Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

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Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Mittwoch, 5. August 2009

Brutti sporchi e cattivi (Die Schmutzigen, die Häßlichen und die Gemeinen) 1976 Ettore Scola

Inhalt : Seitdem er für einen Arbeitsunfall, bei dem er ein Auge verlor, von der Versicherung 1 Million Lire erhielt, kann Giacinto (Nino Manfredi) nachts nicht mehr ruhig schlafen, denn er verdächtigt Jeden seiner großen Familie, die alle mit ihm gemeinsam in einer Baracke am Rande Roms leben, dass sie sein Geld stehlen wollen. Tatsächlich schleicht auch diese Nacht Jemand um sein Bett herum, aber Giacinto schläft nie ohne sein Gewehr und wechselt beinahe täglich das Versteck für sein Geldbündel.

Er könnte es sich leisten in eine richtige Wohnung zu ziehen, aber tagsüber, wenn die Kinder in einem Käfig eingesperrt sind und die Mütter einfachen Arbeiten nachgehen, sucht er das Vergnügen in seiner Umgebung. Durch seinen Geiz und herrschsüchtiges Verhalten zieht er zunehmend den Zorn seiner Familie auf sich und als er zudem noch Iside (Maria Luisa Santella), eine schwergewichtige junge Prostituierte, mit zu sich ins Ehebett bringt, beschliessen seine Verwandten ihn umzubringen...



"Die Schmutzigen, die Häßlichen und die Gemeinen" beginnt rätselhaft und zeigt wenige bunte Farbtupfer vor einem schwarzen Hintergrund, begleitet von einer seltsamen Musik. Langsam stellt sich die Linse scharf und gibt den Blick frei auf ein Stillleben, bestehend aus einem kleinen goldenen Engel auf einem Schaukelpferd, Spaghetti und abgenagten Knochen auf einem Tisch. Danach sucht sich die Kamera ihren Weg durch die Dunkelheit, fährt über eine große Zahl schlafender Leiber hinweg und lässt die Hintergrundmusik als Zusammenspiel aus einem tropfenden Wasserhahn und unterschiedlichen Schnarchgeräuschen erkennen. Im Dunklen des Raumes gibt es Bewegungen, aber der wache Blick von Giacinto Mazzatella (Nino Manfredi) und dessen gezücktes Gewehr, sorgen für Ruhe, sieht man einmal von den kopulierenden Paaren ab.

Für die ersten konkreten Tätigkeiten am Morgen ist die Jüngste zuständig - kein Kind mehr, aber noch nicht erwachsen - die sich eine Vielzahl leerer Kanister um die schmalen Schultern hängt und zum zentralen Wasserhahn der Barackenansammlung läuft. Während sie mit ihren gelben Stiefeln über eine Mauer tänzelt, ist im Hintergrund Rom zu erkennen. Die Kuppel des Petersdoms zeichnet sich undeutlich ab. Das Mädchen übernimmt auch die zweite morgendliche Aufgabe, indem sie sämtliche Kinder zusammentreibt und in einen selbst gebauten Verschlag aus Maschendraht einsperrt, wo sie sich auf wenig Raum beschäftigen müssen, bis ihre Mütter von der Arbeit wiederkommen, während die jungen Männer auf ihren Motorrädern zum Stehlen in die Innenstadt fahren.

Regisseur und Autor Ettore Scola zitierte in der Anlage seines Films eine Vielzahl Vorbilder:

In seinem dokumentarischen Stil erinnert er dabei an De Sicas neorealistischen Film "Miracolo a Milano" (Das Wunder von Mailand) von 1951, der auch in einem Slum spielte, und noch unmittelbarer an den 1961 entstandenen "Accattone" von Pasolini, der seinen Film ebenfalls in Barackensiedlungen am Rande Roms ansiedelte. Während De Sicas Film die Zustände nach dem Krieg anklagte und die Menschen dort als Opfer der Umstände stilisierte, verdeutlichte Pasolini schon die innere Abstumpfung des Einzelnen, die einen Ausweg aus einem Leben am Rande der Gesellschaft zunehmend unmöglich machte. Trotzdem waren auch für ihn diese Menschen Opfer einer Gesellschaftsform, die sich nicht mit ihren Ärmsten solidarisierte.


Während diese Filme in ihrem Grundton die Tragik der Ereignisse herausstrichen, gibt Scola seinem Film einen komödiantischen Charakter, der an typische Burlesken des italienischen Film erinnert, in denen wortreiche und temperamentvolle Streitgespräche an der Tagesordnung sind und auch so manche Ohrfeige zwischen Mann und Frau ausgeteilt wird. Das eine Frau viele uneheliche Kinder hatte, vielleicht sogar anschaffen ging, während der Mann seine Zeit im Cafè absaß, war keineswegs außergewöhnlich – die Kunst dieser Filme lag allerdings darin, trotzdem Anständigkeit vorzugaukeln und letztlich die (christliche) Ordnung wieder herzustellen ( beispielhaft dafür der vierte Teil von „Boccaccio ’70“ oder „Hochzeit auf italienisch“ von Vittorio De Sica ).

Auch der Titel „Brutti sporchi e cattivi“ erinnert nicht zufällig an Leones „Il Buono, il brutto, il cattivo“ (Zwei glorreiche Halunken, 1966), denn Scolas Film ist dem Italo-Western in seiner dreckigen Unmittelbarkeit, die sich nur am Ausleben eigener Bedürfnisse orientiert und sich gnadenlos nach dem Gesetz des Stärkeren richtet, am nächsten. Doch auch diese Filme verfügten innerhalb ihres gesetzlosen Treibens über moralische Standards, die letztlich darüber entschieden, welche Konsequenzen dem Einzelnen widerfuhren.


"Die Schmutzigen, die Häßlichen und die Gemeinen“ fügt diese unterschiedlichen Genres nicht nur zusammen, sondern nimmt ihnen ihre moralische Komponente und damit jede übliche Einordnung. Scola verzichtet dazu auf einen Vergleich mit bürgerlichen Lebensformen und konfrontiert den Betrachter ausschließlich mit Menschen, die sich nur auf das rücksichtslose Ausleben unmittelbarer Bedürfnisse beschränken – Fressen und Sex (wenn man von der ständig vor dem Fernseher sitzenden Großmutter absieht). Beides wird in einer Selbstverständlichkeit eingefordert und ohne jedes ästhetische Gefühl ausgelebt, die keinerlei Kultur mehr erkennen lässt.

In einer großartigen, schockierenden Sequenz verdeutlicht er die Verlogenheit dieser Kultur, die den Menschen angeblich vom Tier unterscheidet, indem er erst einen der Barackenbewohner in einer Männergruppe zeigt, die mit Inbrunst den „Chor der Gefangenen“ aus Verdis „Nabucco“ intoniert, bevor er mit seiner Frau nach Hause zurückkehrt. Doch anstatt mit ihr zu Bett zu gehen, sieht er im Ehebett seines Vaters dessen Geliebte Iside (Maria Luisa Santella) liegen, deren Hintern sich nach außen streckt. Ohne zu zögern beginnt er die Schlafende von hinten zu nehmen, während seine Frau nach ihm ruft, und weil Iside alles klaglos über sich ergehen lässt, schaukelt der schlafende Giacinto im Rhythmus mit.

Iside ist es, die letztlich das Fass zum Überlaufen bringt. Denn Giacinto, der von der Versicherung eine Million Lire erhielt, als er bei einem Arbeitsunfall ein Auge verlor, denkt gar nicht daran, einem Familienmitglied auch nur eine Lira abzugeben. Der vielfache Familienvater, der mit seiner Mutter, Ehefrau und zahlreichen Nachkommen in der kleinen Baracke ohne fließendes Wasser lebt, will auch gar nicht aus diesen Verhältnissen heraus, obwohl er es sich leisten könnte. Stattdessen lebt er seine Macht rücksichtslos aus, schießt auf einen seiner Söhne, als er glaubt bestohlen worden zu sein (er hatte nur das Versteck vergessen) oder erpresst seine Schwiegertochter zum Sex. Als er die sehr füllige Iside, eine junge Prostituierte kennen lernt, wird er plötzlich großzügig, kleidet sie neu ein und lässt sie mit im Ehebett schlafen. Es kommt zum Showdown zwischen ihm und der übrigen Familie, die seinen Tod plant, aber obwohl dabei einiges zu Bruch geht, verändert sich im Endeffekt nichts – einen solch positiven Ausgang, egal in welche Richtung, gesteht Scola seinen Protagonisten nicht zu.

Die kompromisslose Direktheit, die Scolas Film auszeichnet, konfrontiert den Betrachter automatisch mit seinen niedrigsten menschlichen Instinkten und wer dessen zutiefst pessimistischen Ansatz auf diese Umgebung beschränkt sieht, der irrt sich. Tatsächlich ist der Film in seiner Voraussicht auf den heutigen Hedonismus prophetisch, und Scola äußert nicht nur daran seine Kritik, sondern auch an den Slum ähnlichen Verhältnissen, die für Einwanderer bis heute in Italien gegenwärtig sind. Wer in die Augen der Kinder sieht, die Scola hinter dem Maschendrahtzaun zeigt, der spürt die verborgene, unterdrückte Emotion, weshalb dem letzten Bild, dass wie eine Klammer die Handlung umfasst, wesentliche Bedeutung zukommt. Wieder springt das junge Mädchen mit den Kanistern in ihren gelben Stiefeln über die kleine Mauer, wieder ist der Petersdom schemenhaft hinter den Müllbergen zu erkennen, aber diesmal ist sie schwanger.

"Brutti sporchi e cattivi" Italien 1976, Regie: Ettore Scola, Drehbuch: Ettore Scola, Ruggero Maccari, Darsteller : Nino Manfredi, Marie Luisa Santella, Francesco Anniballi, Maria Bosco, Marina Fasoli, Laufzeit : 111 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Ettore Scola:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.