Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy
Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Dienstag, 30. Oktober 2012

Ladri di biciclette (Fahrraddiebe) 1948 Vittorio De Sica


Inhalt: Antonio Ricci (Lamberto Maggiorani) hat das Glück, einen der wenigen Jobs zu bekommen, die an die vielen arbeitslosen Männern vergeben werden. Doch er benötigt dafür ein Fahrrad, da er als Plakate-Kleber weite Strecken durch Rom fahren muss. Um ihm diese Chance zu ermöglichen, verkauft seine Frau Maria (Lianella Carell) ihre Bettwäsche, einen Teil ihrer Aussteuer. Mit dem Geld können sie das Fahrrad bei einem Pfandleiher auslösen und Antonio beginnt am nächsten Tag seine neue Arbeit.

Doch während er noch ungeschickt versucht, sein erstes Plakat anzukleben, nutzt ein Dieb seine Unaufmerksamkeit. Bis Ricci von seiner Leiter herunter gelangt, hat der Fahrraddieb genügend Vorsprung, da ihm auch sonst Niemand zu Hilfe kommt. Von der Polizei hat er auch nichts zu erwarten, aber seine Freunde empfehlen ihm, am Sonntagmorgen zum Fahrrad-Markt zu gehen, da Diebesgut meist dort landet. Gemeinsam mit seinem kleinen Sohn Bruno (Enzo staiola) macht er sich auf den Weg…


"Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe) gewann nicht nur eine Vielzahl an Preisen, sondern erhielt 1950 neben einer Oscar-Nominierung für das beste adaptierte Drehbuch auch den Ehren - Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Diesen hatte Vittorio De Sica schon 1948 für "Scuscia" (Schuhputzer, 1946) erhalten, aber "Ladri di biciclette" wurde zum Synonym schlechthin für den Stil des Neorealismus, der dank dieses Films weltweit Anerkennung erhielt. Obwohl "Ladri di biciclette" selbst kein großer Kassenerfolg wurde, ebnete er den Weg für plakativere, publikumswirksamere Werke wie "Riso amaro" (Bitterer Reis, 1949) von Giuseppe De Santis oder führte zu der Zusammenarbeit von De Sica mit dem Hollywood-Produzenten Selznick ("Stazione Termini" (Rom, Station Termini, 1953)). Kein anderer italienischer Regisseur dieser Phase nach dem Ende des 2.Weltkriegs, verdiente sich ähnliche Meriten. Einzig Roberto Rossellini wurde für "Roma, città aperta" (Rom, offene Stadt, 1945) und "Paisà" (1946) für den Drehbuch - Oscar (adaptiert bzw. original) nominiert.

Der heutige Bekanntheitsgrad des Neorealismus und seiner wichtigsten Werke täuscht darüber hinweg, wie gering deren Anteil am gesamten Filmschaffen in Italien, Ende der 40er Jahre, war. Zudem galt „Ladri di biciclette“ damals bei vielen Italienern als unpatriotisch mit seinem genauen Abbild der Realität, was Ettore Scola in "C'eravamo tanti amati" (Wir waren so verliebt, 1974) deutlich werden lässt, als es nach einer Kinoaufführung zu einem heftigen Streit zwischen Zuschauern, die De Sica „Nestbeschmutzung“ vorwerfen, und Anhängern seines künstlerischen Stils kommt. Obwohl Vittorio De Sica, im Gegensatz zu den meisten anderen Regisseuren des Neorealismus, keine marxistische Ideologie vertrat – ein wesentlicher Grund für seine Anerkennung in den USA – und seine Kunst gerade darin bestand, die Realität ohne zu urteilen und ohne übertriebene Dramatik darzustellen, wird an dieser Auseinandersetzung offensichtlich, das es Ende der 40er Jahre einen großen Unterschied bedeutete, von welchem Blickwinkel aus der Film analysiert wurde.

Während der unabhängige Betrachter in der Regel mit Antonio Ricci (Lamberto Maggiorani) und seinem Sohn Bruno (Enzo Staiola) mitfiebert, die an einem Sonntag in Rom verzweifelt versuchen, das Fahrrad wieder zu finden, das Ricci am Tag zuvor gestohlen wurde und das er für seine Arbeit benötigt, nahm De Sica diese Geschichte zum Anlass, das Leben in Rom mit allen seinen Facetten darzustellen. Fast organisch wirkt die Bevölkerung, wie sie in Massen auf den Arbeitsvermittler zuströmt, bevor ein/zwei Männer – darunter Antonio Ricci - ausgespuckt werden, die einen der wenigen Jobs ergattern konnten. Überall entstehen Gruppierungen wie die Frauen um Riccis Ehefrau Maria (Lianella Carell), die am Brunnen Wasser für ihre herunter gekommenen Wohnungen schöpfen, die an der Peripherie der Stadt liegen und nicht an das Leitungsnetz angeschlossen sind, wie die Menschenschlangen, die sich in die wenigen öffentlichen Verkehrsmittel drücken oder in die Kirchen bewegen, wo die Armen nach der Messe ein Essen bekommen. Und immer wieder kommt es zu spontanen Aufläufen, wenn irgendetwas Aufregendes geschieht. Es sind genügend Männer da, die von überall herkommen, ähnlich gekleidet und ohne feste Beschäftigung sind.

Mit der konsequenten Besetzung von Laien-Darstellern, sowie dem Dreh ausschließlich an Originalschauplätzen, vermittelt „Ladri di biciclette“ ein Leben, das unmittelbar auf den Straßen Roms stattfindet. Keineswegs von Depressionen gezeichnet, sondern voller Bewegung und Emotionen, aber basierend auf den widrigen Verhältnisse nach dem Krieg – Wohnungsnot, mangelnde Infrastruktur, große Arbeitslosigkeit – die der Film mit der gleichen Selbstverständlichkeit zeigt, wie diese Teil des Lebens eines Großteils der Bevölkerung sind. Zu Beginn des Films, wenn Ricci das Glück hat, einen Job als Plakate-Kleber zu erhalten, seine Frau ihre Bettwäsche verkauft, um das dafür notwendige Fahrrad beim Pfandleiher auslösen zu können, und sie glücklich zu Zweit durch Roms Straßen fahren, vermittelt der Film noch ein singuläres Schicksal. Welches tragische Züge annimmt, als ihm an seinem ersten Arbeitstag das Fahrrad gestohlen wird, er den Dieb nicht fassen und die Polizei ihm auch nicht helfen kann, angesichts unzähliger Fahrräder in der Millionenstadt, und er seiner weinenden Frau den Verlust beichten muss.

Doch der Charakter der Story verändert sich, als sich Ricci und sein aufgeweckter Sohn am Sonntagmorgen zu dem Fahrrad - Markt begeben, wo sie ihr gestohlenes Gut vermuten. Ihr Privatleben bleibt zurück und sie tauchen immer tiefer in die Stadt ein, glauben, das Fahrrad entdeckt zu haben, verlieren wieder die Hoffnung bis ihnen tatsächlich der Dieb über den Weg läuft. Ihr individuelles Schicksal verliert dabei an Bedeutung, angesichts der Konfrontation mit Menschen, die ähnliches ertragen müssen. In „Ladri di biciclette“ gibt es keine Bösen und Guten, auch Niemanden der hinterlistig handelt, sondern nur Menschen, die versuchen, mit ihrer Situation irgendwie zurecht zu kommen und dabei auch vor Rücksichtslosigkeiten nicht zurück schrecken – solidarische Gefühle bleiben dabei auf der Strecke. Das gilt auch für Antonio Ricci, dessen zunehmend nervöse, penetrante Suche nach seinem Fahrrad immer egoistischere Züge annimmt, bis er selbst den einzigen Ausweg darin sieht, ein Fahrrad zu stehlen.

De Sica hat seinen Filmtitel nicht ohne Grund in den Plural gesetzt. Mit den „Fahrraddieben“ hat er nicht auf Riccis letzten verzweifelten Versuch frühzeitig hinweisen wollen, sondern eine generelle Situation beschrieben, in die Jeder kommen kann, angesichts der hier gezeigten Lebensumstände. Das Gefühl der Erniedrigung, dass Ricci am Ende erleiden muss, als er vor den Augen seines Sohnes bei dem Diebstahl erwischt wird, ist entsprechend kein singuläres Schicksal mehr, sondern etwas, was Jedem widerfahren kann. Mit beiläufiger Selbstverständlichkeit lässt „Ladri di biciclette“ seine Protagonisten danach in der Masse verschwinden und beendet damit eine alltägliche Geschichte, wie sie jeden Tag vorkommen kann – die Normalität dieser Situation ist das eigentliche Drama.

"Ladri di biciclette" Italien 1948, Regie: Vittorio De Sica, Drehbuch: Vittorio De Sica, Cesare Zavattini, Suso Cecchi D'Amico, Darsteller : Lamberto Maggiorani, Enzo Staiola, Lianella Carell, Vittorio Antonucci, Giulio Chiari, Laufzeit : 90 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Vittorio De Sica:

Montag, 29. Oktober 2012

Neorealismo - Tavola cronologica (Zeittafel) 1942 - 1953



NEOREALISMO

Diese chronologische Auflistung soll einen vollständigen Überblick über das Genre geben (mit Verweisen auf die schon im Blog besprochenen Filme).

Eine exakte Abgrenzung des neorealistischen Stils, der vom französischen Realismus der späten 30 Jahre ("poetischer Realismus") beeinflusst war, und sich als Reaktion auf den Faschismus in Italien verstand, lässt sich nicht festlegen. Übereinstimmend gilt "Ossessione" von Luchino Visconti als erster Film des italienischen Neorealismus, der seine Hochphase in den Jahren unmittelbar nach dem Ende des 2.Weltkriegs hatte, als häufig mit Laiendarstellern an Originalschauplätzen eine ungeschönte Realität wieder gegeben wurde. Als 1948 bei den ersten demokratischen Wahlen die konservative christliche Partei einen deutlichen Wahlsieg errang, änderte sich das Vergabeverfahren für die Produktionszuschüsse, auch beeinflusst durch die amerikanischen Geldgeber. Die größtenteils dem Marxismus nahe stehenden Filmschaffenden verloren diese wichtige Unterstützung, während Produzenten wie Dino De Daurentiis, der die weltweite Anerkennung des Neorealismus als Star-Vehikel für Silvana Mangano nutzte ("Riso amaro" (Bitterer Reis, 1949)) - dabei die gesellschaftskritische Komponente eher vernachlässigend - davon profitierte.

Unabhängig davon, das nie von einem einheitlichen Stil gesprochen werden konnte, veränderte sich das Genre entsprechend, entfernte sich von seinen Anfängen und variierte die Thematik zunehmend, wie etwa in "Miracolo a Milano" (Das Wunder von Mailand, 1951), der in der Form eines Märchens erzählt wird, oder in "Stazione Termini" von 1953, der den Neorealismus und Hollywood miteinander verband, beide unter der Regie von Vittorio De Sica. Trotzdem kann von einem Ende des Neorealismus nicht gesprochen werden, der sich parallel zum Fortschritt der italienischen Gesellschaft weiter entwickelte. Nicht zufällig endet diese Chronologie mit dem Film "L'amore in città", der nicht nur den Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit vieler italienischer Filmschaffender bedeutete (Siehe "Der italienische Episodenfilm"), sondern sechs Regisseure zusammenbrachte, die an der Entwicklung des Stils unmittelbar beteiligt waren.




















Tavola cronologica  / Zeittafel   --------------------------------   Persone importante /Protagonisten

1942:  "Ossessione"  Luchino Visconti / Giuseppe De Santis / Clara Calamai / Massimo Girotti
           "Quattro passi fra le nuvole" Alessandro Blasetti / Cesare Zavattini / Gino Cervi
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1943:  "Gente del Po" Michelangelo Antonioni (Kurzfilm)
           "L'uomo della groce" Roberto Rossellini
           "L'ultima carrozzella" Mario Mattoli / Anna Magnani / Aldo Fabrizi
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1944:  "I bambini ci guardano" Vittorio De Sica / Cesare Zavattini
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1945:  "Roma città aperta" (Rom - offene Stadt) Roberto Rossellini / Anna Magnani
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1946:  "Paisà" Roberto Rossellini / Federico Fellini
           "Scuscià" (Schuhputzer) Vittorio De Sica / Cesare Zavattini / Franco Interlenghi
           "Il bandito" Alberto Lattuada / Anna Magnani
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1947:  "L'onorevole Angelina" (Abgeordnete Angelina) Luigi Zampa / Anna Magnani / Suso D'Amico
           "Caccia tragica" (Tragische Jagd) Giuseppe De Santis / Carlo Lizzani / Michelangelo Antonioni
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1948:  "Germania Anno Zero" (Deutschland im Jahr Null) Roberto Rossellini / Carlo Lizzani
           "Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe) Vittorio De Sica / Cesare Zavattini
           "La terra trema" (Die Erde bebt) Luchino Visconti / Antonio Pietrangeli
           "Anni difficili" Luigi Zampa / Massimo Girotti
           "Assunta spina" (Die Gezeichnete) Mario Mattoli / Anna Magnani
           "Senza pietà" (Ohne Gnade) Alberto Lattuada / Federico Fellini
           "Sotto il sole di Roma" (Unter der Sonne Roms) Renato Castellani
           "Gioventù perduta" (Verlorene Jugend) Pietro Germi / Antonio Pietrangeli /
                                                                                     Mario Monicelli / Massimo Girotti
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1949 "Riso amaro" (BittererReis) Giuseppe De Santis / Carlo Lizzani /
                                                              Mario Monicelli / Silvana Mangano / Vittorio Gassman
           "In nome della legge" (Im Namen des Gesetzes) Pietro Germi / Mario Monicelli /
                                                                                 Federico Fellini / Massimo Girotti




















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1950"Stromboli - terra di Dio" 
(Stromboli) Roberto Rossellini / Ingrid Bergman
          "Non c'e pace tra gli ulivi" (Es gibt keinen Frieden unter den Oliven)
                                                                       Giuseppe De Santis / Carlo Lizzani / Raf Vallone
          "Luci del varietà" (Lichter des Varieté) Alberto Lattuada / Federico Fellini 
          "Il cammino della speranza" (Weg der Hoffnung) Pietro Germi /
                                                                                                           Federico Fellini / Raf Vallone
         "È primavera" (Es ist Frühling) Renato Castellari / Suso Cecchi D'Amico / Cesare Zavattini
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1951"Miracolo a Milano" (Das Wunder von Mailand) Vittorio De Sica / Cesare Zavattini
          "Bellissima" Luchino Visconti / Suso Cecchi D'Amico / Cesare Zavattini / Anna Magnani
          "Il cristo proibito" Curzio Malaparte / Raf Vallone
          "Achtung! Banditi" Carlo Lizzani / Gina Lollobrigida
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1952: "Umberto D." Vittorio De Sica / Cesare Zavattini                                                               
          "Roma ore 11" Giuseppe De Santis / Cesare Zavattini / Raf Vallone / Massimo Girotti
          "Processo alla città" Luigi Zampa / Suso Cecchi D'Amico / Francesco Rosi
          "I vinti" (Kinder unserer Zeit) Michelangelo Antonioni / Suso Cecchi D'Amico
          "Due soldi di speranza"(Für zwei Groschen Hoffnung) Renato Castellani
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1953: "Stazione Termini" (Rom - Station Termini) Vittorio De Sica / Cesare Zavattini
          "I vitelloni" (Die Müßiggänger) Federico Fellini / Franco Interlenghi / Alberto Sordi
          "L'amore in città" (Liebe in der Stadt) Michelangelo Antonioni / Dino Risi /
                  Alberto Lattuada / Federico Fellini / Carlo Lizzani / Francesco Maselli / Cesare Zavattini

Mittwoch, 24. Oktober 2012

La resa dei conti (Der Gehetzte der Sierra Madre) 1966 Sergio Sollima


Inhalt: Der Kopfgeldjäger John Corbett (Lee Van Cleef) hatte dafür gesorgt, dass die Gegend von verbrecherischem Gesindel bereinigt wurde, weshalb er von dem Geschäftsmann Brokston (Walter Barnes) auf die Hochzeitsfeier seiner Tochter eingeladen wurde. Brokston will den angesehenen Pistolenschützen für seine Zwecke einspannen, weshalb er ihn darum bittet, sich für ein politisches Amt zu bewerben. Corbett fühlt sich in dieser Umgebung sichtlich nicht wohl, weshalb er sofort einwilligt, den Mörder einer 12jährigen zu jagen, als aufgeregte Männer von dem Verbrechen berichten. Der Mexikaner Manuel Sanchez (Tomas Milian), genannt „Cuchillo“, soll das Mädchen erst vergewaltigt und dann getötet haben.

Brokston benötigt nicht lange, bis er den Herumtreiber findet, aber er unterschätzt den gewitzten, jungen Mann, der ihm wieder entkommen kann. Auf seiner Flucht erreicht Cuchillo eine Ranch, wo er die Cowboys um Hilfe bittet. Doch diese haben nur Hohn und Spott für den Mexikaner übrig…


Sergio Sollima hatte schon seit Anfang der 50er Jahre an vielen Drehbüchern mitgewirkt, bevor er seine erste Regiearbeit bei einem Episodenfilm ablieferte, dessen starkes Aufkommen in den 60er Jahren die enge Zusammenarbeit unter den italienischen Filmschaffenden widerspiegelte. An der Seite der Darsteller Alberto Bonucci ("Il mattatore" 1960, Dino Risi) und Nino Manfredi ("Brutti, sporchi e cattivi",1976, Ettore Scola), sowie des Drehbuchautoren Luciano Lucignani ("Interrabang", 1969, Giuliano Biagetti) trug er die Episode "Le donne" zu "L'amore difficile" (Erotica, 1962) bei - ein Gemeinschaftswerk ausschließlich von Regie-Anfängern. Doch während es für seine Kollegen bei einem seltenen Ausflug ins Regie-Fach blieb, begann für Sollima wenige Jahre später - noch unter dem Pseudonym Simon Sterling - seine Karriere als Regisseur.

Nach drei Agentenfilmen war "La resa dei conti" (Der Gehetzte der Sierra Madre) sein erster Italo-Western, dem mit "Faccia a faccia" (Von Angesicht zu Angesicht,1967) und "Corri uomo corri" (Lauf um dein Leben,1968) noch zwei weitere folgen sollten - nur bei Sergio Leone gibt es eine ähnliche Beschränkung auf wenige, durchgehend qualitativ hochwertige Filme des Genres. Weitere Parallelen zu Sergio Leones Werk liegen in der Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Sergio Donati, der auch an "C'era una volta il West" (Spiel mir das Lied vom Tod, 1968) beteiligt war, und der großartigen Filmmusik von Ennio Morricone. Der deutsche Titel "Der Gehetzte der Sierra Madre" beschreibt korrekt das offensichtliche Geschehen im Film. Der Kopfgeldjäger Corbett (Lee van Cleef) jagt den Mörder eines 12jährigen Mädchens, den arbeitslosen, mexikanischen Herumtreiber "Cuchillo" (Tomas Millian), durch die wüstenähnliche Landschaft bis nach Mexiko, aber der Originaltitel "La resa dei conti" (wörtlich "Die Abrechnung" oder "Rechenschaft") vermittelt genauer, worum es in dem Film wirklich geht - um die Konsequenzen, die jeder für sein Handeln tragen muss.

In einer der schönsten Sequenzen, als Cuchillo bei seiner Flucht vor Corbett Hilfe auf einer Farm sucht, wird das Prinzip deutlich, das Sollima in seinem Film verfolgt. Äußerlich scheint die Auseinandersetzung zwischen den beiden Protagonisten - hier der wortkarge Meisterschütze, dort der trickreiche und lautstarke kleine Gauner - die Handlung zu bestimmen, doch ihre wiederkehrenden Treffen, die meist in eine erneute Flucht des Mexikaners münden, haben die Funktion eines Katalysators, der die niederen Beweggründe ihrer Umgebung erst zur Explosion bringt. So wird Cuchillo von den Arbeitern auf der Ranch mit unverhohlenem Rassismus begrüßt. Erst das Eingreifen ihrer Chefin (Nieves Navarro) verhindert weitere Gewalttätigkeiten, doch der Friede stellt sich schnell als trügerisch heraus. Die attraktive Frau, die seit dem Tod ihres Mannes der Boss ist, hält sich nicht nur für unwiderstehlich, sondern lässt den Kurzliebhaber gleich darauf wieder fallen.

Es ist sein Verfolger, der ihn vor weiteren Peitschenhieben rettet, denn Corbett will Cuchillo nur der Gerichtsbarkeit übergeben. Doch er gerät in den gleichen Sumpf aus Missgunst, Machtgier und Vorurteilen wie Cuchillo. Als die fidele Witwe auch Corbett verführen will, nutzt der Mexikaner den Neid ihrer Arbeiter und hetzt diese gegen seinen Verfolger auf, um die daraus entstehende Situation zur Flucht zu nutzen. Die Männer sind dem Revolverhelden erwartungsgemäß nicht gewachsen, genauso wie ihn die hübsche Rancherin kalt lässt. Als auch er den Ort der Handlung verlässt, um sich wieder auf Cuchillos Spur zu begeben, hinterlässt er Brachland – eine hilflose Frau umgeben von den Leichen ihrer Untergebenen. Die Raffinesse in Sallimas demaskierender Vorgehensweise liegt darin, das seine beiden Protagonisten in ihrer jeweiligen Haltung selbstbestimmt sind, unabhängig von ihrer Umgebung, während die Konfrontation mit ihnen, die egoistischen Obsessionen und den Opportunismus ihrer Umgebung entlarven.

Cuchillo und Corbett sind zwar einerseits komplexe Charaktere, auch dank des Spiels von Lee Van Cleef und Tomas Milian, andererseits in ihrer moralischen Standfestigkeit hochstilisiert, wenn auch keineswegs einseitig gestaltet. So bleibt lange offen, ob Cochillo der Mörder ist, und Corbett nimmt einem Familienvater, der ihm gerade das Leben gerettet hat, Pferd und Waffe weg, um weiter sein Ziel zu verfolgen. Sollima befand sich mit ihrer Konfrontation auf der Höhe der Zeit, Mitte/Ende der 60er Jahre, denn der Ältere vertritt konservative Werte wie Zuverlässigkeit, Fleiß und Gerechtigkeit, der Jüngere lehnt sich gegen die Gesellschaftsordnung auf, arbeitet nicht, hat dafür Spaß und Sex. Dass Sollima diese Haltungen keineswegs für unvereinbar hielt, lässt er an einer Gesellschaft deutlich werden, die äußerlich Anstand und Recht predigt, ihre Macht aber nur für die eigenen Ziele missbraucht.

Sie alle – der reiche Geschäftsmann Brokston (Walter Barnes), der Corbett für seine politischen Ziele einspannen will, sein schmieriger Schwiegersohn, der aus geschäftlichen Gründen Brokstons Tochter heiratete, der österreichische Baron Von Schulenburg (Gérard Herter – eine Figur, die in der deutschen Fassung nicht existierte), für den Töten Sport ist, der korrupte mexikanische Polizeichef (Fernando Sancho) oder die promiskuitive Witwe – werden irgendwann zur „Rechenschaft“ für ihr Handeln gezogen.

"La resa dei conti" Italien, Spanien 1966, Regie: Sergio Sollima, Drehbuch: Sergio Sollima. Sergio Donati, Darsteller : Lee van Cleef, Tomas Milian, Walter barnes, Fernando Sancho, Nieves Navarro, Laufzeit : 110 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Sollima: 

"L'amore difficile" (1962)
"Faccia a faccia" (1967)
"Città violenta" (1970) 

Dienstag, 23. Oktober 2012

I polizieschi - Tavola cronologica (Zeittafel) 1968 - 1980



POLIZIESCO All'ITALIANA

Diese chronologische Auflistung soll einen vollständigen Überblick über das Genre geben (mit Verweisen auf die schon im Blog besprochenen Filme).
Abgesehen von Lizzanis "Banditi a Milano" handelt es sich gerade in der Frühphase (bis 1972) eher um Filme, die auch anderen Sujets zugeordnet werden können - wie etwa die so genannte "Mafia-Trilogie" von Fernando Di Leo. Diese fließenden Grenzen lassen sich an einigen Filmen feststellen - eine vollständige Zuordnung zum Polizieschi-Genre kann entsprechend nie eindeutig erfolgen. Das gilt auch für die Endphase, die mit den "Superbullen"-Filmen ("Squadra antiscippo") eingeläutet wurde, die zunehmend ins komödiantische Fach übergingen, wie auch die "Plattfuß" - Filme mit Bud Spencer.

Stilbildend für das Genre blieben die in der Hochphase 1973 - 1978 entstandenen Filme, die unmittelbar auf die Ereignisse Mitte der 70er Jahre in Italien reagierten, als das Land von Terrorismus und einer hohen Kriminalitätsrate erschüttert wurde.

Tavola cronologica  / Zeittafel   --------------------------------   Persone importante /Protagonisten

1968:  "Banditi a Milano"  Gian Maria Volontè / Tomas Milian / Carlo Lizzani
           "Il giorno della civetta" (Der Tag der Eule)   Franco Nero / Lee J.Cobb / Damiano Damiani
           "Roma come Chicago" (Mord auf der Via Veneto)  John Cassavetes / Alberto De Martino
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 1969:  "Un detective" (Die Klette)  Franco Nero / Romolo Guerrieri
           "Il ragazzi del massacro" (Note 7 - die Jungen der Gewalt) Fernando Di Leo
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1970:  "La morte risale a ieri sera" (Das Grauen kam bei Nacht)  Duccio Tessari   
           "Alba pagana: Delitto a Oxford"  Jane Birkin / Ugo Liberatore
           "Città violenta"  Charles Bronson / Sergio Sollami
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1971:  "La vittima designata" (Der Todesengel)  Tomas Milian / Maurizio Lucidi
                         (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauerte)  Franco Nero / Damiano Damiani
           "Senza Movente" (Neun im Fadenkreuz)  Jean-Louis Trintignant / Phillipe Labro
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1972 "Milano calibro 9" Mario Adorf / Fernando Di Leo
            "Abuso di potere" Camillo Bazzoni
           "La polizia ringrazia" (Das Syndikat)  Enrico Maria Salerno / Mario Adorf / Steno
           "La mala ordina" (Mafiaboss - sie töten wie Schakale) Mario Adorf / Henry Silva /
                                                                                                                      Fernando Di Leo
           "Rivalizione di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile"
                                               (Schön, nackt und liebestoll)  Roberto Montero / Farley Granger
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1973:  "La polizia sta a guardare" (Der unerbittliche Vollstrecker) Enrico Maria Salerno / R.Infascelli
           "No, il caso è felicamente risolto" (Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen)
                                                                                      Enrico Maria Salerno / V. Salerno
           "La polizia incrimina la legge assolve" (Tote Zeugen singen nicht)
                                                                                                   Franco Nero / Enzo G. Castellari
           "La polizia è al servizio del cittadino?" (Auf verlorenem Posten) 
                                                                                              Enrico Maria Salerno / Romolo Guerrieri
           "Milano Rovente"(Gangsterkrieg in Mailand) Umberto Lenzi
           "Ricco" (Der Clan der Killer) Tullio Demicheli / Arthur Kennedy
           "Sette ore di violenza per una soluzione imprevista" (Sieben Stunden der Gewalt)
                                                                                              Michele Tarantini / George Hilton
           "La mano spietate della legge" (Die gnadenlose Hand des Gesetzes) Klaus Kinski / Gariazzo
           "Revolver" (Die perfekte Erpressung) Sergio Sollima / Oliver Reed / Fabio Testi
           "Si può essere più bastardi dell'ispettore Cliff?" (Super bitch) Massimo Dallamano
           "Zinksärge für die Goldjungen" (Il re della mala) Jürgen Roland / Henry Silva
           "Servo suo" Romano Scavolini
           "Tony Arzenta" (Tödlicher Hass) Duccio Tessari / Alain Delon
           "Bisturi, la mafia bianca" (Die weiße Mafia)
                                                                      Luigi Zampa / Enrico Maria Salerno / Gabriele Ferzetti
           "Il Boss" (Der Teufel führt Regie) Henry Silva / Fernando Di Leo
           "Milano trema: la polizia vuole giustizia" Luc Merenda / Sergio Martino
















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1974:  "Il cittadino si ribella" (Ein Mann schlägt zurück) Franco Nero / Enzo G. Castellari
           "Quelli che contano" (Die Rache des Paten) Henry Silva / Andrea Bianchi
           "Un uomo, una città" Enrico Maria Salerno / Romolo Guerrieri
           "Delitto D'autore" Mario Sabatini
           "Milano odia: la polizia non può sparare" (Der Berserker) 
                                                                                            Tomas Milian / Henry Silva / Umberto Lenzi
           "Squadra volante" (Die gnadenlose Jagd) Tomas Milian / Stelvio Massi
           "Il poliziotto è marcio" Fernando Di Leo / Luc Merenda
           "Processo per direttissima" (Das Urteil) Luca De Caro / Michele Placido / Mario Adorf
           "Il testimone devi tacere" (Der Zeuge muss schweigen) Giuseppe Rosati
           "La polizia ha le mani legate" (Killer Cop) Claudio Cassinelli / Arthur Kennedy / Luciano Ercoli
           "La polizia chiede aiuto" (Der Tod trägt schwarzes Leder)
                                                             Claudio Cassinelli / Mario Adorf / Massimo Dallamano
           "La città gioca d'azzardo" (Hetzjagd ohne Gnade) Sergio Martino / Luc Merenda
           "Fateva vivi: la polizia non interverra" (In der Gewalt des Kindermörders)
                                                                                                       Henry Silva / Giovanni Fago
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1975: "Il giustiziere la sfida la città"(Der Vernichter) Tomas Milian / Umberto Lenzi  
          "L'uomo della strada fa giustizia" Henry Silva / Umberto Lenzi
          "Fango Bollente" Enrico Maria Salerno / V. Salerno
          "La città sconvolta: caccia spietate ai rapitori" (Auge um Auge) 
                                                                                                          Luc Merenda / Fernando Di Leo
          "...a tutte le auto della polizia" Enrico Maria Salerno / Mario Caiano
          "La polizia accusa: il servizio segreto uccide" (Die Killermafia) Luc Merenda /  Sergio Martino
          "La polizia interviene: ordine di uccidere" (Die linke Hand des Gesetzes) 
                                                                                                          Leonard Mann / Giuseppe Rosati
          "Roma violenta" (Verdammte heilige Stadt) Maurizio Merli / Marino Girolami
          "Mark il poliziotto" Franco Gasparri Stelvio Massi /  Lee J.Cobb
          "Mark il poliziotto spara per primo" (Das Ultimatum läuft ab)
                                                                                        Franco Gasparri Stelvio Massi /  Lee J.Cobb
          "Morte sospetta di una minorenne" Claudio Cassinelli / Sergio Martino
          "Roma drogata: la polizia non può intervenire" Lucio Marcaccini / Bud Cort
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1976: "Roma l'altra faccia violenza"
(Die blutigen Spiele der Reichen) Marino Girolami
          "Il grande Racket" (Racket) Fabio Testi / Enzo G. Castellari
          "Napoli violenta" (Camorra - ein Bulle räumt auf) Maurizio Merli / Umberto Lenzi 
          "Roma a mano armata" (Die Viper) Maurizio Merli / Tomas Milian / Umberto Lenzi
          "Il trucido e lo sbirro" (Das Schlitzohr und der Bulle)
                                                                         Tomas Milian / Claudio Cassinelli / Umberto Lenzi
          "Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze) Tomas Milian / Bruno Corbucci
          "Paura in città" (Stadt in Panik) Maurizio Merli / Giuseppe Rosati
          "Liberi, armati, pericolosi" (Bewaffnet und gefährlich) Tomas Milian / Romolo Guerrieri
          "Milano violenta" (Die letzte Rechnung schreibt der Tod) Claudio Cassinelli / Mario Caiano
          "La legge violenta della squadra anticrimine" (Killer der Apocalypse)
                                                                                                    Stelvio Massi / Lee J.Cobb
          "Mark colpisce ancora"    Franco Gasparri Stelvio Massi
          "Il conto è chiuso" (In den Klauen der Mafia) Luc Merenda / Stelvio Massi
          "Pronto ad uccidere" (Tote pflastern seinen Weg) Ray Lovelock, Franco Prosperi
          "Sangue di sbirro" (Blut eines Bullen) Alfonso Brescia / George Eastman / Jack Palance
          "Gli amici di Nick Hezard" (Der Stachel) Luc Merenda / Fernando Di Leo
          "Poliziotti violenti" (Blutiger Schweiß) Henry Silva / Michele M. Tarantini
          "Italia a mano armata" (Cop Hunter) Maurizio Merli / Marino Girolami
          "Polizia ordina: sparate a vista"     Giulio Giuseppe Negri / Gordon Mitchell                         
          "Quelli della calibro 38" (Kaliber 38 - Genau zwischen die Augen) Massimo Dallamano
          "Uomini si nasce poliziotti si muore" (Eiskalte Typen auf heißen Öfen) Ruggero Deodato
          "E tanta paura" (Magnum 45) Michele Placido / Paolo Cavara
          "I violenti di Roma bene" (Terror in Roma) Antonio Sabato / Sergio Grieco
          "Genova a mano armata" Toni Lo Bianco / Mario Lanfranchi
















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1977: "Io ho paura" (Ich habe Angst) Gian Maria Volontè / Damiano Damiani
          "Napoli spara" (Die Killer-Meute) Henry Silva / Anthony Mann / Mario Caiano
          "Il cinico, l'infame, il violento"(Die Gewalt bin ich) 
                                                                              Maurizio Merli / Tomas Milian / Umberto Lenzi
          "Torino violenta" (Gewalt über der Stadt) George Hilton / Carlo Ausino
          "La via della droga" (Dealer Connection - die Straße des Heroins)
                                                                                   Fernando Di Leo / Fabio Testi
          "La polizia è sconfitta" (Sonderkommando ins Jenseits) Domenico Paolella
          "La belva col mitra" (Der Tollwütige) Sergio Grieco / Helmut Berger
          "Napoli si ribella" Luc Merenda / Michele M. Tarantini
          "La Banda Vallanzasca" Mario Bianchi
          "Poliziotto sprint" (Highway Racer) Maurizio Merli / Stelvio Massi
          "La banda del trucido" (Die Gangster-Akademie) 
                                                           Tomas Milian / Luc Merenda / Stelvio Massi
          "Squadra antitruffa" (Der Superbulle schlägt wieder zu) Tomas Milian / Bruno Corbucci
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1978: "La banda del gobbo" (Die Kröte) Tomas Milian / Umberto Lenzi
          "Il commissario di ferro" (Kommissar Mariani - zum Tode verurteilt) 
                                                                                      Maurizio Merli / Stelvio Massi
          "Circuito chiuso" (Der tödliche Kreis) Giuliano Gemma / Giuliano Montaldo
          "Diamanti sporchi di sagne" Fernando Di Leo / Claudio Cassinelli / Martin Balsam
          "Milano...difendersi o morire" (Heroin) Gianni Martucci / George Hilton
          "Porci con la P38" (Die eiskalten Killer) Gianfranco Pagani
          "La malavita atacca...la polizia risponde! Leonard Mann / Mario Caiano
          "Da Corleone a Brooklyn" (Von Corleone nach Brooklyn) Maurizio Merli, Umberto Lenzi
          "Provincia violenta"(Provinz ohne Gesetz) Mario Bianchi
          "Napoli...serenata calibro 9" Alfonso Brescia
          "Un poliziotto scomodo" (Convoi Busters) Stelvio Massi / Maurizio Merli
          "Enigma rosso" (Orgie des Todes) Fabio Testi / Alberto Negrin
          "Napoli: i 5 della squadra speciale" Mario Bianchi













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1979: "Bersaglio altezza uomo" (Deckname Skorpion) Luc Merenda / Guido Zurli
          "I contrabbandieri di santa Lucia" (Der große Kampf des Syndikats) Alfonso Brescia
          "Il Commissario Verrazzano" Luc Merenda / Francesco Prosperi
          "Napoli...la camorra sfida e la città risponde" Alfonso Brescia
          "I guappi non si toccano" (Die Unangreifbaren) Mario Bianchi
          "Assassinio sul tevere" (Der Superbulle jagt den Ripper) Tomas Milian / Bruno Corbucci
          "Sbirro, la tua legge è lenta...la mia...no! Maurizio Merli / Stelvio Massi
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1980: "Delitto a porta romana" (Elfmeter für den Superbullen) Tomas Milian / Bruno Corbucci
          "Tony, l'altra faccia della Torino violenta" (Mafia-Kommando) Carlo Ausino
          "Il giorno del Cobra" (Die Cobra) Franco Nero, Enzo G. Castellari
          "Poliziotti solitudine e rabbia" (Zwei knallharte Profis) Maurizio Merli / Stelvio Massi 
          "L'avvartimento" (Die tödliche Warnung) Giuliano Gemma / Damiano Damiani

Sonntag, 21. Oktober 2012

L'uomo che viene da Canyon City (Die Todesminen von Canyon City) 1965 Alfonso Balcázar


Inhalt: Nachdem Red (Luis Davila) und Carrancho (Fernando Sancho) gemeinsam aus der Gefangenschaft fliehen konnten, ziehen sie eine Zeit lang aneinender gefesselt durch die Lande, bis sie sich von einer Eisenbahn die Ketten sprengen lassen. Natürlich musste Red auf den Gleisen liegen, so wie sie die Grenze nach Mexiko in Richtung Carranchos Heimat überschritten, denn dieser gewann jedesmal, wenn sie einem Münzwurf die Entscheidung überließen - bis Red den faulen Trick seines alten Kumpels durchschaute.

In Canyon City angekommen, entscheidet sich Red für ein getrenntes Programm und schließt sich den Männern von Morton (Robert Woods) an, die die mexikanischen Arbeiter in dessen Silbermine ausbeuten und misshandeln. Carrancho erkennt das Leid seiner Landsleute, hat aber zuerst seinen eigenen Vorteil im Sinn, denn wie Red weiß er, das Morton siebzigtausend Dollar in seinem Safe liegen hat...


In der Folge von "Per un pugno di dollari" (Für eine Handvoll Dollar, 1964) von Sergio Leone - nicht zuletzt wegen dessen überraschenden wirtschaftlichen Erfolgs - begannen zunehmend Western aus dem Boden zu schießen, die sich dessen schmutziger Optik, den rauen Umgangsformen mit ihren oft nihilistischen Gewaltexzessen, aber auch dessen kritischen Blick auf die us-amerikanische Sozialisation anschlossen - und sich damit als Gegenentwurf zum klassischen US-Western hollywoodscher Prägung verstanden. In dieser Phase entstand auch der Genre-Begriff des "Europäischen Western" oder bekannter "Italo-Western", die meist in Spanien gedreht wurden, dessen südliche Regionen große Ähnlichkeit mit der staubigen Gegend im us-amerikanischen/mexikanischen Grenzbereich aufwiesen, wo auch "L'uomo che viene da Canyon City" (Die Todesminen von Canyon City) spielt.

Verantwortlich für dieses frühe Beispiel des Genres war der spanische Regisseur Alfonso Balcázar, der sich besonders dem Italo-Western verschrieb, dem er mit "I bandoleros della dodicesima ora" (Desperado, 1972) bis in dessen Phase des Niedergangs treu blieb. Vor "L'uomo che viene da Canyon City" (wörtlich "Der Mann, der aus Canyon City kommt") hatte er mit "Los Pistoleros de Arizona" (Die Gejagten der Sierra Nevada, 1965) schon einen Western gedreht, der sich - typisch für die europäischen Genre-Vertreter dieser Übergangsphase - noch deutlich am amerikanischen Vorbild orientierte. Davon hatte sich "L'uomo che viene da Canyon City" inzwischen emanzipiert, der nicht nur über ein gut aufgelegtes Darsteller-Trio verfügte, sondern seine Handlung vor dem Hintergrund der Ausbeutung mexikanischer Arbeiter durch den skrupellosen amerikanischen Geschäftsmann Morgan (Robert Woods) ansiedelte.

Sowohl für Woods, als auch Luis Dávila und Fernando Sancho als das ungleiche Paar "Red" und "Carrancho", bedeutete die Zusammenarbeit mit Alfonso Balcázar den Beginn (nicht nur) ihrer Western-Karriere, die besonders den spanischen Darsteller Fernando Sancho zum allgegenwärtigen mexikanischen Banditen werden ließ - wie beispielsweise in "Arizona Colt" (1966). Hier spielt er noch einen sympathischen Gauner, der gemeinsam mit Red der Gefangenschaft entkommt, bevor sie zufällig Zeuge eines Überfalls werden. Dieser misslingt, aber sie erfahren, dass mit der Kutsche 70000 Dollar nach Canyon City transportiert werden, die dort Morgan, dem Besitzer der Silbermine, übergeben werden sollen. Ein Grund für die Beiden, den selben Weg einzuschlagen.

Dass der Film erst 1967, zwei Jahre nach seiner Entstehung, in die deutschen Kinos kam, wird daran deutlich, das Red dort in "Django" umbenannt wurde, seit Sergio Corbuccis "Django" (1966) der zugkräftigste Name an der Kinokasse. Aus der heutigen Sicht wirkt das deplaziert, da Red die blasseste Figur innerhalb des Darsteller-Trios abgibt, auch wenn seine Fähigkeiten mit dem Revolver, Parallelen zu Corbuccis Held aufweisen. Carrancho wirkt dagegen viel gewitzter, so geschickt wie er Red immer genau in die von ihm beabsichtigte Richtung bringt, abgesehen davon, das er es ist, der letztlich den Aufstand gegen Morgan organisiert. Ganz im Geiste des Italo-Western sind allerdings die Beweggründe der beiden "Helden", denn sie sehen sich die sadistische Behandlung gegenüber den mexikanischen Einheimischen lange Zeit in Ruhe an, bevor sie erst gezwungenermaßen eingreifen. Ihr echtes Interesse gilt dem Inhalt von Morgans Safe, um den sie eine Art privaten Wettstreit veranstalten.

Ihr witziger Disput und das arrogant, selbstherrliche Auftreten des Besitzers der Silbermine, der seine Schergen mit rigoroser Gewalt auf die Arbeiter hetzt, sind die klaren Pluspunkte des Films, dessen Kritik an den ausbeuterischen Verhältnissen wenig generell ist. Letztlich trägt nur der Verbrecher Morgan, der den früheren Besitzer offenbar ermordet hatte und dessen Tochter Viviane (Loredana Nusciak) zur Ehe zwang, die Schuld daran. Dagegen will der Vertreter der USA, um weitere Bezahlungen garantieren zu können, überprüfen, ob die Mexikaner auch anständig behandelt werden - ein Ansinnen, das er nicht überlebt, das aber die tatsächlichen Hintergründe verharmlost. Ähnlich inkonsequent bleibt die gesamte Story des Films, die zwar eine Vielzahl von Ereignissen, Nebenfiguren und Intentionen vereint, über das hohe erzählerische Tempo aber manchmal die Nachvollziehbarkeit aus den Augen verliert. Viele interessante Aspekte wie die Vorgeschichte von Morgan und die Beziehung zu seiner Frau, werden nur angerissen, während den Wortgefechten von Red und Carrancho viel Zeit eingeräumt wird.

Trotz seiner im Tempo holprigen Erzählform, bleibt "L'uomo che viene da Canyon City" durchgehend unterhaltend. Sowohl die kompromisslose Darstellung von Gewalt, als auch die zwiespältige Vorgehensweise der beiden "Helden" weisen ihn schon als würdigen Vertreter des Italo-Western-Genres aus. Um so seltsamer erscheint heute die damalige Vorgehensweise des deutschen Verleihs - einerseits mit dem falschen "Django"-Titel für das Genre werbend, andererseits nicht nur die Gewaltszenen schneidend, sondern auch Carranchos anfänglichen Versuch, seine mexikanischen Landsleuten unter dem Vorwand eines geplanten Aufstands zu beklauen. Dass was aus heutiger Sicht die größte Qualität des Films darstellt - die uneindeutige Charakterisierung der Protagonisten - durfte damals nicht sein.

"L'uomo che viene da Canyon City" Italien, Spanien 1965, Regie: Alfonso Balcázar, Drehbuch: Adriano Bolzoni, Attilio Riccio, Darsteller : Robert Woods, Fernando Sancho, Luis Dávila, Loredana Nusciak, Renato Baldini, Laufzeit : 86 Minuten

Dienstag, 16. Oktober 2012

Squadra antiscippo (Der Superbulle mit der Strickmütze) 1976 Bruno Corbucci


Inhalt: In Rom gehören Trickbetrügereien und Diebstähle zum Alltag - eine Welt in der sich Nico Giraldi (Tomas Milian) bestens auskennt. Das er Polizist ist, sieht man dem vollbärtigen Langhaarigen, der immer eine gestrickte Mütze in bunten Farben auf dem Kopf trägt, nicht an. Aber das täuscht, denn Giraldi, dessen Mutter Prostituierte war und der in den Straßen Roms aufgewachsen ist, kennt die Gauner genau und weiß, wie er sie zu fassen bekommt.

Doch als zwei kleine Diebe zufällig die Aktentasche des Amerikaners Norman Shelley (Jack Palance) entwenden, verändert sich die Situation. Offiziell schaltet Shelley die Polizei nicht ein, weil angeblich nur wertlose  Papiere in der Aktentasche waren, aber als die Diebe den Koffer öffnen, wissen sie, das es gefährlich wird. Bald wird einer von ihnen brutal ermordet...


Das Jahr 1976 bedeutete nicht nur eine Hochphase im Genre des Poliziesco, sondern auch in Tomas Milians langjähriger Karriere. In Roberto Guerrieris "Liberti armati pericolosi" (Bewaffnet und gefährlich) spielte er einen Kommissar und gemeinsam mit Umberto Lenzi entwickelte er zwei seiner bekanntesten Charaktere - den Buckligen "Il gobbo" in "Roma a mano armata" (Die Viper) und Sergio Marazzi, genannt "Monnezza", in "Trucido e lo sbirro" (Das Schlitzohr und der Bulle). Das die Zusammenführung beider Figuren in "La banda del gobbo" (Die Kröte, 1978) nach "Il cinico, l'infame, il violento" (Die Gewalt bin ich, 1977) ihr letzter gemeinsamer Film werden würde, war zu diesem Zeitpunkt genauso wenig zu ahnen, wie die Erfolgsgeschichte um "Nico Giraldi", dessen erster Auftritt in "Squadra Antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze) innerhalb von 8 Jahren noch zehn Fortsetzungen nach sich ziehen sollte - immer gemeinsam mit Regisseur Bruno Corbucci und ab dem zweiten Film "Squadra Antifurto" (Hippie Nico von der Kripo, ebenfalls noch 1976) mit Franco Lechner, bekannter unter dem Namen "Bombolo".

Der Titel „Squadra antiscippo“ (frei übersetzt „Einsatztruppe gegen den Handtaschendiebstahl“) deutet schon darauf hin, das Corbucci den Kampf gegen die Kriminalität mehr von der humorvollen Seite angehen wollte. Die erste Szene bestätigt diesen Eindruck, als das blanke Hinterteil eines Mannes eine Gruppe japanischer Touristen so sehr in den Bann zieht, das dessen Kollegen in Ruhe deren Gepäck abräumen können. Corbucci reiht noch weitere Beispiele des alltäglichen Diebstahls in den Straßen Roms an, bevor Tomas Milian erstmals in der Person des Polizisten Nico Giraldi auftritt. Es ist offensichtlich, dass er diese Figur stark an seinen Charakter Sergio „Monnezza“ Marazzi aus „Trucido e lo sbirro“ (Das Schlitzohr und der Bulle) angelehnt hatte, nicht nur wegen der optischen Ähnlichkeit und der römischen Herkunft.

War „Monnezza“ ein Kleinkrimineller, der der Polizei mit unorthodoxen Methoden half, ist Giraldi ein ungewöhnlicher Polizist, der aus dem kriminellen Milieu stammt. Stand seine wallende Lockenmähne, gepaart mit einem wuchernden Vollbart, schon als Ganove Pate für den typischen Bürgerschreck, Mitte der 70er Jahre, steigert er diesen Eindruck in seiner Funktion als Staatsdiener noch, auch wenn er mit einer bunten Strickmütze versucht, seinen Haarschopf zu bändigen. Milians Interpretation eines Polizisten, der mit einem geländefähigen Motorrad auf Verbrecherjagd geht, dabei meist ein Schlachtfeld hinter sich lassend, hat Züge einer Karikatur, aber ihm gelingt es – ähnlich wie als Sergio Marazzi – dabei glaubwürdig und authentisch zu bleiben. Selbst den Erfolg, den er gerade wegen seiner direkten Art bei den Frauen hat - hier bei der intellektuellen Signora Cattani (Maria Rosario Omaggio) – nimmt man ihm ab, denn Giraldi beweist Einfühlungsvermögen und Cleverness, auch wenn er jede Allgemeinbildung weit von sich weist. In dieser nach Außen hin betonten Einfachheit, die  seinen gut funktionierenden Verstand kaschiert und seine Gegner täuscht, begleitet von wilden Grimassen und lautem Geschrei, werden weitere Parallelen zu der Figur aus „Trucido e lo sbrirro“ deutlich – nicht erstaunlich, das Nico Giraldi in Italien auch „Monnezza“ genannt wird und das der deutsche Verleih ihn im achten und neunten Teil der in Deutschland unter dem Begriff „Superbulle“ laufenden Reihe wieder zum „Schlitzohr“ ernannte.

Doch trotz Milians ironischer Verkörperung eines Polizisten und Corbuccis lässigem Beginn, bleibt „Squadra antiscippo“ in seiner Grundanlage ein ernsthafter Film. Entgegen dem äußerlichen Anschein ist Giraldi ein „Vollblut-Bulle“ und spätestens mit dem routinierten Auftritt von Jack Palance als zwielichtigem amerikanischen Geschäftsmann Norman Shelley, nimmt der Film die Züge eines klassischen Poliziesco an. Zwei Taschendiebe stehlen ihm seinen Aktenkoffer, der angeblich nur wertlose Papiere enthielt, weshalb er die Polizei nicht einschaltet. Tatsächlich befinden sich viele Dollar darin und Jack Palance, sowie seine Mitstreiter, haben nicht vor, Zeugen zu hinterlassen. Nicht nur Giraldi bekommt es statt mit Klein-Ganoven mit Schwerverbrechern zu tun, auch Corbucci dreht die Gewaltschraube nach oben, zeigt waghalsige Verfolgungsjagden und ausgiebige Schusswechsel. Es wird deutlich, das Bruno Corbucci seinen ersten Film mit Tomas Milian keineswegs als Persiflage auf den Poliziesco verstand, sondern auch einen pessimistischen Blick zulässt, so gut gelaunt Giraldi auch dagegen antritt. 

Wie gut diese Mixtur beim Publikum ankam, bewies der anhaltende Erfolg der Filme um den sehr speziellen Ermittler, allerdings verschob sich die Gewichtung der späteren Folgen zunehmend in Richtung Komödie. Der Aufstieg des „Superbullen“  - in Deutschland bürgerlich unter dem Namen Tony Marroni bekannt - ging nicht zufällig einher mit dem Ende des Polizieschi-Genres, ähnlich wie knapp 10 Jahre zuvor beim Italo-Western, als dieser vermehrt ironisch betrachtet wurde. Die langjährige intensive Zusammenarbeit zwischen Milian und Bruno Corbucci verdeutlichte die Trendwende weg von einer kritischen Betrachtung der Gesellschaft, hin zu einem humoristischen Blickwinkel, wie er schon seit Anfang der 70er Jahre in den Western-Parodien von „Bud Spencer und Terence Hill“ zu beobachten war. „Squadra antiscippo“ selbst entstand noch während der Hochphase des italienischen Polizeifilms und nahm das Genre in seiner gelungenen Balance zwischen gesellschaftskritischen und komödiantischen Elementen jederzeit ernst.

"Squadra antiscippo" Italien 1976, Regie: Bruno Corbucci, Drehbuch: Bruno Corbucci, Mario Amendola, Darsteller : Tomas Milian, Jack Palance, Maria Rosario Omaggio, Guido Mannari, Raf Luca, Laufzeit : 89 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Bruno Corbucci: 

"Isabella, duchessa dei diavoli" (1969)

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.