Ruhe die Befreiung vor, die ihm ohne Opfer unter den Geiseln gelingt. Nur die Verbrecher kommen nicht unbeschadet davon, aus Ghinis Sicht eher die Ausnahme. Denn während Gangsterbosse wie Belli (Elio Zamato) oder Lanza (Franco Citti) offensichtlich etwas Größeres vorbereiten, kommt Ghinis kleine Einsatztruppe kaum hinterher.

Währenddessen hat Sergio Marazzi, genannt “Monnezza“ (Tomas Milian), ganz andere Probleme. Ein wohlhabendes mailändisches Paar hat sich in sein Restaurant verirrt und kommt mit den hier herrschenden rüden Umgangsformen nicht zurecht. Während seine Freundin ihm kaum eine Pause gönnt, versucht er ein Gespräch mit einem alten Bekannten zu führen, der ihn um Hilfe bittet. Er braucht einen Fahrer für einen Job, aber Monnezza hat Bedenken, da er gegen Gewalt ist. Erst als ihm versprochen wird, dass dabei keine Waffen eingesetzt werden, macht er einen Vorschlag, ohne zu ahnen, was er damit auslöst…


Mit "Squadra volante" (Die gnadenlose Jagd, 1974) hatten Regisseur Stelvio Massi und Tomas Milian schon gemeinsam einen frühen Poliziesco gedreht, aber während der Hochphase des Genres waren sie getrennte Wege gegangen. Massi, der zuvor viele Jahre als Kameramann im Italo-Western-Genre mitgewirkt hatte, wurde danach ebenso zu einem führenden Vertreter des "Polizieschi all'italiana" ("Mark il poliziotto" - Trilogie) wie Tomas Milian, aber ihre einzige weitere Begegnung sollte in "La banda del trucido" (Die Gangster-Akademie) stattfinden, als das Genre seinen Zenit schon überschritten hatte. Vergleichbar verlief die Karriere des französischen Darstellers Luc Merenda, der erstmals 1973 in "Milano trema - la polizia vuole giustizia" unter Sergio Martino als Commissario aktiv wurde, danach noch mehrfach den kompromisslosen Gesetzeshüter gab und ebenfalls schon mit Stelvio Massi  in "Il conto è chiuso" (In den Klauen der Mafia, 1976) zusammengearbeitet hatte.

Damit waren ähnliche Voraussetzungen geschaffen wie bei der Entstehung von "Il trucido e lo sbirro" (Das Schlitzohr und der Bulle, 1976), dessen Erfolg die Produzenten mit "La banda del trucido" wiederholen wollten. Mit Stelvio Massi war ein im Genre erfahrener Regisseur mit an Bord, Luc Merenda übernahm die Rolle des Commissario von Claudio Cassinelli und als Bösewicht ("Trucido") wirkte diesmal Elio Zamoto, ebenfalls ein renommierter Darsteller zwiespältiger Persönlichkeiten ("Perche si uccide un magistrato?" (Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?)). Entscheidend für das Gelingen war aber die Figur des Sergio Marazzi, genannt "Monnezza", eines römischen Kleinganoven mit großer Klappe und goldenem Herzen, die Tomas Milian in "Il trucido e lo sbirro" entwickelt hatte und die viele Jahre sein Markenzeichen bleiben sollte. Konkret spielte er den "Monnezza" nur noch einmal in "La banda del gobbo" (Die Kröte, 1978), aber Milian variierte seinen anarchistischen Wuschelkopf auch als Nico Giraldi in seiner Superbullen-Reihe, die er ebenfalls 1976 mit "Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze) startete.

An einem homogenen Lebenslauf des "Monnezza" war Milian nicht interessiert, nur an dessen charakteristischen Eigenschaften. Er selbst war für die Dialoge dieser Figur verantwortlich, auch wenn er als Argentinier synchronisiert werden musste, um "Monnezza" dessen typischen römischen Dialekt verleihen zu können. Aus dem Einzelgänger mit guten Kontakten in "Il trucido e lo sbirro" wurde hier ein Restaurantbesitzer mit Freundin und kleinem Sohn, der in seinem römischen Viertel hohes Ansehen und Einfluss genießt. Der Gaunerei hat er noch nicht ganz abgeschworen, weshalb er eine kleine Akademie für Trickbetrüger betreibt, die selbstverständlich gewaltlos vorgehen.

Diese Gestaltung war signifikant für die Entwicklung des "Poliziesco" in eine immer humorvollere Richtung. War "Monnezza" in "Il trucido e lo sbirro" noch ein eigenwilliger Typ mit lockeren Sprüchen, der sich aber ernsthaft für die Verfolgung einer brutalen Gangsterbande an der Seite des Commissario einsetzte, spürte man in "La banda del trucido" schon die Nähe zur komödiantisch angelegten Figur des Nico Giraldi der "Superbullen"-Filme. Der größere Unterschied zum Vorgängerfilm lag aber darin, dass die ernsthafte Handlung um Commissario Ghini (Luc Merenda) und die Kapriolen von "Monnezza" nur lose verzahnt wurden und der Film in zwei sehr unterschiedliche Handlungsstränge zerfiel. Während Ghini noch den klassischen Hard-Liner gibt, der auf den römischen Straßen aufräumt und es neben dem Oberschurken Belli (Elio Zamuto) noch mit einigen anderen Gangstern zu tun bekommt, sieht man "Monnezza" hauptsächlich in seinem Restaurant, wo er es mit Mailänder Kundschaft, seiner dicken Freundin, die zum Film will, und seinem kleinen Sohn, den er ständig auf dem Rücken herum trägt, aufnehmen muss. Auch die Szenen um die "Gangster-Akademie" haben eher Ulk-Charakter, denn seine Schüler erweisen sich ausschließlich als Volltrottel.

Dass es überhaupt zu einer Berührung zwischen diesen Handlungssträngen kommt, wirkt etwas konstruiert, wie selbst der erfahrene Drehbuchautor Sacchetti zugab, der auch für "Il trucido e lo sbirro" verantwortlich war. "Monnezza" empfiehlt einen Freund als Fahrer des Fluchtfahrzeuges für einen Belli-Coup, nachdem man ihm versprochen hatte, das sie ohne Waffen vorgehen wollen. Dass man Belli nicht trauen konnte, hätte gerade "Monnezza" wissen sollen, weshalb er sich nach dem Tod seines Freundes gezwungen sieht, die Polizeiverfolgung durch Commissario Ghini dezent zu unterstützen. Diese kurzen Szenen sind nicht von wesentlicher Bedeutung für die Beurteilung eines Films, der einerseits höchst abwechslungsreich ist, andererseits einen uneinheitlichen Charakter vermittelt im ständigen Wechsel zwischen hartem Kriminalfilm und Komödie.

Der deutsche Verleih traf eine entsprechende Entscheidung, indem er mehr als 10 Minuten der Handlung herausschnitt, die ausschließlich zu Lasten der Rolle des "Monnezza" ging, um damit den Poliziesco-Charakter stärker zu betonen. Den Film gleichzeitig "Gangster-Akademie" zu nennen, womit Tomas Milians Rolle wieder heraus gestellt wird, ist allerdings inkonsequent. Letztlich bleibt das Urteil über "La banda del trucido" eine Frage des persönlichen Geschmacks. Die Handlung um den Commissario ist schnell geschnitten und mit ordentlich Action verzahnt, ihr fehlt allerdings jede innovative Note, während Tomas Milian als "Monnezza" hier wie gewohnt eine gute Show abliefert - wer ihn liebt, wird auch den Film in seiner vollständigen Fassung mögen.

"La banda del trucido" Italien 1977, Regie: Stelvio Massi, Drehbuch: Elisa Brigante, Fulvio GiccaDarsteller : Tomas Milian, Luc Merenda, Elio Zamuto, Franco Citti, Nicoletta Piersanti, Laufzeit : 95 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Stelvio Massi:

Dienstag, 2. April 2013

Die Rote (La rossa) 1962 Helmut Käutner

1962 kam es zum unmittelbaren Berührungspunkt zwischen italienischem und deutschen Film in Helmut Käutners Karriere, dessen Stil seine Liebe zum italienischen Kino von Beginn an verriet. "Die Rote" wurde damals zu unrecht von Kritik und Publikum verrissen - eine Analyse, die nun zum Berührungspunkt meiner beiden Blogs zum italienischen ("L'amore in città") und zum deutschen Film ("Grün ist die Heide") wird:


Inhalt: Während sie mit ihrem Mann Herbert Lucas (Harry Meyen) in einem Mailänder Café sitzt, entscheidet die knapp 40jährige Franziska (Ruth Leuwerik) spontan, ihn zu verlassen. Zuerst nimmt er sie nicht ernst, da sie schon häufig von Scheidung gesprochen hatte, und glaubt zudem, sie will zu Joachim (Richard Münch) nach Deutschland, seinem Chef, mit dem sie schon lange eine von ihm tolerierte Affäre hat, aber sie lässt sich nur sein Bargeld geben und geht.

Auf dem Mailänder Bahnhof kauft sie sich ein einfaches Ticket für den nächsten Zug und kommt so in das winterliche, graue Venedig. Nachdem sie sich eine billige Unterkunft besorgt hatte, versucht sie einen Job zu finden, aber Dolmetscherinnen werden im Winter nicht benötigt. Auch eine Stelle als Zimmermädchen bekommt sie nicht, nur 1000 Lire, die ihr der Portier aus Mitleid schenkt. Patrick O'Malley (Giorgio Albertazzi) beobachtet diese Szene, erkundigt sich nach ihr und spricht sie an. Trotz ihrer Skepsis folgt sie dem gebürtigen Iren auf dessen Yacht und erfährt von ihm, weshalb er in Venedig ist...


Als „Die Rote“ 1962 im Wettbewerb der Berlinale gezeigt wurde, fiel der Film beim Publikum durch. Auch die Kritiker waren sich in ihrem vernichtenden Urteil einig, welches sich durch den Disput zwischen dem Autor Alfred Andersch und Regisseur Helmut Käutner kurz nach der Filmvorführung zu bestätigen schien. Andersch warf Käutner mangelnde Selbstkritik vor und distanzierte sich von dessen Umsetzung seiner Romanvorlage. Für Käutner, dessen zwei letzte Filme „Schwarzer Kies“ (1961) und „Der Traum von Lieschen Müller“ (1961) wenig Anklang bei Kritik und Publikum fanden, bedeutete dieser Misserfolg einen Wendepunkt, nach dem er nur noch wenige reine Unterhaltungsfilme für das Kino drehen und fast ausschließlich für das Fernsehen arbeiten sollte. Dabei war Käutners Film „Die Rote“ besonders ambitioniert, sollte die Zusammenarbeit mit Alfred Andersch - einem der führenden kritischen deutschen Autoren der Nachkriegszeit – eine schlüssige Umsetzung seines Romans garantieren.

Andersch demaskierte darin die gesellschaftlichen Prinzipien der Wirtschaftswunderjahre und stellte eine Frau in den Mittelpunkt, die ohne Alternative aus einer gesicherten Existenz ausbricht. Die Dolmetscherin Franziska (Ruth Leuwerik) war schon die Geliebte ihres Chefs Joachim (Richard Münch), bevor sie dessen Angestellten Herbert Lucas (Harry Meyen) kennenlernte und heiratete. Der Chef hatte die Hochzeit seines Mitarbeiters unterstützt, der wiederum die Affäre seiner Frau mit ihm toleriert – für Beide eine gewinnbringende Situation. Auch Franziska profitiert davon, da sie ihren beziehungsunwilligen Chef liebt, aber dank der Ehe mit Herbert legitimiert und abgesichert ist – eine von Andersch hochstilisierte Situation weiblicher Abhängigkeit unter der Prämisse wirtschaftlicher Sicherheit. Ihr Ausbruch aus dieser Konstellation – sie verlässt ihren Mann (und in Konsequenz daraus auch ihren Chef) während einer Dienstreise in Mailand, ohne Gepäck und kaum Bargeld, um den nächsten Zug zu nehmen, der sie zufällig nach Venedig bringt – widersprach nicht nur jeder Vernunft, sondern galt als unvorstellbar für eine Ehefrau, Ende 30. In Anderschs Roman ist Franziska jünger, eine Änderung, die nicht nur der Besetzung Ruth Leuweriks geschuldet war, sondern signifikant für die thematische Entschlackung des Romans ist. Wie weit diese inhaltlichen Veränderungen mit dem Einverständnis des Autors geschahen oder ob sie der Anlass für die öffentliche Auseinandersetzung wurden, bleibt offen - der filmischen Umsetzung kamen sie entgegen.

Die Konzentration galt im Film allein Franziska, während Fabio (Rossano Brazzi), der in Anderschs Roman eine gleichwertige, parallel erzählte Rolle als Musiker und ehemaliger Kommunist einnimmt (und nur wenige Worte mit Franziska wechselt), hier als desillusionierter Schriftsteller und möglicher Liebhaber glänzt. Zudem wird die Homosexualität des Iren Patrick O’Malley (Giorgio Albertazzi) nur angedeutet, verzichtet Käutner ganz auf die Schwangerschaft seiner Protagonistin (und damit auf deren Überlegungen abzutreiben) und belässt den Juwelier, der Franziskas Notsituation beim Ankauf ihres Eherings ausnutzt, neutral hinsichtlich seiner Religionszugehörigkeit. Im Roman wird er als Jude beschrieben, was Andersch den Vorwurf des Antisemitismus einbrachte, obwohl er damit nur die Klischees der Nachkriegszeit brechen wollte, wie er in einer späteren Szene noch betont. Nachdem der ehemalige Gestapo-Mann Kramer (Gert Fröbe) zusätzlich Geld für sie herausgeholt hatte, das dem tatsächlichen Ankaufswert des Rings entsprach, gibt es Franziska dem Juwelier wieder zurück. Für Andersch ein Symbol des schlechten Gewissens der Deutschen, die zu keiner normalen Handlungsweise gegenüber den Juden in der Lage waren. Im Film behält sie das Geld, dass ihr rechtmäßig zusteht.

Käutner deshalb vorzuwerfen, er hätte sich strittigen Themen entzogen, wäre falsch, denn während es im Roman möglich ist, diese zu integrieren, ohne den Rhythmus der Erzählung zu unterbrechen, wäre sein Film damit überladen worden. Viel mehr erkannte Käutner in der zufälligen, ziellosen Handlungsweise der Protagonistin und ihren im Ungefähren bleibenden Beziehungen, die Verwandtschaft zur französischen „Nouvelle vague“ und den Filmen Antonionis, dessen Werk er sehr schätzte. Da die Handlung größtenteils in Venedig spielte, strebte Käutner eine enge Zusammenarbeit mit italienischen Filmschaffenden an, womit er auf seine eigenen Anfänge zurückkam. Seitdem er mit „Große Freiheit Nr.7“ (1944) und „Unter den Brücken“ (1945) authentische, die Lebenssituation der Menschen genau erfassende Filme noch während der Zeit des Nationalsozialismus gedreht hatte, hatte sich Helmut Käutner als Regisseur profiliert, auch weil seine Bildsprache an den „Poetischen Realismus“ des französischen Films erinnerte, der den italienischen „Neorealismus“ beeinflusste. Diese Nähe zum damals stilbildenden Kino kam nicht zufällig, da Käutner viele Jahre eng mit seinem Regie-Assistenten Rudolf Jugert zusammen arbeitete, der unter Alessandro Blasetti 1938 in Italien sein Handwerk gelernt hatte, dessen Film „Quattro passi fra le nuvole“ (Lüge einer Sommernacht, 1942) als ein Wegbereiter des Neorealismus gilt.

Neben der Besetzung der männlichen Hauptrollen mit den italienischen Darstellern Rossano Brazzi und Giorgio Albertazzi, hatte sich Käutner mit dem italienischen Kameramann Otello Martelli zudem einen Meister seines Fachs an Bord geholt, der an den neorealistischen Filmen Roberto Rossellinis und Giuseppe De Santis beteiligt war, an fast allen Fellini-Filmen der 50er Jahre mitarbeitete - zuletzt an „La dolce vita“ (Das süße Leben, 1960) – und im selben Jahr bei zwei Teilen von „Boccaccio ’70“ (1962) die Kameraarbeit verantwortete. Schon in der ersten Einstellung seines Films, die das Pirelli-Hochhaus von Mailand zeigt, zitiert Käutner den Beginn von Antonionis „La notte“ (Die Nacht, 1961). „Die Rote“ wurde entsprechend ein Film, der von langen, ruhigen Kameraeinstellungen bestimmt wird, die das winterliche Venedig in grauen, düsteren Farben erfassen, dabei jeden pittoresken Eindruck vermeidend. Der langsame Rhythmus, die Ziellosigkeit und Zufälligkeit des Geschehens, wortreiche Dialoge und mangelhafte Kommunikation, werden in „Die Rote“ zu einer Mischung aus dem Stil Käutners, Antonionis und der „Nouvelle vague“ - ernsthaft und leicht, kritisch und doch ohne konkrete Botschaft – ein Film auf der künstlerischen Höhe seiner Zeit.

Doch anstatt ihn als Ganzes zu begreifen, wurde er auseinander gepflückt. Wahlweise wurden die italienischen Charakteristika als Fremdkörper innerhalb deutscher Ernsthaftigkeit angesehen („ganz und gar verquollene Geschichte“ (Hamburger Abendblatt)) oder einzig die italienische Kameraarbeit gelobt. Ruth Leuwerik wurde besonders wegen ihrer angeblich atypischen Rollenwahl bewertet (obwohl sie in vielen Filmen moderne Frauentypen verkörperte), während allein Gert Fröbe in seiner Rolle als Nazi und Kriegsverbrecher Kramer gute Kritiken erhielt. Für das Heyne-Filmlexikon liegt in seiner Leistung der einzige positive Aspekt innerhalb eines „langweiligen, misslungenen Films“ – eine Meinung, die erst die Unfähigkeit deutlich werden lässt, sich auf einen deutschen Film einzulassen, der eine moderne, europäische Filmsprache wählte, ohne Lösungen oder ein klares Ende anzubieten. Die von Gert Fröbe verkörperte Figur ist die einzig konkret handelnde und damit einfach nachvollziehbare Person des Films. Doch ihre Wirkung entsteht erst durch die Konfrontation mit Menschen, die nicht wissen, was sie tun wollen und wohin es sie treibt.

„Die Rote“ hatte keine Chance bei Kritik und Publikum, denn ihre filmischen Mittel wurden nicht akzeptiert, auch weil sich die stilistischen Fronten offensichtlich verhärtet hatten. Mehr als eine Frau, die ohne Alternative und Plan aus einer gesicherten Existenz ausbrach, provozierte die Bildsprache eines Films, der diese Intention kongenial umsetzte.

"Die Rote" Deutschland / Italien 1962, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Alfred Andersch (Novelle), Darsteller : Ruth Leuwerik, Rossano Brazzi, Giorgio Albertazzi, Harry Meyen, Richard Münch, Laufzeit : 91 Minuten

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.